• 29. März 2016 · 08:23 Uhr

2011: (K)ein Bahrain-Grand-Prix für die Ewigkeit

Als der Motorsport plötzlich Weltpolitik wird: Blutige Proteste im "arabischen Frühling" sorgen für die erste Formel-1-Absage aus politischen Gründen

(Motorsport-Total.com) - Egal, wer auf der Strecke siegt und Weltmeister wird. Egal, um welchen absurden Regelvorschlag sich die Teams streiten. Und egal, wie schnell sich das Fahrerkarussell in der "Silly Season" auch drehen mag: Die Formel 1 ist und bleibt ein kleines und unbedeutendes Zahnrädchen im großen Ganzen des Weltgeschehens. Doch zu Beginn des Jahres 2011 ist alles anders. Die Welt schaut auf die Königsklasse, die mitspielt im "Arabischen Frühling" und (k)einen Bahrain-Grand-Prix für die Ewigkeit austrägt.

Unruhen in Bahrain

Proteste in Bahrain: Die Formel 1 kann die Situation 2011 nicht mehr ignorieren Zoom Download

Doch der Reihe nach: Als Mitte Februar die ersten Medienberichte von Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften im autokratisch regierten Königreich Bahrain die Runde machen, wird klar, dass die Demokratiebewegung der arabischen Welt auch am Golf angekommen ist. Die Forderungen der Aufständischen: Sie wollen, dass die Machthaber abdanken, über eine neue Verfassung abgestimmt wird, die Menschenrechtsverletzungen ein Ende haben und es freie Presse gibt.

Dass die Formel 1 sich der Entwicklung nicht entziehen kann, ist schon klar, als die GP2-Serie im Rahmen der Asientour in Sachir Station macht und medizinisches Personal von der Rennstrecke abkommandiert wird - es wird in den Krankenhäusern benötigt. Die Verantwortlichen sagen das Rennen ab und bringen die Königsklasse in Zugzwang: Sie will ihre Saison am 13. März an Ort und Stelle eröffnen.

Ecclestone macht Druck - und spielt plötzlich innenpolitisch mit

Es flammt eine uralte Diskussion auf: Die Formel 1 und ihre Gleichgültigkeit - manche nennen es Ignoranz - bezüglich der Menschenrechtssituation in ihren Gastgeberländern. Sie hat entgegen der weit verbreiteten Meinung ihren Ursprung nicht in der globalen Expansion der Serie ab Ende der Neunzigerjahre. Schon zu Zeiten der Militärdiktatur in Argentinien oder des Franco-Regimes in Spanien lässt sich der Zirkus von Machthabern einladen, die es mit der Demokratie nicht so genau nehmen. Oder besucht Südafrika während der Apartheid. China und Russland sind nur die jüngeren Beispiele.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Bahrain

Doch anders als in den genannten Fällen werden bezüglich Bahrain ernste Sicherheitsbedenken laut. Bernie Ecclestone gibt den Herrschern zehn Tage, die Lage in den Griff zu bekommen und spielt den Ball in Richtung des Kronprinzen Salman Al Chalifa. Er soll für die reibungslose Durchführung des Rennens garantieren oder selbst die Reißleine ziehen: "Wir würden den Leuten nicht raten zu kommen, wenn es dort nicht sicher ist", sagt Ecclestone der 'BBC'. Damit bringt er sich ungewollt in die Zwickmühle.

Denn Bahrain will schon wegen der bereits bezahlten Promotergebühr von rund 30 Millionen Euro auf keinen Fall einen Rückzieher machen, von dem Ansehensverlust ganz zu schweigen. Ergo schafft er einen starken Anreiz für die Regierung, die in der Hauptstadt Manama bereits das Militär hat auffahren lassen, mit Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen. Auf der anderen Seite bringt er Machthaber und Opposition an einen Tisch, weil die Herrscher nun einen triftigen Grund haben, einzulenken.

Zwei tote Demonstranten und rollende Panzer sind zu viel

Panzer in Bahrain

Panzer in Bahrain: Die Situation eskaliert nach der Absage weiter Zoom Download

Doch auf der Straße kocht die Situation zunehmend hoch: Es gibt es nach einem Polizeieinsatz mit Tränengas und Gummigeschossen einen ersten Toten zu beklagen. Schon am Folgetag schießen einzelne Sicherheitskräfte scharf und ein weiter Mann kommt ums Leben. Der Perlenplatz in Manama, der zum Zentrum der Protestbewegung geworden ist, wird geräumt. In die Städte rollen Panzer ein.

Zustände wie in einem Bürgerkrieg, angesichts derer laut britischer Medienberichte einige Teams sogar über einen Boykott nachdenken. Am 21. Februar hat auch Ecclestone die Hängepartie satt. Der Kronprinz muss Farbe bekennen - und sagt ab. "Im Moment gilt die Aufmerksamkeit des Landes dem neuen nationalen Dialog für Bahrain", begründet Al Chalifa. Es ist ein historischer Augenblick: Erstmals - und bis heute einmalig - wird ein Rennen aus politischen Gründen gestrichen.

Rückkehr nach Bahrain: Jedes Jahr eine neue Kontroverse

Ecclestone ist eigenen Angaben nach "traurig, dass Bahrain das Rennen absagen muss" - und sagt damit klipp und klar, dass die Entscheidung letztendlich nicht von ihm ausgegangen ist. Das ist für die vertraglichen Angelegenheiten ein wichtiger Punkt, denn somit ist nicht die Formel 1, sondern Bahrain vertragsbrüchig geworden und die für das Rennen versprochenen Millionen fließen ohne eine Rennrunde.

Die Reaktionen auf die Absage, die kaum jemand wirklich dem Kronprinzen zuschreibt, sind positiv. "Einen gewaltigen Sieg für tapfere Menschen" nennt sie ein Menschenrechtler, "eine sehr angemessene Entscheidung" Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Rekordchampion Michael Schumacher sagt: "Die Menschen haben dort momentan wirklich wichtigere Themen als die Formel 1, die natürlich Priorität haben."

Menschenrechtsverletzungen häufen sich weiter

Bei der Nicht-Austragung bleibt es trotz der Idee eines neuen Oktober-Termins, der monatelang ein Streitthema ist. Neue Gewalt, Misshandlungen und Folter in Krankenhäusern, das "Ausleihen" von Polizeikräften aus Saudi-Arabien und Abu Dhabi sowie die Verhängung des Ausnahmezustandes lassen einen Grand Prix unmöglich erscheinen. Die Regierung reißt das namengebende Monument auf dem Perlenplatz ab, auf den Straßen gibt es Tote. Mit der Besonnenheit des Regimes ist es auch aus: Al Chalifa sieht "kein Sicherheitsproblem mehr" und macht Druck, doch Lust auf Bahrain hat niemand.

2012 kehrt die Formel 1 nach Bahrain zurück - trotz einer kontrovers geführten Diskussion um die Sicherheit und die ethische Komponente, denn die Proteste flammen auf, als die Weltöffentlichkeit auf das Königreich blickt. FIA-Präsident Jean Todt, der bei politisch prekären Themen häufig durch schrägen Tenor auffällt, sorgt mit Kritik an den Medien für Staunen: "Ich bin nicht sicher, ob all diese Berichte widerspiegeln, was in dem Land passiert", sagt er. "In jedem demokratischen Land sind Proteste erlaubt. Leider bedeutet Protest oft die Verletzung von Menschen. Das ist ein Weg, sich auszudrücken."

"Bahrain: Platz 163 von 180."Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen
Bis heute bleibt die Diskussion um Menschenrechte ein ständiger Begleiter des Bahrain-Grand-Prix. Denn getan hat sich wenig - im Gegenteil: Die Herrscherfamilie regiert weiter, eine neue Verfassung gibt es nicht, die Meinungsfreiheit wird Berichten unabhängiger Beobachter zufolge immer stärker eingeschränkt. Die Shuttle-Busse für Journalisten, die von dem Grand Prix berichten, fahren eigenartige Umwege. Die Formel 1 hat sich zwar in einer Erklärung zu Menschenrechten und ihrer Berücksichtigung bei der Wahl ihrer Gastgeberländer bekannt, den Worten aber bisher keine Taten folgen lassen.

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