• 20. Oktober 2015 · 09:01 Uhr

1959: Ein US-Grand-Prix für die Ewigkeit

WM-Entscheidung in Sebring: Jack Brabham schiebt sein Auto über die Ziellinie und kollabiert - Stirling Moss scheitert an der Technik, Tony Brooks an einem Betrüger

(Motorsport-Total.com) - Unnahbar, langweilig und ein Technokrat. Einer, der sich für Federungen, Zylinder und Dichtungen mehr interessiert als für Duelle Rad an Rad: Die Meinungen über Jack Brabham waren zu Beginn seiner Formel-1-Karriere alles andere als schmeichelhaft, was der Australier allen voran der Presse in seiner Wahlheimat Großbritannien zu verdanken hatte. Doch es kam der Tag, an dem sich nicht für die Journalisten, aber für die Fans alles änderte: der 12. Dezember 1959, der US-Grand-Prix in Sebring.

Jack Brabham

Jack Brabham wird auf dem Asphalt von Sebring zum Formel-1-Helden Zoom Download

Rückblende: Schon ehe der Zirkus nach Florida reist ist klar, dass auf dem Flugplatzkurs eine neue Generation von Rennfahrern Geschichte schreiben wird. Das WM-Finale findet ohne Beteiligung eines früheren Weltmeisters statt (was bis zum Monaco-Grand-Prix 1994 einmalig bleiben wird), die Schlagzeilen bestimmt der Titelkampf zwischen drei Piloten. Cooper-Pilot Brabham führt die Gesamtwertung mit 31 Punkten an, gefolgt von Teamkollege Stirling Moss (25,5 Zähler) und Tony Brooks (23).

Der britische Ferrari-Pilot ist ein enger Freund Brabhams und weiß, dass Brabham gar nicht in das Bild des Draufgängers und Husaren passt, das die Aktiven dieser Zeit kennzeichnet. Es kursiert sogar die Geschichte, er habe Brooks auf dem gemeinsamen Weg zum Rennen in Pescara zwei Jahre zuvor entnervt das Steuer übergeben, nachdem er sich geweigert hatte, eine längere Kolonne von Lkw auf der Autobahn zu überholen. Das Verhältnis zu Moss ist von Respekt geprägt, Kumpel sind sie nicht.

Heimlich abgekürzt: US-Amerikaner mogelt sich zu Startplatz drei

Start in Sebring 1959

Start in Sebring: Alles sieht nach dem großen Triumph für Stirling Moss aus Zoom Download

Weil Streichresultate gelten und nur fünf Ergebnisse in die Endabrechnung einfließen, wird der Grand Prix schon im Vorfeld zum komplizierten Rechenspiel: Für den ersten Titel seiner Formel-1-Laufbahn - nachdem er zu Jahresbeginn überhaupt das erste Mal auf das Podium gefahren ist und gleich gewonnen hat - muss Brabham gewinnen. Ein zweiter Rang genügt nur, wenn Moss nicht siegt, weshalb auch der Brite die Entscheidung in eigener Hand hat. Brooks muss auf Schützenhilfe hoffen.

Das Qualifying lässt darauf hoffen, dass sich der Titelfight auf der Strecke entscheidet. Moss holt sich die Pole-Position vor Brabham, Brooks ist Dritter. Er wird jedoch am Abend auf Position vier zurückgesetzt, weil bei der Zeitnahme etwas schiefgelaufen ist. Zumindest glaubt das die Rennleitung, die eine nach Ablaufen der Qualifying-Zeit gesetzte Runde Harry Schells anerkennt. Was der US-Amerikaner erst nach dem Rennen einräumen wird: Er hat die Strecke großflächig abgekürzt.


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Auf die WM-Entscheidung hat der Schell-Skandal am Sonntag wieder Einfluss: Zwar macht dem Filou die Kupplung nach wenigen Runden einen Strich durch die Rechnung, doch seine Präsenz sorgt dafür, dass sich Brooks auf einen Zweikampf mit seinem Teamkollegen Wolfgang Graf Berghe von Trips einlassen muss. Es kommt zum Crash und der Brite fährt an die Box, um sein Auto auf Schäden prüfen zu lassen. Er verliert fast zwei Minuten, obwohl am roten Renner kein Teil krumm ist.

Auf dem Weg zum Titel: Stirling Moss erlebt sein Waterloo

Jack Brabham

Jack Brabham jagt in seinem Cooper bis kurz vor Schluss dem Rennsieg entgegen Zoom Download

Moss erwischt einen perfekten Start, geht in Führung und bestimmt die Szenerie einsam an der Spitze fahrend. Er rast Richtung Titel und scheint schon nach wenigen Kilometern kaum noch aufzuhalten. Doch die Herrlichkeit hat nur fünf Runden Bestand: Das Getriebe des Cooper geht zu Bruch und alle Träume sind geplatzt. Brabham übernimmt Position eins und hat seinerseits alle Trümpfe in der Hand. Doch auch ihn treffen zur Rennmitte technische Probleme, weshalb er Tempo herausnimmt.

Bis zur Schlussrunde lässt Brabham seine Teamkollegen Bruce McLaren und Maurice Trintignant bis auf zwei respektive vier Sekunden aufholen, ehe seinem Wagen auf der Gegengeraden zwei Kurven vor der Ziellinie stotternd der Sprit ausgeht. Ausgerechnet in einer Bergaufpassage. Gentleman-Driver McLaren geht sofort vom Gas, doch Brabham weiß, dass die Stunde geschlagen hat. Er winkt den Neuseeländer und Trintignant wild gestikulierend vorbei, die beiden fahren Gold und Silber nach Hause.

Brabham schiebt, schiebt, schiebt - und bricht zusammen

Tony Brooks

Tony Brooks avanciert trotz Aufholjagd zum tragischen Helden von Sebring Zoom Download

Als das Auto eingangs der Start- und Zielgeraden endgültig stehenbleibt, gibt es nur einen Ausweg. Das Reglement schreibt vor, dass ein Pilot ohne fremde Hilfe das Ziel erreichen muss. Also springt der als emotionslos verschrieene Brabham aus dem Cockpit und fängt bei schwüler Hitze und Windböen an, seinen Wagen zu schieben. Brooks, der mit einer furiosen Aufholjagd wieder nach nach vorne gebraust ist, hat mehrere Runden Rückstand und holt Meter für Meter auf, während "Black Jack" auf der Start- und Zielgeraden schweißgebadet Höllenqualen leidet. Doch er gibt nicht auf.

Dabei muss er gar nicht bis zur Erschöpfung durchhalten: Weil Moss seit Stunden an der Box schmort und Brooks nicht mehr gewinnen kann, ist er schon Weltmeister. Brabham weiß das, doch er will es sich und der Formel-1-Welt beweisen. Er schiebt, schiebt, schiebt. Und wird am Ende Vierter. Nach der Ziellinie bricht der damals 33-Jährige zusammen und ist zum ersten Mal Champion: der Sohn eines Lebensmittelhändlers, der die Schule mit 15 Jahren abbrach, einen Job in einer Kfz-Werkstatt antrat, parallel die Abendschule besuchte und in Sydney gebrauchte Motorräder verkaufte.

Bruce McLaren

Bruce McLaren krönt sich zum jüngsten Rennsieger aller Zeiten Zoom Download

Was kaum jemand realisiert: Der tragische Held ist sein Freund Tony Brooks. Am Ende wird dem gelernten Zahnarzt doch zum Verhängnis, dass Schell im Qualifying betrogen und ihn in die undankbare Ausgangsposition versetzt hat. Ohne den Unfall mit von Trips hätte er wohl gewonnen und für den Coup nur noch die schnellste Rennrunde benötigt, die damals mit einem Sonderpunkt dekoriert ist. Die britische Presse würdigt Brabhams Kampf nicht: Verwunderung bestimmt die Schlagzeilen. Es heißt, Brabham habe den Titel eher seiner Unauffälligkeit als seinem Können zu verdanken.

Doch in den folgenden Jahren straft der öffentlichkeitsscheue Ingenieur im Cockpit die Kritiker noch oft Lügen: Seine Karriere ist bis heute ein Unikum, schließlich holte er nicht nur zwei weitere WM-Titel, sondern wird auch der einzige Pilot, der sich die Krone in einem selbst konstruierten Wagen aufsetzt. Nach der Karriere lebt er zurückgezogen auf einem Bauernhof zwischen Sydney und Melbourne, führt in Großbritannien eine Flugzeugfirma, eine Reihe von Kfz-Werkstätten und einen Autohandel. Die Presse braucht er nie.

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