• 10. November 2015 · 08:16 Uhr

1991: Ein Brasilien-Grand-Prix für die Ewigkeit

Unter welchen Höllenqualen Ayrton Senna den Fluch des Heimtriumphs beim achten Anlauf besiegte und wie Landsmann Nelson Piquet den Sieg entwerten wollte

(Motorsport-Total.com) - Ayrton Senna umklammert den Pokal unter frenetischem Jubel der tobenden Fans, doch die Kraft reicht nicht aus. Seine Schultern sind von Krämpfen gezeichnet, die schwere Trophäe wankt in seinen Händen. Teamchef Ron Dennis kommt zur Hilfe, stützt Senna, der es unter enormer Anstrengung noch einmal versucht, den Pokal mit beiden Händen über seinen Kopf zu stemmen - nun gelingt es. Das Autodromo Carlos Pace bebt.

Ayrton Senna

Von Krämpfen gebeutelt, vor Freude gerührt: Ayrton Senna siegt in Interlagos Zoom Download

Ayrton Senna benötigt acht Anläufe, ehe er zum ersten Mal seinen Heim-Grand-Prix gewinnt. Und so abgekämpft ist der Brasilianer nach keinem seiner 41 Siege. "Das war mein härtester Sieg", stöhnt er nach dem Rennen. "Was ich durchgemacht habe, kann sich keiner vorstellen."

Dabei deutet zunächst alles auf ein problemloses Rennwochenende in der Heimat aus. Senna kommt als Sieger des Saisonauftakts in Phoenix, wo er mit einer Sekunde Vorsprung die Pole-Position geholt hatte, nach Sao Paulo. Nach den politischen Querelen des Vorjahres, als er beim Saisonfinale mit Erzfeind Alain Prost kollidierte und sich mit FISA-Boss Jean-Marie Balestre anlegte, konzentriert sich der zweimalige Weltmeister nun voll auf das Rennfahren.

Eine neue Bedrohung: Williams-Renault

Start, Brasilien, 1991

Beim Start läuft alles nach Plan: Senna geht in Führung, Mansell überholt Patrese Zoom Download

Die Chancen, endlich auch den Fluch des Heimrennens zu bewältigen, stehen gut. Doch plötzlich taucht eine neue Bedrohung auf: Williams-Renault. Beim Auftakt in den USA schieden Rückkehrer Nigel Mansell und Teamkollege Ricardo Patrese noch mit Getriebeschaden aus, doch im Qualifying von Brasilien liegt der Italiener kurz vor Schluss mit dem von Adrian Newey designten FW14 völlig überraschend in Front.

Doch Senna schüttelt im letzten Moment eine Top-Runde aus dem Ärmel und schlägt Patrese um knapp vier Zehntelsekunden. Mit der Kraft des Publikums, das den Lokalmatador enthusiastisch anfeuert. "Das Verlangen, vor meinem Publikum erfolgreich zu sein, hat mich extrem motiviert", sagt Senna nach dem zweiten Qualifying. "Die Unterstützung war eine wahre Inspiration."

Mansell jagt Senna

Da Williams im Qualifying einen Spezialsprit einsetzte, hofft McLaren, dass Patrese und Mansell im Rennen nicht so gefährlich sind - eine Fehleinschätzung. Mansell schießt beim Start an Patrese vorbei und nimmt sofort die Verfolgung des McLaren-Boliden auf. Der Brite hält sich im Bereich von zwei bis drei Sekunden hinter dem Leader. Als er in Runde 25 zum ersten Stopp hereinkommt, sind es gar nur 0,7 Sekunden. Senna reagiert auf seinen Rivalen und wechselt in der folgenden Runde ebenfalls seine Reifen.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Brasilien

Der Brasilianer hat Glück, denn Mansell bekommt beim Anfahren nach dem Stopp keinen Gang hinein und verliert rund sechs Sekunden. Mansell versucht zwar, den Rückstand wieder wettzumachen, muss aber wenig später den nächsten Rückschlag hinnehmen: Bei der Aufholjagd erleidet er wegen Wrackteilen auf der Strecke einen Reifenschaden und muss in der 50. Runde erneut an die Box. "Nigel hat einen riesigen Schnitt im rechten Hinterreifen", klagt der damalige Teammanager Peter Windsor nach der Analyse des Pneus. Und beweist Galgenhumor: "Wahrscheinlich haben Brasilianer auf ihn geschossen."

Typisch Mansell lässt sich der Mann mit dem Schnauzbart nicht unterkriegen: Der Williams-Pilot reduziert den auf 30 Sekunden angewachsenen Rückstand auf Senna in nicht einmal zehn Runden auf 19 Sekunden. Das liegt aber nicht nur am Kampfgeist Mansells und an dessen frischen Reifen, sondern auch daran, dass Sennas McLaren nicht mehr klaglos läuft. Das Getriebe macht dem Lokalmatador zu schaffen.

Sennas Horrortrip im sechsten Gang

"20 Runden vor Schluss bekam ich ernsthafte Getriebeprobleme", schildert Senna. Der Reihe nach verabschiedeten sich der vierte, der dritte und der fünfte Gang. Mansell kann davon allerdings nicht Profit schlagen, denn auch beim Williams-Piloten spielt das Getriebe verrückt: Er dreht sich und muss aufgeben, was Senna zumindest etwas Luft zum Durchatmen gibt. Patrese, der bereits über 40 Sekunden zurücklag, rückt allerdings längst in Riesenschritten näber.

Mansells Teamkollege fährt rund zehn Runden vor dem Ende um mehrere Sekunden schneller als Senna, dessen Probleme immer schlimmer werden: Weil das Getriebe kaputt ist, benutzt er nur noch den sechsten Gang und kommt vor allem ausgangs der langsamen Kurven nicht auf Touren.


Das dramatische Finale in Brasilien 1991

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Der Liebling der Fans leidet im Cockpit Höllenqualen: "Es ist unglaublich schwierig, so lange nur im sechsten Gang zu fahren", erklärt er. "Wenn man von 300 auf 70 km/h herunterbremst, ohne herunterschalten zu können, dann schiebt der Motor mit voller Leistung weiter. Ich wollte schon aufgeben und wäre mehrmals beinahe abgeflogen. In den schnellen Kurven war es nicht so schlimm, aber in den mittelschnellen und in den langsamen Passagen war es eine Katastrophe."

Hilfe von oben

Ayrton Senna

Ayrton Senna fährt die letzten Runden nur noch im sechsten Gang Zoom Download

Zumal der Druck immer größer wird, Patrese den Rückstand wenige Runden vor Schluss in den einstelligen Sekundenbereich herunterschraubt. Als Senna den Williams zwei Runden vor Schluss bereits im Rückspiegel sieht, erhält er plötzlich Hilfe von oben: Regen setzt sein. Patrese, der vier Sekunden hinter dem McLaren-Piloten liegt, entscheidet sich für die Vernunft: "Ich sagte mir: Fahre lieber auf sichere sechs WM-Punkte, anstatt Senna anzugreifen."

Senna, der darüber nicht Bescheid weiß, zittert weiter: "Ich wollte ihm kein Zeichen von Schwäche geben, schaute aber dauernd in den Rückspiegel, weil ich fürchtete: Er kommt, er kommt, er muss ja kommen... aber ich redete mir ein: Fahr weiter, du schaffst es, du musst es schaffen." Aus Verzweiflung gestikuliert Senna wild herum, fordert Rennleiter Roland Bruynserade, den Grand Prix vorzeitig abzubrechen. Doch erst in Runde 71, als er die Zielflagge kassiert, darf Senna aufatmen - und auf den Rängen von Interlagos herrscht Karnevalstimmung.

Jubel und Ohnmacht nach der Zieldurchfahrt

Ayrton Senna

Kraftakt: Mit letzter Energie stemmt Senna den Pokal in die Höhe Zoom Download

Auf der Gegengerade bleibt Senna plötzlich stehen, schreit unter höllischen Schmerzen in den Boxenfunk. Die Streckenposten laufen zum McLaren, glauben, dass ihm vielleicht der Sprit ausgegangen ist oder ihn ein Defekt eingebremst hat. Doch Senna ist mit seinen Kräften am Ende: Er nimmt mit Hilfe von Formel-1-Arzt Sid Watkins, der im Ärzteauto eintrifft, den Helm ab, wird sogar kurz ohnmächtig.

Um ihn herum bildet sich eine Menschentraube. Die Helfer lösen die völlig verkrampften Finger von Lenkrad. Einer der Streckenposten reckt den legendären gelben Helm in den Himmel - die Fans auf den Rängen huldigen dem Symbol. Watkins wundert sich nicht, dass sein Freund Schmerzen hat - und sagt zu ihm später: "Du hattest deine Sitzgurte viel zu fest angezogen, das kam noch dazu."

Erst mit der Unterstützung von Wilson Fittipaldi kann Senna nach einigen Minuten aus seinem Boliden klettern und in das Fahrzeug der Rennleitung einsteigen, das ihn zur Siegerehrung geleitet. "Die Schmerzen waren unglaublich", schildert er seinen Zustand. "Ich wusste nicht, ob ich vor Glück lachen oder vor Schmerzen weinen oder schreien soll."

Piquet zündelt: Senna hat Drama simuliert

Nach diesem Sieg in seiner Heimat kennt die Verehrung Sennas keine Grenzen mehr - er wird wie ein Nationalheld gefeiert und gibt vor allem der armen Bevölkerung Hoffnung. Die Begeisterung um seine Person hinterlässt auch bei ihm Spuren: "Das zeigt mir, wie sehr man Menschen berühren kann. Ich glaube, dass mir Gott diesen Sieg geschenkt hat."

Doch Sennas Höhenflug kommt nicht bei all seinen Landsleuten gut an. Landsmann und Benetton-Pilot Nelson Piquet sägt nach dem Rennen am Denkmal des McLaren-Piloten und unterstellt ihm, das Drama um seinen ersten Heimsieg nur simuliert zu haben: "Was Senna sagt, ist alles nicht wahr. Er wollte der große Held von Brasilien sein, darum hat er sich die Geschichte mit dem sechsten Gang einfallen lassen." Das Dementi aus Japan lässt aber nicht lange auf sich warten: Die Techniker von Honda bestätigten, dass Senna die letzten vier Runden ausschließlich im sechsten Gang zurückgelegt hat.

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