• 24. Januar 2023 · 12:27 Uhr

Wie Alpine die Lücke zur Top 3 in der Formel 1 weiter schließen will

Trotz Platz vier im Vorjahr ist der Rückstand von Alpine auf die Topteams weiter groß und die Uhr tickt - Otmar Szafnauer erklärt, wie der eigene Erfolgsplan gelingen soll

(Motorsport-Total.com) - In der Formel-1-Saison 2022 war Alpine mit Platz vier in der Konstrukteurswertung "Best of the rest" und erster Verfolger der drei Topteams, wenngleich der Rückstand auf Platz drei mit 342 Punkten noch immer gewaltig war.

Esteban Ocon

Mit Mehr Zuverlässigkeit und mehr Leistung will Alpine 2023 besser punkten Zoom Download

Die A522 befand sich nicht jedes Wochenende in der ersten Verfolgergruppe, aber war bei vielen Gelegenheiten dabei und performte besonders gut auf Hochleistungsstrecken und in Kurven mit niedriger Geschwindigkeit. Am Ende reichte es gerade so, um die Konkurrenz - besonders McLaren - hinter sich zu lassen.

Nach drei aufeinanderfolgenden Jahren auf dem fünften Platz unter den Namen Renault und Alpine rückte das Team aus Enstone auf den vierten Platz vor. Das Team sammelte 173 Punkte und damit 18 mehr als bei den 22 Rennen des Vorjahres.

Das ist ein Fortschritt, aber vielleicht mit einem Sternchen zu versehen. Immerhin wurde das Team auch 2018 Vierter, und 2020 holte es in weniger Rennen mehr Punkte als 2022, wobei keine Sprintrennen in die Gesamtwertung einflossen.

Allerdings kann die Gesamtpunktzahl für jene, die sich a, unteren Ende der Top 6 rangieren, durchaus irreführend sein. Ein oder zwei Ausreißer nach oben können wertvolle Podestplätze oder sogar einen Sieg bescheren, wie im Fall von Esteban Ocon in Ungarn 2021, und so die Gesamtzahl nach oben verschieben.

Zu erwähnen ist auch, dass im Fall von Alpine das letztjährige Endergebnis durch die schlechte Zuverlässigkeit beeinflusst wurde, die besonders Fernando Alonso ausbremste. Andererseits wurde McLarens Ausbeute durch eine schlechte Saison von Daniel Ricciardo geschwächt. Hier holte Lando Norris den Großteil der Punkte.

Szafnauer: Es bleiben weniger als 80 Rennen

Alles in allem lässt sich sagen, dass 2022 eine solide, wenn auch unspektakuläre Saison für Alpine war, die aber eine gute Ausgangsbasis für das zweite Jahr der neuen Regeln darstellt.

Denn die Renault-Bosse wollen nicht ewig um den vierten Platz kämpfen. Das Team arbeitet weiter auf sein erklärtes Ziel hin, innerhalb von fünf Saisons oder rund 100 Rennen mit den großen Jungs mitzuspielen - eine Spanne, die im vergangenen Jahr begann.

"Wir müssen dem Ziel, in 100 Rennen eine Meisterschaft zu gewinnen, einen Schritt näher kommen", sagt Teamchef Otmar Szafnauer über das Ziel für die anstehende Saison. "Und ich denke, wir sind jetzt bei weniger als 80. Die 100 begannen Anfang 2022. Es sind also weniger als 80 von jetzt an."

"Wir müssen so weitermachen, aber näher an den dritten Platz herankommen. Wir müssen also näher am dritten Platz sein als am fünften. Selbst wenn wir also Vierter bleiben, müssen wir Fortschritte machen", gibt der Alpine-Teamchef vor.

Szafnauer kam vor elf Monaten zu Alpine, nachdem er Aston Martin verlassen hatte. Wie immer bei neuen Chefs brauchte er einige Zeit, um alles zu verstehen und einzuschätzen.

Außerdem hat er sich in eine effiziente Arbeitsweise mit Alpine-CEO Laurent Rossi eingegliedert, dessen Hauptaugenmerk auf dem großen Ganzen liegt. "Ich kam an und sagte, ich brauche drei, vier, fünf, sechs Monate, um die Organisation, die Menschen und die Persönlichkeiten zu verstehen", so Szafnauer.

Zuverlässigkeit 2022 als größte Baustelle

Dabei ging es um die Fragen: "Was habe ich gesehen, was anderswo besser ist? Was habe ich gesehen, was anderswo nicht so gut ist? Was sollten wir beibehalten, was sollten wir verbessern? Gleichzeitig arbeiteten Laurent und das Führungsteam bereits an einem Plan, den sie 'Mountain Climber' nennen."

"Wie schaffen wir es, in 100 Rennen um die Meisterschaft zu kämpfen? Was brauchen wir? Welche Werkzeuge brauchen wir? Welche Fähigkeiten brauchen wir, um die Fähigkeiten, die wir bereits haben, zu ergänzen? Dieser Plan wurde also ausgefertigt."

"Ich habe mir diesen Plan angeschaut, um alle Komponenten kennenzulernen, und jetzt sind wir dabei, ihn umzusetzen", sagt Szafnauer weiter. "Es gibt also ein paar Dinge, die ich mitgebracht habe, um zu sagen: Seht mal, ich glaube, wir brauchen mehr davon. Und es gibt einige Dinge, die bereits erkannt wurden."

Tatsächlich lag das größte Problem des Teams im vergangenen Jahr, nämlich die Zuverlässigkeit des Antriebsstrangs, größtenteils nicht in den Händen von Enstone.

Otmar Szafnauer

Otmar Szafnauer glaubt, dass sich Alpine mit ein paar Änderungen weiter steigern kann Zoom Download

Szafnauer betont, dass die Probleme vor allem das Ergebnis einer bewussten Politik waren, die darauf abzielte, die Leistung zu steigern und dann die Zuverlässigkeitskorrekturen vorzunehmen, die im Rahmen des Entwicklungsstopps erlaubt sind.

"Wir hatten einige Zuverlässigkeitsprobleme", weiß der Teamchef. "Und ich freue mich darauf, diese zu beheben. Diese Änderungen sind möglich, auch wenn einige der Probleme nicht wirklich mit dem Antriebsstrang zu tun hatten, sondern mit Nebenprodukten. Aber die müssen wir neu entwerfen und somit beheben."

Teamchef sicher: Das Potenzial ist da

Szafnauer geht davon aus, dass sich diese Updates im Jahr 2023 auszahlen werden: "Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen. Dann werden wir natürlich mehr Punkte holen. Fernando hat ja, dass er normalerweise 60 Punkte voraus liegen sollte."

Und auch Szafnauer schätzt, dass Alpine "ein bedeutender Betrag" an Punkten durch die Lappen gegangen ist. "Wir hätten also 70 oder 50 Punkte Vorsprung haben können oder so ähnlich", sagt er mit Blick auf die Tabelle. "Wenn wir also nur das tun, und das Leistungsniveau relativ gleich bleibt, sollten wir weiter vorne liegen."

"Aber wir wollen auch einen Schritt in der Leistung machen", hält der 58-Jährige fest. "Und das ist beim Antriebsstrang schwieriger, weil er eingefroren ist. Also muss man das Chassis verstehen, bessere Arbeit bei der Chassis-Entwicklung leisten und zwei Fahrer haben, die kontinuierlich punkten können."

Als Leiter der Aktivitäten in Enstone trägt Szafnauer die letzte Verantwortung für die Chassis-Seite. Sobald er sich eingearbeitet und ein gutes Verständnis für die Stärken und Schwächen des Teams gewonnen hatte, begann er, auf Verbesserungen zu drängen.

"Es gibt sicherlich Orte, an denen man dort, wo ich herkomme, effizienter war oder sich mehr auf die Leistung konzentriert hat und nicht so sehr auf die Peripherie", gesteht er.

"Ich denke, dass sich diese Dinge leicht ändern lassen und man sich komplett der Denkweise verschreibt, nur Dinge zu tun, die der Leistung des Autos dienen. Es ist einfacher, sich diese Art von Mentalität anzueignen, auch wenn es ein größeres Team ist."

Szafnauer will neue Teamkultur etablieren

"So weit sind wir noch nicht. Aber bei jeder Entscheidung, die wir treffen, muss die Leistung an erster Stelle stehen. Und das liegt auch ein bisschen an der Führung, ein bisschen daran, worauf man sich konzentrieren muss, und ein bisschen daran, dass auch das Ingenieursteam diesen Fokus hat", so Szafnauer.

"Wir sind 900 Mitarbeiter. Jeder muss diesen Fokus haben, und es braucht Zeit, diese Kultur zu verbreiten. Aber es geht etwas schneller, wenn sie von der Spitze des Führungsteams ausgeht", sieht er sich als Vorbild. "Wenn sie anfangen, sich so zu verhalten, wird sich auch der Rest der Organisation so verhalten."

Eine bedeutende Änderung der Entwicklungsphilosophie hat der Alpine-Teamchef bereits eingeführt und baut darauf, dass sich diese auch im Jahr 2023 weiter auszahlen wird.

"Eines der wichtigsten Dinge, die ich bei meinem Amtsantritt unternommen habe, war zu prüfen, wie lange wir brauchen, um Upgrades auf die Strecke zu bringen", erklärt er. "Und wir haben sehr lange gebraucht, länger als ich es von anderen gewohnt war."


Fotostrecke: Formel-1-Technik: Die Entwicklung des Alpine A522 in Bildern

"Wir hatten eine Untergruppe, die sich damit beschäftigte, wie wir die Dinge anders angehen können, zum Beispiel etwas früher aus dem Windkanal herauskommen, früher mit den technischen Arbeiten beginnen, auch wenn wir sie manchmal wiederholen müssen, weil sich die Dinge ändern. Aber meistens ist das nicht der Fall."

"Es ging einfach darum, Zeit zu sparen. Einer der wichtigsten Punkte war, dass wir die Unterböden fast in der Hälfte der Zeit fertig bekamen. Er ist wahrscheinlich der größte Faktor in puncto Abtrieb. Und wir hatten, glaube ich, vier verschiedene Versionen des Bodens, von denen man jeweils fünf Stück fertigstellen muss."

Mehr Tools, mehr Leute für die neue Saison

"Es ist also eine große Komponente, und es dauert lange, bis man sie vom Windkanal auf die Strecke bringen kann. Ist man in der Lage, diese Zeit zu verkürzen, kann man vier statt drei oder vier statt zwei Upgrades bringen und ist besser dran."

"Ich denke, das war eine Sache, die wir gut gemacht haben. Und ich denke, man hat gesehen, dass sich das Auto im Vergleich zu unserem Start verbessert hat."

Szafnauer gibt zu, dass dem Team einige der fortschrittlicheren Ressourcen fehlen, über die die Topteams verfügen, zum Beispiel in Bezug auf die Simulation: "Wir müssen noch in Tools investieren, wir sind noch nicht so weit. Ich denke, dass die anderen bei den Simulationstools schon sehr weit gekommen sind."

"Und wir müssen bei einigen dieser Tools aufholen, um durch Simulationen schneller bessere Entscheidungen treffen zu können, ohne dass wir dafür Zeit auf der Rennstrecke benötigen. Ja, sie sind in dieser Hinsicht schon weiter fortgeschritten."

Alpines Fortschritte auf der Strecke im Jahr 2022 gingen mit schmerzhaften Erfahrungen auf dem Fahrermarkt einher: Alonso wanderte überraschend zu Aston Martin ab und Nachwuchshoffnung Oscar Piastri entschied sich für McLaren. Aber mit der Abwerbung von Pierre Gasly konnte man den Verlust kompensieren.

"Fernando hat im Auto einen großartigen Job gemacht", betont Szafnauer und erklärt, wie er die Suche nach einem Ersatz anging. "Das Kriterium für mich war, dass wir einen Platz frei hatten, und als Vierter in der Meisterschaft war es ein attraktiver Platz."

Pierre Gasly als gute Ergänzung im Team

"Mein Gedanke war also, dass derjenige schnell sein muss - Fernando ist schnell. Er muss erfahren sein - Fernando ist erfahren. Und er sollte jung sein. Fernando fährt vielleicht ein bisschen über sein Alter hinaus ... Aber diese drei Kriterien erfüllt Pierre."

"Er ist erfahren, er hat schon einige 100 Rennen bestritten. Er ist also kein Rookie. Und er ist schnell. Und er ist erst 26 Jahre alt, er hat also noch einige gute Jahre vor sich."


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Mit Esteban Ocon hatte Szafnauer bereits bei Force India zusammengearbeitet und kannte ihn daher gut: "Er ist definitiv reifer. Er hat ein besseres Verständnis. Ich denke, was mir an Esteban wirklich gefällt, ist, dass er unter Druck oft keinen Fehler macht."

"Ich habe es bei ihm gesehen, als er gegen (Sebastian) Vettel (in Ungarn; Anm. d. R.) gewonnen hat. Ich war dabei, wir hatten ein schnelleres Auto. Und er hat keinen Fehler gemacht. Er platzierte sein Auto genau richtet, ohne jeglichen Fehler, und holte den Sieg."

"Ich denke, es war sogar noch beeindruckender für mich, bei nassen beziehungsweise abtrocknenden Bedingungen in Suzuka, einer nicht einfach zu fahrenden Strecke. Er hatte Lewis (Hamilton) die ganze Zeit hinter sich, in einem schnelleren Auto, und kam vor ihm ins Ziel. Das ist für mich beeindruckend."

"Er ist also gereift, er hat sich in dieser Hinsicht verbessert. Und er ist schnell. Kann er sich noch verbessern? Ja, wir werden daran in einigen Bereiche mit ihm arbeiten."

In der Zwischenzeit wird sich Szafnauer voll und ganz darauf konzentrieren, jeden Bereich des Teams zu verbessern, um in der Hackordnung weiter aufzusteigen, nachdem im vergangenen Jahr bereits einige solide Fortschritte gemacht wurden.

"Wir haben den Plan, etwa 80 Leute einzustellen und weitere Werkzeuge anzuschaffen, manche in Eigenregie, andere durch Zukauf, und es gibt Gebäude, die gebaut werden müssen. Das geschieht bereits. Und wenn wir dort ankommen, bleibt man nicht stehen. Wir werden uns Schritt für Schritt weiter verbessern."

"Wir haben also einen Plan zur kontinuierlichen Verbesserung. Der Teil, mit dem wir auf halbem Weg sind, ist der große Teil. Und dann werden wir uns weiter verbessern."

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