• 12. Oktober 2020 · 06:30 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Alexander Albon

Das Wort zum Sonntag: Alexander Albon ist selbst mit gutem Willen nicht mehr lange als Nummer 2 bei Red Bull haltbar, findet Chefredakteur Christian Nimmervoll

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

Alexander Albon, Helmut Marko

Alexander Albon hat sich das Leben am Nürburgring nicht leichter gemacht Zoom Download

es sah schon ein bisschen seltsam aus, wie Alexander Albons Rennen am Nürburgring gestern zu Ende ging.

Als er in der 23. Runde durch den Hatzenbach-Bogen fuhr, gab es noch keine Anzeichen für ein Problem. Dann meldete sich auf einmal sein Renningenieur Simon Rennie: "Wir stellen ab, bitte. Wir müssen diese Runde an die Box, diese Runde an die Box. Wir müssen abstellen. Sorry dafür."

Ein paar Meter vor der Boxeneinfahrt meldete sich Albon: "Warum?" Offenbar hatte er keinen blassen Schimmer, warum er das Rennen beenden sollte. Rennie sagte nur: "Erklären wir dir, wenn du zurück bist."

Einer meiner Kollegen in der Redaktion machte spontan einen Witz: "Marko wird den armen Burschen doch nicht während des Rennens feuern?"

Grund genug hätte es jedenfalls gegeben.

Ohne Defekt aus dem Rennen genommen? Unsinn!

Tatsächlich sah Albon ein bisschen ratlos aus, als er unmittelbar nach dem Rennen gefragt wurde, warum er eigentlich ausgeschieden sei. Das Team habe einen Defekt des Antriebsstrangs im Verdacht, so eine TV-Reporterin, und ob er das bestätigen könne. "Wir wären nicht an die Box gekommen, wenn wir kein Problem gehabt hätten", antwortete er zögerlich.

Dass Albon ohne technisches Problem aus dem Rennen genommen wurde, ist natürlich Unsinn. So eine Affekthandlung traue ich Dr. Marko nicht zu. Verständlich wäre es aber gewesen. Denn was der 24-Jährige bis dahin abgeliefert hat, war nicht gerade ruhmreich.

Dabei hatte er am Samstagabend noch allen Grund zur Freude. Freude heißt in Albon-Verhältnissen: 0,807 Sekunden Rückstand auf Max Verstappen in Q1, 0,828 in Q2 und 0,485 Sekunden in Q3.

Verstappen freilich hatte seine Q3-Runde am Boxenfunk wörtlich als "shit Lap" bezeichnet, aber da wollen wir mal nicht so streng sein. P5 in der Startaufstellung, wenn der Teamkollege auch nur Dritter ist, das ist für Albon 2020 eines der besseren Ergebnisse.


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Die Freude darüber währte nicht lang. Er verschlief den Start und fiel gleich einmal hinter Daniel Ricciardo zurück, und als er dieses Malheur in Kurve 3 ausbessern wollte, verschätzte er sich auf der Bremse wie ein übermütiger Schüler am Gaming-PC. Um ein Haar hätte er Ricciardo und den Ferrari von Charles Leclerc abgeräumt.

Das ließ sich nur mit einer Hauruck-Vollbremsung verhindern, und so hatte er sich schon nach ein paar Metern einen Bremsplatten eingehandelt. "Der hat mein ganzes Rennen beeinträchtigt", gab er später zu. Unter anderem, weil er schon nach sieben Runden zum Reifenwechsel kommen musste.

Eigenem Red-Bull-Kollegen den Frontflügel abrasiert

Die Szene mit Daniil Kwjat in der Veedol-Schikane war die nächste unüberlegte Aktion. Am Boxenfunk zunächst noch als "good Job" gelobt, war Martin Brundle am 'Sky'-Mikrofon sofort klar, dass das nur eine Strafe geben kann. Und so kam es dann auch: fünf Sekunden, abzusitzen beim nächsten Boxenstopp.

Aber bevor er die Strafe absolvieren konnte, wäre Albon vor der ersten Kurve fast noch dem zweiten AlphaTauri von seinem Vorgänger Pierre Gasly ins Auto gerauscht. Statt sich selbst am Riemen zu reißen und demütig mucksmäuschenstill zu sein, jammerte er am Boxenfunk: "Die kämpfen so hart!" Was sein Renningenieur einfach ignorierte: "Modus 6, wenn du kannst, bitte."

"Albon", schimpfte Kwjat später, "hat mir mein Rennen ruiniert. Er ist plötzlich rübergezogen und mir über den Frontflügel gefahren. Sehr, sehr plötzlich. Das hat er ziemlich schlecht eingeschätzt." Am Boxenfunk hatte das noch weniger diplomatisch geklungen: "Was macht der? Warum macht der das?"

Pierre Gasly, Alexander Albon

Statt ums Podium fightete Alexander Albon nur mit den beiden AlphaTauris Zoom Download

Es ist jetzt nicht ganz zwei Monate her, dass ich Dr. Marko zuletzt in seinem Büro in Graz getroffen habe. Als ich beim Thema Albon nicht lockerlassen wollte, stand er auf, ging zum Aktenschrank und holte einen Ordner mit den Daten der letzten Rennen raus. Dann zeigte er mir anhand von bunten Telemetrielinien, wie schnell der Thailänder in manchen Phasen in fast jedem Rennen war.

Da hat der Dr. durchaus einen Punkt. Aber manchmal ist für Red Bull nicht gut genug.

Albon ist zwar in London aufgewachsen, hat aber einen thailändischen Pass. Möglich, unterstelle nicht nur ich, dass das einer der Gründe dafür ist, warum er bei Red Bull immer noch Welpenschutz genießt, während mit Gasly vor einem Jahr nicht besonders zimperlich umgegangen wurde.

Aus dem Nichts zu Red Bull: Ging alles zu schnell?

Wenn Dr. Marko diese Kolumne liest (und ich weiß, das tut er), wird er sich wieder über mich ärgern. Gasly, hat er mir schon oft erklärt, habe in bestimmten Rennphasen nie das gleiche Potenzial aufblitzen lassen wie Albon.

Das kann ich als Beobachter von außen natürlich nicht seriös einschätzen. Aber wenn Red Bull das auf Basis der Daten so sagt, dann wird es zweifellos stimmen.

Ich möchte Albon auch in Schutz nehmen. Ende 2018, er war gerade hinter George Russell und Lando Norris Dritter der Formel-2-Meisterschaft geworden, hatte er den Traum von der Formel 1 eigentlich schon begraben. Bei Red Bull war er Ende 2012 wegen schlechter Leistungen aus dem Kader geflogen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als in die Formel E zu gehen.


Fotostrecke: Der rasante Aufstieg von Alexander Albon

Drei Jahre Werksvertrag bei Nissan, gutes Geld, eine Profikarriere: Für den damals 22-Jährigen war das zwar nicht das ganz große Glück, aber doch eine schöne Perspektive.

Dann rief aus heiterem Himmel plötzlich Dr. Marko an, ob er sich nicht vorstellen könnte, 2019 Formel 1 zu fahren. Red Bull kaufte ihn aus seinem Formel-E-Vertrag frei, setzte ihn in den Toro Rosso.

Junioren sollen dort mindestens zwei bis drei Jahre ausgebildet werden, bis sie reif sind für Red Bull Racing, hat mir Franz Tost einmal erklärt.

Nach zwölf Rennen saß Albon im Red Bull, und das war dann offenbar doch ein bisschen viel auf einmal. Als seine ersten Leistungen angesichts der widrigen Umstände noch in weiten Teilen der Fachmedien gelobt wurden, war ich schon ziemlich kritisch. Der Abstand auf Verstappen war vom ersten Tag an zu groß.

Das hat sich seither nie geändert, und so ist auch meine Kritik nie abgerissen.

Dr. Marko hat mich einmal gebeten, wir Medien mögen doch bitte Ruhe geben und dem armen Jungen Zeit lassen. Es tut mir leid, dass ich mich daran heute nicht halte.

Warum nicht Hülkenberg oder Perez?

Aber Dr. Marko wäre auch der Erste, der sagt: Wenn ein junger Formel-1-Fahrer das nicht aushält, dann ist er eh nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt, um eines Tages Champions zu werden. Und wenn er das Zeug zum Champion nicht hat, gehört er nicht in einen Red Bull.

Alternative Kandidaten gibt's ja. Ich kann schon verstehen, dass man für 2021 nicht wieder Gasly ins Cockpit setzt. Der blüht bei AlphaTauri regelrecht auf, und das soll so bleiben, mit ruhiger Hand geführt von Franz Tost.

Aber da gibt's auch noch Fahrer wie Sergio Perez und Nico Hülkenberg. Der Eine wäre am Nürburgring beinahe aufs Podium gefahren, der andere schaffte es trotz der schlechtesten "Vorbereitung", die man sich nur ausdenken kann, in Q1 einen absolut schnellsten Minisektor zu fahren.

Wer das schafft, der muss was können.

Hülkenberg (der letzte Nacht laut Schwesterkolumne auf motorsport.com übrigens "am besten geschlafen" hat) wäre, davon bin ich überzeugt, genau der Richtige für Red Bull. Schnell, verlässlich, no Bullshit. Er würde Verstappen wahrscheinlich auch nicht ganz das Wasser reichen können. Aber er würde das niederländische Wunderkind zumindest mehr fordern als Albon - und könnte mit seiner Erfahrung einen wertvollen Beitrag dazu leisten, das Team wieder nach vorne zu bringen.

Das kann man von einem jungen Fahrer wie Albon nicht erwarten.

Ihr
Christian Nimmervoll

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