• 05. Dezember 2020 · 23:59 Uhr

GP Sachir 2020: Hat der Windschatten Russell die Pole gekostet?

Fragen und Antworten zum Formel-1-Qualifying in Bahrain: Wo Russell Zeit verloren hat, was Verstappens Taktik für das Rennen und wie es für Vettel gelaufen ist

(Motorsport-Total.com) - Valtteri Bottas hat sich die Pole-Position für den Grand Prix von Sachir in Bahrain gesichert (F1 2020: Rennen ab Sonntag um 17:45 Uhr im Liveticker!). In Abwesenheit von Weltmeister Lewis Hamilton erzielte der Mercedes-Pilot auf dem verkürzten "Outer Circuit" unter Flutlicht eine Bestzeit von 53.377 Sekunden.

George Russell, Valtteri Bottas

George Russell hätte mehr aus dem Windschatten machen können Zoom Download

Damit verwies Bottas seinen Teamkollegen George Russell (+0,026) und Max Verstappen im Red Bull (+0,056) hauchdünn auf die Plätze zwei und drei.

Charles Leclerc schaffte mit dem Ferrari nach durchwachsenen Trainings sensationell den vierten Platz. Sebastian Vettel schrammte hingegen zum 13. Mal hintereinander an Q3 vorbei und belegte Rang 13.

Die beiden Formel-1-Debütanten Jack Aitken (18./Williams) und Pietro Fittipaldi (20./Haas) schieden bereits in Q1 aus.

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Hätte Russell mit einem besseren Windschatten Pole holen können?

Ja. Die beiden Mercedes gingen vor der alles entscheidenden letzten Q3-Runde als erste Autos auf die Strecke. Entsprechend des für die gesamte Saison festgelegten Rhythmus musste Bottas als Erster rausfahren. Das wäre in Anwesenheit von Hamilton genauso gewesen. Russell hatte also die Chance, sich im Windschatten ziehen zu lassen.

Doch als es drauf ankam, vor Beginn der fliegenden Runde das richtige Timing zu erwischen, aufs Gas zu gehen und an Bottas dranzubleiben, ließ er sich zu lange Zeit. Konsequenz: Schon auf dem geraden Stück bis Kurve 1 hatte er vier Hundertstelsekunden Rückstand auf seine vorherige Rundenzeit.


George Russell: Seine Reaktion auf das Qualifying

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"Wenn ich zwei Sekunden näher dran gewesen wäre, hätte ich ein bisschen Rundenzeit geschenkt bekommen", ärgert er sich im Nachhinein - umso mehr, als Verstappen viel näher an ihm dran war als er an Bottas, was den Red-Bull-Piloten beinahe an ihm selbst vorbeigezogen hätte! Am Ende fehlten Russell 0,026 Sekunden auf die erste Pole-Position seiner Karriere.

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Hat Bottas sein ganzes Potenzial ausgeschöpft?

Nein. Der Zeitabstand sieht kleiner aus, als er unter normalen Umständen gewesen wäre. Erstens hatte Bottas den Nachteil, als Erster rausfahren zu müssen. Damit hatte er von vornherein keine Chance auf einen Windschatten. "Ich konnte einfach spüren, dass ich auf den Geraden nicht so schnell war", sagt er.

Die Kurven habe er "ganz okay" getroffen, analysiert Bottas, auch wenn zum Beispiel Kurve 8 nicht ganz perfekt gewesen sei. Aber: "Es ist ein schwieriger Kurs, um alles perfekt zu treffen. Ich bin froh, dass ich trotzdem auf Pole stehe. Ich wusste, dass es mit George eng wird. Ich konnte sehen, wie er während des Qualifyings immer besser wurde."

Übrigens: Für Russell war es die erste Qualifying-Niederlage gegen einen Teamkollegen überhaupt. Trotzdem ist er zufrieden: "Wenn mir vor einer Woche jemand gesagt hätte, dass ich hier auf dem zweiten Platz stehe, dann hätte ich es nicht geglaubt. Aber stimmt schon: Wenn du so knapp dran bist, ist es natürlich auch irgendwie enttäuschend."

Warum ist Mercedes drei statt zwei gezeitete Q3-Runden gefahren?

Einerseits, könnte man vermuten, um Russell die Chance zu geben, sich besser auf die alles entscheidende letzte Runde einzuschießen. Das war aber nicht der einzige Grund.

"Es ist die kürzeste Strecke des Jahres und damit die einzige, die zeitlich überhaupt drei Runs zulässt. Das ist die einfache Antwort", erklärt Bottas. Was man im TV nicht sehen konnte: "Wir wollten eigentlich drei Runs mit frischen Reifen fahren, aber wir haben einen Soft schon in Q1 gebraucht. Auch wenn ich da ein bisschen anderer Meinung war als das Team."


Toto Wolff: Bin zufrieden mit diesem Quali-Ergebnis

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Die Strategen hätten Bottas ruhig vertrauen können: In Q1 hätte Mercedes locker die erste Zeit gereicht, um den Aufstieg zu schaffen. Und ohne einen zweiten Run hätten er und Russell für alle drei Q3-Runs frische Reifen gehabt.

So mussten sie den ersten Run mit einem gebrauchten Reifensatz fahren. Was zur Folge hatte, dass zunächst Verstappen vor Leclerc in Führung lag und die Mercedes sich von P3/4 steigern mussten. Was die Mercedes schon mit ihrem zweiten von drei Versuchen umdrehen konnten.

Warum hat Russell eine geschwollene Schulter?

Das Mercedes-Cockpit musste nach dem Ausfall von Hamilton in Windeseile für Russell umgebaut werden. Das macht Kompromisse erforderlich. Zum Beispiel muss er Schuhe tragen, die um eine Nummer zu klein sind, weil er sonst bei den Pedalen hängen bleiben würde. Und auch die Schultern tun ihm weh: "Ich habe sogar Eis aufgelegt, um die Schwellung zu lindern. Aber wenn das Auto so schnell ist, tut das nicht weh", grinst er.

Die Umstellung vom Williams auf den Mercedes fiel ihm sonst leicht. Kein Wunder, ist es doch das beste Auto der Formel 1. Merkwürdig allerdings: In Kurve 1, die im Williams quasi seine Paradedisziplin war, verlor Russell in allen Trainings am meisten Zeit auf Bottas. "Da hatte ich das ganze Wochenende Probleme. Und wenn ich mir nachher die Daten anschaue, bin ich sicher, dass mir Valtteri dort auch im Quali wieder Zeit abgenommen hat", sagt er.

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Wer darf das Rennen auf den härteren Medium-Reifen starten?

Innerhalb der Top 10 nur Mercedes. Im ersten Q2-Run hatten gleich sieben Fahrer ihr Glück auf dem Medium versucht: neben den beiden Mercedes-Piloten auch Verstappen, Ferrari und Renault. Doch bis auf die Mercedes wechselten für den zweiten Run alle auf Soft - und konnten sich damit auch verbessern. Esteban Ocon (11./Renault) und Vettel (13.) schafften aber den Cut nicht und haben somit für das Rennen freie Reifenwahl.

Warum startet Verstappen auf Soft?

Verstappen hatte seine erste Q2-Zeit auf Medium-Reifen erzielt. Die hätte locker gereicht, um ins Q3 einzuziehen. Als er sich mit dem Soft verbesserte, schlug sein Teamchef Christian Horner die Hände vor dem Gesicht zusammen. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass das Alexander Albon galt, der in Q2 ausschied, und nicht Verstappens Verbesserung auf dem vermeintlich falschen Reifen.

Denn die Entscheidung, es mit Soft gegen Mercedes zu probieren, obwohl der weichere Reifen vor einer Woche im Rennen extrem schnell abbaute, war eine bewusste: "Ich bin gespannt, was dabei herauskommt", sagt Verstappen. "Wir haben ja nichts zu verlieren. Da können wir genauso gut ein bisschen Spaß haben und morgen was ausprobieren."

Wie schlecht war Albon diesmal?

Beinahe wäre der Thailänder schon in Q1 ausgeschieden. Nur 0,085 Sekunden retteten ihn im Vergleich zu Kevin Magnussen (16./Haas). Auf Verstappen verlor er in Q1 0,583 Sekunden - und das auf der kürzesten Strecke der Formel-1-Geschichte.

In Q2 war dann Endstation. Albon war um 0,379 Sekunden langsamer als sein Teamkollege. Das reichte für Platz zwölf, weniger als eine Zehntelsekunde hinter Pierre Gasly (AlphaTauri) auf P10. "Ich war mit meiner Runde ganz zufrieden", sagt er. Allerdings habe er keinen Windschatten gehabt, und die Balance soll sich anders angefühlt haben als im Abschlusstraining.

Was ihm Sorgen bereiten muss: Im Laufe des Tages wurde Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko von einer TV-Kamera bei einem Gespräch mit Sergio Perez gefilmt, ...

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Apropos Perez: Wie lief es für den Mexikaner?

... der seinerseits ein starkes Qualifying ablieferte. In Q2 sicherte er sich sogar den zweiten Platz, in Q3 wurde er Fünfter. Auf die zweite Startreihe fehlten ihm 0,177 Sekunden. Die wären aber auch mit einer perfekten Runde nicht zu holen gewesen: "Vielleicht wäre noch eine halbe Zehntel drin gewesen, aber mehr nicht."

"Wir leiden ein bisschen am Alter unseres Motors", bedauert Perez. Hintergrund: Beim Rennen vor einer Woche erlitt er an dritter Stelle liegend einen Motorschaden. Um einer Strafe zu entgehen, musste er auf einen gebrauchten Motor aus dem Kontingent zurückwechseln, der eigentlich nur noch für Freitagstrainings vorgesehen war. Und den kann er nicht mehr ganz aufdrehen, um keinen Motorschaden zu riskieren.

Sein Racing-Point-Teamkollege Lance Stroll schaffte zwar den Einzug ins dritte Qualifying-Segment, konnte sich dort aber nicht durchsetzen: P10 mit 0,4 Sekunden Rückstand auf Perez.

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Leclerc auf P4 - wie geht das?

Das weiß er wahrscheinlich nicht einmal selbst so genau. Ferrari war so davon überrascht, überhaupt in Q3 einzuziehen, dass man nur noch einen frischen Reifensatz zur Verfügung hatte. Damit fuhr Leclerc seine Runde sehr früh in der Session. Als die anderen um die Pole fighteten, schaute er nur noch zu.

Da wusste er schon, dass seine Runde außergewöhnlich war: "Wow, diese Runde war sehr gut", sagte er am Boxenfunk - und später im TV-Interview: "Es war meine Entscheidung, so früh zu fahren. Ich hatte keinen neuen Satz mehr. Und schneller wäre ich eh nicht gewesen."

Die Frage nach der berühmten "perfekten Runde" liegt da nahe. Der weicht Leclerc aber aus: "Ich sage ungern, dass es die perfekte Runde war." Aber er lässt schon durchblicken, dass ihm viel gelungen ist, wenn er sagt: "Alles, was ich mir vorgenommen hatte, ist mir gelungen."

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Was war auf Vettels zweiter Q2-Runde los?

Der viermalige Weltmeister ist seit seinem Podium in Istanbul wieder konstant näher an Leclerc dran. Im Freien Training am Samstag sowie in Q1 waren die beiden praktisch gleichauf. Bei Ferrari war man daher zuversichtlich, Q2 sogar mit dem Medium zu meistern.

Vettel und Leclerc fuhren ihre erste und auch ihre zweite Runde auf Medium. Doch während sich Leclerc damit steigern konnte, brach Vettel seine Runde ab und wechselte früher auf den Soft, um noch eine dritte Runde hinzulegen und es vielleicht doch noch ins Q3 zu schaffen.

Das gelang ihm nicht: "Ich war einfach nicht schnell genug", gibt er zu. "Ich habe im Mittelsektor relativ viel Zeit verloren. Die anderen Sektoren waren eigentlich in Ordnung. Irgendwie habe ich in der Schikane nicht den Grip gefunden, der anscheinend da war. Da habe ich mich schwergetan, sauber rumzukommen."

Außerdem habe er "relativ viel auf den Geraden verloren". Kein Wunder: Auf der Strecke hatte er niemanden vor sich, und eine Runde ohne Windschatten kostet in Bahrain entscheidende Zeit. "Wir hätten vielleicht bei der Track-Position etwas cleverer sein können", seufzt Vettel.

Immerhin: Am Ende von FT3 sah es kurzzeitig so aus, als könne er das Qualifying vielleicht gar nicht bestreiten, weil seine Power-Unit gewechselt werden musste. "Ich bin froh, dass wir nach dem Motorwechsel überhaupt rausfahren konnten. Die Jungs haben das gut gemacht, aber ideal ist es natürlich nicht", sagt Vettel.

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Wie hat sich Aitken geschlagen?

Viel besser als Fittipaldi. Der Williams-Debütant fuhr drei Runs in Q1. In den ersten beiden war er jeweils schneller als Teamkollege Nicholas Latifi. Im dritten erzielte er in zwei der 18 Minisektoren sogar absolute Bestzeit!

Doch ein Fehler in der letzten Kurve verhinderte, dass er gleich beim ersten Mal das teaminterne Stallduell gewinnen konnte. Am Ende wurde er 18., 0,096 Sekunden hinter Latifi und 0,272 Sekunden hinter dem Cut für Q2.

Waren die Track-Limits wieder ein Thema?

In den Trainings schon, im Qualifying kaum. Nur zwei Zeiten wurden gestrichen: Lando Norris (15./McLaren) musste seine erste Q1-Zeit hergeben, Gasly seine erste Q2-Zeit. Für beide hatte das aufs Endergebnis aber keine direkte Auswirkung.

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Wie geht's jetzt weiter?

Im Ticker "Paddock live" begleitet Ruben Zimmermann noch ein paar Stunden mit Informationen aus erster Hand und weiteren Stimmen von den Medienrunden der Teams das Geschehen. Auch wenn die TV-Stationen bereits ausgestiegen sind.

Start des Rennens ist am Sonntag um 18:10 Uhr. Es übertragen die bekannten TV-Sender. Ab wann genau, das steht im Zeitplan auf Motorsport-Total.com und Formel1.de. Der Ticker "Rennen live" mit Christian Nimmervoll beginnt um 17:45 Uhr.

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