• 16. März 2023 · 21:11 Uhr

George Russell: Sieg in Brasilien hat Mercedes in die Irre geführt

Warum sich Mercedes vom ersten Formel-1-Sieg von George Russell hat blenden lassen und wie es zum "Fehlstart" mit dem W14 in der Saison 2023 gekommen ist

(Motorsport-Total.com) - Die Formel-1-Saison beginnt, aber Mercedes fährt (der Spitze) hinterher. So war es schon 2022 und so ist es 2023 erneut. George Russell hält die aktuelle Situation jedoch nicht für ein Abziehbild des Vorjahres, wie er vor dem Saudi-Arabien-Grand-Prix in Dschidda betont.

George Russell mit dem Siegerpokal beim Formel-1-Rennen in Brasilien 2022

George Russell mit dem Siegerpokal beim Formel-1-Rennen in Brasilien 2022 Zoom Download

"Ich glaube, nur die Leistung ähnelt der Ausgangslage im vergangenen Jahr", meint Russell. "Aber: 2022 standen wir praktisch vor einem Rätsel, wie wir unsere Probleme lösen sollten. Wir haben uns viel am Kopf gekratzt, als wir versucht haben, das Bouncing des Autos zu ergründen und in den Griff zu kriegen. Wir haben sehr lange gebraucht, der Sache Herr zu werden."

"Jetzt aber schauen wir uns die Ziele aus dem Winter an und erkennen: Wir haben ein paar falsche Entscheidungen getroffen. Das akzeptieren wir. Und wir verstehen, warum wir uns jetzt in dieser Position befinden."

Mercedes betreibt Ursachenforschung zur W14-Form

Das wirft die Frage auf, ob sich Mercedes grundsätzlich falsche Ziele für den W14 vorgenommen oder vielleicht auf fehlerhafte Entwicklungsinstrumente gesetzt hat. Russell sagt dazu: "Wir haben unsere Ziele erreicht, aber die Ziele waren klarerweise nicht korrekt."

"Nehmen wir mal den W13: Da waren wir ganz eindeutig zu aggressiv beim Design und beim Bouncing. Das war unser großes Handicap. [Mit dem W14] wollten wir so etwas nicht nochmal erleben. Wahrscheinlich sind wir in ähnlicher Form übers Ziel hinausgeschossen, aber in die andere Richtung: Wir haben zu viel von der Leistung preisgegeben und zu viel vom Abtrieb, um weniger Bouncing zu haben."

Man sei den Fehlerquellen also auf der Spur und habe "Antworten", versichert Russell. "Aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es wohl nie, glaube ich. Nach Brasilien hätte ich gesagt: Wir sind zu hundert Prozent auf der richtigen Fährte und alle hätten mir das wahrscheinlich abgenommen, wenn man die Fortschritte bis dahin in Betracht zieht. Also hat sich über den Winter etwas verändert."

Was der Brasilien-Sieg ausgelöst haben könnte

Russell verweist auf die Regelanpassungen für den Unterboden der Formel-1-Autos und meint: "Wir haben das vielleicht nicht so erfasst wie die anderen Teams. Da haben wir etwas übersehen. Und jetzt sind wir nicht da, wo wir sein wollen."


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Er kommt nochmals auf den Brasilien-Grand-Prix 2022 zu sprechen, auf seinen Sieg im Sprint und im Hauptrennen, und auf die Auswirkungen dieser Erfolge. "Das hat uns vielleicht auf eine falsche Fährte gelockt, weil wir den Eindruck hatten, wir hätten uns als Team verbessert, wir seien auf dem richtigen Weg", sagt Russell.

"Das müssen wir nochmals analysieren, weil wir uns 2022 wirklich gesteigert haben, kein Zweifel. Vor allem zum Saisonende hin lief es wirklich gut."

"Der W14 ist wahrscheinlich eine extremere Version des Fahrzeugs, mit dem wir das Jahr 2022 beschlossen haben. Aber: Andere haben sich für andere Richtungen entschieden und wir sind unserer Richtung treu geblieben. Das war aber nicht die richtige Entscheidung."

Wie Mercedes die Saison 2023 noch retten will

Und jetzt sieht sich Mercedes mit der Frage konfrontiert, wie die Saison 2023 noch zu retten ist. Russell glaubt, sein Team habe sich durch eine "konservative Haltung" einen Rückstand eingehandelt, den es "zum Teil" wettmachen könne.

O-Ton Russell: "Wird es die Sekunde, die uns aktuell auf Red Bull zu fehlen scheint? Nein, das nicht. Glauben wir, dass wir mit unserer Philosophie auf dem richtigen Weg sind? Wahrscheinlich auch nicht."

Außerdem habe man bei der Entwicklung keine freie Hand mehr. "Es sind jetzt andere Zeiten als noch vor drei, vier Jahren. Da war praktisch alles möglich", meint Russell. "Man konnte alles machen mit seinem Geld, ohne Einschränkungen. Wolltest du also ein komplett neues Auto bauen, dann konntest du das über Nacht tun."

Freie Hand bei der Entwicklung, das war einmal ...

"Jetzt gibt es viele Beschränkungen und du musst manchmal die besten Kompromisse suchen. Es gibt vieles, das wir an unserem Auto ändern wollen. Wenn man aber die Budgetdeckelung bedenkt und die Aerodynamik-Regeln, dann ist es einfach nicht möglich, drastische Änderungen umzusetzen."

Auch deshalb hat Mercedes am vergangenen Dienstag eine Besprechung mit den Mitarbeitern angesetzt, um "sehr gute und sehr ehrliche Gespräche" zu führen, wie Russell erklärt. "Wir haben Antworten auf viele Fragen gefunden, wie wir überhaupt in diese Situation gelangt sind. Was wir kurzfristig unternehmen wollen, was mittelfristig. Welchen Weg wir beschreiten wollen."

"All diese Änderungen sind schon implementiert. Wir haben die Weichen gestellt, um wieder siegreich sein zu können", sagt der Mercedes-Fahrer. Einzig über konkrete Ergebnisse oder die Endposition in der Gesamtwertung "sprechen wir nicht". Begründung: "Uns geht es darum, was wir erreichen können, wenn wir dem Auto wieder Beine machen."

Der Mercedes-Umschwung ist eingeleitet, aber ...

"Natürlich ist uns klar: Eine Konzeptänderung geht mit gewissen Risiken einher. Wir haben aber inzwischen genug Wissen an der Hand, um zu sagen, dass wir etwas falsch gemacht haben, dass wir über den Winter die falschen Ziele hatten. Da müssen wir so bald wie möglich einen Spurwechsel einleiten, denn diese Entscheidungen sind nun mal getroffen worden."

Der Umschwung sei "wahrscheinlich am Dienstag vergangener Woche" eingeleitet worden, meint Russell. "Wie schnell sich das am Auto bemerkbar macht und wie schnell sich das bei der Leistung niederschlägt, das ist eine andere Frage."

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