• 23. Juni 2022 · 13:07 Uhr

Politikum Motorenreglement: Wem nützt die Verschleppungstaktik?

Eigentlich hätte am 29. Juni das Motorenreglement 2026 beschlossen werden sollen, doch jetzt werden Porsche und Audi neue Steine in den Weg gelegt

(Motorsport-Total.com) - Am 29. Juni tagt der Motorsport-Weltrat der FIA, und eigentlich hätte bei der Gelegenheit das neue Motorenreglement ab 2026 beschlossen werden sollen. Doch seit Anfang Juni ist alles anders. Offenbar wird das Thema jetzt noch einmal verschleppt - sehr zum Leidwesen der Neueinsteiger Porsche und Audi.

Peter Bayer (FIA)

Seit Peter Bayer weg ist, verzögert sich das Motorenreglement für 2026 Zoom Download

Dabei hätte alles so gut gepasst. Ein formell abgesegnetes Motorenreglement ist Voraussetzung für Porsche und Audi, ihren Einstieg in die Formel 1 offiziell bekanntzugeben. Inhaltlich schien nach monatelangen Verhandlungen alles klar, und mit dem Weltrat am 29. Juni war alles angerichtet für eine Verlautbarung des Porsche-Einstiegs bei Red Bull, am 6. Juli vor dem Heimspiel am Red-Bull-Ring.

Zwischen Red Bull und Porsche ist seit Wochen alles geregelt. Auch bei Audi ist vorgezeichnet, wohin der Weg führt. Williams war, anders als von anderen Medien berichtet, nie ein ernsthaftes Thema. Mit McLaren fand man keinen gemeinsamen Nenner. Bei Aston Martin war das Gesamtkonstrukt letztendlich zu kompliziert. Blieb nur noch Sauber übrig.

Audi hat sich festgelegt: Einstieg bei Sauber ist ausverhandelt

Mit dem Hinwiler Team (in der Vergangenheit bereits mit zwei anderen deutschen Herstellern, Mercedes und BMW, liiert) ist inzwischen alles klar. Audi soll Mehrheitseigentümer werden, Finn Rausing Anteile behalten. Die Powerunits werden in Deutschland gebaut. Das ist eine andere Strategie als die von Porsche.

Die Konzernschwester aus Stuttgart-Zuffenhausen plant, mehrheitlich von England aus zu operieren. Im Hintergrund wird gerade organisiert, wer Porsches Formel-1-Projekt dann leiten wird. In den vergangenen Monaten liefen nämlich alle Fäden beim Österreicher Fritz Enzinger zusammen.

Der hat zwar die Position des Porsche-Motorsportchefs per 1. Oktober 2021 an Thomas Laudenbach übergeben; aber das Projekt Formel 1 bei Porsche federführend geplant und verhandelt. Enzinger hat bereits im September angekündigt, dass er im Sommer 2022 in Rente gehen wird. Möglich, dass er in beratender Funktion an Bord bleibt. Doch für das operative Geschäft braucht's einen neuen Mann.

Red Bull & Porsche: Pressemitteilung war schon geplant

Eigentlich war geplant, dass am 6. Juli nicht nur bekannt gegeben wird, dass Porsche als Partner auf Augenhöhe bei Red Bull einsteigt, sondern auch, wer das Projekt auf Porsche-Seite als CEO der neuen Formel-1-Gesellschaft leiten soll. Dem Vernehmen nach gibt es bereits einen Kandidaten. Eine offizielle Bekanntgabe kann aber nicht stattfinden, solange das Motorenreglement nicht steht.

Ähnlich verhält es sich bei Audi. Auch die Ingolstädter planen die Gründung einer neuen Formel-1-Gesellschaft. Vermutlich wird es darauf hinauslaufen, dass entweder Julius Seebach, derzeit CEO der Audi Sport GmbH, das Kommando übernimmt; oder der Ingenieur Adam Baker, der von der FIA zu Audi geholt wurde, aber noch nie ein Unternehmen in dieser Größenordnung geleitet hat.

Unabhängig von den Interna bei Porsche und Audi beginnen immer dann, wenn neue Player die Bühne der Formel 1 betreten wollen, die politischen Spielchen. "Ich glaube, es sind so viele Player, die da mitdiskutieren, dass es immer wieder Versuche gibt, irgendeinen neuen Aspekt mit hineinzubringen oder an den Regeln zu arbeiten", sagt etwa Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Peter Bayer: Der Chefverhandler des 2026er-Reglements

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto hat schon vor Monaten erklärt: "Das Ziel ist, dass die neuen Regeln bis Juni fertig sind und auch im Juni darüber abgestimmt wird." Doch seit die FIA Peter Bayer entlassen hat, also den Mann, der das Motorenreglement 2026 federführend verhandelt hat, scheint dieser Zeitplan zu wackeln.

Es ist eine interessante Verkettung von vermeintlichen Zufällen: Just am 1. Juni, also an dem Tag, an dem Bayers Entlassung bekannt gegeben wurde, ist auf inoffiziellen Kanälen durchgesickert, dass das Reglement nun doch nicht auf die Agenda für den 29. Juni gesetzt werden soll. Was besonders für Porsche und Audi, die bereits in den Startlöchern scharren, ungünstig wäre.

Zwar haben alle relevanten Gremien der Marken als auch des Mutterkonzerns Volkswagen grünes Licht für den Formel-1-Einstieg erteilt. Dieses grüne Licht ist aber an die Bedingung geknüpft, dass die Regeln so formalisiert werden, wie das in den vergangenen Monaten ausverhandelt wurde. Gibt's keinen Beschluss des Weltrats, gibt's auch keinen Einstieg.

Will Sulayem einfach seine Macht demonstrieren?

Warum der Weltratsbeschluss verschleppt wird, darüber kursieren im Formel-1-Paddock unterschiedliche Versionen. Eine besagt, dass FIA-Präsident Mohammed bin Sulayem eigenmächtig entschieden haben soll, das Thema zu vertagen. Er war es auch, so hört man, der Bayer entfernt und stattdessen Wolffs ehemalige Assistentin Shaila-Ann Rao an Bayers Stelle eingesetzt hat.


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Mancherorts wird auch vermutet, dass die derzeit in der Formel 1 engagierten Hersteller Ferrari, Mercedes und Renault ein Interesse daran haben könnten, den Einstieg der Volkswagen-Marken zwar nicht zu verhindern, aber Porsche und Audi das Leben zumindest so schwer wie möglich zu machen. Indem man zum Beispiel das neue Motorenreglement so lang wie möglich rauszögert.

Aus ihren Bedenken in Zusammenhang mit dem VW-Einstieg haben die etablierten Player in den vergangenen Wochen keinen Hehl gemacht. Dabei dreht sich vieles um die Frage der Zugeständnisse für die Neueinsteiger. Denn die sollen in ihren ersten zwei Jahren zehn und im dritten Jahr fünf Millionen US-Dollar mehr ausgeben dürfen, als der einzuführende Motorenbudgetdeckel vorsieht.

Ferrari-Teamchef Binotto äußert Bedenken

Ferrari, so hört man, ist eine der Organisationen, die am stärksten auf die Bremse tritt. Binotto meinte dazu vor einigen Wochen: "Was definiert einen Neueinsteiger? Welche Vorteile soll ein Neueinsteiger erhalten? All das muss klargestellt und definiert werden. Dazu kommt der Transfer von geistigem Eigentum. Der darf nicht möglich sein."

Eine Angst von Ferrari und Co.: dass Porsche und Audi Informationen austauschen und so einen Entwicklungsvorteil generieren könnten. Tatsächlich war ursprünglich geplant, eine gemeinsame technologische Basis zu entwickeln und zwei Marken mit einer Powerunit an den Start zu schicken. Aber das ist längst Schnee von gestern.

Zu ausgeprägt sind die Egos auf Seiten der beiden Konzernmarken, als dass ein auf solche Synergien ausgelegter Einstieg in die Formel 1 je eine realistische Chance gehabt hätte. Wer sich noch daran erinnert, mit welch harten Bandagen Porsche und Audi in Le Mans gegeneinander angetreten sind, der hat keine Angst vor einem konzerninternen Wissenstransfer.

Renault: Kein roter Teppich für den VW-Konzern

Alpine-CEO Laurent Rossi sagt: "Wir müssen sicherstellen, dass zwei separate Teams wirklich zwei separate Teams bleiben. Wenn die wirklich als Werksteams kommen, dann müssen wir sicherstellen, woher das geistige Eigentum kommt. Kommt es von Porsche, kommt es von Audi, kommt es von Red Bull oder sogar von Honda?"

Es könne nämlich nicht sein, mahnt Rossi, "dass die, die schon da sind, plötzlich schlechter gestellt werden. Renault hat in den vergangenen 40 Jahren Milliarden in Powerunits investiert. Wir möchten nicht, dass einem Neueinsteiger der rote Teppich ausgerollt wird und den Löwenanteil abstaubt. Das würde unser komplettes Investment in Frage stellen."

In Montreal hieß es dann mancherorts, man wisse noch gar nichts von einer neuerlichen Verschiebung des Motorenreglements. "Wir wurden bisher nicht darüber informiert, dass die Abstimmung verschoben werden soll", behauptet Binotto. "Ende Juni gibt es einen Weltrat, und in Österreich eine Formel-1-Kommission. Nehmen wir es Schritt für Schritt."

Wolff gibt zu: Motorenreglement scheint verschoben

Wolff ist da schon offener: "Ich hoffe, dass wir im September feststehende Regeln haben werden. Wenn alle an einem Strang ziehen, wäre das gut", sagt er. Bei Mercedes sei man "sehr darauf bedacht, dass die Regeln abgesegnet werden, weil wir loslegen wollen. Aber die Regeln müssen auch richtig gemacht werden."

Mohamed bin Sulayem

FIA-Präsident Mohammed bin Sulayem möchte den Zeitplan selbst bestimmen Zoom Download

Insofern habe er "Sympathie" für die Haltung der FIA, das Thema weiter nach hinten zu verschieben: "Ich hoffe, dass es sich nicht mehr zu lang hinzieht. Ich hoffe, dass wir das über den Sommer geregelt bekommen, damit wir im Herbst dann feststehende Regeln haben."

Dabei kann Wolff mit einem spät feststehenden Motorenreglement viel besser leben als etwa Porsche oder Audi. Die beiden VW-Marken müssen Personal anheuern, Infrastruktur und Prüfstände anschaffen. Doch Verträge können erst unterschrieben werden, wenn wirklich alles offiziell ist. Und das geht nur mit einem abgesegneten Reglement.

"CapEx": Was ist das, worüber da diskutiert wird?

Diskutiert wird da zum Beispiel noch um die sogenannte "CapEx"-Regel. "CapEx" steht für "Capital Expenditure" und ist ein Posten, der neuen Motorenherstellern in Zukunft Investitionen in die Infrastruktur ermöglichen soll, ohne dass die Kosten dafür in die geplante Budgetobergrenze für die Motorenentwicklung fallen.

"Sobald der Budgetdeckel greift, sind nur noch 15 Millionen 'CapEx' erlaubt", erklärt Red-Bull-Teamchef Christian Horner. "Das müssen wir uns anschauen. Unsere Wettbewerber haben teilweise 70 Jahre lang in ihre Motorenabteilung investiert. Aus dem Nichts innerhalb von neun oder zehn Monaten eine Motorenabteilung aufzubauen, ist unrealistisch."

Oder, anders formuliert: Porsche und Audi können nur solang unlimitiert Geld für den Aufbau ihrer Formel-1-Anlagen ausgeben, wie der Motorendeckel noch nicht greift. Je länger die etablierten Player und die FIA also das neue Motorenreglement verschleppen, desto komplizierter wird für Porsche und Audi die Vorbereitung auf den Formel-1-Einstieg.

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