• 29. November 2021 · 11:27 Uhr

"Habe die Tür zugeschmissen": Was steckt hinter dem Zoff bei Sauber?

Pascal Picci, eine der wichtigsten Figuren im Sauber-Team, schmeißt hin - Grund für die Kündigung offenbar ein Zerwürfnis mit Teamchef Frederic Vasseur

(Motorsport-Total.com) - Heimlich, still und leise hat sich einer der wichtigsten Entscheider hinter den Kulissen des Schweizer Sauber-Teams von seiner bisherigen Position verabschiedet. Pascal Picci, bisher Verwaltungsrat beim Rennstall, der in der Formel 1 aktuell als Alfa Romeo an den Start geht, hat seinen Job im Zuge von Meinungsverschiedenheiten hingeschmissen.

Pascal Picci in den Büros des Sauber-Teams in Hinwil

Pascal Picci kündigt seinen Rücktritt beim Sauber-Team in der Schweiz an Zoom Download

"Ja, ich habe die Tür zugeschmissen", verrät Picci jetzt in einem exklusiven Interview mit der italienischen Ausgabe von 'Motorsport.com'. Und er bestätigt: "Ich bin ein paar Tage vor dem Grand Prix von Mexiko als Präsident der Sauber Holding zurückgetreten."

Picci galt als eine der Schlüsselfiguren innerhalb der entscheidenden Gremien des Sauber-Teams. Er war Leiter der Firma Longbow Finance mit Sitz in Lutry am Genfersee. Longbow ist ein Familienbüro von Finn Rausing, einem der Erben des TetraPak-Konzerns mit einem geschätzten Vermögen von umgerechnet 11,3 Milliarden Euro (laut Wirtschaftsmagazin 'Forbes').

Longbow übernahm 2016 die Sauber-Anteile von Firmengründer Peter Sauber und dessen Partnerin Monisha Kaltenborn. Später wurde die Kontrolle auf eine neue Gesellschaft namens Islero Investments übertragen. In dieser gibt es fünf Verwaltungsräte: neben Rausing und Picci noch Ernst Walch, Alessandro Alunni Bravi und Teamchef Frederic Vasseur.

Picci galt als jener Mann, der sich für Rausing um dessen Formel-1-Interessen gekümmert hat. Warum er nun hinschmeißt, benennt der 63-Jährige erstaunlich unverblümt: "Ich möchte mit dem Management von Fred Vasseur in Zukunft nicht mehr in Verbindung gebracht werden", sagt er. Mehr wolle er zu den Gründen nicht sagen.

Dass Williams beim Abbruchrennen in Belgien zehn Punkte geholt hat und es nicht zuletzt dadurch für Alfa Romeo fast unmöglich geworden ist, Achter in der Konstrukteurs-WM 2021 zu werden, sei immer noch "eine offene Wunde", räumt Picci ein und nennt das "einen der Hauptgründe" für seinen Rückzug (den er übrigens formell noch nicht eingereicht hat).

Ein weiterer Grund sei "die Art und Weise" gewesen, "wie über die Fahrerbesetzung entschieden wurde", sagt er. "Das hat das Tuch zwischen mir und dem gegenwärtigen Management zerschnitten", erklärt Picci. Seiner Meinung nach hätte Alfa Romeo neben dem chinesischen Neuzugang Guanyu Zhou an Antonio Giovinazzi festhalten sollen, statt Valtteri Bottas zu verpflichten.

"Ich bedaure, dass Antonio nicht länger da ist. Ich bin glücklich, dass Zhou kommt. Ja, ich kenne den jungen Chinesen und seine Familie, seit wir damals vorhatten, ihn zum Mitglied der Sauber-Fahrerakademie zu machen", sagt Picci und betont dabei die "kommerziellen Möglichkeiten", die ein chinesischer Formel-1-Fahrer mit sich bringt.

Seine Loyalität gegenüber Giovinazzi kommt nicht überraschend. Picci galt als einer, der den Plan des verstorbenen Ferrari-Chefs Sergio Marchionne ausführen sollte, Sauber näher an Ferrari heranzuführen. Und in Branchenkreisen wird gemunkelt, dass er der bei Ferrari so mächtigen Elkann-Familie nahesteht.

Lapo Elkann, Bruder von John Elkann, dem Chef der FIAT-Gruppe, hatte sich kurz vor der Entscheidung, den Vertrag mit Giovinazzi nicht zu verlängern, auf Twitter klar für seinen italienischen Landsmann im Cockpit ausgesprochen - und dabei im Subtext ebenfalls Vasseur kritisiert. Genau so, wie das nun auch Picci tut.

Klar ist: Giovinazzi als Fahrer hätte die Verbindung zu Ferrari gefestigt. Die Verpflichtung von Bottas, der von Mercedes kommt, wo Vasseurs früherer Wohnungskamerad Toto Wolff Teamchef ist, dürfte bei Ferrari nicht gut angekommen sein.

Was genau hinter Piccis Entscheidung, den Verwaltungsrat zu verlassen, steckt, bleibt aber vorerst diffus. Das Team selbst äußert sich auf Anfrage von 'Motorsport-Total.com' nicht zu Piccis Aussagen ("Kein Kommentar"), nimmt diese aber zur Kenntnis und betont, dass sich an den Anteilsverhältnissen aktuell nichts ändert.

Was die Zukunft des Sauber-Teams betrifft, ist Picci, das betont er, dennoch optimistisch, "weil die Eigentümer sehr enthusiastische und leidenschaftliche Menschen sind, deren oberste Priorität der Schutz der Belegschaft ist, aus der das Team besteht. Meine Kündigung muss für die Mitarbeiter von Sauber kein Grund zur Sorge sein. Da bin ich mir sicher."

Picci deutet lediglich an, dass er sich selbst zuletzt bei den strategischen Entscheidungen über die Zukunft von Sauber in der Unterzahl gesehen habe: "Daraus habe ich meine Schlüsse gezogen", sagt er und unterstreicht: "Ich wünsche dem Team ehrlich nur das Beste."

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