• 18. Juli 2020 · 08:11 Uhr

Whistleblower & Gerüchte: Renault-Protest gewinnt an Dynamik

Marcin Budkowski hat erstmals schonungslos offen ausgesprochen, was schon lange getuschelt wird: "Glauben, dass Racing Point Zeichnungen erhalten hat"

(Motorsport-Total.com) - Seit Wochen wird der Racing Point in der Formel 1 augenzwinkernd als "rosaroter Mercedes" bezeichnet. Angesichts der verblüffenden Ähnlichkeit des RP20 mit dem Mercedes F1 W10 von 2019 sind viele Außenstehende überrascht, dass Renault nur gegen die Bremsschächte protestiert und mit vermeintlich stumpfen Waffen kämpft. Aber die Chancen, dass Renault als Sieger aus dem Protestverfahren hervorgehen wird, stehen offenbar besser als viele glauben.

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Darum geht es: Der Bremsschacht des Racing Point RP20 ... Zoom Download

Marcin Budkowski, der Geschäftsführer des Renault-Teams (früher übrigens selbst Regelhüter bei der FIA), ist jedenfalls optimistisch, dass man Racing Point nachweisen kann, von Mercedes nicht nur kopiert zu haben, sondern dass auch Zeichnungen und Daten ausgetauscht wurden und Racing Point Zugriff auf einzelne Teile oder vielleicht sogar ein komplettes Auto hatte.

"Wir glauben, dass sie Zeichnungen erhalten haben und dass sie ganze Teile vorliegen hatten, auf Basis derer sie ihr diesjähriges Auto bauen konnten. Und wir glauben, dass das nicht in Ordnung ist", spricht Budkowski erstmals klar aus, was seit Wochen nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde.

Im Formel-1-Paddock verdichten sich währenddessen verschiedene Gerüchte. Eins besagt, dass Racing Point Zugriff auf ein komplettes Mercedes-Auto hatte. Ein anderes lautet, dass sich der Renault-Protest auf die Informationen von Whistleblowern stützt, die Racing Point verlassen haben und jetzt für Renault arbeiten. Aber all das ist Stand heute reine Spekulation.

Racing Point von sauberer Weste überzeugt

Racing-Point-Teamchef Otmar Szafnauer ist jedenfalls "hundertprozentig" davon überzeugt, eine weiße Weste zu haben: "Wir müssen der FIA nur zeigen, was wir ihnen schon im März gezeigt haben, als sie bei uns in der Fabrik waren und sich unseren Design- und Entwicklungsprozess genau angeschaut haben. Jetzt müssen wir das halt den Kommissaren nochmal zeigen."

Eine Argumentation, die löchrig ist, denn der Technische Delegierte der FIA, Nikolas Tombazis, hat am Freitag zugegeben, dass er bei seiner Inspektion in Silverstone zwar einerseits nichts Verdächtiges gefunden hat, sich aber andererseits die Bremsschächte, die jetzt konkreter Gegenstand des Renault-Protests sind, nicht genau angesehen hat.

Sollten diese nur von außen betrachtet extrem ähnlich sein, wäre das noch nicht verwerflich. Das kann man auf Basis von Fotos legal kopieren. Es geht um das Innenleben der Teile: "Es gibt beim Bremsschacht innenliegende Geometrien, die man auf Fotos nicht sehen kann. Folgerichtig kannst du so ein Teil dann auch nicht auf Basis eines Fotos kopieren", erklärt Budkowski.

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... im Vergleich zu jenem des Mercedes F1 W10 EQ Power+ von 2019 Zoom Download

"Die Bremsschächte tragen entscheidend zur Performance eines Autos bei. Laien glauben vielleicht, das sind nur belanglose Belüftungen für die Bremsen. In Wahrheit aber sind das sehr wichtige Performance-Komponenten in der Aerodynamik. Und sie haben Einfluss auf die Reifentemperaturen."

"Die Reifentemperaturen", unterstreicht er, "sind in der Formel 1 heutzutage ein entscheidendes Leistungskriterium. Ein Bremsschacht ist also genauso wichtig im Gesamtpaket eines Formel-1-Autos wie ein Frontflügel oder ein Heckflügel."

Alexander Wurz erklärt im 'ORF', worum es geht: "In der Formel 1 ist es ganz normal, dass man andere kopiert, wenn einer schneller ist. Was dann aber entschieden werden muss, entweder vor Gericht oder bei der FIA: Haben sie Zeichnungen bekommen? Haben sie wirklich 1:1 nachgebaut? Haben sie Strömungsverläufe bekommen?"

Wurz: "Copy & Paste" in der Formel 1 ganz normal

"Dann", sagt Wurz, "wären sie sicherlich auf der roten Seite des Reglements. Jedes Team hat Fotografen. Die fotografieren alles ab und haben somit eigentlich schon einmal dreidimensionale Zeichnungen angefertigt von dem Konkurrenten. Wenn sie nur das machen, na gut, das machen alle anderen auch. Da gibt's halt unterschiedliche Philosophien."

Und genau das versucht die FIA jetzt herauszufinden. Tombazis erklärt, wie akribisch gearbeitet wird: Im ersten Schritt wurden von Racing Point acht Bremsschächte konfisziert. Als klar war, dass alle gleich sind, wurden sechs ans Team zurückgegeben. Zwei (je ein Teil von der Vorder- und eins von der Hinterachse) wurden für die FIA-Untersuchung einbehalten.


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"Und wir haben Racing Point und Mercedes auch um die CAD-Daten dieser Komponenten gebeten, um einen detaillierten Vergleich anstellen und analysieren zu können, wie ähnlich sie einander wirklich sind und wo sie einander unterscheiden. Daran arbeiten wir gerade", erklärt Tombazis.

Doch im Paddock stellen sich viele die Frage: Sollten Racing Point und Mercedes wirklich wissentlich betrogen haben, wofür es derzeit keine belastbaren Hinweise gibt - wer garantiert dann, dass Mercedes freiwillig die richtigen Teile und Zeichnungen herausrückt? Wäre das Team schuldig, könnte es genauso gut Fake-Beweise zur Verfügung stellen, um die FIA-Ermittler in die Irre zu leiten.

Das scheint aber eine Sorge zu sein, die niemanden beschäftigt: "Ich vertraue dem Team der FIA voll und ganz", unterstreicht Budkowski. "Es ist ein gutes Team, und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe selbst dort gearbeitet." Und auch Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, der den Protest von außen beobachtet, sagt: "Ich bin mir sicher, die werden das ordentlich machen."

Szafnauer: Untersuchung wird uns freisprechen

Zumal Szafnauer sagt: "Wir haben alle Beweise zur Verfügung gestellt, um die wir gebeten wurden, und das ist gut so. Es gibt Dinge, die kann eine Kamera nicht sehen, zum Beispiel die inneren Oberflächen eines Bremsschachts. Wenn die FIA die Teile vergleicht, wird sie sehen, dass unsere Bremsschächte einzigartig sind und von uns designt wurden."

Dass gerade die Bremsschächte im Visier der FIA-Ermittler stehen, ist brisant. Die sogenannten "Brake-Ducts" galten 2019 nicht als "listed Part", konnten also im Vorjahr noch ganz legal von Mercedes an Racing Point verkauft werden. 2020 jedoch sind die Bremsschächte sehr wohl gelistet. Das bedeutet, dass jedes Team das eigene Copyright auf die Teile haben muss.

Nur: Wenn Racing Point 2019 noch ganz legal Zugriff auf die Mercedes-Teile hatte und für 2020 eine eigene Interpretation davon designen musste, wird's kompliziert. Denn das Wissen, das die Ingenieure 2019 erlangt haben, als sie legalen Zugriff auf die Mercedes-Bremsschächte hatten, können sie nicht einfach aus ihrem Kopf löschen.

Tombazis glaubt daher nicht, dass etwaige Whistleblower in der Affäre eine entscheidende Rolle spielen werden: "Ich glaube nicht, dass es in diesem Fall eine große Debatte darüber gibt, was passiert ist. Sondern die Debatte dreht sich darum, ob das, was passiert ist, einen Regelverstoß darstellt oder nicht. Wir müssen eher Philosoph oder Rechtsanwalt sein als Detektiv."

Mercedes steht dabei nicht im Fokus der Ermittlungen. Dass das Team von Toto Wolff so leichtsinnig wäre, einen gewaltigen Skandal zu riskieren, nur um das Partnerteam Racing Point zu unterstützen, kann sich in der Branche kaum jemand vorstellen. Auch wenn die Verbindung von Wolff zu Lawrence Stroll (beide haben Geld in Aston Martin investiert) nicht wegzudiskutieren ist.

Tombazis erklärt: Nicht ob, sondern wie ist die Frage

"Die Debatte dreht sich nicht darüber, ob Racing Point 2019 Zugriff auf diese Komponenten hatte. Sondern es geht darum, was danach passiert ist, als die Bremsschächte neu kategorisiert wurden. Das ist der springende Punkt: wie Racing Point mit diesen Informationen umgegangen ist", erklärt Tombazis.

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Nikolas Tombazis unterstützt die Kommissare bei den Ermittlungen Zoom Download

"Wenn wir herausfinden, dass Mercedes noch 2020 Informationen über die Bremsschächte weitergegeben hat, dann wäre auch Mercedes in großem Ausmaß mitschuldig. Aber darauf haben wir derzeit keinerlei Hinweise", stellt der Technische Delegierte der FIA klar.

'ORF'-Experte Wurz glaubt nicht, dass Renault vor dem FIA-Gericht Erfolg haben wird: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Racing Point und Mercedes nicht ganz genau wissen, wie weit sie gehen können und wie das Reglement ausgelegt wird. Es gibt vielleicht Nachadjustierungen aus dieser Geschichte, was erlaubt ist und was nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Probleme bekommen werden."

Und das, obwohl Racing Point sportlich einen Riesensatz nach vorne gemacht hat. Szafnauer deutet an, dass er insgeheim auf einen Top-3-Platz in der Konstrukteurs-WM spekuliert: "Ich denke, es wird einige Strecken geben, auf denen wir fast so stark sind wie Red Bull. Auf einigen Strecken mehr, auf anderen weniger."

Ob Racing Point die Punkte dann auch behalten darf, das wird voraussichtlich erst "Ende August" feststehen, befürchtet Tombazis. Denn jetzt hat Racing Point einmal drei Wochen Zeit bekommen, alle von den FIA-Kommissaren angeforderten Beweismittel einzureichen. Tombazis: "Ich glaube nicht, dass sie wirklich drei Wochen dafür brauchen werden."

Sollte dem so sein, dann könnten die Kommissare vor Silverstone zusammenkommen und "innerhalb eines Tages" entscheiden, gibt Tombazis den möglichen Zeitplan vor. Nur: Sobald das Urteil dann da ist, beginnt aller Voraussicht nach das Revisionsverfahren vor dem Internationalen Berufungsgericht der FIA - angerufen entweder von Renault oder Racing Point, je nach Zwischenergebnis ...

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