Ferrari hadert mit Einbruch: "Sonst kämpfen wir gegen das Medical-Car"
In Ungarn noch auf Pole, in Zandvoort mehr als sechs Zehntel von der Musik entfernt: Leclerc geht hart mit sich ins Gericht - Aufschwung bei Hamilton
(Motorsport-Total.com) - Im Grunde lagen beide Ferrari-Piloten im Qualifying von Zandvoort gleichauf, doch während das für den einen eine gute Nachricht ist, ist das für den anderen eine Enttäuschung. Charles Leclerc hatte sich in Ungarn noch die Poleposition geschnappt, musste sich nun aber mit Rang sechs begnügen, derweil Lewis Hamilton nach drei verpassten Q3-Einzügen endlich wieder einmal in die Top 10 kam.
"Es war okay", sagt der siebenmalige Weltmeister nach Platz sieben bei Sky. "Ich wollte an diesem Wochenende Fortschritte machen, nachdem ich in den letzten Rennen nicht mehr in Q3 war. Insofern ist es ein Fortschritt, wieder dabei zu sein."
"Klar, wir sind nicht da, wo wir sein wollen", meint er weiter. "Das Paket war dieses Wochenende ziemlich schwierig und herausfordernd. Charles war im letzten Rennen noch auf Pole, und jetzt liegen wir hier sechs Zehntel zurück - uns fehlt also offensichtlich etwas. Aber insgesamt habe ich das Wochenende bislang mehr genossen."
Für Hamilton ist es nach einer schwierigen Phase endlich ein Aufschwung. Er sagt, dass er in der Sommerpause ein paar Dinge verändert habe, noch bevor er überhaupt nach Zandvoort gekommen war. "Ich will da nicht ins Detail gehen, aber es lief dadurch insgesamt viel reibungsloser", betont er.
Zwar schien er am Freitag noch ein paar Probleme mit dem Auto zu haben, wie zwei Dreher zeigen, doch am Samstag lief es für ihn annehmbar. "Es waren sicher zwei der solidesten Tage bislang in diesem Jahr. Das hat viel mit dem Prozess und meinem Ansatz zu tun, es war alles ruhiger", so Hamilton.
Leclercs Weg diesmal nicht gefolgt
Geholfen hat ihm dabei auch, dass er nicht den gleichen Set-up-Weg wie sein Teamkollege Leclerc gegangen ist. Zwar seien beide mit der gleichen Basis gestartet, doch während Leclerc am Samstag einen anderen Weg einschlug, blieb Hamilton konstant. "Das war für mich die richtige Entscheidung", sagt er.
Denn häufig habe er in diesem Jahr Leclercs Weg probiert - ohne Erfolg. "Es hat für mich nie funktioniert", meint der Brite. "Ich lerne, wie man aus diesem Auto das Maximum herausholt. Ich suche immer nach mehr - in den Reifendrücken, in den Temperaturen, in der Fahrhöhe. Aber dieses Jahr ist es eher so, dass man konstanter bleiben muss, nicht ständig experimentieren. Das habe ich jetzt verstanden."
Und trotzdem kann man bei Ferrari mit Platz sieben eigentlich nicht zufrieden sein. "Das Team hat einen großartigen Job gemacht, aber uns fehlt hier einfach Performance."
Da benennt Hamilton das Defizit klar: "Uns fehlt Abtrieb, um die Kurven so schnell zu nehmen wie McLaren. Vielleicht liegt es am Aero-Load, vielleicht daran, dass sie die Reifen in ein anderes Fenster bekommen. Wahrscheinlich ist es beides. McLaren hat definitiv mehr Abtrieb, aber ohne viel Luftwiderstand."
"Wir müssten dafür mit mehr Flügel fahren, aber gleichzeitig die Effizienz eines kleineren Flügels haben - und das haben wir nicht. Außerdem ist das Auto sehr windanfällig, und bei den wechselnden Bedingungen war das hier extrem."
Großer Zeitverlust in Highspeed-Kurven
Auch Teamchef Frederic Vasseur übt sich in einem Erklärungsversuch: "Ich denke, es hängt viel mit dem Reifenmanagement in den Highspeed-Passagen zusammen, wie Kurven 7, 8, 9 und 10", sagt er gegenüber Sky. "Wenn man am Anfang dieses Abschnitts die Reifen etwas zu sehr beansprucht, verliert man am Ende enorm viel."
"Gestern waren wir in diesen beiden Kurven sechs oder sieben Zehntel langsamer und mussten am Auto alles umstellen - eine große Veränderung vornehmen. Aber wenn man so eine große Änderung macht und dann am Samstagmorgen nur zwei Runden zur Verfügung hat, ist es auch für den Fahrer nicht einfach, sofort das Limit zu finden."
"Heute waren wir daher angreifbar, und Charles hat in Kurve 10 einen kleinen Fehler gemacht, der uns wahrscheinlich die zweite Startreihe gekostet hat."
Leclerc ärgert sich: "Ich war schwach!"
Leclerc konnte mit dem sechsten Platz naturgemäß nicht zufrieden sein. Der Monegasse geht nach dem Qualifying hart mit sich ins Gericht: "Ich bin ehrlich gesagt sehr enttäuscht von mir selbst", sagt er bei Sky. "Ich habe heute keinen guten Job gemacht, ich war schwach."
Er sei schon das gesamte Wochenende über ein wenig im Hintertreffen gewesen und lag bis auf den letzten Q3-Versuch eigentlich auch die ganze Zeit hinter seinem Teamkollegen Hamilton. "Ich habe versucht, etwas zu finden, was vielleicht gar nicht im Auto war. Wir haben in zwei, drei Kurven sehr viel Zeit verloren - und das blieb auch im Qualifying so."
"Und indem ich versucht habe, etwas zu finden, was nicht da war, habe ich die Konstanz verloren. Besonders in Q3 habe ich meine Runde nicht gut hinbekommen, und damit bin ich überhaupt nicht zufrieden", ärgert er sich.
Leclerc sagt, dass das Auto das ganze Wochenende über so inkonstant war, dass es für ihn schwierig war, gute Referenzen zu finden und dass er daher nicht wusste, was er vom Auto erwarten kann. "Das hat definitiv nicht geholfen, aber das ist keine Ausrede", meint er. "Ich habe im Qualifying keinen guten Job gemacht."
Auto am Samstag komplett umgebaut
Doch er weiß, dass es auch deutlich schlimmer hätte kommen können. "Platz sechs sollte normalerweise das Schlechteste sein, was herauskommt", sagt er, "aber an so einem Wochenende ist Platz sechs wahrscheinlich sogar unsere stärkste Session. Wir haben das Maximum herausgeholt, aber ich glaube trotzdem, dass ich es besser hätte machen können."
Der Ferrari-Pilot meint, dass die Strecke in Zandvoort die Schwächen des SF-25 hervorheben würde. "Gerade die langen Kurven wie 9 und 10 - es ist verrückt, wie viel wir dort verlieren. Und leider kann man daran nicht viel ändern."
Nach dem Freitag habe man noch probiert, das Auto mit "einer der größten Änderungen der Saison", umzubauen, um auf die schlechte Leistung zu reagieren. "Das macht es natürlich nicht einfacher, ein konstantes Wochenende aufzubauen. Aber nach dem schlechten Freitag mussten wir etwas tun."
Das gute Gefühl wie in Ungarn, es fehlt einfach in Zandvoort. "Hier kann man in zwei, drei Zehnteln von einem Albtraum zu einer guten Startposition wechseln", so Leclerc. "Man muss perfekt sein - und das waren wir an diesem Wochenende bisher überhaupt nicht."
Vasseur: "Sonst müssen wir gegen das Medical-Car kämpfen"
Ferraris Hoffnung liegt nun auf dem Rennen, wo man sich besser aufgestellt sieht als über eine Runde. "Schlechter kann es auch nicht mehr werden - sonst müssen wir gegen das Medical-Car kämpfen", scherzt Vasseur. "Aber wir haben einen Schritt nach vorne gemacht und werden sehen."
"Der positive Punkt ist, dass wir zwei Autos haben, die gegen Russell und Verstappen kämpfen können. Man muss realistisch bleiben: Ich glaube, McLaren ist deutlich schneller als alle anderen. Aber wir müssen uns auf Verstappen und Russell konzentrieren und versuchen, vor ihnen ins Ziel zu kommen."