Trotz 80-km/h-Regel: Einstoppstrategie in Zandvoort wahrscheinlicher
Trotz schnellerer Boxengasse sieht Pirelli die Einstoppstrategie in Zandvoort als favorisiert an: Geringe Abnutzung und kühle Temperaturen bieten Flexibilität
(Motorsport-Total.com) - Pirellis Motorsportchef Mario Isola hat die strategischen Überlegungen für den Großen Preis der Niederlande in Zandvoort ausführlich erläutert. Nach den Trainingssessions deutet vieles darauf hin, dass trotz der erhöhten Boxengassengeschwindigkeit von 80 km/h eine Einstoppstrategie die realistischere Option sein könnte.
"Auf dem Papier ist eine Einstoppstrategie nicht die schnellste Variante, Medium-Hard-Hard wäre schneller, aber angesichts der Schwierigkeit zu überholen ist die Einstoppvariante möglich", erklärt Isola. Dabei gehe es nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Flexibilität: Für den Renntag wird ein 40-prozentiges Regenrisiko am Morgen prognostiziert, und die Teams möchten vorbereitet sein, falls sich die Bedingungen ändern.
"Eine Einstoppstrategie schützt die Track-Position und gibt Optionen, falls die Bedingungen sich verschieben oder ein zusätzlicher Stint nötig wird", so Isola weiter. Auch die Tatsache, dass McLaren und Aston Martin jeweils zwei Sätze harter Reifen im Einsatz haben, ermögliche den Teams zusätzliche taktische Spielräume. Ein Wechsel von Medium zu Hard sei nicht nur eine theoretische Option, sondern könne in Kombination mit einem weichen Reifen am Ende des Rennens zusätzliche Vorteile bringen.
Weiche Reifen wider Erwarten belastbar
Besonders interessant sind die weichen Reifen. "Die Teams hatten ursprünglich mit deutlich höherer Abnutzung gerechnet, aber die Rückmeldungen waren überraschend positiv", erläutert Isola. Anders als erwartet seien die Soft-Reifen nicht nur für eine schnelle Runde geeignet, sondern könnten auch im Stint kontrolliert eingesetzt werden. "Es ist nicht nur eine Frage der Abnutzung, sondern vor allem, wie man das Verschleißmanagement steuert, das die Stintlänge bestimmt."
Die kühlere Witterung im Vergleich zum Vorjahr spiele dabei eine große Rolle. Die niedrigeren Temperaturen ermöglichen eine bessere Kontrolle des thermischen Verschleißes an den Hinterreifen. "Hier geht es vor allem darum, die thermische Belastung der Hinterreifen zu managen. Wenn man das schafft, lassen sich längere Stints fahren", erklärt Isola. Gerade in Zandvoort, wo Überholmanöver schwierig sind, könne das ein entscheidender Vorteil sein.
Graining, Streckenbedingungen und Track Evolution
Ein weiterer Faktor, der die Strategie beeinflusst, ist die Streckenoberfläche. Regenfälle in den letzten Tagen haben Sand aus den Kurven auf die Strecke gespült, insbesondere in den Banking-Abschnitten wie Kurve drei und der letzten Kurve.
Das beeinflusst den Grip und kann Graining an den Reifen begünstigen. "Wenn Wasser und Sand zusammenkommen, ist der Grip niedriger als auf anderen Strecken. Das kann Graining erzeugen, aber die mechanische Belastbarkeit der Reifen ist gut. Wir haben das genau beobachtet", so Isola.
Zudem sei die Streckenentwicklung nach den Trainingssessions ein wichtiger Aspekt: "Wir haben einen deutlichen Fortschritt der Strecke gesehen, und ein Reset durch den Regen heute Nacht könnte die Bedingungen noch einmal verändern." Teams müssen daher flexibel auf die sich ändernde Strecke reagieren, sowohl bei der Reifenwahl als auch bei der Strategieplanung.
Boxengassengeschwindigkeit und taktische Überlegungen
Die erhöhte Geschwindigkeit in der Boxengasse auf nun 80 km/h beeinflusst die Marginalität zwischen Einstopp- und Zweistoppstrategie, spielt aber laut Isola nur eine untergeordnete Rolle: "Der Unterschied zwischen einer Zwei- und einer Einstoppstrategie ist eher durch das Reifenmanagement als durch die Boxengassenzeit definiert." Das Boxenstoppdelta habe sich aber um zwei Sekunden von 21 auf nun 19 Sekunden reduziert.
Die Möglichkeit, in einem Zweistopprennen zwei harte Reifen zu nutzen, ist weiterhin gegeben, doch Überholmanöver bleiben in Zandvoort schwierig. "Alle Teams passen ihre Strategie an Startposition, Rennsituation und Streckenbedingungen an. Wir können nur einen Durchschnitt für alle Teams liefern, um eine Idee der wahrscheinlichsten Strategie zu geben", erklärt Isola.