• 19. Mai 2022 · 10:23 Uhr

Ferrari versus Red Bull: Wird die Budgetobergrenze zum Zankapfel?

Der Budgetobergrenze zwingt die Formel-1-Teams, mit ihren Upgrades hauszuhalten - Umso wichtiger ist die Frage der Kontrolle vor allem im Titelduell Ferrari vs. Red Bull

(Motorsport-Total.com) - Die Formel 1 ist seit langem eine Brutstätte von Andeutungen und Anschuldigungen. Die Teams unterstellen einem schnellen Rivalen einen verbogenen Frontflügel oder einen ungewöhnlichen Geschwindigkeitsvorteil auf der Geraden.

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Red Bull hat schon aufgerüstet, Ferrari wartete die ersten Rennen ab Zoom Download

Es war daher vielleicht unvermeidlich, dass mit der Einführung des FIA-Finanzreglements die Frage in den Mittelpunkt rücken würde, wie genau diese neuen Regeln eingehalten werden. Die Spitzenteams sind sich alle bewusst, wie knapp ihre eigenen Budgets in diesem Jahr bemessen sind, und sie wissen, wie sorgfältig sie die für die Entwicklung ausgegebenen Mittel kontrollieren müssen.

Sie müssen ihre begrenzten Ressourcen im Laufe der Saison so gut wie möglich nutzen, um funktionierende Upgrades einzuführen und so den größten Nutzen für ihr Geld zu erzielen.

Ferrari wunderte sich über Red-Bull-Upgrades

Die Strategie von Ferrari bestand bisher darin, das Beste aus dem ursprünglichen Fahrzeugpaket herauszuholen und sich bis zum Rennen am kommenden Wochenende in Barcelona mit der Einführung wichtiger Updates zurückzuhalten.

In der Zwischenzeit hat das Team die Fortschritte des Rivalen Red Bull Racing mit einigem Interesse verfolgt. Unmittelbar nach dem Grand Prix von Miami deutete Teamchef Mattia Binotto an, dass Ferrari einige Fragen dazu hat, wie dieser Fortschritt innerhalb der aktuellen Beschränkungen erzielt werden kann.

"Es stimmt, dass Red Bull sein Auto verbessert hat", sagte er. "Seit Beginn der Saison haben sie Upgrades eingeführt, und wenn ich mir die vergangenen beiden Rennen anschaue, sind sie vielleicht ein paar Zehntel pro Runde schneller als wir."

Und der Ferrari-Teamchef ergänzte: "Ich hoffe, weil es auch eine Budgetgrenze gibt, dass Red Bull irgendwann die Entwicklung einstellt, sonst verstehe ich nicht, wie sie das machen können. Wenn es eine Sorge gibt, dann ist es die, wie viel sie entwickeln, wenn man die Budgetgrenze bedenkt. Aber mehr als eine Sorge ist es vielleicht eine Hoffnung, denn irgendwann müssen sie aufhören..."

Auf die Frage nach den eigenen Plänen von Ferrari antwortete er: "Wir haben nicht das Geld, um bei jedem einzelnen Rennen für Upgrades zu sorgen. Ich denke, so einfach ist das. Nicht, weil wir es nicht können, sondern wegen der Budgetgrenze."

"Also müssen wir versuchen, die Entwicklung auf den Zeitpunkt zu konzentrieren, an dem wir glauben, dass es der richtige Moment und die richtigen Ausgaben sind", so Binotto.

Horner: "So ziemlich jedes Team ist am Limit"

Die Botschaft war klar: Ferrari versteht nicht, wie Red Bull sein Auto in den vergangenen Wochen verbessern konnte, ohne so tief in sein R&D-Budget zu greifen, sodass es nicht in der Lage sein wird, das Tempo im Laufe der Saison zu halten. Die FIA sollte daher ein wachsames Auge darauf haben, was Red Bull tut.

Es war ein weiteres Signal dafür, dass die finanziellen Regelungen zu einem Schlachtfeld zwischen Ferrari und Red Bull werden könnten, wenn sich das Titelrennen im Laufe der Saison 2022 zuspitzt. So wie die Teams in der Vergangenheit immer die Legalität neuer Teile oder Upgrades eines Rivalen ins Visier genommen haben, werden sie nun bewerten, wie viel das Ganze gekostet haben wird.

"Ich denke, dass so ziemlich jedes Team in diesem Jahr ziemlich nah am Limit ist", stellte Red-Bull-Chef Christian Horner schon vor dem ersten Rennen fest. "Es ist sehr aggressiv, also muss man sehr strategisch vorgehen, wie man seine Mittel einsetzt."

"Anstatt einfach so schnell wie möglich zu fahren und so viel Leistung wie möglich aus dem Auto herauszuholen, muss man - wegen der Kosten - viel selektiver bei der Auswahl sein."

Es ist nun Aufgabe der FIA unter der Leitung von Federico Lodi, der für die Finanzvorschriften zuständig ist, dafür zu sorgen, dass sich alle an die Regeln halten - und dass alle Grauzonen beseitigt und Schlupflöcher gestopft werden.

Die Ausarbeitung dieser Vorschriften war mit großem Aufwand verbunden. Lodi war drei Jahre lang Finanzdirektor der Scuderia Toro Rosso. Er kennt den Sport also von innen. Bei der Ausarbeitung der Regeln wurde er vom damaligen Finanzchef der Formel 1, Nigel Kerr, unterstützt, der zuvor bei Honda/Brawn/Mercedes tätig war, während die Teams ebenfalls einen gewissen Beitrag dazu leisteten.

Wie die neuen Finanzregeln erarbeitet wurden

Es ging nicht nur um die Zahlenjongleure. Die Technikchefs der FIA und der Formel 1, Nikolas Tombazis und Pat Symonds, hatten ebenfalls großen Anteil an der Berechnung der Ausgaben der Teams für die Entwicklung und den Betrieb der Autos.

"Es ist klar, dass wir bei der Entwicklung des Reglements sehr, sehr eng mit der Formel 1 zusammengearbeitet haben", sagte Lodi gegenüber 'Motorsport.com', bevor die Regeln in Kraft traten. "Ich kenne Nigel seit zehn Jahren und wir verstehen uns gut. Wir haben die Finanzregelung gemeinsam entwickelt."

"Und es ist klar, dass es mehrere Verbindungen und Überschneidungen mit dem technischen Reglement gibt. Daher sind Nik und Pat natürlich auch an den Diskussionen beteiligt. Wenn wir hingegen über den Ausschluss von Kosten sprechen, wie Marketing, Personalwesen, Rechtsfragen, sind nur Nigel und ich dabei."

"Darüber hinaus wurden wir während des gesamten Prozesses von Deloitte UK unterstützt. Sie haben uns von Anfang an begleitet. Sie verfügen über viel Erfahrung im Bereich der Sportregulierung und haben das finanzielle Fairplay für die UEFA entworfen."


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Das Reglement wurde über mehrere Jahre hinweg verfeinert. Nachdem sich die Teams inmitten der Corona-Pandemie 2020 darauf geeinigt hatten, das Volumen weiter zu reduzieren, gab es einen Vorstoß für noch mehr Details.

So berücksichtigen die Regeln nun Themen wie Mutterschaftsurlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die Aufteilung der Löhne von Mechanikern, die hauptsächlich an historischen und Vorführwagen arbeiten, aber auch beim aktuellen Programm zum Einsatz kommen könnten. Das macht deutlich: Jeder Dollar zählt jetzt, da die Teams versuchen, unter der Obergrenze zu bleiben.

Binotto: "Ich habe volles Vertrauen in die FIA"

Die Folgen einer Überschreitung der Obergrenze werden schwerwiegend sein. Deshalb wird derzeit über eine Inflationsanpassung nach oben diskutiert, die den Teams, die wirklich nahe am festgelegten Limit sind, ein wenig Luft verschaffen soll.

Doch trotz aller Bemühungen, die in die Ausarbeitung und Verfeinerung des Finanzreglements geflossen sind, gibt es immer noch einige Zweifel daran, wie sie ausgelegt werden und wie streng sie tatsächlich durchgesetzt werden können.

"Ich habe volles Vertrauen in die FIA", antwortete Binotto, als er in Imola gefragt wurde, ob es Grauzonen gebe. "Aber es besteht kein Zweifel daran, dass es sich um ein brandneues Reglement handelt, und wie bei allen Regeln gibt es immer einen Wettbewerbsvorteil, wenn man versucht, sie richtig zu lesen."

"Das heißt nicht, dass es Grauzonen gibt, aber es ist die Art und Weise, wie die Teams das Reglement verstehen, lesen oder interpretieren können. Ich denke also, dass die FIA große Anstrengungen unternehmen muss, um das zu kontrollieren. Sie muss das interne Personal und die Anzahl der Leute, die diese Sache irgendwie prüfen und kontrollieren, verstärken, weil das ein Schlüsselelement ist."

Es war interessant, dass Binotto darauf hinwies, dass die FIA mehr Personal benötigt - angesichts der Tatsache, dass der Dachverband selbst mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hat, scheint eine große Einstellungsaktion für zusätzliche Prüfer unwahrscheinlich. Allerdings hat die FIA nun Kerr offiziell an Bord, der Lodi hilft.

Binotto wies auch auf eine der größten Herausforderungen hin, vor denen die FIA steht, um eine Balance zu schaffen. Jedes Team hat ein etwas anderes Geschäftsmodell: Einige bauen ihre eigenen Motoren, Getriebe und Aufhängungsteile, während andere einige oder alle dieser Elemente in unterschiedlichem Maße zukaufen.

Was die Kontrolle der Finanzen schwierig macht

Das vielleicht komplizierteste Arrangement ist das in Milton Keynes, wo Red Bull Racing und Red Bull Technology parallel arbeiten, wobei letztere auch AlphaTauri beliefern.

Binotto bemerkte: "Ich denke, es ist wichtig, dass die FIA am Ende wirklich die größtmöglichen Anstrengungen unternimmt, um die verschiedenen Vermögenswerte der verschiedenen Unternehmen und Teams zu verstehen, wie sie das Geld ausgeben und wie sie die Art und Weise rechtfertigen, wie sie es ausgeben."

"In dieser Hinsicht ist es eine große und schwierige Aufgabe. Aber wir haben Vertrauen in sie. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich selbst organisieren werden, um dies zu meistern. Aber ich denke, dass weitere Anstrengungen erforderlich sind."

Bei der Formulierung der Regeln musste die FIA tief in das Geschäftsmodell jedes Teams vordringen und beispielsweise berücksichtigen, dass Haas mehr Teile von Ferrari kauft als jedes andere Team von außen bezieht oder dass Red Bull Racing RBR und Red Bull Technology RBT zusammenarbeiten.

"Ich denke, dass wir dies in der Finanzverordnung berücksichtigt haben, weil Red Bull Technology im Grunde genommen unter die Erklärung von RB Racing fällt", erklärt Lodi.

"Die Kosten, von denen wir sagen, dass sie für ein Team anfallen, beziehen sich auf eine Berichtsgruppe, die aus den juristischen Gruppeneinheiten des Teams besteht, die die Kosten für die Formel-1-Aktivitäten im Namen des Teams übernehmen. Red Bull Technology fällt also unter die Erklärung von Red Bull Racing."

Teamchefs wollen bei Finanzregeln nachschärfen

Die anderen Teamchefs sind sich einig, dass das System im Wesentlichen robust ist und gut funktioniert - aber es gibt immer Spielraum für weitere Verschärfungen und Klarstellungen, wenn die oft unvermeidlichen Grauzonen auftauchen.

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V. l.: Günther Steiner (Haas), Jost Capito (Wlliams), Mike Krack (Aston Martin) Zoom Download

Jost Capito von Williams betont: "Die Arbeit, die jedes Team mit der FIA in Bezug auf den Kostendeckel und seine Überwachung leistet, ist immens. Es gibt eine Menge Diskussionen mit Finanzleuten der Teams und der FIA, wie man das verbessern kann."

"Gerade jetzt haben wir das erste Jahr hinter uns, und natürlich ist es ein so komplexes System, dass es weiterentwickelt werden muss. Es gibt eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Finanzdirektoren der Teams, um es weiter zu entwickeln. Aber es ist auch viel Arbeit mit der FIA, die das ziemlich gut kontrolliert."

"Es ist wie mit den sportlichen und technischen Regeln", sagt Mike Krack, Teamchef von Aston Martin. "Wenn man sie genau liest, erkennt man Bereiche, die einen gewissen Spielraum zulassen, ob man sie nun grau nennt oder nicht. Wenn man also das Limit überschreitet oder nicht, wird man darauf hingewiesen, genau wie das bei den technischen und sportlichen Vorschriften der Fall ist."

"Ich denke, es gibt immer Grauzonen", sagt Haas-Teamchef Günther Steiner. "Aber ich denke, die FIA gibt sich viel Mühe und leistet gute Arbeit, um das im Griff zu haben."

"Niemand versucht, irgendjemandem Sand in die Augen zu streuen. Wenn man eine Grauzone findet, kann man sie ausnutzen, aber ich glaube nicht, dass es viele Schlupflöcher gibt, um etwas zu tun, was nicht in großen Strafen enden würde", so Steiner.

Budgetobergrenze hat ihren Zweck bisher erfüllt

Die Aussicht, dass die Formel-1-Weltmeisterschaft 2022 in einem Rechtsstreit darüber enden könnte, wie viel ein Team für die Verbesserung seines Autos ausgegeben hat, ist nicht sehr verlockend. Schließlich ging es in diesem Sport schon immer darum, die Grenzen der Technologie auszuloten.

Wir müssen aber auch das große Ganze im Auge behalten. Die Formel 1 befindet sich derzeit in einem gesunden Zustand, weil die Finanzvorschriften eingeführt wurden, um das Feld zu bündeln und zehn gesunde Teams in der Startaufstellung zu halten.

Beteiligte wie Renault und Gene Haas konnten sehen, dass die Formel 1 kein Fass ohne Boden mehr ist, und wurden daher ermutigt, sich weiterhin zu engagieren. Dabei hat niemand behauptet, dass es einfach sein würde, die neuen Regeln umzusetzen.

"Es war eine Herausforderung, es war schwierig", sagt Lodi, "denn es ist natürlich auch ein Umdenken. Die Formel 1 war immer nur an technische und sportliche Regeln gewöhnt. Es gab schon früher Fälle, in denen versucht wurde, finanzielle Regelungen einzuführen, aber es erwies sich als unmöglich.

"Aber dieses Mal waren alle sehr, sehr entschlossen und engagiert, das anzugehen, weil wir ein nachhaltiges Geschäftsmodell für die Teams für die Zukunft haben wollten."

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