• 03. September 2018 · 06:39 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Was steckt hinter den Gerüchten um ein Karriere-Ende von Kimi Räikkönen? Unser Chefredakteur Christian Nimmervoll analysiert die Situation des "Iceman" ...

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,

Kimi Räikkönen

Kimi Räikkönens Zukunft wird sich in den nächsten Tagen entscheiden Zoom Download

so geht sie also zu Ende, die Formel-1-Karriere von Kimi Räikkönen. Was 'Motorsport-Total.com' schon am 29. Juni vermeldet hat, wurde am Rennsonntag in Monza von verschiedenen Medien erneut aufgegriffen. Nämlich dass Ferrari endlich eine Entscheidung getroffen hat, und dass sie für Charles Leclerc und gegen den "Iceman" gefallen ist.

Die Story, dass Sergio Marchionne bereits im Juni entschieden haben soll, Leclerc das Ferrari-Cockpit zu geben, ist zumindest für unsere Leser nicht neu. Wir haben mehrfach darüber berichtet, dass Marchionne sogar das Sauber-Team schon darüber informiert hat, Leclerc 2019 voraussichtlich im Werksteam zu brauchen. Das war kurz nach dem Grand Prix von Kanada.

In Montreal nämlich musste sich Räikkönen mit den Vorwürfen einer Kellnerin auseinandersetzen, die behauptete, Räikkönen habe sie am Rande des Grand Prix 2016 begrapscht. Dass das Marchionne, einem wohlerzogenen Geschäftsmann der alten Schule, nicht schmeckte, versteht sich von selbst. Und weil sich in jener Phase Räikkönen viele Fehler leistete und Leclerc fuhr wie ein angehender Weltmeister, wurden die Weichen auf Leclerc gestellt.

Und zwar viel früher, als alle glaubten. Unsere Meldung, Leclerc könne Räikkönen noch während der Saison ersetzen, wurde im Juni von vielen Kollegen belächelt und zerrissen. Inzwischen ist bekannt: Ferraris Bekleidungshersteller Puma hatte für den Grand Prix von Belgien schon Leclerc-Rennoveralls in Ferrari-Rot produziert. Genau so, wie wir es berichtet hatten.

Nach Marchionnes Tod ist alles anders

Aber dann starb Marchionne, Leclerc machte im Sauber Fahrfehler, wie sie Formel-1-Rookies eben machen, und Ferrari-intern gewannen die Kimi-Fans Oberwasser. Gino Rosato, der "Statthalter" von Teamchef Maurizio Arrivabene, ist so einer, hört man. Und natürlich Sebastian Vettel, der am liebsten ewig mit dem "Iceman" weiterfahren würde.

Doch, so berichten es die Kollegen von 'Auto Bild motorsport', am Samstagabend in Monza soll Ferrari-Präsident John Elkann ein Machtwort gesprochen haben: Marchionnes letzter Wille sei zu respektieren. Heißt: Es bleibt bei der ursprünglichen Entscheidung, Räikkönens Vertrag nicht zu verlängern und Leclerc nach Maranello zu holen.

'auto motor und sport' war das erste Medium, das darüber berichtete, und irgendwann sprang dann auch 'RTL' auf den Zug und griff das Thema in der Live-Übertragung auf. Eine offizielle Bestätigung steht immer noch aus. Und ich frage mich ehrlich gesagt, ob die Entscheidung wirklich schon hundertprozentig in Stein gemeißelt ist. Denn es gibt Indizien, die dagegen sprechen.

Zum Beispiel, dass Räikkönen den Tifosi bei der Siegerehrung gesagt hat, er werde es "beim nächsten Mal" wieder probieren. Das klingt nicht nach Abschied aus Monza. Oder dass er bereits am Donnerstag in der FIA-Pressekonferenz angedeutet hat, dass die Entscheidung einzig und allein beim Team liege und nicht bei ihm. Das suggeriert: Er selbst würde gern weitermachen.

Räikkönen selbst am meisten enttäuscht

Ich glaube, Kimi Räikkönen hat letzte Nacht ganz gut geschlafen. Weil ihn nichts aus der Ruhe bringen kann. Aber es sind entscheidende Wochen für den weiteren Verlauf seiner Karriere, und dass er den so sehnlichst erhofften Sieg nicht ins Ziel gebracht hat, war letztendlich eine große Enttäuschung. Am allermeisten für ihn selbst.

Ich hatte schon lange keine Gänsehaut mehr wegen der Formel 1, aber der Jubel der Tifosi nach Räikkönens Pole-Position am Samstag erinnerte ein klein wenig an die verrückte Stimmung nach dem legendären 1988er-Doppelsieg. Nichts gegen Vettel: Der Deutsche kann Weltmeister werden, er spricht Italienisch, die Tifosi mögen ihn. Aber Kimi lieben sie, das spürt man, noch ein bisschen mehr.

Das ist nicht nur in Monza so, sondern auf der ganzen Welt. Und gerade die Tifosi hatten schon immer die Neigung, diejenigen am stärksten zu vergöttern, die ihnen selbst am ähnlichsten, die am leidenschaftlichsten sind. Perfektionisten kommen weniger gut an als Fahrer mit Ecken und Kanten, mit sympathischen Fehlern.

Gerhard Berger und Jean Alesi waren eine in Italien unglaublich populäre Fahrerpaarung, nach der es der kühle Analytiker Michael Schumacher aus dem verspießten Deutschland schwer hatte. Selbst wenn ihnen "Schumi" fünf WM-Titel geschenkt hat: Von Alesis erstem und einzigem Sieg in Kanada 1995, mit der legendären 27 von Gilles Villeneuve, reden die Tifosi heute noch.

Wagt es niemand, den FIA-Präsidenten zu verstimmen?

Und trotzdem soll das Kapitel Kimi Räikkönen nun zu Ende gehen. Angeblich, so wird im Paddock geredet, weil es sich die neue Führung in Maranello nicht mit FIA-Präsident Jean Todt, einem ehemaligen Ferrari-Teamchef, verscherzen möchte.

Dazu muss man wissen: Leclerc wird gemanagt von Nicolas Todt, dem Sohn des FIA-Präsidenten. Der wäre natürlich einigermaßen enttäuscht, wenn es stimmen sollte, dass Marchionne die Ferrari-Zusage bereits gegeben hat und seine Nachfolger sie nun zurückziehen wollen. Und mit Söhnen von so mächtigen Papas legt man sich besser nicht an.

Der neue Ferrari-CEO Louis Camilleri hatte am Wochenende seinen ersten Auftritt im Formel-1-Paddock. Er sprach auch über Räikkönen. Teamchef Arrivabene werde die Entscheidung treffen, sagte er. Und schob damit den Schwarzen Peter ab, falls es doch nicht Leclerc werden sollte. Doch dann hat, so wird es berichtet, John Elkann am Samstag die Verantwortung übernommen. Und Räikkönen rausgeschmissen.

Es werden spannende nächste Tage in der Frage, wer 2019 Sebastian Vettels Teamkollege wird. Wäre ich der Entscheider (und es hat gute Gründe, dass ich das nicht bin), würde ich an Räikkönen festhalten. Nicht weil ich glaube, dass er mittel- bis langfristig der bessere Fahrer als Leclerc ist. Ist er nicht. Sondern wegen Vettel.

Vettel: Besser nicht aus der Komfortzone holen

Vettel fühlt sich wohl so, wie es ist, und was passiert, wenn er das nicht tut, haben wir 2014 erlebt, als ihm bei Red Bull der aufstrebende Newcomer Daniel Ricciardo vor die Nase gesetzt wurde. Ricciardo gewann drei Rennen, Vettel keins - und am Saisonende war er so entnervt von der Situation, dass er das Handtuch warf und zu Ferrari flüchtete.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Vettel wäre sicher dazu in der Lage, sich gegen Leclerc durchzusetzen. Aber wenn er eine Schwäche hat, dann die, dass man ihn besser nicht aus seiner Komfortzone holt. Denn wenn die Dinge mal nicht nach seinem Schnabel laufen, wirft er sehr schnell die Nerven weg - und kann in weiterer Folge nicht seine besten Leistungen abrufen.

Daher, lieber John Elkann, lieber Louis Camilleri und lieber Maurizio Arrivabene: Lasst Kimi noch ein Jahr fahren! Ihr würdet damit nicht nur dem Fahrer einen Gefallen tun, der Ferraris größte Chance ist, endlich wieder Weltmeister zu werden. Sondern ihr würdet - zumindest für 2019, um Leclerc noch lernen zu lassen - auch die sportlich beste Entscheidung treffen. Und ihr hättet die Sympathien hunderttausender Kimi-Fans auf der ganzen Welt auf eurer Seite.

Denn dass Kimi Räikkönen trotz seiner 38 Jahre immer noch sehr schnell Autofahren kann, das hat er in Monza eindrucksvoll bewiesen.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Günther Steiner: Diese Disqualifikation tut weh. Haas wusste genau, dass der Unterboden umgebaut werden muss, hat es aber trotzdem nicht getan. Sicher auch ein bisschen Schuld der FIA, weil auf eine wichtige E-Mail der Haas-Ingenieure nicht geantwortet wurde. Aber letztendlich hätte man ahnen können, dass sich da Unheil zusammenbraut. Den Schuh muss sich Steiner als Gesamtverantwortlicher für die Technik anziehen. Ärgerlich, weil Haas so den vierten WM-Platz erstmal an Renault verliert.

Valtteri Bottas: Ich nehme Toto Wolff sogar ab, was ihm die Kollegen von 'RTL' nicht geglaubt haben, nämlich dass die gewählte "Blockas"-Strategie auch für den Finnen selbst besser war. Aber das ist nicht der Punkt. Auch wenn sie schlechter gewesen wäre, hätte Mercedes so agiert. Bottas ist jetzt endgültig die Nummer 2 bei Mercedes - eine Lage, in die Nico Rosberg nie gekommen ist. Das ist für 2018 angesichts des Punktestands okay. Die Frage ist, ob er aus diesem Sumpf jemals wieder herauskommt. Ich befürchte: Nein.

Übrigens: Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat, ist ja wohl sonnenklar. Das kann nur Lewis Hamilton sein. Mit seinem für die WM so wichtigen Sieg in Monza hat sich auf unserem Schwesternportal de.motorsport.com mein Kollege Stefan Ehlen auseinandergesetzt.

Ihr
Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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