• 19. Juni 2018 · 09:03 Uhr

1979: Ein Frankreich-Grand-Prix für die Ewigkeit

Wie Renault dank deutscher Technik in Dijon 1979 den ersten Turbo-Sieg der Formel 1 einfuhr, all das aber neben dem größten Duell der Grand-Prix-Historie verblasste

(Motorsport-Total.com) - Für Historiker war der Frankreich-Grand-Prix 1979 ein besonderer Leckerbissen: Er brachte den ersten Turbo-Sieg in der Formel 1 durch Jean-Pierre Jabouille, der mit seinem ersten von zwei Grand-Prix-Triumphen auch für die erste Renault-Sternstunde seit 1906 sorgte. Doch darüber sprach nach dem Rennen niemand. Denn das Rennen in Dijon steht noch heute ganz klar im Zeichen des Duells zwischen Gilles Villeneuve und Rene Arnoux, dem für viele größten Zweikampf der Formel-1-Historie. Wir lassen die denkwürdigen Ereignisse Revue passieren:

Vor dem Heimrennen in Dijon steht Turbopionier Renault mit dem Rücken zur Wand. Genau ein Jahr nach der ersten Zielankunft eines Turbo-Boliden qualifizieren sich Jean-Pierre Jabouille und Rene Arnoux beim Klassiker nur für die letzte Startreihe. Jabouille kommt zwar ins Ziel, wird aber wegen seines Rückstands von acht Runden nicht gewertet. In den französischen Medien wird die Truppe von Gerard Larrousse, die nach wie vor punktelos ist, zerrissen und verspottet.

Die "gelbe Teekanne", wie der Renault-Bolide wegen seiner regelmäßigen Motorenexplosionen genannt wird, ist wieder in aller Munde. Larrousse kann inzwischen auf 170 Mitarbeiter - das ist für diese Ära rekordverdächtig - zurückgreifen und hat mit dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Arnoux 1979 erstmals einen zweiten Piloten engagiert. Doch die Statistik ist niederschmetternd: In 25 Rennen und nicht ganz zwei Jahren kam der Bolide nur sechs Mal in die Wertung.

Wie deutsche Technik Renault zum Durchbruch verhilft

Dass der Grand Prix von Schweden abgesagt wird, weil die beiden Lokalhelden Ronnie Peterson und Gunnar Nielsen innerhalb weniger Monate auf tragische Weise ihr Leben ließen, kommt den geprügelten Franzosen nicht ganz ungelegen. Bis zum Heimspiel hat man nun fünf Wochen Zeit, den RS10 auf Vordermann zu bringen und ein weiteres Debakel zu verhindern.

Renault, Turbo, 1979

Wunderwerk oder Rohrkrepierer? Am Renault-Turbo scheiden sich die Geister Zoom Download

Da es noch lange kein Testverbot in der Formel 1 geben sollte, wird das Team zu Versuchsfahrten in Dijon verdonnert. Trotz des Monaco-Debakels gibt es einen Hoffnungsschimmer: Erstmals stattete man im Fürstentum beide Zylinderreihen mit einem eigenen Turbolader der deutschen Firma KKK aus anstatt wie bisher nur einen Garrett-Lader zu nutzen - und die Piloten sprachen von einem viel besseren Ansprechverhalten, wodurch das Turboloch kein so großes Problem mehr darstellen sollte.

Das deutsche Fabrikat ist im Gegensatz zum britischen Produkt keine Sonderanfertigung und ist dadurch rascher erhältlich, außerdem ist es kleiner, haltbarer und bietet einen Drehzahlgewinn von 1.200 Touren.

Renault plötzlich für Jabouille zu schnell

Bei den Tests, an dem auch andere Teams teilnehmen, arbeitet man an der Verfeinerung des Konzepts, außerdem hat Renault den deutschen Turbolader optimiert. Und siehe da - auf dem schnellen, hügeligen Kurs läuft das bis dahin so giftige "Biest" plötzlich ungewohnt gutmütig. "Der neue Motor war nicht leistungsstärker, aber viel weniger brutal", erinnert sich der bereits 36-jährige Jabouille, ein gelernter Ingenieur, der auch ein hervorragender Teamplayer ist. "Früher gab man Gas, dann passierte nichts, man gab etwas mehr Gas, und plötzlich kam die ganze Power. Die Gasannahme war nun sanfter und setzte bei 5.500 bis 6.500 Touren anstatt bei 6.500 bis 7000 Touren ein."

Jean-Pierre Jabouille, Rene Arnoux

Erstaunt: Die Renault-Piloten Jabouille und Arnoux orten große Fortschritte Zoom Download

Und auch das neue RS10-Chassis, das erste Gound-Effect-Auto der Franzosen, das ebenfalls in Monaco debütiert hat, spielt in den schnellen Kurven von Dijon plötzlich seine Stärken aus: Der enorme Abtrieb, den es über die Schürzen und den Unterboden generiert, harmoniert perfekt mit der Turbo-Power. Und das Auto ist ungewöhnlich standfest. Der 30-jährige Arnoux, der erst seine zweite Saison bestreitet, spult bei seinem Dauertest 76 Runden am Stück ab. Das ist beinahe eine komplette Renndistanz (80 Runden), und es geht nur der Auspuff zu Bruch. Jabouille schafft sogar 90 Runden. Als er danach noch einmal einsteigen muss, bricht er nach 60 Runden ab.

Diesmal ist es nicht das Auto, das den Belastungen nicht gewachsen ist, sondern der Pilot. "Es war das erste Mal, dass ich meinen Kopf nicht mehr gerade halten konnte und er auf meine Schultern gepresst wurde", verweist Jabouille auf die enormen G-Kräfte, die der Saugeffekt des Unterbodens vor allem in der schnellen Pouas-Zielkurve verursacht. "Das Auto war plötzlich so gut ausbalanciert, die Reifen waren gut - und wir waren einfach viel schneller."

Designer prophezeit Turboära

Das entgeht auch der Konkurrenz nicht: Designer Harvey Postlethwaite, dessen Wolf-Team nach James Hunts Rücktritt dem jungen Keke Rosberg eine Chance gibt, traut seinen Augen nicht, als der Renault bei Start-Ziel vorbeischießt. Und er prognostiziert den Beginn der Turbo-Ära: "Ich werde das nie vergessen: Plötzlich schien ein Topspeed auf, der 20 mph (32 km/h; Anm. d. Red.) schneller war als alles, was wir bisher gesehen hatten. Da war mir klar, dass wir bald alle Turbomotoren brauchen würden."


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Noch ist es aber nicht so weit: Bis auf die Werksteams von Ferrari und Alfa-Romeo sowie Alfa-Kunde Brabham sind alle anderen Teams mit den legendären Cosworth-V8-Motoren unterwegs, die mit drei Litern doppelt so viel Hubraum haben dürfen wie der Renault Turbo.

Das wahre Entwicklungsrennen scheint aber bei der Aerodynamik stattzufinden: Nach dem legendären Schürzenauto Lotus 79, mit dem Mario Andretti 1978 den Titel geholt hat, gewinnt die Truppe von Colin Chapman ein Jahr später nichts mehr, weil der Lotus 80 floppt und Ferrari, Ligier und Williams die Technologie deutlich besser weiterentwickeln.

Drama um Lokalmatador Depailler

Mit zwei Siegen hat der Südafrikaner Jody Scheckter vor Dijon die WM-Führung an sich gerissen und Lokalmatador Jacques Laffite im Ligier abgelöst. Bei den Lokalmatadoren spielt sich ausgerechnet vor dem Heimrennen ein Drama ab: Laffites Teamkollege Patrick Depailler bricht sich beim Absturz mit dem Paragleiter beide Beine und fällt für die verbleibende Saison aus. Als Ersatz für den WM-Dritten holt man das 34-jährige belgische Le-Mans-Ass Jacky Icky aus der Formel-1-Pension zurück.

Als der Vizweltmeister des Jahres 1970 im ersten Training in den Ligier einsteigt, um sich zu akklimatisieren, erkennt er die Formel 1 nicht wieder. Nach zehn Runden fährt er an die Box und klagt: "Ich halte mich für sehr fit, aber die Fliehkräfte hier sind ehrlich gesagt kaum auszuhalten. Nach nur fünf schnellen Runden kann ich meinen Kopf nicht mehr gerade halten."

Comeback-Star Ickx erkennt die Formel 1 nicht wieder

Tatsächlich taumelt Ickx nach dem Aussteigen wie ein Betrunkener, hat seinen Kopf nicht mehr unter Kontrolle. Doch die Not mach erfinderisch: Die Ingenieure basteln für den Routinier eine spezielle Kopfstütze, die man hinten am Cockpit befestigt und die die Belastungen lindern soll.

Das sind aber nicht die einzigen Probleme der Truppe von Guy Ligier, die bis dahin drei von sieben Saisonrennen für sich entschieden hat: Trotz verbesserter Seitenkästen und einer neuen Vorderradaufhängung kommt Titelkandidat Laffite nicht mehr auf die starken Zeiten von den Testfahrten. "Das Schlimmste ist, dass wir nicht einmal wissen, wo das Problem ist", schiebt der Mann mit dem schwarzen Helm Frust und lässt die Aufhängung umbauen. Doch auch das hilft nur bedingt.

Der tiefe Fall von Titelverteidiger Andretti

Mario Andretti

Katastrophe: Titelverteidiger Andretti schafft es nur auf Startplatz zwölf Zoom Download

Auch bei Titelverteidiger Andretti, der im Gegensatz zu Teamkollege Carlos Reutemann weiter auf das Sorgenkind Lotus 80 setzt, deutet das Training trotz vieler technischer Neuerungen keinen Aufwärtstrend an.

Auf die Frage, ob auch ihm die Fliehkräfte in den schnellen Kurven zusetzen, sagt er süffisant: "Ich würde mich freuen, wenn es so wäre, aber ich merke gar nichts." Bei Lotus-Boss Chapman ist die Krise hingegen noch nicht angekommen: Der logiert im mondänen Schlosshotel von Rigny, 75 Kilometer von der Strecke entfernt. Und lässt sich täglich in seinem Bell-Jet-Ranger-Hubschrauber einfliegen.

Jean-Pierre Jabouille

Ein am Überrollbügel befestigtes Band soll Jabouilles Kopf stützen Zoom Download

Apropos fliegen - Renault bestätigt tatsächlich die starke Form und ist im Training nicht zu schlagen. Jabouille, dessen Bolide inzwischen ebenfalls mit einer Kopfstütze versehen ist, fährt eine Bestzeit nach der anderen. Nur einer kann mithalten: Ferrari-Star Gilles Villeneuve, der seinen 312 T4 hinter Jabouille und Arnoux auf Startplatz drei stellt. WM-Leader Scheckter steckt dahinter als Fünfter im Alfa-Sandwich zwischen Nelson Piquet und Niki Lauda.

Qualifying-Sensation: Beide Renault erstmals in erster Reihe

Jean-Pierre Jabouille

Der Renault RS10 bestätigt im Qualifying die starken Testleistungen Zoom Download

Auffällig ist, dass die Renault-Raketen bei den Speed-Messungen plötzlich nicht mehr so überlegen sind wie bei den Tests. Villeneuve hat eine Theorie: "Ihr Leistungsvorteil erlaubt es ihnen, mehr Flügel zu fahren als alle anderen. Deswegen sind sie auch in den Kurven so schnell, wo sie die Zeit holen." Auf die Frage, ob er im Rennen eine Chance hat, zuckt der 29-Jährige mit den Schultern: "Es ist unmöglich, ihre Zeiten mitzugehen."

Dennoch hat Villeneuve den Sieg im Visier: "Ich muss gewinnen, um die Lücke zu Jody zu schließen", spielt er auf den Rückstand von zehn WM-Punkten an. "Und wenn Jabouille beim Start in Führung geht, dann wird es unmöglich sein, ihn zu überholen, also brauche ich einen guten Start, um mich zumindest zwischen die Renaults zu drängen." Die Franzosen beten währenddessen, dass es am Sonntag nicht zu einer Hitzeschlacht kommt. "Wir haben schon so oft auf den Sieg gehofft und sind dann enttäuscht worden", will Rennleiter Jean Sage nur ja keine Prognosen abgeben und hofft auf die Zuverlässigkeit.

Eklat bei Stucks ATS-Team

Jochen Mass

Einziger Deutscher: Jochen Mass im brandneuen "Bomber" Zoom Download

Die wird beim Deutschen ATS-Team rund um Hans-Joachim Stuck keine Rolle mehr spielen. Denn Boss Günter Schmid ist fuchsteufelswild und zieht seinen Boliden vom Start zurück, obwohl sich sein bayrischer Pilot qualifiziert hat. Der Grund: Wegen Stucks guter Trainingszeit stellte Reifenlieferant Goodyear dem deutschen Team für das Zeittraining Qualifikationsreifen zur Verfügung, holte den linken Vorderreifen aber wieder zurück, weil man ihn bei Lauda brauchte.

Als Ersatz erhielt man einen Pneu, bei dem die Qualitätskontrolle geschlampt hatte. Teamchef Fred Opert ersetzte diesen dann mit einem Rennreifen, doch Boss Schmid will das nicht auf sich sitzen lassen und lässt sein Team packen. "Damit will ATS gegen die Reifenpolitik von Goodyear protestieren", schimpft er, worauf Teamchef Opert sauer das Handtuch wirft: "Ich will mich vom Besitzer nicht ständig überstimmen lassen." Damit ist Jochen Mass, der den brandneuen Arrows A2 auf Startplatz 22 stellt, der einzige Deutsche im Feld. Der "Bomber", wie das Auto genannt wird, ist extrem innovativ, sollte sich aber wegen der viel zu weichen Federn nie durchsetzen.

Als am Rennsonntag 70.000 Zuschauer nach Dijon strömten, um dabei zu sein, wenn zum ersten Mal zwei Renault-Boliden aus der ersten Startreihe starten, rechnet fast niemand mit einem Sieg für die Franzosen, obwohl der Himmel wirklich bedeckt ist. Schon gar nicht, als Villeneuve tatsächlich seine Drohung wahrmacht und einen Raketenstart hinlegt. Der reicht sogar aus, um beide Renault-Boliden zu überholen, weil Arnoux kaum in die Gänge kommt und auf Platz neun zurückfällt.

Traumstart mit Ansage: Villeneuve trickst Renaults aus

Rene Arnoux, Gilles Villeneuve

Traumstart für Gilles Villeneuve: Die Renault-Piloten verlieren die Führung Zoom Download

Schuld ist das Turboloch des Boliden - und die Nerven des Piloten: "Ich stand zum ersten Mal in der ersten Reihe, und da ist man ganz schön nervös." Während Arnoux daraufhin seine Aufholjagd beginnt, kämpft Jabouille um die Führung, doch Villeneuve will den Verfolger auf keinen Fall vorbeilassen und fährt komplett am Limit. "Ich wusste, dass das auf die Reifen geht, aber was wäre die Alternative gewesen?", fragt er. "Dritter werden und schlafen gehen?"

Gilles Villeneuve, Jean-Pierre Jabouille, Jody Scheckter

Anfangsphase: Jabouille kommt nicht an Villeneuve vorbei und setzt auf Schongang Zoom Download

Rasch erkennt Jabouille, dass es ein Fehler ist, sich von Villeneuve in ein Duell verwickeln zu lassen. Denn er hat im Gegensatz zu Arnoux die weichere Michelin-Reifenmischung gewählt, die mehr Grip und somit weniger Untersteuern bietet, aber auch einen sorgsamen Umgang verlangt. Außerdem benötigt der Renault mehr Sprit und ist damit in der Anfangsphase schwerer, was ebenfalls den Reifen schadet.

"Ich merkte, dass ich möglicherweise das Rennen ganz verlieren würde, wenn ich das Tempo von Villeneuve gehalten hätte", erklärt er. "Also ließ ich mich zurückfallen, wollte abwarten." Der Plan geht tatsächlich auf: Zuerst brechen beim drittplatzierten Ferrari-Piloten Scheckter die Rundenzeiten ein, was Jabouille durch die Boxentafeln mitbekommt, dann kann auch Villeneuve ab Runde 30 das hohe Tempo nicht mehr ganz halten.

Villeneuve wird zum Reifenopfer

Jabouille knabbert am Vorsprung des Ferrari und holt pro Runde eine Sekunde auf. In der 47. Runde geht der Lokalmatador unter dem Jubel der Zuschauer bei Start-Ziel in einem souveränen Manöver an Villeneuve vorbei, der zwar kontern will, aber keine Chance hat. Zu gut liegt der Renault Jabouilles.

Rene Arnoux

Vive la France! Die Zuschauer sind begeistert, als Jabouille in Führung geht Zoom Download

Dennoch scheint der zweite Platz des Kanadiers ungefährdet, denn Arnoux fehlen 19 Sekunden auf das Führungsduo. Jabouille ist aber zu diesem Zeitpunkt schon bewusst, dass es für seinen Verfolger lange 33 Runden werden: "Ich habe gesehen, dass seine Reifen am Ende waren, und ich habe mich gefragt, wie er das Ziel erreichen will." Auch Michelin-Rennleiter Pierre Blanchet wirkt verunsichert: "Vielleicht haben wir uns mit den Reifen für Ferrari vertan ..."

Tatsächlich werden in der Ferrari-Box bereits frische Michelin-Reifen vorbereitet, doch das ist für Villeneuve keine Alternative. Währenddessen kommt der bereits überrundete WM-Leader Scheckter herein und fällt auf Platz acht zurück. Zunächst bleibt der Rückstand Arnouxs auf Villeneuve gleich, doch ab der 60. Runde legt der Franzose ordentlich zu und macht in zehn Umläufen 15 Sekunden gut. "Der Wagen unter- und übersteuerte unglaublich", erklärt Villeneuve. "Und dazu traten auch noch Vibrationen auf. Ich konnte nichts gegen Arnoux machen."

Arnouxs Aufholjagd wird von Technik gebremst

In der 75. Runde ist Arnoux erstmals im direkten Windschatten des Ferrari, Villeneuve verbremst sich. Die Zuschauer hält nichts mehr auf ihren Sitzen, denn die Doppelführung für Renault ist zum Greifen nahe. Was sie nicht wissen: Plötzlich läuft auch Arnouxs Renault nicht mehr reibungslos.

"Gilles wäre kein Gegner gewesen, aber acht Runden vor Schluss bekam ich Probleme mit der Benzinversorgung", offenbart der Lokalmatador, dass das Benzinabsaugsystem im Tank Defekt ist "In den langen Kurven setzte meine Maschine aus." Dabei benötigt er unbedingt nach der Zielkurve einen guten Ausgang, um seinen Freund auf der Start-Ziel-Geraden zu schnappen.

Ende der 77. Runde - also drei Runden vor der Zielflagge - gelingt ihm genau das: Er kommt besser aus der Zielkurve als Villeneuve, den es nach außen getragen hat, und nutzt die Renault-Power, um als Zweiter in die erste Kurve zu stechen. Villeneuve wehrt sich und versucht, auf der Außenbahn gegenzuhalten, muss sich aber geschlagen geben. Die Zuschauer reißen die Arme in die Höhe und brüllen vor Freude.

Villeneuves Revanche aus dem Nichts

Die Schlacht scheint geschlagen, denn Villeneuves Bolide übersteuert, und der Kanadier kommt mit rund 20 Wagenlängen Rückstand auf die Start-Ziel-Gerade zurück. Was dann passiert, ist Gilles Villeneuve pur: Der Grenzgänger zögert den Bremspunkt so lange hinaus, dass er Arnoux komplett überrascht. Mit komplett blockierendem rechten Vorderrad sticht er über alle vier Räder rutschend innen in die erste Kurve und hat wieder die Oberhand im Duell.

"Ich wollte den Platz so schnell wie möglich zurückholen, denn ich wusste, dass er nicht damit rechnete", erklärt Villeneuve seine Strategie. "Ich war nicht wirklich nahe genug, aber ich habe einfach sehr spät gebremst." Inzwischen weiß er, dass auch mit dem Renault etwas nicht stimmt: "Ich hatte damit gerechnet, dass er wie Jabouille davonfahren würde, aber ich konnte mithalten, obwohl meine Reifen kaputt waren. Er musste also auch ein Problem haben."

Als Villeneuve in die letzte Runde geht, kämpft er beim Anbremsen der ersten Kurve erneut mit qualmenden Reifen. Arnoux setzt sich neben ihn, und die beiden fahren Rad an Rad durch die ersten zwei Kurven, berühren einander. Arnoux kommt von der Strecke ab, Villeneuve sticht innen hinein, erneut treffen die Räder aufeinander.

Rad-an-Rad-Duell für Götter

In der Kurve vor der Spitzkehre versucht Villeneuve, die Tür zuzumachen, berührt dabei aber mit dem Seitenkasten Arnouxs rechtes Vorderrad, wodurch der Renault in Front schießt. Und Villeneuve lässt nicht locker: Arnoux versucht vor der Spitzkehre, Schwung zu holen, und lässt die Tür offen. Villeneuve nutzt die Chance und sticht innen durch. "Wir haben uns sicher fünf- oder sechsmal berührt", offenbart der Ferrari-Pilot, der nun noch einmal alles aus den völlig verschlissenen Reifen herausholt.

Arnoux heftet sich an die Fersen des Ferrari, erwischt in der Zielkurve die bessere Linie, doch es reicht nicht, um Villeneuve noch abzufangen. Kaum jemand hat wirklich mitbekommen, dass Jabouille 15 Sekunden vor den beiden gerade Motorsportgeschichte geschrieben hat. Arnoux überholt Villeneuve erst nach der Ziellinie, doch der Zweitplatzierte erweist seinem Freund die Ehre und dankt ihm per Handzeichen für das tolle Duell.

Als der abgekämpfte Ferrari-Pilot aussteigt, umarmt er Arnoux und deutet mit seiner Wasserflasche auf die Reifenspuren an seinem Boliden. Bei der Gratulation an Jabouille beweist Villeneuve, der erst 1981 den ersten Ferrari-Turbosieg feiern sollte, Humor: "Endlich hat er mit diesem Flammenwerfer gewonnen." Der erkennt, dass er trotz seines Sieges gar nicht im Mittelpunkt steht. Und sagt etwas später: "Als ich das Video sah, hat es mich nicht mehr überrascht."

Sieger im Schatten des Duells

Jean-Pierre Jabouille

Die Renault-Granden bejubeln den ersten Turbo-Sieg der Formel-1-Geschichte Zoom Download

Jabouille ist dennoch stolz auf seinen Sieg: "Alles daran stammt aus Frankreich. Der Motor, die Reifen, der Sprit. Und es ist uns sogar zu Hause gelungen." Was er in diesem Moment vergisst: Ohne die zwei KKK-Turbolader wäre das Wunder wohl nicht möglich gewesen.

Um sofort präventiv gegen den Vorwurf vorzugehen, der Renault sei ob der sensationellen Leistungsexplosion illegal gewesen, weist Renault-Rennleiter Sage die technischen Delegierten an, die Motoren zu überprüfen. Diese bauen tatsächlich die Triebwerke aus und erkennen, dass alles mit rechten Mitteln zugegangen ist.

Der Medienrummel in der Renault-Hospitality ist enorm, doch Teamchef Larrousse kämpft sich durch die Menschenmassen, schnappt den Arm von Arnoux und sagt zu ihm: "Komm' mit, ich habe eine Überraschung für dich." Er zieht seinen Piloten in die Marlboro-Hospitality, wo ein großer Fernseher aufgebaut ist. "Lass uns den Film anschauen ..."

Warum Arnoux und Villeneuve einander vertrauen

Rene Arnoux, Gilles Villeneuve

Villeneuve und Arnoux: Die beiden Freunde sind stolz auf ihr großes Duell Zoom Download

Der atemberaubende Zweikampf flimmert noch einmal über den Bildschirm - und als der immer noch im Rennanzug steckende Franzose seinen Fehler erkennt, schlägt er sich mit der Hand auf die Stirn und starrt Larrousse an. Doch der sagt kein Wort, erhebt sich und spendet Beifall für seinen Piloten. Er ist nicht der einzige. "Nur mit Gilles konnte ich so eine Show abliefern", erklärt Arnoux später gegenüber dem Magazin 'F1 Racing', woher das gegenseitige Vertrauen der beiden kam. "Wir waren gute Freunde, und ich mochte ihn sehr. Wir kannten einander ganz genau. Dadurch war das Duell extrem, aber es ist nichts passiert."

Villeneuve habe gewusst, dass ihn sein Rivale nicht von der Strecke boxen würde, "und ich war sicher, dass Gilles nicht über eine paar Berührungen hinausgehen würde." Doch das sehen nicht alle so: Bei der Sitzung der Fahrergewerkschaft beim nächsten Rennen in Silverstone werden Villeneuve und Arnoux von den Routiniers Lauda, Fittipaldi und Scheckter für ihr Verhalten auf der Strecke zur Rede gestellt.

Und stoßen bei Villeneuve, der in der WM vier Punkte hinter dem späteren Champion Scheckter Zweiter ist, auf absolutes Unverständnis: "Was wissen denn die schon?", sagt er. "Ich konnte nicht glauben, was sie uns vorgeworfen haben. Sind das nicht auch Rennfahrer?"

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