• 16. Juni 2017 · 13:50 Uhr

Unbeliebte Reifentests: Wie Ferrari die Konkurrenz austrickste

Wie Ferrari im Vorjahr die Pirelli-Reifentests optimal nutzte, um Mercedes in die Knie zu zwingen, und was das mit Michael Schumachers Erfolgsära zu tun hat

(Motorsport-Total.com) - Wie ist es Ferrari gelungen, dass der SF17H die Pirelli-Reifen als einziges Auto auf jeder Strecke in das optimale Betriebsfenster bringt? "Es handelt sich dabei um ein italienisches Mysterium", befeuert Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff Verschwörungstherorien, wonach der Reifenhersteller aus Mailand den Roten aus Maranello die neuen Pneus auf den Leib schneiderte. Dabei scheint die Antwort auf die Frage viel einfacher zu sein. Und sie findet sich im Jahr 2016.

Sebastian Vettel

Cleverer Testträger: Das Ferrari-Testauto kam den 2017er-Boliden am nächsten Zoom Download

Um sich optimal auf die um fünf Sekunden schnelleren Boliden im Jahr 2017 vorzubereiten, forderte Pirelli im Vorjahr 25 Reifen-Testtage, bei denen es ausschließlich um die Entwicklung der neuen, breiteren Reifengeneration gehen sollte. Und während Red Bull und Mercedes ihre 2015er-Boliden mittels Schürzen und dem 2017 nicht erlaubten unteren Heckflügelement schneller machten, um die angepeilten Rundenzeiten zu erreichen, ging Ferrari bei der Interpretation der Pirelli- und FIA-Vorgaben deutlich aufwändiger und mutiger zu Werke.

Der SF15-T wurde neben den Schürzen mit einem wie 2017 verwendeten breiteren Heckflügel versehen, auch der breitere Diffusor erinnert an das aktuelle Modell. Ausgehend vom Frontflügel wurde die Luftführung des Boliden an das neue Reglement angelehnt, außerdem stellte man den Boliden erstmals deutlich an, was bei Ferrari bis dahin unüblich war. Pirelli zeigte sich mit den Änderungen nur bedingt glücklich, denn der italienische Bolide lieferte nicht annähernd die Abtriebswerte des Red Bull.

Mercedes räumt Fehler ein

Doch wie sehr Pirelli davon profitiert, war auf der Prioritätenliste der Scuderia nicht ganz oben. Vielmehr stand es im Vordergrund, die Tests optimal zu nutzen und sich einen Vorteil zu verschaffen. Und das scheint gelungen: Ferrari setzt beim neuen SF17H bei der Anordnung der Leitbleche und beim Seitenkasten-Design auf die cleverste Lösung. Außerdem ergaben sich durch die neuen Reifen keine Korrelationsprobleme, wie dies zum Beispiel bei Red Bull der Fall war. Vielleicht, weil man die Reifentests am besten nutzte, um für 2017 zu lernen?


Ferrari-Reifentest in Barcelona

Bei Mercedes scheint man inzwischen erkannt zu haben, dass man die Pirelli-Tests nicht optimal genutzt hat. "Da haben wir geschlafen", gibt der Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzende Niki Lauda offen zu. Und auch Wolff wirft ein: "Im Nachhinein hätten wir es vielleicht besser machen sollen." Damit spielt der Österreicher darauf an, dass Mercedes wie Red Bull davon absah, die Stammfahrer für die Pirelli-Tests zu nominieren.

Während der testfaule Lewis Hamilton überhaupt nie im Schürzen-Auto saß und Nico Rosberg gerade mal 209 Kilometer absolvierte, hielten sich auch Daniel Ricciardo (200) und Max Verstappen (517) vornehm zurück. Anders als Kimi Räikkönen mit 1.054 und vor allem Sebastian Vettel mit 2.228 Kilometern.

Vettel 2.228 Kilometer - Hamilton 0 Kilometer

Lewis Hamilton, Sebastian Vettel

Konträr: Hamilton verweigert Testfahrten, Vettel lässt keine Gelegenheit aus Zoom Download

Ist der viermalige Weltmeister deswegen 2017 so stark wie schon lange nicht mehr? "Der Fahrer wird jetzt nichts gelernt haben, aber Pirelli hat vielleicht den einen oder anderen Kommentar aufgenommen", glaubt Wolff gegenüber 'Sky' nicht daran, dass Vettel selbst von seinen Erfahrungen mit den Pirelli-Pneus profitiert hat, aber der Ferrari-Pilot eventuell Einfluss auf die Entwicklungsrichtung nehmen konnte. "Das kann sich auswirken. Macht das jetzt den Unterschied oder nicht? Ich glaube nicht, aber es ist ein winzigkleiner Faktor, der ein Mosaiksteinchen darstellt."

Ein Pascal Wehrlein, der für Mercedes den Großteil der 2017er-Testarbeit verrichte, habe für Pirelli "sicher nicht die Glaubwürdigkeit eines Sebastian Vettel", hält es Wolff für möglich, eine Gelegenheit verpasst zu haben. "Und jeder Fahrer wird das beste für sich herausholen, und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, ist das etwas, was ich vielleicht anders gemacht hätte."

Warum Mercedes seine Stammpiloten nicht nominierte

Warum Wolff seine Stammpiloten nicht nominierte? Der Mercedes-Motorsportchef nennt den Titelkampf als Grund: "Wir hatten im Vorjahr eine ganz andere Ausgangssituation und mit Rosberg und Hamilton zwei Fahrer, die um die Weltmeisterschaft gefahren sind. Und die gesagt haben, dass sie lieber nicht testen, wenn es nicht unbedingt sein muss - mit einem Auto, das ein ganz anderes Abtriebsniveau und ganz andere Reifen hat."

"Alles, was ich bei den Tests gelernt hätte, hätte ich wieder loswerden und neu lernen müssen."Lewis Hamilton
Man fürchtete, dass die Piloten in einer heiklen Phase der Saison 2016 das Gefühl für den F1 W07 verlieren: "Das führt so weit, dass beide Fahrer an den Rennwochenenden nicht einmal mit einem Straßenauto fahren, um sich hier nicht verzetteln. Und das ist verständlich." Interessant ist, dass Hamilton bis heute davon überzeugt ist, dass die Pirelli-Tests für die Fahrer komplett verzichtbar waren. "Ich hätte meine Zeit damit vertan und bin so froh, dass ich nicht gefahren bin", meint der Brite.

Der Grund? Das Übergangsauto hatte laut Hamilton nichts mit dem 2017er-Boliden zu tun: "Es hatte so viel weniger Abtrieb und war außerdem leichter. Wir hätten die Reifen damit ohnehin nicht in das gleiche Arbeitsfenster gebracht. Alles, was ich gelernt hätte, hätte ich wieder loswerden und neu lernen müssen."

Wie Vettel Pirelli beeinflusste

Sebastian Vettel

Wissbegiering: Kaum ein Fahrer quetscht die Pirelli-Ingenieure aus wie Vettel Zoom Download

Offensichtlich sind aber nicht alle seiner Meinung. "Ich habe in der Vergangenheit viele Reifentests gemacht, und das ist mit Abstand der beste Weg, um die eigene Performance und die des Teams zu verbessern", erklärte Ex-Formel-1-Pilot Stefan Johansson in seinem Blog. Seiner Ansicht nach basieren die aktuellen Reifen großteils auf seinem Input bei den Tests.

"Und wenn Vettel einen Reifen hat, der seinem Fahrstil entgegenkommt und mit dem er sich 100-prozentig wohl fühlt, dann benötigt er weniger Zeit, das Auto nach seinen Wünschen abzustimmen. Er kann sofort attackieren." Daher hält er es "unglaublich klug" von Vettel und "unglaublich dumm von den anderen Fahrern, die Zeit nicht zum Testen zu nutzen. Denn genau das hat auch Michael Schumacher getan: Er nutzte jede Gelegenheit zum Testen." Tatsächlich war die Dominanz des Rekord-Weltmeisters mit Ferrari auch darauf zurückzuführen, dass er in Zeiten ohne Testbeschränkungen jede Gelegenheit zu Reifentests nutzte.

Vettel spielt Reifentests herunter: "Fahre einfach gerne"

Doch wie sieht das der Heppenheimer, der in den vergangenen Jahren besonders mit dem Verhalten der Pirelli-Pneus haderte, selbst? "Ich wurde gefragt, ob ich fahren möchte, und dann habe ich gesagt: Ja klar!", spielt er die Angelegenheit herunter. "Weil es erstens interessant war, überhaupt ein Gefühl für die Reifen zu bekommen, wie sich die Autos vielleicht nächstes Jahr anfühlen. Ich fahre gerne, also war für mich die Frage relativ leicht zu beantworten." Ob Mercedes die Tests weniger ernst genommen hat als Ferrari, kann Vettel laut eigenen Angaben nicht beantworten: "Ich weiß nicht, was die gemacht haben."

Pascal Wehrlein

Der Mercedes-Testbolide verfügte nicht über den breiteren Heckflügel Zoom Download

Und auch auf die Frage, ob Ferrari und er profitiert haben, gibt er sich zurückhaltend: "Im Endeffekt ist es schwer zu sagen, weil das Auto doch sehr anders war." Zudem wisse man bei einem Reifentest nicht genau, was Sache ist, da dieser "blind" über die Bühne geht - nur der Reifenhersteller selbst hat ein Bild davon, welche Reifen an das Auto geschraubt werden, außerdem kommen auch Experimentierreifen zum Einsatz.

Vettel ist aber bekannt dafür, die Pirelli-Ingenieure bei jeder Gelegenheit auszuquetschen. Manchmal müsse man ihn bremsen, weil er mehr Fragen stelle als er Antworten gibt, meinte Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery einst. Außerdem war er beim Einstieg der Italiener im Jahr 2011 als einiger Fahrer in der Fabrik, um sich von den neuen Reifen ein Bild zu machen - und dominierte die Saison später nach Belieben.

Ferrari: Die anderen Teams hatten die gleiche Chance

"Sebastian ist ein professioneller Fahrer, und als er testete, gab er uns nach jedem Versuch detaillierte Informationen, wie er die unterschiedlichen Sätze beurteilt", erzählt Pirelli-Manager Mario Isola von den Reifentests im Vorjahr. "Er hat gesagt, dass er dies und das aus diesem und jenem Grund mag. Der Fahrer versucht natürlich, uns in seine Richtung zu lenken. Als er einen Reifen hatte, der nach seinem Geschmack war, dann sagte, dass es sich um einen guten Reifen handle." Pirelli verfüge aber über die Telemetriedaten, mit denen man die Aussagen der Fahrer verifizieren könne.

Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene gibt abschließend zu, dass es "eine große Hilfe war", die Stammfahrer für die Tests zu nominieren. "Niemand hält aber die anderen Teams davon ab, das gleiche zu tun. Wir haben es getan, weil wir der Ansicht waren, dass es wichtig ist, da die Reifenmaße geändert wurden, aber das ist kein Geheimnis."

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