• 20. April 2016 · 22:26 Uhr

Ringen um Chassis-Regeln 2017: Pirelli muss Formel 1 retten

Um fünf Sekunden schnellere Autos? 30 Prozent mehr Abtrieb? Die Formel 1 glaubt selbst nicht mehr an das Aero-Reglement für 2017 - Die Lösung führt über die Reifen

(Motorsport-Total.com) - Die Bestätigung, dass der Pirelli-Testplan vom FIA-Weltrat am Mittwoch beschlossen wurde, war der Startschuss zum entscheidenden Rennen für den italienischen Reifenhersteller. Denn ob das neue Aerodynamik-Reglement für 2017, das die Autos schneller, aggressiver und überholfreundlicher machen soll, ein Erfolg wird, hängt zu einem großen Teil von Pirelli ab.

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Pirelli arbeitet an einem Reifen, der das Überholen erleichtern soll Zoom Download

Die Italiener, die in den vergangenen Jahren immer wieder in der Kritik standen, haben versprochen, für 2017 einen breiteren Pneu zu konstruieren, der auf Temperaturänderungen nicht so empfindlich reagiert und damit auch beim Folgen eines anderen Boliden nicht so schnell überhitzen sollte. Das könnte das Überholproblem lösen.

Routinier Massa: Ist das neue Reglement zwecklos?

Doch es gibt Zweifel, ob Pirelli tatsächlich in der Lage ist, diese Aufgabe zu stemmen und für die Boliden, die um fünf Sekunden pro Runde schneller werden sollen, einen entsprechenden Reifen zu entwickeln. "Ich glaube nicht, dass es viel ändern würde, die Autos um fünf Sekunden schneller zu machen", sagt mit Felipe Massa einer der routiniertesten Fahrer im Feld. Er traut es Pirelli nicht zu, einen Reifen zu bauen, der den angedachten Belastungen von 30 Prozent mehr Abtrieb standhält.

"Derzeit sind die Reifen eine Runde lang gut, aber dann ist der Abbau riesig. Das 2017er-Auto wäre also vielleicht im Qualifying wirklich schnell, aber im Rennen wäre es so wie jetzt. Die Reifen müssen einfach konstanter werden", fordert der Brasilianer.

Während das aufgeweichte Testreglement bereits beschlossen wurde, gibt es beim Chassis-Reglement plötzlich Zweifel bei den Teams. Der McLaren-Vorschlag war zwar bereits vom Motorsport-Weltrat beschlossen worden, doch nun sind nur noch Red Bull und McLaren der Ansicht, dass man damit den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Warum das Reglement 2017 kaum abgewendet werden kann

Der größte Kritiker des 2017er-Aerodynamik-Reglements ist Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Wenn wir jetzt etwas ändern, dann gibt es sicher wieder eine klare WM-Entscheidung. Mit weniger Überholmanövern", fürchtet der Teamchef der seit der Reglementumstellung 2014 dominanten Silberpfeile. "Wir sollten das aktuelle Reglement lassen!"

Um tatsächlich bei den aktuellen Regeln zu bleiben, müssten die Teams, die FIA und Bernie Ecclestones FOM dies einstimmig unterstützen - außerdem benötigt es die Unterstützung von 18 von 25 Mitgliedern der Formel-1-Kommission, in der die wichtigsten Interessensvertreter der Formel 1 sitzen. "Aber da wird es wohl keine Mehrheit geben, dass wieder umzustürzen und mit etwas Neuem zu kommen", glaubt Wolff, dass die neuen Aerodynamik-Regeln nicht mehr abgewendet werden können.


Fotostrecke: Schwarzes Gold: Alle Reifenhersteller der F1

Während Wolff meint, dass Mercedes bei einer Beibehaltung des Reglements eher eingeholt werden könnte, sieht Red-Bull-Teamchef Christian Horner dies ganz anders. "Ich sehe die Änderungen positiv", sagt der Brite. "Die Autos werden dramatischer aussehen und schwieriger zu fahren sein. Es handelt sich außerdem um eine große Änderung, also wird das Feld etwas durchgemischt. Das wären dann die ersten gravierenden Änderungen seit der Mercedes-Dominanz, also ist das für alle eine Herausforderung."

Fahrer: Mehr Abtrieb ist der falsche Weg

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In Schanghai gab es dieses Jahr zahlreiche Überholmanöver Zoom Download

Selbst wenn plötzlich ein anderes Team an der Spitze ist, fürchten sich vor allem die Fahrer vor Rennen, in denen wegen der Aufwertung der empfindlichen Aerodynamik nicht mehr überholt werden kann. "Die Aerodynamik ist eine gute Sache, denn sie gibt einem durch die Kurvengeschwindigkeiten ein tolles Gefühl", erklärt Ferrari-Star Sebastian Vettel das Problem. "Derzeit ist es aber sehr schwierig, einem anderen Auto zu folgen. Deswegen bin ich für eine einfachere Herangehensweise - die Formel 1 muss wieder purer und wilder werden." Sprich: eine Beschneidung der Aerodynamik und mehr Grip über die Reifen.

Während die Piloten vor einem Jahr noch schnellere Autos gefordert hatten, liegt ihr Schwerpunkt nun auf den Zweikämpfen. "Wenn man 30 Prozent mehr Abtrieb hat, dann geht das sicher in die falsche Richtung", stimmt WM-Leader und Mercedes-Pilot Nico Rosberg seinem Landsmann Vettel zu. "Das Ziel sollte sein, mehr Kämpfe und Überholmanöver zu ermöglichen." Dieser Meinung seien auch die anderen Piloten, meint der Wiesbadener.

Was bei den Fahrern für dieses Umdenken gesorgt hat? Rosberg hält die Sache für ein Missverständnis. Seiner Meinung nach hätte man die Autos anstatt der Aerodynamik auch über die Mechanik schneller machen können. "Ich bin auch für schnellere Autos, aber nicht durch mehr Abtrieb", stellt er klar.

Neues Reglement: Erfolg führt über die Reifen

Dazu kommt, dass Lewis Hamilton im Qualifying von Bahrain eben einen neuen Streckenrekord aufgestellt hat. Die Autos sind also bloß im Rennen zu langsam - und die Pneus der limitierende Faktor. "Man sollte dafür sorgen, dass wir weniger Abtrieb verlieren, wenn wir hintereinander fahren", fordert Red-Bull-Pilot Daniil Kwjat. Mehr mechanischer Grip, der über die Reifen hergestellt wird, "könnte auch dazu beitragen, dass man in einem Stint härter und länger pushen kann."

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Pirelli arbeitet für 2017 an völlig neuen, breiteren Reifen Zoom Download

Was er über die aktuellen Pneus denkt? "Sie bieten uns eine anspruchsvolle Aufgabe", drückt sich der Russe diplomatisch aus. "Aber ich weiß nicht, ob es genau das ist, was die Formel 1 will." Während der von McLaren stammende Reglementvorschlag, der die Aerodynamik aufwertet, also nicht gerade für enorme Vorfreude auf 2017 sorgt, verteidigt Rennleiter Eric Boullier das Konzept seines Teams.

"Wenn ein Auto mehr Abtrieb hat, dann haben die Fahrer mehr Vertrauen, um einen anderen Fahrer auszubremsen", glaubt der Franzose. "Wenn die Aerodynamikphilosophie, wie bei unserem Vorschlag, dann auch noch weniger vom Frontflügel anhängig ist, dann wird das Überholen einfacher."

Alles wird jedenfalls auch davon abhängen, ob es Pirelli bis nächstes Jahr gelingt, bei schwierigen Anforderungen die aktuellen Reifenprobleme auszumerzen. Denn Abtrieb hin oder her - die Kraft kommt nur auf die Straße, wenn auch die Reifen mitspielen. "Wir haben nur sechs Monate, um alles zu studieren und die richtigen Schritte einzuleiten", weiß Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery um die Herausforderung. Die Formel 1 muss hoffen, dass es den Italienern gelingt.

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