• 30. Mai 2022 · 06:19 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Daniel Ricciardo

Eine einstige Vorzeigekarriere, die sich seit 2018 immer weiter von der Überholspur entfernt: Daniel Ricciardo kämpft gerade um seine Zukunft in der Formel 1

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

Daniel Ricciardo

Daniel Ricciardo konnte das Ruder nicht einmal in Monaco herumreißen Zoom Download

in unseren Livestreams und Podcasts, beides per Natura sehr meinungslastige Formate (genau wie diese Kolumne), habe ich die komplette Saison 2021 hindurch immer wieder erklärt, dass das schon wird mit Daniel Ricciardo und McLaren, und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Australier sein wahres Gesicht zeigt und Lando Norris endlich in die Schranken weist.

Norris, so meine Theorie, ist gut. Ziemlich gut. Der Zweitbeste (nach George Russell) aus dem goldenen Formel-2-Jahrgang 2018. Aber Ricciardo, der hat immerhin 2014 die goldenen Jahre von Sebastian Vettel bei Red Bull beendet, und er war bisher der Einzige, der es als Teamkollege mit Max Verstappen aufnehmen konnte. Das sollte für Norris eigentlich reichen. Dachte ich.

Es ist wohl an der Zeit, mich zu korrigieren.

Meine erste Begegnung mit Ricciardo

Was war das nicht für ein toller Rennfahrer, dieser Ricciardo! Und ein sympathischer noch dazu. 2011 bestritt er auf dem Hungaroring gerade mal sein drittes Formel-1-Rennen. Wir waren am Donnerstag zum Interview verabredet, doch eine Panne der FIA mit ihren Pässen führte dazu, dass ich, genau wie viele andere, stundenlang vor den Toren der Rennstrecke warten musste.

Ich, damals noch ziemlich unbeholfener Jungjournalist ohne großes Netzwerk, war stolz wie Oskar, denn irgendwie hatte ich es kurz davor geschafft, mir Ricciardos Handynummer zu besorgen. Also schrieb ich dem Herrn kurzerhand eine SMS und informierte ihn darüber, wer ich bin und dass das nix wird mit unserem geplanten Interview um 15 Uhr, und ob es denn nicht möglich wäre, das später nachzuholen.

Als ich es dann endlich doch noch schaffte in die Hospitality von HRT, Ricciardos erstem Team in der Formel 1 (geführt übrigens von einem Deutschen, Colin Kolles), da meinte er nur: "Ach, du bist das!" Und nahm sich die Zeit.

Das wäre heutzutage völlig undenkbar. Erstens, weil ich zwar auch heute noch einige Handynummern von Fahrern habe, diese aber praktisch nie benutze - weil sie sich ohnehin nur genervt fühlen und es verständlicherweise begrüßen, wenn sich um Störenfriede wie mich erstmal die Presseabteilung kümmert.

Welche Rolle Colin Kolles damals spielte

Colin Kolles spielte damals eine nicht unwesentliche Rolle im Unterbau von Red Bull. Nicht nur, dass Helmut Marko mit ihm einen Deal machte, um Ricciardo zu seinem Formel-1-Debüt zu verhelfen, zog er später auch die Fäden dabei, den angehenden Topdesigner (und möglichen Newey-Nachfolger) James Key von Sauber zu Toro Rosso nach Faenza zu vermitteln. Eine Anekdote aus den Untiefen der Formel 1, die die Wenigsten kennen.


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Ricciardo jedenfalls setzte seine Duftmarke. Zuerst bei HRT, dann 2012 und 2013 zunächst bei Toro Rosso, wo er sich im Duell gegen einen gewissen Jean-Eric Vergne (inzwischen zweimaliger Formel-E-Champion) zwar nicht mühelos, aber letztendlich doch durchsetzte. 2014 schlug er dann Vettel bei Red Bull, und den Rest seiner Karriere haben die meisten meiner Leser sicher noch im Kopf, sodass ich diese nicht nacherzählen muss.

In all den Jahren hat uns der Australier unheimlich viel Freude bereitet. Mit seinem herausragenden Speed, der an guten Tagen auf Verstappen-Niveau war (und an schlechten nur knapp dahinter), aber vor allem mit seinem herzerfrischenden Zweikampfverhalten. Ricciardo, das war der, der so spät bremsen und so sensationell überholen konnte wie kein anderer. Ein Ruf, der ihm fast schon wieder abhandengekommen ist.

Was ist passiert ab Sommer 2018?

2018 schien er dann abzukommen von der Überholspur in der Formel 1. Am Ende der Saison hatte er gegen Verstappen mit 170:249 Punkte das Nachsehen, und auch wenn ihm in Monaco unter dem Schlagwort "Redemption" mit einem angeschlagenen Red Bull und 160 PS Systemleistung weniger noch einer seiner besten Siege gelang, zeichnete sich schon ab, dass der Abstand zu Verstappen im Laufe der Zeit immer größer wurde.

Ende Juni 2018 war die Formel 1 in Österreich zu Gast, und kurz vor dem Heim-Grand-Prix von Red Bull besuchte ich Helmut Marko in dessen Büro in Graz. Am frühen Morgen führte ich mit ihm ein Interview, und einen der Termine nach mir hatte Ricciardo - um über seinen Vertrag für 2019 zu sprechen.

Ricciardo war nach zwei Siegen in Schanghai und Monte Carlo und zwei vierten Plätzen in Montreal und Le Castellet gerade auf der Höhe seines Schaffens. Verstappen hingegen hatte noch keinen Grand Prix gewonnen und bekam intern erstmals leise Kritik zu hören, dass er sich doch bitte besser konzentrieren und womöglich von seinem Vater Jos emanzipieren solle.

Gute Karten also für Ricciardos Vertragsverlängerung.

Am Abend jenes Tags in Graz traf ich noch einmal auf Marko, und im Vorbeigehen erkundigte ich mich, wie das Meeting mit Ricciardo gelaufen sei. Da grinste der Doktor, und er deutete an, dass das ziemlich gut aussehe mit der Vertragsverlängerung. Man habe sich die Hand gegeben, aber es werde ziemlich teuer. Ein Insidertipp, auf Basis dessen damals übrigens diese Story entstanden ist.

Warum Ricciardo doch nicht bei Red Bull geblieben ist

Irgendwann später wurde Ricciardo ziemlich plötzlich klar, dass er gegen einen immer stärker werdenden Verstappen wohl in Zukunft keine Chance mehr haben würde, und unterzeichnete bei Cyril Abiteboul einen Renault-Vertrag für 2019.

Eine Entscheidung, die er sich irgendwann einmal, wenn er seine Karriere beendet hat, als Fehlentscheidung eingestehen wird. Erstens, weil er Abiteboul nicht mag, und zweitens, weil sie sportlich der Anfang vom Ende war.


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Irgendwas muss in jenem Sommer 2018 passiert sein mit Daniel Ricciardo. Er war seither nie wieder ganz der Alte. Sicher, er hat bei Renault einige sehr gute Leistungen gezeigt, je länger er dort fuhr, und er hat, werden viele jetzt sagen, Monza 2021 auf McLaren gewonnen, vor Norris.

Stimmt. Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, dann war er auch in Monza nicht der Schnellere der beiden McLaren-Fahrer.

Zak Browns Aussagen sind bestimmt kein Zufall

Ricciardo, das ist die traurige Wahrheit, macht keinen Stich gegen Norris, und er tut das seit nunmehr fast eineinhalb Jahren nicht. Jetzt scheint Zak Brown, dem CEO von McLaren, der Geduldsfaden zu reißen. Gleich zweimal hat Brown in der Woche des Indy 500 öffentlich gesagt, dass er sich mehr erwartet habe vom Sonnyboy aus Australien.

Wenn einer wie Zak Brown sowas sagt, dann ist das kein Zufall. Bisher hat McLaren dem (teuren) Starfahrer immer den Rücken gestärkt. Teamchef Andreas Seidl tut das immer noch. Good Cop, bad Cop. Am Ende wird stehen, dass man sich überlegt, wie man den angeblichen Dreijahresvertrag, der keiner ist (Warum sonst sollte Ricciardo bei dem Thema so herumdrucksen?) schon nach zwei Jahren auflösen kann.

Es gibt da einige vielversprechende Kandidaten, die ich mir sehr gut in einem McLaren-Cockpit vorstellen kann. Oscar Piastri ist einer davon, falls sich Alpine gegen die Zukunft und für die Vergangenheit (Fernando Alonso) entscheiden sollte. Oder auch Pierre Gasly, dessen Vertrag mit Red Bull allerdings noch bis Ende 2023 läuft. Nur wenn McLaren keinen guten Ersatz finden sollte, hat Ricciardo eine Chance auf eine dritte Saison.

McLaren: Wäre Sainz doch besser gewesen?

Als zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 Sebastian Vettels Weggang von Ferrari eine Kettenreaktion auf dem Transfermarkt in Gang setzte, da war McLaren beim Wechsel von Carlos Sainz zu Ferrari nur Passagier und nicht Pilot. Der Spanier wollte unbedingt nach Maranello (und sein Vater Carlos sen.), und Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten.

Ich glaube, bei McLaren ließ man das damals auch deshalb zu, weil man das Gefühl hatte, mit Ricciardo einen noch besseren Fahrer als Ersatz zu bekommen. Aber zwei Jahre unter Abiteboul bei Renault scheinen irgendwas mit ihm gemacht zu haben. Bis heute ist Ricciardo ein Schatten seiner selbst. Und mir fehlt ehrlich gesagt die Fantasie dafür, mir vorzustellen, wie sich das rechtzeitig ändern soll, um auch 2023 noch im McLaren zu sitzen.

Schade eigentlich. Damals, 2011 am Hungaroring, war ich mir sicher, dass dieser junge Mann eines Tages Formel-1-Weltmeister werden würde.

So kann man sich irren.

Übrigens: Im Diskussionsforum auf Motorsport-Total.com werde ich heute Abend ungefähr zwischen 19 und 20 Uhr einige Beiträge zu dieser Kolumne kommentieren und vor allem etwaige Fragen von Forumsmitgliedern beantworten.

Und: In der Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" auf Motorsport.com Deutschland hat mein Kollege Norman Fischer (Hier geht's zu seiner Facebook-Seite!) aufgeschrieben, warum für ihn Sergio Perez der große Gewinner des Monaco-Wochenendes ist.

Euer
Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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