• 11. April 2022 · 04:23 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Carlos Sainz

Das Wort zum Sonntag von Christian Nimmervoll: Warum Carlos Sainz jetzt doch, mit einem Jahr Verspätung, von Charles Leclerc entzaubert wird

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

Charles Leclerc, Carlos Sainz

Bild mit Symbolcharakter: Leclerc fährt dem Sieg entgegen, Sainz scheidet aus Zoom Download

man muss die Dinge manchmal aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, um sie richtig einordnen zu können.

Eine Perspektive auf den Saisonauftakt 2022 von Carlos Sainz lautet: Noch nie in seiner Karriere hat er 33 Punkte in drei Rennen geholt. Noch nie in seiner Karriere stand er zweimal in drei Rennen auf dem Podium. Und noch nie in seiner Karriere lag er an dritter Stelle der Fahrer-WM. Zumindest vor 2022.

So weit, so gut.

Die andere Perspektive lautet: Während sein Teamkollege Charles Leclerc zwei von drei Rennen gewonnen und in zwei von drei Qualifyings die Pole erobert hat, hat Sainz in seinem ganzen (Formel-1-)Leben noch nie eine 1 für sich aufscheinen gesehen.

Nach drei von 23 geplanten Rennen liegt der Spanier an dritter Stelle der Weltmeisterschaft, mit eben besagten 33 Punkten. Der Teamkollege liegt in der Fahrerwertung in Führung, mit 71 Punkten. Und selbst George Russell im hoffnungslos unterlegenen Mercedes hat 37 Punkte auf seinem Konto und damit um vier mehr als Sainz.

Weniger gut.

War 2021 nur eine Eintagsfliege?

Für viele kommt das überraschend. Sainz hat das Ferrari-Duell 2021 sogar knapp gewonnen, mit 164,5:159 Punkten. Und selbst im für den Grundspeed eines Fahrers oftmals aussagekräftigeren Qualifyingvergleich erzielte er mit 9:13 ein achtbares Resultat gegen das vermeintliche Wunderkind Leclerc.


Warum Sainz ein Barrichello ist & kein Schumacher

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Warum Sainz ein Barrichello ist & kein Schumacher

Kommentar von Chefredakteur Christian Nimmervoll: Während Carlos Sainz in einer Krise steckt, fährt Charles Leclerc von Sieg zu Sieg. Woran liegt das? Weitere Formel-1-Videos

Nur: Ich war immer der Meinung, dass 2021 nicht Sainz so gut, sondern Leclerc so schlecht war. Der 24-Jährige aus Monaco zählt für mich neben Max Verstappen, Lewis Hamilton und George Russell zu den vier Überfliegern, die der Formel-1-Jahrgang 2022 aufzubieten hat.

Aber 2021, als er im Jahr 1 nach Vettel in die Rolle des Leaders im prestigeträchtigsten, politischsten und kompliziertesten Team der Motorsportwelt gedrängt wurde, war Leclerc überfordert. Ferrari hatte ihm gerade den längsten Fahrervertrag der Firmengeschichte gegeben, und es war klar, dass alle Hoffnungen der Scuderia in dieser Generation auf seinen Schultern liegen.

Ein Druck, der ihm offensichtlich nicht gutgetan hat.

Leclerc: Ist im Winter ein Schalter gekippt?

Zumindest kurzfristig nicht. Leclercs Speed war immer schon überragend. Sainz aber war wie eine Katze: lauernd auf seine Chance, kein großer Krawall, immer da, wenn's was zu fressen gibt. Und dass es für Sainz gut lief, machte Leclerc das Leben noch schwerer. Weil er zwar ein begnadeter Rennfahrer ist, aber ein ganz schlechter Verlierer.

Über den Winter dürfte ein Schalter gekippt sein sein. Vielleicht war es irgendein Küchengespräch mit Mattia Binotto, das ihm die Selbstsicherheit zurückgegeben hat, die 2021 gefehlt hat. Vielleicht sind es auch die "Ground-Effect-Cars", die Leclerc ein bisschen mehr liegen als Sainz.

Vielleicht liegt's auch daran, dass sich Leclerc so verbissen in das Thema Reifenmanagement reingefuchst hat, dass er diese Schwäche im Rennen 2022 nicht mehr hat. Er wusste immer schon, dass er schneller Auto fahren kann als Sainz. Trotzdem manchmal zu verlieren, das hat er nicht gut verkraftet. Und ihn motiviert, noch härter an sich zu arbeiten.

"Smooth Operator": Das kann jetzt auch Leclerc

Plötzlich kriegt Leclerc die Sache mit dem Reifenschonen hin. Man kombiniere dazu das derzeit beste und zuverlässigste Gesamtpaket der Formel 1, und es passiert genau das, was immer passiert, wenn man einen der vier Überflieger ins beste und zuverlässigste Gesamtpaket der Formel 1 setzt: Er gewinnt und gewinnt und gewinnt.

Es ist kein Zufall, dass Sebastian Vettel auf Red Bull viermal Weltmeister wurde und Mark Webber nie. Dass Michael Schumacher auf Ferrari reihenweise Titel holte, Eddie Irvine und Rubens Barrichello aber nur vereinzelt Grands Prix gewinnen konnten. Und es ist auch kein Zufall, dass Lewis Hamilton seit 2014 sechs WM-Titel einsammelte, seine Teamkollegen im gleichen Auto aber nur einen.

Ich lehne mich mit der Aussage provokant aus dem Fenster: Carlos Sainz ist kein Schumacher, sondern ein Barrichello. Und ich gehe sogar noch weiter und sage: Genau so ist das seitens Ferrari auch vorgesehen.

Dass Leclerc der Jockey ist, der das Cavallino rampante zähmen soll, das wird schon allein durch die Tatsache klar, dass sein Vertrag bis Ende 2024 läuft, während Sainz noch nicht einmal für 2023 weiß, ob er bei der Scuderia bleiben darf.

Binotto hat die Vertragsverlängerung zwar gleich nach dem Doppelsieg beim Saisonauftakt als Formsache bezeichnet, und es ist gut möglich, dass das nächste Rennwochenende in Imola, vor vollem Haus beim Heim-Grand-Prix, der Zeitpunkt ist, an dem die Sache offiziell verlautbart wird.

Woran man eine Nummer 2 erkennt

Aber ich wage zu bezweifeln, ob Sainz einen Vertrag mit gleichen Konditionen wie Leclerc erhält. Und wenn es ein bisschen weniger Vertragslaufzeit ist und ein bisschen weniger Gehalt, dann sagt das irgendwie doch was darüber aus, wer in der Scuderia die Nummer 1 ist und wer nur die Nummer 2. Sonst könnte man ja auch einfach Leclercs Vertrag ein zweites Mal ausdrucken und Sainz darauf unterschreiben lassen. Aber das wird nicht passieren.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Carlos Sainz gehört für mich sicher zu den besten acht Formel-1-Fahrern im Feld. Aber nicht zu den besten vier. Und das ist der kleine, aber feine Unterschied zwischen einem Schumacher und einem Barrichello.

Die Analogie ist übrigens nicht zufällig gewählt: Die Schumacher-Barrichello-Jahre mit einem Ausnahmetalent als Nummer 1 und einem der begabtesten Nachwuchstalente seiner Zeit (ja, Barrichello war mal genau das!) als Nummer 2 erinnert mich sehr an das, was Ferrari heute, 20 Jahre später, mit Leclerc-Sainz hat.

Und ich glaube, dass es genauso enden wird: mit mehreren WM-Titeln für Leclerc - und keinem für Sainz.

Als die beiden nach Melbourne vor einer Webcam saßen (übrigens bei miserabler WLAN-Verbindung), um mit den Journalisten das Rennen zu analysieren, einer links, einer rechts, Mattia Binotto in der Mitte, da wusste Sainz nicht recht, wie er erklären soll, dass Leclerc momentan einfach besser ist.

"Charles fährt gerade einfach sehr gut", sagt der 27-Jährige. Aber Leclerc habe gerade auch einen tollen Lauf, während sich bei ihm ein Unglück an das nächste reihe.

Sainz: Don't crack under pressure!

Ich habe da einen Verdacht, warum das so ist: Weil Leclerc so überragend schnell ist und Sainz keine Antwort darauf weiß, passieren ihm Fehler. Er knallt die Kupplung so hart rein, dass das Auto in Antistall geht, obwohl das Ersatzlenkrad, das kurz vor dem Start montiert wurde, genauso konfiguriert war wie das Standardlenkrad.

Er lässt sich von Mick Schumacher im Haas überholen. Und er rutscht an einer saugefährlichen Stelle von der Strecke, weil er zu viel will und nicht akzeptieren kann, dass da ein anderer einfach besser ist.

In unserem Livestream am Sonntag habe ich augenzwinkernd analysiert, dass Sainz womöglich am "Ricciardo-Syndrom" leidet. Denn Daniel Ricciardo wusste auch, dass er Verstappen im gleichen Auto bei Red Bull nicht schlagen kann und nicht schlagen wird. Vielleicht geht es Sainz jetzt mit Leclerc genauso. Oder er ist gerade am Beginn einer Ereigniskette, die ihn letztendlich zu dieser Erkenntnis führen wird.


Melbourne: Verstappens WM-Traum geplatzt?

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Charles Leclerc feiert einen dominanten Sieg, während Max Verstappen im dritten Rennen zum zweiten Mal ausscheidet. Weitere Formel-1-Videos

Wir werden sehen. Wenn ich Carlos Sainz wäre, würde ich mich jedenfalls erstmal ganz entspannt zurücklehnen und Ergebnisse sprechen lassen. Denn das Gute ist: Ich habe mich schon oft geirrt. Das letzte Mal im Jahr 2015, als ich vorhergesagt habe, dass Nico Rosberg nie mehr Formel-1-Weltmeister wird.

Tja.

Übrigens: Diese Kolumne gibt's jetzt, für alle, die nicht so gern lesen, auch als Video, auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de. Und die Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" von Stefan Ehlen, die diesmal Toto Wolff gewidmet ist, gibt's auf Motorsport.com Deutschland nachzulesen.

Ihr
Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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