• 20. März 2022 · 09:28 Uhr

Warum wurde Formel-1-Rennleiter Michael Masi eigentlich entlassen?

Der FIA-Bericht in der Analyse: Wie die Rolle von Rennleiter Michael Masi beim kontroversen Saisonfinale in Abu Dhabi 2021 bewertet wird

(Motorsport-Total.com) - Der FIA-Untersuchungsbericht zu den Ereignissen beim Formel-1-Saisonfinale in Abu Dhabi 2021 ist veröffentlicht - und wirft eine unerwartete Frage auf: Warum hat Rennleiter Michael Masi eigentlich seinen Job verloren?

Michael Masi

Michael Masi musste seinen Posten räumen, obwohl der Untersuchungsbericht ihn freispricht Zoom Download

Ein bemerkenswerter Aspekt des Dokuments ist einer, der in diesem nicht auftaucht, aber von mehreren Quellen bestätigt wurde: Weder Masi noch sein Stellvertreter in Abu Dhabi, Scot Elkins, wurden während der Untersuchung befragt. Das muss beim Studieren des Berichts unbedingt im Hinterkopf behalten werden.

Doch obschon er keine Möglichkeit hatte, sein Handeln zu verteidigen, kommt Masi gut davon. Es gibt keinerlei Kritik an seinen Entscheidungen. Lediglich beim Thema Vorbeiwinken überrundeter Fahrzeuge wird von einem "menschlichen Fehler" gesprochen.

Stattdessen gibt es eine ausgiebige Erklärung, warum sein Job so schwierig war - und wie die mittlerweile berühmten Gespräche mit den Teamchefs Christian Horner und Toto Wolff ihn von seinem Job abgelenkt haben.

In der Zusammenfassung ihres Berichts macht die FIA ein bemerkenswertes Statement: "Angesichts des bevorzugten Ziels, das Rennen unter Grün zu Ende gehen zu lassen, wie es in der gesamten Saison 2021 angewendet wurde, kommt der Bericht zu dem Schluss, dass der Rennleiter in bester Absicht und nach bestem Gewissen gehandelt hat, wenn man die schwierigen Begleitumstände in Betracht zieht. Insbesondere sind dabei die zeitlichen Beschränkungen für Entscheidungen und der immense Druck in Betracht zu ziehen, der durch die Teams aufgebaut worden ist."

Der Bericht nennt Masi nur selten beim Namen, sondern in den allermeisten Fällen bei seinem Titel, also "Rennleiter".

Masi hatte zu viele Aufgaben

Ein zentraler Befund lautet, dass er zu viel Verantwortung übernommen hatte oder diese ihm aufgebürdet wurde. Er musste in die Fußstapfen von Charlie Whiting treten, einem Workaholic mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in den verschiedenen Tätigkeiten, die er ausübte. Masi übte nahezu alle Aufgaben, die Whiting erledigt hatte, ebenfalls aus. Die einzige Ausnahme ist das Startprozedere.

Im FIA-Bericht steht: "Die Rolle des Rennleiters ist bereits von sich aus fordernd und beinhaltet viel Druck. Ein wiederkehrendes Thema dieser ausgiebigen Analyse ist ein Befund, dass die Anzahl der Funktionen und Verbindlichkeiten des Rennleiters, die sich über die Jahre hinweg angesammelt haben, zusätzlichen Druck auf diese Rolle ausgeübt haben dürften."

"Von 2017 bis 2019 wurde die Rolle des Rennleiters von Charlie Whiting bekleidet. Nach Herrn Whitings Tod im März 2019 wurde Michael Masi zum neuen Rennleiter bestimmt. Herr Masi hatte seit 2018 die Rolle als stellvertretender Rennleiter in Formel 1, Formel 2 und Formel 3 inne. Herr Masi trat auch die Nachfolge Whitings als Sicherheitsdelegierter und (ab 2021) als Chef der Monopostokommission an."

Michael Masi mit McLaren-Teamchef Andreas Seidl bei der Streckenabnahme in Zandvoort 2021

Michael Masi mit McLaren-Teamchef Andreas Seidl bei der Streckenabnahme in Zandvoort 2021 Zoom Download

"Die Vorschläge seitens der Formel-1-Kommission und derer, die zusätzlich befragt wurden, beinhalten die Aufteilung einiger Pflichten des Rennleiters auf mehrere Personen. Das würde die Arbeitsbelastung des Rennleiters reduzieren und ihm die Möglichkeit geben, sich auf seine zentrale Funktion zu konzentrieren, also vor allem die Leitung und Kontrolle des Rennens."

Es liegt auf Hand: Es war völlig absurd, dass Masi zusätzlich zu seinen Aufgaben am Rennwochenende neue Austragungsorte wie Dschidda oder Katar zur Inspektion besichtigen musste - und das im Zeitalter von COVID-19 mit allen damit einhergehenden Reisebeschränkungen und einem immer weiter anwachsenden Rennkalender.

Allem Anschein nach hat er diese schwere Arbeit gern auf sich genommen. Die Frage bleibt, warum nicht Jean Todt oder irgendjemand anderem innerhalb der FIA aufgefallen ist, dass er sich zu viel aufgehalst hatte?

Funkkontakt mit Teamchefs kontraproduktiv

Die Funkinterventionen der Teamchefs und deren Übertragung im Fernsehen waren ein weiterer zentraler Aspekt, den der Bericht aufgreift. Whiting hätte es niemals zugelassen, dass seine Anweisungen an die Boxenmauer im Fernsehen ausgestrahlt werden. Aber auf Bitten von Formel 1 und FIA willigte Masi ein.

Kritiker mögen Masi hier Schwäche unterstellen - oder dass es ihm vielleicht sogar gefallen hat, sein Profil im Fernsehen noch etwas zu schärfen. Doch unter wie viel Druck hat er wirklich gestanden, als er einwilligte?

Mit der Erlaubnis, die Botschaften der Rennleitung an die Boxenmauern aufzuzeichnen, ging die stillschweigende Duldung einher, dass die Teamchefs sich einmischen konnten. Das ist etwas, was es noch nie zuvor gegeben hatte. Aber es war gut für die Show. In Abu Dhabi ging der Schuss dann spektakulär nach hinten los.

Die FIA erkennt den Fehler an: "Ein großer Diskussionspunkt waren der Zweck und die Angemessenheit dieser Gespräche - und ob Gespräche zwischen den Formel-1-Teams und dem Rennleiter während eines Rennens übertragen oder überhaupt erst gestattet sein sollten."

"Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass die Kommunikation der Teamchefs von Red Bull Racing und Mercedes an den Rennleiter beim Großen Preis von Abu Dhabi 2021 einen negativen Einfluss auf eine saubere Durchführung der letzten Runden hatte. Sie hat den Rennleiter abgelenkt, als dieser sich unter Zeitdruck auf schwierige Entscheidungen konzentrieren musste."

Das wirkliche Problem hierbei ist, dass Masi sich mit wichtigen Sicherheitsaspekten auseinandersetzen musste. So ging es hauptsächlich darum, dass die Sportwarte, die den verunfallten Williams von Nicholas Latifi bargen, in Sicherheit waren. Das Letzte, was er dabei brauchte, als er versuchte, das Rennen wieder aufzunehmen, war, von den Teams bedrängt zu werden.


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Der Bericht dazu: "Wenn das Safety-Car eingesetzt wird, muss der Rennleiter vor allem die Autos auf der Strecke beobachten, ihre Reihenfolge, den Einsatz geeigneter Flaggen, die Fortschritte der Sportwarte am Ort des Zwischenfalls, und schließlich, wenn der Leiter der Streckensicherung der Ansicht ist, dass die Bedingungen es zulassen, das Safety-Car wieder von der Strecke zu holen."

"Der Rennleiter muss daher gleichzeitig auf die Autos auf der Strecke, die Platzierung des Safety-Cars und den Ort des Zwischenfalls im Auge behalten. Das bedeutet, dass eine große Menge an Aufgaben innerhalb kürzester Zeit bewältigt werden muss, damit das Rennen sicher und so schnell wie möglich fortgesetzt werden kann."

"Gleichzeitig musste er sich auch noch mit den Forderungen der Teamchefs auseinandersetzen und diesen antworten. Das alles zusammen erfordert ein immenses Maß an Konzentration. Daher lautet der Befund, dass diese Gespräche für einen sauberen Ablauf des Rennens weder nötig noch hilfreich sind."

"Stattdessen hat all das zu einem kritischen Zeitpunkt zusätzlichen Druck auf den Rennleiter ausgeübt. Gleichzeitig könnte ihr Ziel gewesen sein, die Entscheidungen des Rennleiters zu beeinflussen - sei es direkt oder indirekt, beabsichtigt oder unbeabsichtigt."

Warum muss Masi denn nun gehen?

Ein direktes Ergebnis ist, dass die Kommunikation zwischen Rennleitung und Boxenmauer dieses Jahr nicht mehr im Fernsehen übertragen wird. Außerdem wird sie generell stark eingeschränkt. Niels Wittich, einer der beiden neuen Rennleiter, teilte den Teammanagern in Bahrain mit, dass ihr erster Ansprechpartner eine Person seines Teams ist. Diese fungiert als Filter. Außerdem dürfen Teamchefs nicht mehr selbst funken.

Man könnte sich an dieser Stelle erneut fragen, warum die FIA nicht schon während des Jahres 2021 draufgekommen ist, dass die Gespräche dabei waren, aus dem Ruder zu laufen. Und warum man nicht für das so wichtige Finale in Abu Dhabi bereits entsprechende Grenzen gezogen hat.

Ein weiteres Fazit ist, dass Masi mehr Unterstützung verdient hätte. Der Rennleitung ist reichlich Erfahrung abhandengekommen, als Herbie Blash im Jahr 2014 aufgehört hat, als Whiting 2019 gestorben ist und als der bisherige stellvertretende Rennleiter Colin Haywood Anfang 2021 in den Ruhestand gegangen ist. Er hatte zwei Jahre lang an der Seite von Masi gedient.

Es gibt jedenfalls gute Gründe, warum Blash und Haywood wieder zurückbeordert worden sind, um Wittich an diesem Wochenende zu unterstützen. Die viel gepriesene virtuelle Rennleitung, die als eine Art Videoassistent arbeiten wird, wird eine zusätzliche Hilfe für Wittich und seinen neuen Amtskollegen Edoardo Freitas sein.

Niels Wittich, einer der beiden neuen Rennleiter in der Formel 1

Niels Wittich, einer der beiden neuen Rennleiter in der Formel 1 Zoom Download

Es gibt im gesamten Bericht keine Stelle, an der festgehalten wird, dass Masi einen Fehler begangen hätte. Und das ohne dass er eine Möglichkeit hatte, sein Handeln zu verteidigen oder zumindest eine zusätzliche Perspektive zu geben, warum er an jenem verhängnisvollen Sonntagabend in Abu Dhabi so gehandelt hat, wie er gehandelt hat.

Diejenigen, die Masi kennen, sagen, dass er die Entscheidung, ihn abzusägen, nicht mit Wohlwollen aufgenommen hat. Momentan ist er weiterhin bei der FIA angestellt und nimmt einige zweitrangige Tätigkeiten wahr, die er auch bisher ausgeführt hat. Aber der große Preis, für den er so hart gearbeitet hat, wurde ihm genommen.

Es gibt sogar Stimmen hinter vorgehaltener Hand im Fahrerlager, die sagen, dass Masi rechtlich gegen seinen Rauswurf vorgehen könnte. Sollte sich das bewahrheiten, kann der Untersuchungsbericht ihm dabei nur helfen ...

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