• 09. September 2019 · 07:32 Uhr

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Redakteur Ruben Zimmermann erklärt, warum Charles Leclerc alle Eigenschaften eines Champions mitbringt - Im Cockpit muss man auch mal ein "Arschloch" sein

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leserinnen und Leser,

Charles Leclerc

Charles Leclerc ist endgültig im Konzert der ganz Großen angekommen Zoom Download

es ist also mal wieder soweit. Sebastian Vettel hat einen Fehler gemacht, und bis zum nächsten Rennen in Singapur in zwei Wochen wird wieder fleißig darüber diskutiert werden, ob der viermalige Weltmeister seinen Zenit überschritten hat. Ob er bei Ferrari nur noch die Nummer 2 ist, und ob er überhaupt noch gut genug für die Formel 1 ist. Das ist nach einem Rennen wie Monza auch irgendwo nachvollziehbar.

Mir persönlich wird diese Diskussion aber häufig ein bisschen zu einseitig geführt. Oft hat man das Gefühl, dass es nur um Vettel und seine Krise geht. Vettel ist hier schlecht, Vettel macht dort etwas falsch und so weiter. Bei einigen Kommentaren in den sozialen Medien könnte man vermuten, der viermalige Weltmeister verliere das interne Ferrari-Duell gerade gegen Pastor Maldonado.

Doch es ist nicht Maldonado, der da im zweiten roten Auto sitzt - auch wenn der selbst behauptet, dass er 2014 kurz vor einem Wechsel zu Ferrari stand. Aber das ist eine andere Geschichte. Es ist Charles Leclerc, gegen den Vettel aktuell kein Land sieht. Und die beiden Rennen in Spa und Monza haben das bestätigt, was viele schon vorher ahnten: Leclerc ist ein kommender Weltmeister.

Leclerc hat aus Österreich gelernt

Eigentlich hätte der Monegasse schon nach seinem ersten Grand-Prix-Sieg in Belgien Protagonist dieser Kolumne sein sollen. Aus offensichtlichen Gründen haben wir uns nach dem tragischen Spa-Wochenende aber dafür entschieden, niemanden gut schlafen zu lassen. Von daher hat es mir Leclerc mit seinem zweiten Sieg in Serie jetzt leicht gemacht - und sogar noch weiteres Futter geliefert.


Rosberg-Racevlog: Backstage mit Berger & Ferrari

Nico Rosberg analysiert das Qualifying in Monza, trifft Gerhard Berger und einen ganz besonderen Ferrari ... Weitere Formel-1-Videos

Denn es ist auch die Art und Weise seines Monza-Sieges, die gezeigt hat, warum Leclerc alles mitbringt, um eines Tages Weltmeister zu werden. Abseits des Cockpits wirkt der 21-Jährige teilweise wie der nette Student von nebenan. Doch in Italien hat er gezeigt, dass er auf der Strecke ein ziemlicher Drecksack sein kann. Und das meine ich durchaus im positiven Sinne.

Formel-1-Weltmeister wird man nicht, indem man immer brav Platz macht, wenn ein anderer überholen möchte. Diese Lektion hat Leclerc im Österreich gelernt, als ihn Max Verstappen kurz vor Schluss abgekocht hat. Im Zweifel muss man bis an die Grenzen des Erlaubten gehen. Das wusste Verstappen schon damals, und das weiß seitdem auch Leclerc. Monza war eine Konsequenz daraus.

Qualifying: Leclerc eckt bei Vettel an

Für sein hartes Verteidigungsmanöver gegen Lewis Hamilton bekam Leclerc lediglich eine Verwarnung. Es ist nachvollziehbar, dass der Brite das nicht ausreichend fand. Meiner Meinung nach ist es aber die richtige Entscheidung. Let them race! Die Aktion mag nicht komplett sauber gewesen sein, aber sie war ein Statement von Leclerc: Das ist mein Sieg hier in Monza, und den nimmt mir keiner weg.


90 Jahre Ferrari: Erinnerungen an den Commendatore

Enzo Ferrari hat den italienischen Rennstall 1929 gegründet. F1-Fotograf Ercole Colombo durfte die Marke und ihren Leader jahrelang begleiten Weitere Formel-1-Videos

Bereits am Samstag gab es übrigens eine Aktion, in der Leclerc ebenfalls nicht so 100 Prozent fair spielte. Im finalen Versuch im Qualifying wäre er eigentlich an der Reihe gewesen, Vettel Windschatten zu geben, nachdem es im ersten Run umgekehrt war. Doch er sah es gar nicht ein, an die Spitze der Gruppe zu fahren, nur um seinem Teamkollegen einen Vorteil zu verschaffen.

So schafften es am Ende sowohl er als auch Vettel nicht mehr über die Linie. Das hat hinter den Kulissen für mächtig Ärger gesorgt, wie man hört. Im Debriefing sollen sogar nicht jugendfreie Wörter in Leclercs Richtung gefallen sein. Genau wissen wir das natürlich nicht, doch dass Teamchef Mattia Binotto Leclerc nach dem Rennen am Funk sagte, dass er ihm "verzeihe", spricht stark dafür, dass da etwas im Busch ist.

Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen

Das alles muss man natürlich nicht gut finden. Aber es sind genau diese Dinge, die an viele große Champions erinnern. Michael Schumacher, Ayrton Senna, Alain Prost, Fernando Alonso ... Sie alle vereint diese Drecksack-Eigenschaft. Sebastian Vettel selbst fällt übrigens auch in diese Kategorie. Mark Webber kann ein Lied davon singen. Stichwort "Multi 21".

Natürlich reicht es nicht aus, auf der Strecke ein - Pardon - "Arschloch" zu sein, um Weltmeister zu werden. Ein bisschen Autofahren muss man auch können. Aber dass Leclerc das kann, daran bestand eigentlich von Saisonbeginn an kein Zweifel. Aktuell sehen wir eine Entwicklung, die der 21-Jährige durchmacht. Dazu zählt zum Beispiel auch, dass er seine Fehlerquote noch etwas reduzieren muss.


Fotostrecke: Leclerc und Co.: Die jüngsten Ferrari-Sieger in der Formel 1

Monza war aber der endgültige Beweis dafür, dass Leclerc bereits im Konzert der ganz Großen mitspielt. Und die Ferrari-Fans dürfte er mit seinem Heimsieg jetzt ebenfalls im Sack haben. Es passt irgendwie ins aktuelle Bild, dass sich Vettel fünf Jahre vergeblich abmüht, den Tifosi einen Sieg zu schenken, während es Leclerc gleich im ersten Anlauf schafft. Italien hat einen neuen Liebling.

Vor dem Wochenende wurde ich im Podcast "Starting Grid" gefragt, ob Monza ein Schicksalsrennen für Sebastian Vettel werden könnte. Das habe ich verneint. Nach dem Rennen bin ich mir da ehrlich gesagt nicht mehr so sicher. Ich bin noch immer der Meinung, dass Sebastian Vettel nicht plötzlich zu schlecht für die Formel 1 und Ferrari geworden ist. Vielleicht ist Charles Leclerc aber einfach zu gut.

Ihr
Ruben Zimmermann
Ruben Zimmermann

P.S.: "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" fand jahrelang jeden Montag auf unseren Portalen Formel1.de und Motorsport-Total.com statt. 2019 ist sie umgezogen zu de.motorsport.com. Wen es dieses mal getroffen hat, können Sie hier nachlesen!

formel-1-countdown

ANZEIGE
ANZEIGE

Fotos & Fotostrecken

Shakedown des AlphaTauri AT01 in Misano
Shakedown des AlphaTauri AT01 in Misano
Die Formel-1-Autos 2020 in Bildern
Die Formel-1-Autos 2020 in Bildern

Formel-1-Autos 2020: Design-Präsentation AlphaTauri
Formel-1-Autos 2020: Design-Präsentation AlphaTauri

Erste Fahrbilder vom neuen AlphaTauri AT01
Erste Fahrbilder vom neuen AlphaTauri AT01

Technik-Analyse McLaren MCL35 mit zahlreichen Neuerungen
Technik-Analyse McLaren MCL35 mit zahlreichen Neuerungen

Formel-1-Quiz

Wie oft konnte Ayrton Senna seinen Heim-Grand-Prix gewinnen?

Formel-1-Datenbank

Formel-1-Datenbank: Ergebnisse und Statistiken seit 1950
Formel-1-Datenbank:
Ergebnisse und Statistiken seit 1950

Jetzt unzählige Statistiken entdecken & eigene Abfragen erstellen!

Top-Motorsport-News

Glickenhaus präsentiert SCG007 Hypercar für die 24 Stunden von Le Mans 2021
WEC - Glickenhaus präsentiert SCG007 Hypercar für die 24 Stunden von Le Mans 2021

Emotionales Video: Falken blickt auf 20 Jahre Nürburgring-Geschichte
NR24 - Emotionales Video: Falken blickt auf 20 Jahre Nürburgring-Geschichte

Vier statt ein Titelsponsor ab 2020: Neue NASCAR-Ära steht bevor
NASCAR - Vier statt ein Titelsponsor ab 2020: Neue NASCAR-Ära steht bevor

VW Arteon Kombi (2020) zeigt sein langes Dach
Auto - VW Arteon Kombi (2020) zeigt sein langes Dach

Die aktuelle Umfrage

Formel 1 App

Videos

Wolff: Kann mich an 2019er-Rennen nicht erinnern
Wolff: Kann mich an 2019er-Rennen nicht erinnern
Hamilton: 2020 wird engster Wettkampf aller Zeiten
Hamilton: 2020 wird engster Wettkampf aller Zeiten

Bottas: Messlatte 2020 noch höher legen
Bottas: Messlatte 2020 noch höher legen

Mercedes W11: Shakedown in Silverstone
Mercedes W11: Shakedown in Silverstone

Folge Formel1.de

// //