• 23. August 2022 · 09:51 Uhr

Jost Capito: "Besser für das Williams-Team, nicht zu verkaufen"

Das Interview mit dem Williams-Teamchef: Welchen jungen Fahrer er auf dem Radar hat, warum er mit Günther Steiner wandern geht und was er mit Andreas Seidl teilt

(Motorsport-Total.com) - Jost Capito ist wirklich so nett, wie er im Fernsehen wirkt. Dass er den Sky-Zuschauern immer viel Spaß bei der nächsten Session wünscht, wenn er interviewt wird, hat fast schon Kultcharakter. Auch wir haben uns daher schon mal die Frage gestellt: Ist dieser Mann zu nett für das "Piranhabecken" Formel 1?

Jost Capito (Teamchef Williams)

Jost Capito ist seit Februar 2021 CEO und Teamchef von Williams in der Formel 1 Zoom Download

Ist er nicht. Capito kann, so erzählen das Weggefährten von früher, auch anders. Aber nur wenn er muss. Erledigen alle ihren Job, ist er der beste Chef, den man sich wünschen kann, heißt es. Und so verläuft auch unser Interview, geführt am Freitag vor dem Grand Prix von Ungarn im Williams-Motorhome am Hungaroring, in ausgesprochen freundschaftlicher Atmosphäre.

Der 63-Jährige erzählt mit leuchtenden Augen, wie er die Herausforderung der Formel 1 heute genießt, nachdem sein Kurzgastspiel bei McLaren im Jahr 2016 gescheitert ist. Bei Williams gilt er derzeit als unumstritten. Der Auftrag von Eigentümer Dorilton Capital lautet, das Traditionsteam wieder auf die Siegerspur zu bringen.

Netflix und Corona haben die Formel 1 verändert

Frage: "Jost, Sie waren bis 2001 Chief Operating Officer bei Sauber in der Formel 1, waren 2016/17 kurz bei McLaren und sind seit 2021 Teamchef bei Williams. Was hat sich in der Formel 1 in Ihrer langen Pause verändert?"
Jost Capito: "Man sieht immer noch viele alte Bekannte, die man Ende der 90er-Jahre gesehen und mit denen man gearbeitet hat. Das finde ich schön. Auf der anderen Seite hat sich im Technischen Reglement viel verändert. Und durch Netflix."

"Auch die Coronazeit hat viel verändert. Das Interesse ist jetzt wesentlich größer als vorher, weil die Leute sagen: 'Wir wollen wieder raus, wir wollen was sehen!' Aber ich glaube, der Sport an sich hat sich nicht so stark verändert. Es ist alles komplexer und aufwändiger geworden, zum Beispiel die Technologie. Aber der Spirit ist immer noch der gleiche."

Frage: "Es wird oft gesagt, dass es früher familiärer war. Auch, weil weniger Journalisten da waren. Ist jetzt alles professioneller, mehr durchgeplant, weniger familiär?"
Capito: "Es ist professioneller als früher. Früher war es auch schon professionell, aber professionell damals ist anders als professionell heute. Weil sich die Technologie weiterentwickelt hat. Alles hat sich weiterentwickelt. Das hat sich verändert."

Freundschaftliches Verhältnis zu Günther Steiner & Franz Tost

Frage: "Macht es heute weniger Spaß?"
Capito: "Ich würde nicht sagen weniger Spaß. Man muss Spaß an der Technik haben. Die Technik ist heute weiter, es gibt mehr Möglichkeiten. Wenn man daran Spaß hat, dann macht es heute mehr Spaß, weil die Entwicklungskurve viel steiler geworden ist. Man muss schneller lernen, man muss schneller neue Sachen bringen. Das ist aufregend und macht mir Spaß."

"Zu den meisten Teamchefs habe ich ein super Verhältnis. Wir scherzen miteinander und sprechen auch über andere Themen. Zum Beispiel habe ich zu Günther Steiner gesagt, wir gehen mal zusammen essen, weil wir beide viele Freunde in Südtirol haben. Dann besuche ich ihn und wir gehen wandern."

"Oder auch Franz Tost. Ich kenne ihn seit Ende der 90er. Wir sind befreundet. Ich glaube, es hilft auch der Formel 1, wenn man über Sachen reden kann, über die man nicht immer miteinander reden sollte. Wir tun es trotzdem."

Dorilton Capital: Gekommen, um zu bleiben!

Frage: "Die Formel 1 befindet sich in einer goldenen Ära. Finn Rausing, der Eigentümer von Sauber, hat 350 Millionen Dollar von Michael Andretti abgelehnt und nicht verkauft. Williams hat mit Dorilton Capital einen relativ neuen Investor. Ist Dorilton bereits der Zielhafen, oder soll das Team irgendwann mit Gewinn verkauft werden?"
Capito: "Nein, Dorilton sieht das als den Zielhafen. Wenn Du siehst, welche Teams verkauft worden sind ... Da ist immer Bewegung drin."

"Aber Dorilton hat nicht das Ziel, mit Gewinn zu verkaufen, sondern Dorilton hat das Ziel, erfolgreich zu sein. Die wollen das Team wieder nach vorn bringen und wollen, dass Williams wieder gewinnt. Wie lang das dauert, das sei mal dahingestellt."

"Im Moment stehen unsere Chefs voll hinter uns. Wir machen den Businessplan ja langfristig. Wir arbeiten nicht von Monat zu Monat, sondern wir haben langfristige Pläne, und die sind abgesegnet und, ich glaube, die sind realistisch. Williams kann keinen besseren Besitzer haben."


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Frage: "Was wäre, wenn ein großer Hersteller anklopft? Es kommen Marken wie Porsche und Audi in die Formel 1, und Porsche übernimmt 50 Prozent von Red Bull. So könnte Dorilton einen großen OEM als Partner gewinnen, aber trotzdem involviert bleiben."
Capito: "Ein OEM ist wahrscheinlich immer gut für ein Team, aber unter bestimmten Bedingungen. Es kommt ganz drauf an."

"Sowas kann einen Boost für das Team geben, aber ich glaube, das Team muss weiterhin Kerngeschäft Formel 1 sein. Und wenn ein Hersteller komplett übernimmt, dann ist das nicht unbedingt Kerngeschäft Formel 1, sondern dann ist es was, was man ein- und ausschalten kann. Und da muss man abwägen."

"Die Situation ist auch für jedes Team anders. Für uns ist ganz klar: Dorilton will nicht verkaufen. Und wir glauben, es ist besser für das Team, nicht zu verkaufen als ein Hersteller zu werden."

Latifi bekommt Zeit, um sich zu beweisen

Frage: "Wann wird die Fahrerentscheidung bei Williams fallen, oder haben Sie da Zeit?"
Capito: "Wir haben Zeit und verschiedene Optionen. Einmal können wir sehen, wie sich Nicky (Nicholas Latifi; Anm. d. Red.) mit dem neuen Paket jetzt entwickelt. Nicky hat relativ lang gebraucht, um Zuversicht und Vertrauen ins Auto zu kriegen mit dem neuen Reglement. In Silverstone, sagt er, ist irgendwie der Knoten geplatzt."

"Also müssen wir sehen, wie er sich entwickelt, denn er war letztes Jahr neben George Russell echt gut. Sollte er das wieder hinkriegen, gibt es keinen Grund, drüber zu sprechen, ob man ihn austauschen sollte. Jetzt müssen wir sehen, wie er sich entwickelt und was die Alternativen sind. Wir haben auch in unserer Academy einen guten Fahrer, der auch weiterkommen kann."

Frage: "Logant Sergeant."
Capito: "Genau. Der entwickelt sich supergut. Und ich glaube, ich bin bekannt dafür, dass ich junge Talente schnell fördere und ihn nicht zu lang irgendwo auf eine Bank setze. Wir haben im Moment Zeit und können sehen, wie sich das entwickelt."

Frage: "Nach seinem Unfall beim WM-Finale 2021 hat Nicholas Latifi auf Social Media viel Kritik einstecken müssen, bis hin zu Drohungen. Hat ihn das am Ende mehr getroffen und beeinträchtigt als er vielleicht zunächst einräumen wollte?"
Capito: "Ich glaube schon, dass das einen Einfluss hatte. Wenn du Morddrohungen kriegst und beleidigt wirst, das steckt keiner einfach weg."

"Er hat es irgendwann abgeschaltet, aber selbst wenn du es abschaltest - du hast im Hinterkopf, es ist da. Selbst wenn ich es nicht mehr sehe, weiß ich, es ist da. Wir haben natürlich versucht, sein Vertrauen zu stärken, weil das war sowas von unbegründet, was da passiert ist."

Chefredakteur Christian Nimmervoll im Gespräch mit Williams-Teamchef Jost Capito

Chefredakteur Christian Nimmervoll im Gespräch mit Williams-CEO Jost Capito Zoom Download

Frage: "Was können Sie als Teamchef in so einer Situation eigentlich konkret tun?"
Capito: "Man kann reden, man kann ihm zeigen, wo die Performance ist. Kann zeigen, was er gemacht hat, und ganz normal weiterarbeiten und darauf nicht eingehen."

"Du kannst ihm auch nicht sagen: 'Oh, du armer Kerl!' Das geht auch nicht, weil dann machst du es ja noch schlimmer. Du musst halt sagen: 'Hör zu, wir vertrauen dir. Wir wissen alle, das ist ein Blödsinn. Lass uns weiterarbeiten. Lass uns drauf konzentrieren und fokussieren, dass wir eine gute Saison haben.'"

Jost Capito & die Volkswagen-Gang

Frage: "Sie haben bei Williams die, ich nenne es so, VW-Gang um sich versammelt: Francois-Xavier Demaison als Technischen Direktor, Sven Smeets als Sportlichen Direktor, Willy Rampf als Berater und Sie als Teamchef. Ist diese Struktur final oder wird daran noch gedreht?"
Capito: "VW-Gang? Wir sind drei. Drei sind keine Gang (lacht; Anm. d. Red.). Willy Rampf ist ja Berater. Und Willy kenne ich auch nicht von VW, sondern wir haben schon bei Sauber zusammengearbeitet."

"Aber um die Frage zu beantworten: Ich glaube, die Struktur ist final. Ich habe keinen ausgetauscht gegen einen, den ich geholt habe, keinen. Wir hatten keinen Technischen Direktor und wir hatten keinen Sportlichen Direktor und ich glaube, das sind Funktionen, die braucht es für ein Team. Und ich glaube, das sieht man jetzt. Für die Führung braucht es das. Ein Team ohne Technischen Direktor ist führungslos."

Frage: "Da ticken Sie ähnlich wie Andreas Seidl, der bei McLaren auch mit dem sogenannten Matrix-Management aufgeräumt und klassische Strukturen eingeführt hat."
Capito: "Ja. Du brauchst klare, flache Hierarchien, um kurze Entscheidungswege zu haben, um klare Verantwortungen zu haben. Du musst in allem schneller sein als die Industrie. Und das geht nur, indem du nicht lang rumdiskutierst, wer wofür zuständig ist und wer jetzt was liefern muss."

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