Strategie-Fauxpas erklärt: McLaren rechnete nicht mit so vielen Stopps!
Wie konnte das nur passieren? - McLaren erklärt, warum Oscar Piastri und Lando Norris beim Safety-Car beim Formel-1-Rennen in Lusail draußen blieben
(Motorsport-Total.com) - In den ersten Minuten nach dem Grand Prix von Katar 2025 verweigerte McLaren jedes Interview. Das Interview-Team von F1TV wurde mit den Worten vertröstet, McLaren wolle sich bis nach der Siegerehrung erst einmal abstimmen, wie man dieses Desaster kommunizieren möchte.
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Die Entscheidung, unter Safety-Car nicht zu stoppen, kostete McLaren den Sieg in Katar Zoom Download
Die Entscheidung, beide Fahrer beim Safety-Car am Ende Runde 7 von 57 auf dem Lusail International Circuit nicht an die Box zu holen wie alle anderen, hat die Weltmeisterschaft urplötzlich wieder einigermaßen spannend gemacht. Lando Norris muss - einen weiteren Sieg von Max Verstappen in Abu Dhabi vorausgesetzt - beim Finale auf das Podest kommen und er wäre Weltmeister.
Doch so weit hätte es gar nicht erst kommen müssen. McLaren dominierte das Wochenende in Katar nach Belieben und hätte Max Verstappen eigentlich aus dem WM-Kampf werfen können. Ohne das Safety-Car für die Kollision zwischen Pierre Gasly und Nico Hülkenberg wäre es wohl so gekommen, doch das hilft nicht weiter.
Wo der Fehler lag
Nach der Siegerehrung traten die McLaren-Verantwortlichen dann vor die Mikrofone. CEO Zak Brown spricht bei Sky von einem "großen Fehler". Die wichtigste Frage beantwortet er auch gleich: Es war ein Fehler auf Evaluations- und nicht auf Kommunikationsebene. (Alle Reaktionen auf den Grand Prix von Katar 2025 hier)
"Es war extrem auf der Kippe, in Runde 7. Wir haben es falsch bewertet. Es hat uns gebissen. Es gab keine Fehlkommunikation, sondern ein Problem bei der Bewertung der Situation. Das war eine Entscheidung, die wir so getroffen haben, und sie war falsch. Es war ziemlich schmerzhaft, das alles von außen mitanzusehen."
Teamchef Andrea Stella schiebt das Problem bei Sky auf die vorderen Positionen: "Wir haben nicht erwartet, dass alle anderen an die Box fahren. Wenn alle hinter dir stoppen, dann ist es im Nachhinein natürlich die richtige Strategie. Nur weißt du als Führender nicht, was die anderen machen."
"Für Lando hätte ein Boxenstopp, bei dem er sich hinten anstellen musste, möglicherweise riskant sein können. Das wurde mit in Betracht gezogen, war aber nicht der Hauptgrund, warum nicht beide Autos reingeholt wurden. Der Hauptgrund war, nicht in den Verkehr zurückzufallen."
Die Überlegung ist logisch: Wäre nur das halbe Feld an die Box gekommen, hätten sich die McLaren-Piloten auf Positionen mitten im Pulk wiedergefunden und hätten ihren Pace-Vorteil nicht ausspielen können. Dummerweise für McLaren kam aber ausnahmslos das ganze Feld an die Box.
Dadurch war Max Verstappen beim Restart direkt hinten dran, statt wie erwartet irgendwo um den zehnten Platz herum. Nun waren die beiden Papaya-Boliden die einzigen, die aufgrund der 25-Runden-Regel noch zweimal stoppen mussten, was ihnen zum Verhängnis wurde.
Stella bestätigt diese Überlegung in einem späteren Interview noch einmal: "Der Grund war, dass wir nach dem Boxenstopp nicht im Verkehr landen wollten. Aber offensichtlich hatten alle anderen Autos und Teams eine andere Meinung hinsichtlich des Safety-Cars in Runde 7. Alle sind an die Box gekommen, und dadurch war es letztlich falsch, draußen zu bleiben."
"Faktisch haben wir einen Boxenstopp an einen Konkurrenten verloren, der heute sehr schnell war und wenig Reifenverschleiß hatte. Dadurch war unsere Entscheidung letztlich ein großer Nachteil."
Flexibel ins Verderben
Während der Safety-Car-Phase funkte Renningenieur William Joseph an Lando Norris, dass es McLaren um strategische Flexibilität ging. Darauf angesprochen, antwortet Stella:
"Die Flexibilität bezog sich auf ein weiteres potenzielles Safety-Car, das uns wieder in eine sehr starke Position gebracht hätte. Genau darauf hat sich Will bezogen. Für alle anderen, die in Runde 7 gestoppt haben, war die Strategie klar vorgegeben: Sie mussten in Runde 32 stoppen. Und letztlich hat das [für sie] perfekt funktioniert."
Das lag vor allem daran, dass es eben kein weiteres Safety-Car gab. Allerdings sind SC-Phasen in Katar bereits sehr selten. Dann im Rennen auf ein zweites Safety-Car zu spekulieren, war bereits sehr gewagt.
Ein weiterer Faktor war die Tatsache, dass das Safety-Car erst sehr spät in der siebten Runde ausgerufen wurde. Es blieb also nicht viel Zeit zu reagieren. Das lässt Stella aber nicht als Ausrede gelten, schließlich gibt es in modernen Formel-1-Teams stets eine Abteilung, die sich jederzeit mit der Frage auseinandersetzt, was zu tun sei, wenn jetzt ein Safety-Car ausgerufen wird.
"Man muss für jeden Zeitpunkt auf der Runde einen Plan für ein Safety-Car haben. Wenn es so spät auf der Runde passiert, hast du natürlich schlichtweg keine Chance, die Situation in der Boxengasse zu checken und gleichzeitig zu verstehen, was die anderen machen. Aber es ist keine Entschuldigung. Was auch immer passiert - wir müssen jederzeit bereit sein, die richtige Entscheidung zu treffen."
Die Entscheidung war, wie eingangs schon erwähnt, genau auf der Kippe, musste also zum ungünstigsten denkbaren Zeitpunkt gefällt werden. Dennoch war die Antwort letztlich eindeutig, was die richtige Entscheidung gewesen wäre.
Stella kündigt eine lückenlose interne Aufarbeitung des Falls an: "Es geht immer um Vor- und Nachbereitung. Die vergangenen Rennen haben uns wichtige Informationen gegeben. Jetzt liegt es daran, diese zu verarbeiten, zu prüfen und Anpassungen vorzunehmen."
"Die Konkurrenz ist stark, die Gegner machen einen guten Job - und wenn wir nicht perfekt sind, verpassen wir Chancen. Genau das hat uns heute gebissen. Und das hat uns auch schon in Vegas gebissen."
Brown will sich bei Fahrern entschuldigen
Keinen Vorwurf müssen sich die beiden Fahrer machen, die das Rennen vermutlich dominiert hätten, wären sie ebenfalls an die Box gekommen. "Ich habe noch nicht persönlich mit den Fahrern gesprochen, Oscar war ja noch auf dem Podium. Ich werde beide in den Arm nehmen und mich entschuldigen. Vor allem möchte ich Oscar eine große, ehrliche Entschuldigung aussprechen."
"Wir haben seinen Sieg weggeworfen. Das ist die Realität - anders kann man es nicht sehen. Und wir haben auch Landos Podium weggeworfen. Das ist sehr frustrierend, nur können wir jetzt nichts mehr ändern, außer daraus zu lernen. Das war das zweite Wochenende in Folge mit wichtigen Erkenntnissen. In Abu Dhabi müssen wir zurückkommen und wieder hart kämpfen. Solche Fehler dürfen uns nicht wieder passieren."
Stella ergänzt: "Wir verstehen Oscars Enttäuschung, denn er hat alles richtig gemacht: Er war schnell, er war solide. Und auch Lando hat abgeliefert. Die Fahrer hätten es verdient, aus ihrer starken Leistung Kapital zu schlagen."
Piastri betont, dass er die strategische Entscheidung im entscheidenden Moment nicht hinterfragte, wofür aber ohnehin keine Zeit gewesen wäre: "Ich habe dem Team die Entscheidung überlassen, was die beste Entscheidung ist. Sie haben viel mehr Informationen als ich."
"Wir haben es ganz eindeutig nicht richtig gemacht. Im Nachhinein ist es ziemlich eindeutig, was wir hätten machen sollen, aber das werden wir teamintern besprechen."
Norris gibt zu, dass er ein schlechtes Bauchgefühl hatte: "Wir mussten einfach darauf vertrauen, dass das Team die richtige Entscheidung getroffen hat. Ich hatte bereits das Gefühl, dass wir in gewisser Weise ein Risiko eingegangen sind. Am Ende war es die falsche Entscheidung, wir hätten es nicht tun sollen. Oscar hat einen Sieg verloren und ich Platz zwei, das war heute also keine gute Arbeit."

