57 Runden Qualifying: So hart war das Rennen in Katar

Formel-1-Fahrer kurz vor dem Blackout und am Ende ihrer Kräfte: Wie sehr der Katar-Grand-Prix am Limit war und wie schlecht es den Beteiligten wirklich erging

(Motorsport-Total.com) - Welches Bild zeichnet der Katar-Grand-Prix 2023 von der Formel 1, wenn die Fahrer völlig entkräftet aus ihren Autos steigen und teilweise sogar ärztlicher Behandlung bedürfen? Wenn mehrere Fahrer davon berichten, während des Rennes im Cockpit fast ohnmächtig geworden zu sein? Oder wenn Logan Sargeant völlig fertig das Fahrzeug an der Box abstellt und Lance Stroll nach Rennende zu einem Krankenwagen wankt?

Max Verstappen nach dem Formel-1-Rennen in Katar 2023

Alfa-Romeo-Fahrer Valtteri Bottas spricht aus, was viele im Formel-1-Fahrerlager darüber denken: "Es war härter als Singapur. Im Cockpit wird es fast zu heiß. Wir bewegen uns da am Limit, dass mal jemand einen Hitzschlag kriegt. Ganz ehrlich: Es ist im Auto wie unter Folter!"

Denn das Rennen am Sonntagabend in Katar fand bei über 30 Grad Celsius Lufttemperatur und bei 77 Prozent Luftfeuchtigkeit statt. Und im Gegensatz zu den Vortagen am Losail International Circuit bei Doha wehte der Wind äußerst schwach.

Was Ocon schon nach 15 Runden passiert ist

Letzteres könnte laut Aston-Martin-Mann Fernando Alonso der Hauptgrund sein, warum der Sonntag in Katar für die Fahrer so anstrengend war: "Im Freien Training war es nicht so schlimm gewesen. Vielleicht, weil es da windiger war. Heute hat vielleicht der Wind gefehlt und damit die Belüftung. Es war extrem."

So extrem, dass sich schon nach einem Viertel der Renndistanz erste Ausfallserscheinungen bei den Fahrern bemerkbar machten. Esteban Ocon von Alpine etwa räumt ein, er habe sich schon früh im Grand Prix "krank" gefühlt. Dann sagt er: "Ab Runde 15, 16 musste ich mich zwei Runden lang im Cockpit übergeben."

r habe sich und seinen Körper dann zwar wieder "unter Kontrolle" gekriegt, sei aber vor allem "froh, im Ziel zu sein", sagt Ocon weiter. "Es war so heiß, dass ich auf den Geraden das Visier aufmachen musste. Ich bekam keine Luft. Und ich versuchte, mit meinen Händen etwas Luft in den Helm zu kriegen, aber es ging nicht. Je mehr ich es versuchte, umso mehr Hitze strömte in den Helm."

Sein "ganz ehrliches" Fazit: "Es war die Hölle!" Ans Aufgeben aber habe er nicht gedacht. "Das ist keine Option. Das geht nicht", erklärt Ocon auf Nachfrage und witzelt: "Da musst du mich schon umbringen, dass ich aufhöre. Das ist die Wahrheit."

Williams-Fahrer Sargeant will nicht aufgeben, aber ...

Williams-Fahrer Sargeant sah das anders. Auch er meldete schon frühzeitig gesundheitliche Probleme an sein Team, nach gut einer halben Stunde im Rennen. Er funkte: "Ich fühle mich ziemlich krank. Aber es wird schon gehen."

Eine Vorerkrankung von vor dem Grand Prix und die Bedingungen im Rennen sorgten jedoch dafür, dass es eben nicht ging. Doch zunächst biss sich Sargeant weiter durch und meinte: "Lasst uns weitermachen. [Aber] ich fühle mich, als müsste ich mich übergeben."

Der Williams-Kommandostand begleitete seinen Fahrer in dieser Situation eng, bot Sargeant wiederholt an, er könne das Rennen jederzeit aufgeben. Selbst Teamchef James Vowles schaltete sich nach gut 50 Minuten im Grand Prix in die Diskussion ein und sagte: "Logan, du hast tapfer gekämpft, aber lass uns das Auto abstellen und aufhören. Wir sollten auf deine Gesundheit schauen."

... irgendwann ist trotzdem Schluss für Sargeant

Doch Sargeant gab sich stur: "James, ich verspreche dir, dass ich das packe. Du hast mein Wort." Das schien Vowles zu genügen. Denn er erwiderte: "Okay, dann lasse ich dich machen."

Und Sargeant machte weiter, noch für ein paar Runden. Wieder funkte er über Unwohlsein an die Box. Von dort kam zurück: "Wenn du dich nicht gut fühlst, solltest du aufhören. Deine Entscheidung. Es ist keine Schande, wenn man aufhört, wenn man sich nicht gut fühlt."

ach zwei Renndritteln sah das auch Sargeant ein und meinte: "Ja, ich muss aufhören. Ich höre auf. Es tut mir leid." Worauf Williams noch einmal beschwichtigend auf seinen Fahrer einwirkte: "Schon okay, das passiert. Manchmal ist man eben krank. Das ist keine Schande."

Russell wähnte sich schon in Ohnmacht fallen

Doch wo Sargeant ein Einsehen hatte, machten andere Fahrer einfach weiter, und sie riskierten viel. George Russell von Mercedes etwa sagte, er sei "irgendwann an einen Punkt gekommen", an dem ihm durch den Kopf gegangen sei: "Es ist zu heiß, ich will hier raus." Dieser Punkt sei bei ihm "ab Runde zwölf" erreicht gewesen, also nach weniger als einem Rennviertel.

"Um ehrlich zu sein: Ab da dachte ich, ich falle während des Rennens in Ohnmacht", sagt Russell. "Es war unglaublich. Ich habe mich wirklich über die Zielflagge gefreut."

Stroll berichtet von Blackout-Momenten

Noch eindrücklicher klingt die Schilderung von Alonso-Teamkollege Stroll von Aston Martin. Seiner Erfahrung nach "verschwimmt alles" bei einem solchen Hitzerennen. So sei es ihm jedenfalls "in den letzten 25 bis 30 Runden" ergangen.

Stroll: "In den Kurven fiel mein Blutdruck. In den schnellen Kurven bin ich praktisch ohnmächtig geworden aufgrund der hohen g-Kräfte. In den letzten 20, 25 Runden habe ich fast nichts gesehen, weil ich beinahe das Bewusstsein verlor in den schnellen Kurven."

Selbst nach Rennende war Stroll noch neben der Spur, kam nur mit Mühe überhaupt aus seinem Auto heraus, musste sich gleich danach am Vorderrad abstützen und klappte beinahe zusammen, als er den nahestehenden Krankenwagen erreichte.

Ralf Schumacher: Grenze überschritten in Katar

Ein paar Meter weiter vorne in der Boxengasse legte sich der zweitplatzierte McLaren-Fahrer Oscar Piastri im "Cool-Down-Room" erst einmal auf den Boden und ruhte sich aus, Williams-Fahrer Alexander Albon begab sich mit Verdacht auf Hitzschlag und Dehydrierung in ärztliche Behandlung (und wurde wenig später wieder entlassen).

Oscar Piastri und Lando Norris (McLaren) nach dem Formel-1-Rennen in Katar 2023

elbst Rennsieger Max Verstappen von Red Bull war gezeichnet von den Strapazen. "Ich habe Max eigentlich noch nie so verschwitzt gesehen", sagt Red-Bull-Sportchef Helmut Marko bei Sky.

All das bringt den früheren Formel-1-Fahrer Ralf Schumacher ebenfalls bei Sky zu der Einschätzung, es könnte in Katar "ein bisschen über der Grenze" gewesen sein. Seine These: "Vielleicht muss man das mal genau analysieren und in Zukunft bei solchen Bedingungen für die Fahrer etwas vorsichtiger sein. Es war offensichtlich sehr anstrengend."

Was es bedeutet, in Katar Formel 1 zu fahren

Und wie anstrengend, das verdeutlicht Russell mit seinen Aussagen bei Sky in England: "Manchmal trainiere ich in der Sauna. Du pushst deinen Körper ans Limit." Doch der Katar-Grand-Prix sei trotzdem "bei Weitem das körperlich intensivste Rennen" gewesen, an dem er je teilgenommen habe. "Es war irre heiß, wie in einem Ofen. Es war überaus fordernd", sagt Russell.

Er war einer der Fahrer, die während der Fahrt versucht hatten, sich selbst Frischluft zuzuführen. Dazu öffnete er mehrfach sein Helmvisier und nahm auf der Zielgeraden sogar kurzzeitig die Hände vom Lenkrad, steuerte nur mit den Handgelenken.

Russell erklärt: "Ich würde sagen, im Cockpit geht es in Richtung 50 Grad Celsius. Du hast deine feuerfesten Sachen an, den Rennoverall und die Autos vor dir strahlen heiße Luft ab. Du kannst dich nicht abkühlen, selbst dein Getränk ist heiß. Es ist wirklich so, als würde dir jemand mit einem heißen Föhn ins Gesicht pusten, und das eineinhalb Stunden lang."

"Bei all dem reden wir noch nicht mal von der körperlichen Anstrengung, wenn man ein Formel-1-Auto fährt. Ich würde daher sagen, das war zu sehr an der Grenze. Es war ziemlich verrückt."

Braucht die Formel 1 ein "Hitze-Reglement"?

Für Alonso, der schon 2001 erstmals in der Formel 1 gefahren ist, war es ebenfalls "sicherlich eines der härtesten Rennen". Er sagt weiter: "Malaysia tagsüber war auch sehr extrem, wenn ich mich zurückerinnere. Und 2009 hatten wir in Bahrain mal 41 Grad oder so. Das war auch irre heiß. Katar 2023 bewegt sich sicherlich in den Top 3."

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as die Frage aufwirft, ob die Formel 1 nicht in Zukunft ein "Hitze-Reglement" aufstellen muss, um derart schwierige Bedingungen von vorneherein auszuschließen. "Vielleicht müssen wir in Zukunft so denken wie der Fußball, wo es manchmal Pausen gibt, wenn es heiß ist", sagt Alonso.

"Natürlich können wir keine Pause machen, aber vielleicht brauchen wir Maximal-Temperaturen oder Maximal-Feuchtigkeitswerte, um ein Rennen auszutragen. Wir müssen einfach schauen, ob es da künftig eine Lösung gibt in solchen Bedingungen, ob wir vielleicht den Start verzögern können oder so."

2024 entspannt sich die Situation wahrscheinlich

Die Frage einer Startverzögerung um zum Beispiel eine Stunde wird konkret an Bottas gerichtet. Ob das die Situation entspannen könnte? Er antwortet: "Ich weiß nicht. Dann geht die Feuchtigkeit hoch."

Helfen würde aus seiner Sicht, das Rennen "vielleicht ein Monat später" auszutragen. Das mache in Katar nämlich einen "großen Unterschied" aus, wie das Premierenrennen aus der Saison 2021 beweise, denn das wurde Ende November ausgetragen.

Immerhin: Zu einer Wiederholung wird es in dieser Form nicht kommen in Katar. Der Grand Prix steht 2024 als vorletzte Saisonstation am 1. Dezember im Formel-1-Kalender. Dann liegen die Temperaturen im Schnitt nicht bei rund 35 Grad Celsius am Tag und gut 25 in der Nacht wie im Oktober, sondern eher bei 25 Grad am Tag und 15 in der Nacht - ein erheblicher Unterschied.

Bottas: Katar 2023 ist eine Warnung

Die Formel 1 müsse den Katar-Grand-Prix 2023 dennoch als Warnung verstehen: "Ab einem gewissen Punkt ist es nicht mehr gesund, sondern riskant", sagt Bottas. "Ich glaube, das ist jetzt so ein Niveau: Heißer darf es nicht sein."

Er selbst hatte bei Rennende noch am Funk mit seinem Renningenieur geflachst und von einem "schönen Sauna-Abend" gesprochen. Von der Box kam zurück: "Du kannst dir ja anschließend ein Bier holen!" Darauf Bottas: "Es gibt [hier in Katar] gar kein Bier in der Hospitality!" Team: "Stimmt, ja. Falsches Land. Aber später im Hotel ..."