• 20. November 2020 · 16:12 Uhr

Hamiltons "Intermediate-Slick": Mercedes hatte es genau so geplant!

Mercedes-Stratege James Vowles erklärt, weshalb das Team beim Türkei-Grand-Prix keine Bedenken hatte, Hamilton durchfahren zu lassen

(Motorsport-Total.com) - Er wechselte in Runde acht von Regenreifen auf Intermediates und dann nicht mehr bis ins Ziel in Runde 58: Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton brachte beim Türkei-Grand-Prix über 250 Kilometer auf nur einem Reifensatz zu. Am Ende war vom anfänglichen Profil kaum mehr etwas übrig. War das ein kalkuliertes Risiko von Mercedes?

Lewis Hamilton, Sergio Perez

Hamilton in der Türkei: Schon zu Rennmitte waren die Intermediates "gebraucht" Zoom Download

In einem nun veröffentlichten Videobeitrag des Rennstalls spricht Teamstratege James Vowles darüber, dass seine Mannschaft tatsächlich mit einer solchen Taktik geplant hatte.

Seine Erklärung: "Wenn die Strecke abtrocknet, dann nutzt sich beim Intermediate die oberste Gummischicht ab. Das beginnt bei dem Profil, das eigentlich dazu da ist, das Wasser zu verdrängen."

Abgefahrene Intermediates als perfekte Reifen

"In unserem Fall hatten wir es mit einer feuchten Strecke zu tun. Es gab nicht mehr ausreichend viel Wasser, das man hätte verdrängen müssen. Dann fährt man den Intermediate runter, bis er ein Slick ist. Dieser Slick verhält sich dann ungefähr wie ein Soft-Reifen bei niedrigen Temperaturen."

Und genau dieser "Soft"-Reifen erwies sich als hervorragend geeignet für die rutschigen und kühlen Bedingungen in Istanbul. "Wir hatten einen griffigen Reifen, der funktionierte", sagt Vowles. "Deshalb ist es nichts Schlechtes, einen Intermediate runterzufahren."

"Denn wenn du an die Box kommst und frische Intermediates holst, die direkt aus den Heizdecken kommen, dann liefern die ein paar Runden lang gute Leistung. Wie es danach aber weitergeht in dem Stint, das ist manchmal schwierig zu sagen."

Nur der Regen hätte Hamilton stoppen können

Manche Fahrer, die einen zweiten Stopp eingelegt und neue Intermediates geholt hätten, die seien danach regelrecht eingebrochen. Anders Hamilton: Er drehte in genau dieser Phase noch einmal auf, nachdem er seine Reifen anfangs geschont hatte.


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"Für uns wurde klar: Die Intermediates runterzufahren, das wäre der Schlüssel zum Erfolg", meint Vowles. "Es war auch kein weiterer Regen auf dem Radarbild zu erkennen. Und die Reifen haben gehalten."

"Natürlich: Wenn es Probleme gegeben hätte oder die Reifenleistung abgefallen wäre, dann hätten wir sofort reagiert und Lewis zum Stopp reingeholt. Die größte Sorge aber betraf möglichen Regen in den Schlussrunden. Dann hätten wir Schwierigkeiten bekommen, weil er quasi auf Slicks unterwegs war."

Zu wenig Daten über Intermediates und Regenreifen

"Im schlimmsten Fall wäre er gerade in Kurve 1 gewesen und hätte eine Runde im heftigen Regen fahren müssen. Zum Glück aber blieb der Regen aus und Lewis schaffte es sicher über die Linie."

Ganz risikofrei sei diese Strategie jedoch nicht gewesen, betont Vowles. Man verfüge im Fall der Intermediates schließlich nicht über so viel Erfahrung wie mit Trockenreifen, wo man das "Know-how in einen Topf werfen und prognostizieren [kann], wie sich die Reifen auf einem neuen Kurs verhalten".

"Diesen Luxus", sagt Vowles, "haben wir nicht für Intermediates und Regenreifen. Man hat halt nur die eine oder andere Runde auf Strecken, auf denen es mal ein bisschen feucht war. Wir bräuchten aber nachhaltig nasse Bedingungen, um ein Verständnis über die Reifen aufzubauen."

Vorbild Hockenheim 2019

Immerhin könne man auf die Daten von seltenen Situationen im Nassen zurückgreifen und diese Erfahrungswerte nutzen, zum Beispiel wie im Fall Hockenheim 2019.


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"Damit hat man ungefähr eine Idee, wie der Reifendruck aussehen sollte, welche Temperaturen anliegen sollten", erklärt Vowles. "Das reicht aber nicht aus, um zu verstehen, welche Leistung der Reifen entfaltet." Das müsse sich im Zweifelsfall aus dem Rennverlauf ergeben.

Apropos: Einige Fahrer und Teams zogen in Erwägung, zum Schluss in der Türkei noch Trockenreifen aufzuziehen. Zu dieser Entscheidung aber rang sich niemand durch, obwohl Mercedes den abgeschlagenen Valtteri Bottas hätte als "Versuchskaninchen" hernehmen können.

Slicks in den Schlussrunden? Wurde überlegt!

Laut Vowles stand die Idee tatsächlich im Raum. "Gegen Rennende mussten wir bei Valtteri eine Entscheidung treffen: Noch einmal auf Intermediates wechseln oder einen Wechsel auf Soft riskieren? Es gab ein paar Probleme: Die Strecke war in Teilen noch immer feucht und die Randsteine waren teilweise noch nass."

Außerdem hatte sich Mercedes sowohl im Qualifying als auch zu Beginn im Rennen schwergetan, die Reifen auf Temperatur zu bringen. "Es wäre also nicht ideal gewesen, es als Erster zu riskieren. So ein Risiko gehst du auch nur ein, wenn du Positionen oder Punkte gewinnen kannst, aber Valtteri lag an P14", sagt Vowles.

Die Fahrer vor Bottas hätten genügend Polster gehabt, um ihrerseits einen Stopp einzulegen und ebenfalls umzurüsten, um damit locker vor Bottas zu bleiben. "Für uns", meint Vowles, "hätte sich also nichts geändert. Wir hätten praktisch nichts gewonnen, auch keine Punkte."

"Wir hätten nur ein Risiko für das Auto auf uns genommen und das Risiko, die falschen Reifen zu nehmen, ohne Chance auf Punkte. Und so arbeiten wir eigentlich nicht."

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