Warum Williams das neue Formel-1-Reglement nicht als "Lackmustest" sieht
Nach einer starken Saison 2025 blickt Williams-Teamchef James Vowles auf die neue Formel-1-Ära: Warum 2026 eine Chance, aber kein alles entscheidendes Examen ist
(Motorsport-Total.com) - Der Traditionsrennstall Williams hat sich gefangen. Nach einer deutlich verbesserten Formel-1-Saison 2025, die mit einem komfortablen fünften Platz in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft endete, richtet sich der Blick in Grove nun nach vorne.
In den vergangenen 18 Monaten konnte das Team viele offensichtliche Schwachstellen beseitigen, die die Entwicklung zuvor gebremst hatten. Obwohl sich die aerodynamische Arbeit bereits größtenteils auf das neue Reglement für 2026 und darüber hinaus konzentrierte, gelang es Williams dennoch, die Leistung des FW47 zu steigern. Maßgeblichen Anteil daran hatte auch die erfahrene Fahrerpaarung aus Alex Albon und Ferrari-Neuzugang Carlos Sainz.
Trotz der positiven Entwicklung, die Beobachter bereits mit dem Aufstieg von McLaren vor einigen Jahren vergleichen, bleibt Teamchef James Vowles realistisch. In einem exklusiven Interview mit unserer englischsprachigen Schwesterpublikation Motorsport.com betont er, dass Williams weiterhin eine Baustelle sei und noch nicht bereit für den Kampf an der absoluten Spitze der Formel 1.
Aus diesem Grund betrachtet Vowles die umfassenden Regeländerungen für 2026 eher als große Chance für die nächsten Schritte im Umbauprozess und nicht als das finale Examen für den Erfolg seiner Arbeit. "Ich denke, es ist unter dem aktuellen Reglement schwieriger, Performance im Vergleich zu anderen zu finden, wenn man durch eine bestimmte Denkweise oder eine bestehende Konstruktion eingeschränkt ist", erklärt Vowles.
"2026 ist dagegen wirklich ein weißes Blatt Papier, sodass man die Sache ganz anders angehen kann. Aber ich halte es nicht für einen Lackmustest. Ich denke, es ist einfach eine Fortsetzung der Reise. Wenn überhaupt, gibt uns die Möglichkeit, einige Dinge zu verwerfen und neu anzufangen, einen kleinen Vorteil."
Williams-Weg: Fokus auf Prozesse statt nur Aerodynamik
Die Reise von Williams war von Höhen und Tiefen geprägt. Ein Tiefpunkt war der Große Preis von Japan 2024, bei dem das Team aufgrund eines fehlenden Ersatzchassis nur ein Auto einsetzen konnte. Damals kämpfte der Rennstall damit, zwei gewichtsgleiche Autos derselben Spezifikation zu produzieren. Dieses strukturelle Defizit wurde für 2025 vollständig behoben.
Vowles nutzte die Saison 2025 und den begrenzten aerodynamischen Entwicklungsspielraum, um andere Bereiche zu optimieren und Experimente zu wagen. "Wir haben während des Jahres nur wenige Wochen aerodynamische Entwicklungszeit in das 2025er-Auto gesteckt", verrät Vowles. "Stattdessen haben wir daran gearbeitet, ob wir die richtige Balance haben, ob wir die Reifen richtig nutzen, ob die Kommunikation mit den Fahrern stimmt und ob wir die richtigen Differenzial-Werkzeuge haben."
Laut dem ehemaligen Mercedes-Strategen verursachen diese Punkte keine Kosten. "Es geht nur darum, ein Produkt anders zu nutzen als zuvor. Dadurch wurde einiges an Performance freigesetzt, die zuvor verborgen war. Darauf habe ich mich konzentriert."
Diese Herangehensweise ermöglichte es dem Team, trotz fehlender Weiterentwicklung am Auto Fortschritte zu machen. "Man schränkt sich auf der einen Seite ein, indem man das Auto nicht weiterentwickelt, aber ich gebe dem Team die Freiheit, an jedem Wochenende etwas Neues auszuprobieren. Solange es logisch fundiert ist und auf Daten basiert, unterstütze ich das", so der Teamchef.
Kulturwandel in Grove: Ehrliche Buchführung statt Schuldzuweisungen
Ein zentraler Aspekt der Restrukturierung unter Vowles war die Abschaffung der früheren Schuldzuweisungskultur bei Williams. Stattdessen setzt er auf psychologische Sicherheit, die es den Abteilungen ermöglicht, ehrlich zu sein, anstatt sich selbst etwas vorzumachen.
"Es ist sehr einfach, einen Bericht zu erstellen, der besagt, dass man diese Woche durch X, Y und Z zwei Zehntel an Performance gefunden hat, ohne dass dies validiert oder überprüft wurde", erklärt er. "Was wir jetzt tun, sind sehr robuste, von Kollegen überprüfte Kontrollen. Ich nenne das ehrliche Buchführung."
In der Aerodynamik gäbe es oft das Phänomen der Abweichung, den sogenannten Drift. "Es gibt zwei Möglichkeiten, mit Drift umzugehen. Man kann sagen: 'Das ist unser neuer Maßstab'. Oder man sagt: 'Nein, ich habe einen Punkt verloren, und ich werde diesen Punkt zurückholen.' Wir sind hier sehr gut darin geworden, diese ehrliche Buchführung zu betreiben, weil die Kultur und die Sicherheit dafür vorhanden sind."
Prognose für Formel 1 2026: Ein "Schachspiel der Energie"
Der Wandel der Unternehmenskultur habe das Team agiler gemacht. "Global gesehen haben wir uns 2025 mehr verändert als in den Jahren 2023 und 2024, aber das Unternehmen ist auch bereit dafür", sagt Vowles.
Wie sich diese Veränderungen 2026 auf der Strecke auswirken werden, ist derzeit noch offen. Vowles wagt dennoch eine Prognose zur neuen Hackordnung der Formel 1 unter dem neuen Reglement.
"Das ist natürlich nur Raterei", gibt er zu. "Aber wir werden sicher nicht die gleichen Abstände sehen wie 2025, wo wenige Zehntel mehrere Autos trennen. Umgekehrt wird es auch nicht annähernd so sein wie 2014, wo es Abstände von dreieinhalb Sekunden gab. Es wird irgendwo dazwischen liegen."
Er erwartet, dass das Feld durch die neuen Antriebseinheiten und Chassis-Konzepte zunächst auseinandergezogen wird. "Ich denke, die Abstände von vorne bis hinten werden ein paar Sekunden betragen, aber an der Spitze wird es dennoch Wettbewerb geben."
- Formel 1
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Auch zum Racing selbst äußert sich Vowles optimistisch, wenngleich er eine Veränderung der Dynamik erwartet: "Ich bin sicher, dass wir Überholmanöver sehen werden. Sie werden nur nicht an den Orten stattfinden, an denen man sie normalerweise erwartet, denn es wird ein Schachspiel mit elektrischer Energie sein, das man spielen muss."


