"Habe Jahre gebraucht": Pierre Gasly über den Verlust von Anthoine Hubert
Pierre Gasly spricht offen über den Verlust seines besten Freundes Anthoine Hubert, den letzten Abschied und wie er seit 2019 mit der Trauer umgegangen ist
(Motorsport-Total.com) - Es ist eine der tragischsten Geschichten der jüngeren Formel-1-Vergangenheit: Der tödliche Unfall von Anthoine Hubert in Spa 2019. Pierre Gasly, engster Freund des verstorbenen Talents, hat nun in einem emotionalen Interview tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt gewährt. Denn sie waren mehr als nur Konkurrenten auf der Rennstrecke.
© circuitpics.de
Pierre Gasly legt Blumen an der Unfallstelle des 2019 in Spa verstorben Anthoine Hubert nieder (2025) Zoom Download
Pierre Gasly und Anthoine Hubert wuchsen gemeinsam im französischen Kartsport auf, teilten sich Zimmer und Träume. In der Reihe "Off The Grid" auf F1.com erinnerte sich Gasly nun an diese prägende Zeit. "Wir waren Teil dieses Programms, von 10 bis 15 Jahren", erzählte Gasly im Gespräch mit Lawrence Barretto. "Wir waren 15 Fahrer in Frankreich mit Potenzial und Talent, und Anthoine war einer von ihnen." Die Beziehung ging weit über den Asphalt hinaus:
"Wir waren Zimmergenossen, Klassenkameraden. Wir haben zusammen gefrühstückt, sind zusammen zum Unterricht gegangen, haben zu Mittag gegessen und miteinander trainiert." Dabei trieben sich die beiden Talente gegenseitig zu Höchstleistungen an. "Wenn ich 13 Liegestütze machte, machte er 14. Und dann legte ich nach und machte 15", beschreibt Gasly den gesunden Ehrgeiz. "Wir haben uns extrem gepusht, um das Potenzial aus dem anderen herauszuholen."
Der Schmerz von Spa-Francorchamps
Dieses Band wurde am Rennwochenende in Belgien 2019 zerrissen. Während Gasly sich auf seinen ersten Einsatz nach der Rückversetzung zu Toro Rosso vorbereitete, verunglückte Hubert im Hauptrennen der Formel 2 tödlich.
"Ich habe immer versucht, die F2-Rennen zu schauen", so Gasly. "Ich sah den Unfall, die rote Flagge. Anfangs wusste ich nicht, wer involviert war, aber es sah übel aus. Mein Teammanager sagte mir dann, dass es Anthoine erwischt hat." Sofort nach dem Briefing rannte Gasly zur Hospitality, um Informationen zu bekommen. Das Bild, das sich ihm dort bot, ließ keinen Zweifel mehr zu: "Als ich die Treppe hinunterging, sah ich in der Ferne meine Eltern, die völlig aufgelöst waren und weinten. Leider habe ich sofort verstanden, was passiert war."
Für Gasly brach eine Welt zusammen. "Es ist einfach nur Schmerz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Anthoine in die Formel 1 gekommen wäre. Es schien seine Bestimmung zu sein." Besonders tragisch: Es war nicht der erste Verlust für den Franzosen. "Zwei Jahre zuvor hatte ich bereits einen Freund aus der Heimat verloren. Und zwei Jahre später passiert es mit Anthoine, dem ich extrem nahestand."
Trauer im Schatten der Degradierung
Die emotionale Last wog schwer, besonders da Gasly sportlich gerade eine schwierige Phase durchmachte. Nur Tage zuvor war er von Red Bull zu Toro Rosso degradiert worden. Doch das spielte plötzlich keine Rolle mehr.
"18 Stunden später musst du einen Grand Prix fahren", erinnert er sich. "Das Einzige, was die Leute mich das ganze Wochenende fragen konnten, war, wie schlecht ich mich wegen der Degradierung fühle. Und du denkst dir nur: Betrachtet doch mal das große Ganze, es gibt mehr im Leben als das."
Die Verarbeitung des Traumas dauerte lange. "Ehrlich gesagt kann ich es immer noch nicht glauben. Es ist extrem schwierig, mit diesen Emotionen umzugehen. Ich glaube, ich habe Jahre gebraucht, um wirklich zu verarbeiten, was passiert ist, und das Leben so zu akzeptieren, wie es ist", gesteht der Grand-Prix-Sieger. "In der Schule bringen dir deine Eltern und Lehrer viel bei, aber niemand lehrt dich, wie du in einer solchen Situation mit dir selbst umgehen sollst."
Der letzte flüchtige Gruß
Eine Erinnerung nagt bis heute besonders an dem Alpin-Piloten: Das letzte Treffen mit Hubert in Budapest, kurz vor der Sommerpause und dem verhängnisvollen Wochenende in Spa. Beide waren nach dem Großen Preis von Ungarn feiern. "Ich wollte nicht zu spät gehen, also verließ ich die Party früher", erzählt der Franzose. Er suchte Hubert im Club, konnte ihn aber nicht finden. Erst beim Rausgehen entdeckte er ihn auf der Terrasse. "Ich habe ihm nur gewunken und gesagt: 'Tschüss, hab einen schönen Sommer, wir sehen uns in Spa.'"
Es sollte das letzte Mal sein. "Ich hatte nie die Chance, ihn vor dem Unfall noch einmal zu sehen. Und ich wünschte, ich hätte vielleicht noch ein bisschen länger im Club gewartet, nur um ihn zu umarmen oder mich auf eine etwas andere Art zu verabschieden." Doch dieser Schmerz hat Gasly auch eine wichtige Lektion gelehrt:
"Es hat mir gezeigt, dass wir die Momente mit den Menschen, die wir lieben, wertschätzen müssen und nichts als selbstverständlich ansehen dürfen." Zu Ehren seines Freundes organisiert Gasly seitdem jährlich den "Run for Anthoine" auf der Strecke in Spa-Francorchamps, um die Erinnerung an das viel zu früh verstorbene Talent wachzuhalten.


