Von vergebenen Chancen & Reue: Hätte die WM ganz anders aussehen können?
"Was wäre wenn?": Lando Norris und Oscar Piastri reflektieren ihre Saison und erklären, wie sie mit Risiken und Rückschlägen umgehen
(Motorsport-Total.com) - Neun Punkte trennen vor den letzten zehn Saisonrennen die beiden WM-Kandidaten Oscar Piastri und Lando Norris. Wie immer in einer so langen Saison hätte der Stand auch ein ganz anderer sein können - in die eine oder die andere Richtung. Sicherlich dürften beide McLaren-Piloten über die ein oder andere Szene noch einmal nachdenken und sich fragen: Was wäre wenn?
Was wäre, wenn Piastri in Silverstone nicht die umstrittene Strafe für den Safety-Car-Restart bekommen hätte, und was wäre, wenn der Strategiepoker seines Teamkollegen zuletzt in Ungarn nicht aufgegangen wäre? Der Vorsprung hätte durchaus derzeit mehr als einen Rennsieg betragen können.
Doch der Australier sagt, dass er sich mit so etwas gar nicht beschäftigt: "Ich denke, im Rennsport wird es immer Dinge geben, denen man nicht unbedingt zustimmt oder die nicht so laufen, wie man es sich wünscht. Und das gehört einfach dazu", betont der WM-Spitzenreiter. "Manchmal fragt man sich, warum man sich ausgerechnet diesen verdammten Sport ausgesucht hat."
Generell sei das aber nichts, was groß in seinem Kopf spukt. Im Gegenteil: "Ich denke, wir haben dieses Jahr viele Dinge, die wir kontrollieren können, sehr gut gemacht", meint er. "Es gab einige harte Momente und harte Lektionen. Aber ich bin sehr zuversichtlich in Bezug auf die Position, in der ich mich befinde. Ich habe das Gefühl, ich habe dieses Jahr gut abgeschnitten."
Die Fehler von Oscar Piastri im WM-Kampf 2025
Eigentlich galt McLaren-Teamkollege Lando Norris als WM-Favorit, doch Oscar Piastri konnte sich beim fünften Rennen des Jahres erstmals an die Spitze der WM-Tabelle setzen. Sein Vorsprung wäre sogar noch größer, wenn er weniger Fehler gemacht hätte. Wir liefern eine Übersicht über seine bisherigen Fehltritte. Fotostrecke
"Viele der Dinge, die ich kontrollieren kann, habe ich meiner Meinung nach sehr gut kontrolliert", betont Piastri. "Also ja, es gibt ein Paralleluniversum, wo vieles ganz anders aussieht, aber das spielt keine Rolle. Ich konzentriere mich jetzt einfach auf die nächsten zehn Rennen und darauf, wie ich gleichauf oder sogar besser performen kann als zu Saisonbeginn, und mache weiter."
Norris: China war doof, Kanada auch
Auf der anderen Seite hatte aber auch Norris seine Szenen, in denen er wichtige Punkte verloren hat, mit denen er jetzt die WM anführen könnte. "Hätte ich manchmal bessere Entscheidungen treffen können? Ich denke schon", gibt der Brite zu.
Ihm fällt dabei spontan das Sprint-Qualifying in China ein. "Ich glaube, meine Runde war gut genug für die Pole bis zur letzten Haarnadel, wo ich mich verbremst habe. Wenn ich mir kurz vor dem Bremsen gedacht hätte: 'Es ist eine lange Saison, versuch nicht, der Held zu sein', dann wäre es nicht so gelaufen."
Norris wurde dort nur Sechster und verlor wichtige Zähler. Und dann wäre da noch Kanada, als er in Teamkollege Piastri krachte und ausschied. Aber: Norris betont, dass er diese Momente nicht bereut.
Die Fehler von Lando Norris im WM-Kampf 2025
Der Crash mit seinem Teamkollegen Oscar Piastri in Kanada ist bislang der negative Höhepunkt einer Saison, in die Lando Norris eigentlich als WM-Favorit gestartet ist. Doch will der Brite den Titel am Jahresende auch wirklich gewinnen, wird er seine Fehlerquote reduzieren müssen. Wir liefern eine Übersicht über seine bisherigen Pannen. Fotostrecke
"Wünsche ich mir, dass es anders wäre? Wünsche ich mir, es wäre besser? Wünschte ich, ich könnte es noch einmal machen? Ja", sagt er. "Aber gleichzeitig bereue ich nicht, dass ich in dem Moment diese Entscheidungen getroffen habe, denn das bin ich, so ist das Leben, so läuft es."
"Manchmal läuft es dir zu, du hast Glück, manchmal nicht und du triffst nicht die beste Entscheidung. Aber das sind auch die Zeiten, aus denen du am meisten lernst und die dir in der Zukunft helfen. Also nein - ich lebe nicht mit Reue, sondern versuche, daraus zu lernen und mich zu verbessern."
Norris: Habe auch gute Entscheidungen getroffen
Außerdem habe er in seiner Karriere auch viele richtige Entscheidungen getroffen, wie er unterstreicht. "Ich habe Glück, seit sieben Jahren bei McLaren zu sein. Ich hätte auch fünf dieser Jahre ohne sie sein können, also habe ich auch gute Entscheidungen getroffen", so Norris.
"Ich glaube an mich, ich habe gute Entscheidungen getroffen, besonders dieses Jahr. Ich habe mich als Fahrer verbessert. Ich hatte ein Auto, das ich deutlich schwieriger fand zu fahren - genauso, wie jeder sich beklagt, wenn ein Auto ihm nicht passt oder nicht so fährt, wie er es gern hätte - und ich habe Schritte nach vorne gemacht, um wieder gut Rennen zu fahren."
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Auch das Rennen in Budapest hätte er laut eigener Aussage nicht gewonnen, wenn er sich selbst nicht verbessert hätte. "Das war kein Glück", reagiert er auf Kommentare von Ex-Pilot Jolyon Palmer, der meinte, Norris sei aufgrund von Glück noch im WM-Kampf. "Das war harte Arbeit, viel Einsatz mit meinen Ingenieuren und meinem Team, sowohl auf der Strecke als auch abseits."
"Ja, ich hatte hier und da ein bisschen Glück - jeder braucht ein bisschen davon - aber wahrscheinlich hatten auch andere Fahrer bei manchen Rennen Glück. Ich habe auch gute Entscheidungen getroffen, mich aus Ärger rausgehalten, die Regeln beachtet. All das gehört zum Beruf eines Rennfahrers, und manchmal bringen dir diese Dinge Punkte ein."
Andere Strategie für beide in Ordnung
Zuletzt in Budapest war es eben der strategisch richtige Kniff, auf einen Boxenstopp umzustellen und so in Führung zu kommen. Das ist eigentlich etwas unüblich bei einem Team, dessen zwei Fahrer unter sich um die WM kämpfen - im Normalfall will man gleiche Voraussetzungen schaffen. Für Norris war die Situation aber eine besondere.
"Du müsstest ziemlich dumm sein, wenn ich nach allen anderen reingefahren wäre, die vor mir hereingekommen sind - nur um mitzufahren und nichts anders zu machen", sagt er. "Du musst nicht mal besonders clever sein, um zu wissen, etwas anders zu machen."
Für ihn sei es im Grunde erst einmal darum gegangen, an George Russell vorbeizukommen - nicht darum, das Rennen zu gewinnen. Dass er am Ende gewonnen hat, habe ihn sehr erstaunt. "Ich habe diese Entscheidung nicht getroffen mit dem Gedanken: 'Okay, das ist mein Rennen und ich kann es jetzt gewinnen.'"
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Ihm ist klar, dass die Entscheidung nicht in das Bild passte, das sonst vom Team vorgelebt wird, "aber gleichzeitig ist es ein Beispiel dafür, was im Rennsport passieren kann", sagt Norris. "Ich denke, wir beide wollen als Fahrer nicht, dass es zu strikt wird. Wir wollen nicht gesagt bekommen, dass wir nicht kämpfen dürfen. Wir sind hier als Individuen, um Rennen zu fahren und zu zeigen, wer es besser macht."
Der Meinung würde sich Piastri anschließen. Für ihn war die alternative Strategie in Ordnung: "Ich denke, letztlich gibt es Rennsituationen, in denen der Fahrer, der quasi das letzte Auto im Zug ist, viel weniger zu verlieren hat. Dieses Element wird immer vorhanden sein, und ich finde, es wäre unfair, das zu neutralisieren, nur um dieselbe Strategie zu erzwingen", sagt er.
Daher werde man bei McLaren weiterhin frei sein, alternative Strategien zu wählen. "Aber ja, es gab definitiv Diskussionen darüber, wie wir das angehen können, weil es offensichtlich schwierig ist, unterschiedliche Strategien abzudecken, besonders wenn man in der Position ist, in der wir uns in der Meisterschaft befinden", so Piastri.
Piastri: Kann mit WM-Druck umgehen
Die Frage ist, wie sich die Situation im weiteren Jahresverlauf entwickeln wird. Denn die Spannungen und der Druck werden vermutlich zunehmen, je näher man dem Saisonfinale kommt. Während Norris immer ein paar psychologische Schwierigkeiten nachgesagt werden, betont Piastri, das er darauf vorbereitet ist. "Ich war schon in dieser Position in anderen Meisterschaften und dieses Gefühl, dieser Countdown zum Jahresende, ist das gleiche", meint er.
Zudem kann er sich Unterstützung und Tipps von seinem Manager Mark Webber holen, der weiß, wie sich ein WM-Kampf anfühlt - aber auch, wie es ist, diesen zu verlieren. "Ja, ich kann mich auf Mark stützen, aber letztlich kommt es darauf an, wie ich das manage, wie ich fahre, wie ich mit den Dingen umgehe, die auf mich zukommen", sagt Piastri.
Neben dem eigenen Teamkollegen gibt es aber auch noch 18 andere Fahrer auf der Strecke, die im Titelkampf zum Zünglein an der Waage werden können - vielleicht nicht direkt in der WM-Tabelle, aber mit ihrem Verhalten im Zweikampf. Ein unbedachter Moment, eine Kollision, einmal zu viel Risiko, kann am Ende die Meisterschaft entscheiden.
Norris gibt zu, dass er in Zweikämpfen häufiger mal das Risiko scheut - was ihm gegen Max Verstappen in den vergangenen Monaten aber auch häufig vorgeworfen wurde.
Anderes Verhalten im Zweikampf?
"So sehr wir Rennen gewinnen und zwischendurch vielleicht auch mal auf Platz zwei oder drei kommen wollen - und vielleicht hätten wir an manchen Punkten riskanter sein können - ich denke, wir beide verstehen seit einiger Zeit das Risiko-Element besser", sagt er.
"Wir wissen, wann wir ein Risiko eingehen müssen - im Qualifying und so - und wir wissen auch, dass man im Rennen vielleicht für einen zusätzlichen Punkt nichts riskieren sollte. Aber für den Sieg? Dann gehst du eher das Risiko ein", so Norris.
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"Es hängt auch davon ab, gegen wen du kämpfst. Das ist ein wirklich wichtiger Faktor. Das gehört zum Handwerk eines Rennfahrers: Du musst verstehen, mit wem du Risiken eingehen kannst, mit wem nicht, und wann du diese Risiken eingehen solltest. Ich denke, das ist allgemein so, aber wenn du um eine Meisterschaft kämpfst, musst du das noch ein bisschen bewusster handhaben."
Er kommt noch einmal auf Shanghai und seinen Fehler zurück: "Wenn ich China nochmal fahren könnte und dieses Risiko nicht eingehen würde, würde ich das tun", gibt er zu.
"Vermutlich war ich damals nicht ganz so auf der Höhe und nicht so bedacht, wie ich es hätte sein sollen, so früh in der Saison, in Runde 2 eines Meisterschaftsjahres. Aber ich habe daraus gelernt und treffe jetzt bessere Entscheidungen."