• 01. April 2022 · 12:24 Uhr

Zehn Kilo zu schwer: Wie viel Pace steckt noch im Red Bull?

Übergewicht, Zuverlässigkeitssorgen, mit Ferrari ein starker Gegner, aber: "Haben noch gutes Entwicklungspotenzial", sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner

(Motorsport-Total.com) - Für Red Bull hat die neue Formel-1-Saison nicht nach Wunsch begonnen. Max Verstappen hat nach zwei Rennen bereits 20 Punkte Rückstand auf WM-Leader Charles Leclerc, und bei den Konstrukteuren liegt das Team hinter Ferrari und Mercedes nur an dritter Stelle. Auch wenn das Gefühl ist: Mit dem Sieg in Saudi-Arabien hat 2022 für Red Bull nach dem Doppelausfall in Bahrain erst so richtig begonnen.

Max Verstappen, Charles Leclerc

Max Verstappen hat im zweiten Rennen 2022 den ersten Saisonsieg gefeiert Zoom Download

Positiv ist aus Red-Bull-Sicht auch, dass das Potenzial des RB18 noch lange nicht ausgeschöpft ist. Zwar hat etwa Mercedes beim Thema "Porpoising" sicher mehr Luft nach oben als Red Bull, aber in anderen Bereichen kann auch Red Bull noch deutlich zulegen - insbesondere beim Gewicht.

Helmut Marko war am Montagabend zu Gast bei 'Sport und Talk aus dem Hangar-7', einer Talkshow auf dem Red-Bull-Sender 'ServusTV'. Dort rechnete er vor, dass zehn Kilogramm "Übergewicht" über dem von der FIA vorgeschriebenen Mindestgewicht von 798 Kilogramm drei bis vier Zehntelsekunden pro Runde ausmachen.

Zwei Tage später stellte sich der Red-Bull-Motorsportkonsulent auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de einem exklusiven Interview, das bereits seit Mittwoch für Kanalmitglieder freigeschaltet ist und am Freitag um 17:00 Uhr für alle User veröffentlicht wird.

Marko bestätigt: Gewicht kostet gut drei Zehntelsekunden

In dem Interview fragt Chefredakteur Christian Nimmervoll Marko ganz direkt: "Können wir aus der Aussage bei 'ServusTV' ableiten, dass es ungefähr zehn Kilo sind, die Adrian Newey mit seinem Team beim RB18 abspecken muss?" Und Markos Antwort ist eindeutig: "Ja, davon können wir ausgehen."


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Der Mercedes F1 W13 E Performance ist, munkelt man im Paddock, ähnlich "übergewichtig" wie der Red Bull RB18; der optisch voluminösere Ferrari F1-75 hingegen soll ein paar Kilogramm weniger auf die Waage bringen als seine beiden Hauptkonkurrenten. Das bedeutet, dass das Potenzial, sich mit den ersten Updates zu verbessern, bei Red Bull und Mercedes größer sein könnte.

"Ich nehme an, dass wir bis Imola etwas Gewicht verlieren werden", kündigt Marko bei 'ServusTV' an. "Allein das sollte schon einen deutlichen Zeitgewinn bringen." Er glaube daher, Red Bull sei für 2022 "gut gerüstet"; "ganz klar" sei aber auch: "Mit Übergewicht wird man auf die Saison hin ganz sicher nicht ganz vorn fahren können."

Marko analysiert den Ferrari F1-75 als ein Auto, "das unter allen Umständen, unabhängig von Temperatur und Reifen, immer schnell ist. Unser Auto ist sicher diffiziler abzustimmen." Auch das deutet darauf hin, dass Red Bull im direkten Vergleich womöglich noch mehr Weiterentwicklungspotenzial haben könnte als Ferrari.

Dazu kommt: Als Zweiter der Konstrukteurs-WM 2021 darf Red Bull im ersten Halbjahr 2022 maximal 60 aktive Betriebsstunden des Windkanals nutzen, Ferrari hingegen 64. Sollte der WM-Stand so bleiben, wie er jetzt ist, würde sich das ab 1. Juli umdrehen. Dann hätte Ferrari nur noch 56 Stunden, Red Bull aber 64. Der gleiche Prozentschlüssel gilt auch für CFD-Ressourcen.

"Es dreht sich jetzt alles um die Weiterentwicklung", weiß Red-Bull-Teamchef Christian Horner, "darum, das Potenzial dieser noch sehr unausgereiften Autos zu entfalten. Wir sehen, dass Ferrari sehr, sehr schnell ist. Es wird unter Hochdruck versucht, Performance zu finden und zum Beispiel zu verstehen, wie die Reifen funktionieren. All diese Dinge eben."

"Was mich besonders freut: Wir haben die Entwicklung dieses Autos wahrscheinlich später in den Fokus gerückt als unsere Rivalen, weil das Team in Milton Keynes so viel in den RB16B investiert hat. Dadurch, dass sich die WM so lang gezogen hat, wurde der Zeitplan für dieses Auto komprimiert. Wenn die Saison dann so beginnt, verleiht einem das natürlich Auftrieb."

Red Bull: Am stärksten auf den langen Geraden?

Interessant: Red Bull gilt traditionell als Team, das seine Stärken weniger in der Höchstgeschwindigkeit hat als vielmehr dort, wo es Anpressdruck braucht, nämlich in den schnellen Kurven. Ein Trend, der 2022 zumindest bisher komplett ins Gegenteil verkehrt scheint, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie Verstappen Leclerc jeweils am Ende der Geraden überholt hat.

"Sie waren in den Kurven richtig, richtig schnell", berichtet Verstappen nach seinem Sieg in Saudi-Arabien. "Wir waren dafür auf den Geraden schnell. Die Reifen haben auf dieser Strecke auch ziemlich schnell abgebaut. Aber am Ende hatten wir einfach ein bisschen mehr Pace. Dadurch konnte ich ihn letztendlich überholen."

Horner erklärt: "Wir sind die ersten zwei Rennen mit der bewussten Entscheidung angegangen, weniger Downforce zu fahren. Das hat in Saudi-Arabien sicher funktioniert." Und er sagt: "Die Regeln werden sehr unterschiedlich ausgelegt. Wir haben eine sehr kreative Interpretation gefunden. Ich glaube, damit haben wir noch gutes Entwicklungspotenzial für die Saison."

Bereits so früh ein Rennen gewonnen zu haben, das sei "fantastisch" für die Moral, unterstreicht Horner. Aber es gibt auch Sorgen: In Bahrain setzte es für Red Bull einen Doppelausfall, und AlphaTauri hat in den ersten beiden Rennen jeweils ein Auto wegen Defekt verloren. "Natürlich bereitet uns das Kopfschmerzen", räumt Horner ein.

Aber: "Es ist noch so früh in der Saison. Glück und Pech halten sich aufs Jahr gesehen meistens die Waage. Wir nehmen ein Rennen nach dem anderen. Im Moment sind wir hinten, aber wir haben angeschrieben, unser erstes Rennen gewonnen. Beide Fahrer waren sehr konkurrenzfähig. Von da ausgehend müssen wir jetzt Momentum aufnehmen."

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