• 06. Mai 2021 · 12:58 Uhr

Analyse: Warum McLaren geheime Abstimmungen fordert

McLaren-Geschäftsführer Zak Brown erklärt ausführlich, warum er für geheime Abstimmungen ist und Entscheidungsprozesse in der Formel 1 beschleunigen möchte

(Motorsport-Total.com) - McLaren-Geschäftsführer Zak Brown hat vor dem Grand Prix von Portugal mit einem Vorschlag eine Debatte über das Abstimmungsverhalten der Rennställe losgetreten. Er schrieb in einem offenen Brief über die Zukunft der Formel 1 und forderte geheime Abstimmungen bei wichtigen Entscheidungen.

Zak Brown

McLaren-CEO Zak Brown fordert Änderungen in der Formel 1 Zoom Download

Brown ist frustriert über den aktuellen Entscheidungsprozess in der Formel 1. Denn speziell Kundenteams sind meist dazu verpflichtet, im Interesse ihrer Motorenlieferanten oder kommerziellen Partner zu stimmen. Dabei kommt es vor, dass Rennställe gegen ihre eigenen Interessen votieren und Abstimmungen verzerrt werden.

Dieses Problem gibt es in der Formel 1 bereits seit Jahrzehnten. Natürlich wird kein Team in Sachen Motoren-Reglement gegen seinen aktuellen Hersteller stimmen. Das versteht und akzeptiert jeder. Heikel wird es hingegen, wenn sich diese Unterstützung auf andere Bereiche ausgeweitet.

Diese Allianzen gibt es in der Formel 1 2021

Aktuell ist es keineswegs schwierig, die einzelnen Gruppierungen im Fahrerlager auszumachen: Ferrari hat mit Alfa Romeo und Haas zwei potenzielle Verbündete. Beide Teams sind nicht nur auf technischer Seite eng mit Maranello verstrickt, sondern haben jeweils auch einen Fahrer-Junior unter Vertrag.

Im Fall von Alfa Romeo gibt es außerdem eine direkte kommerzielle Bindung über den Hersteller, der dem ehemaligen Sauber-Team seinen Namen leiht. Der größte Player ist aktuell jedoch Mercedes. Die Silberpfeile können auf drei Partner verweisen.

Mit Aston Martin besteht nicht nur eine technologische Partnerschaft, die in den vergangenen Jahren seit der Übernahme von Lawrence Stroll intensiviert wurde, sondern auch eine kommerzielle. Hinzukommt die enge persönliche Bindung zwischen dem Kanadier und Mercedes-Teamchef Toto Wolff.


F1: Grand Prix von Spanien (Barcelona) 2021 - Pre-Events

Williams hat mit der Verpflichtung von Mercedes-Hoffnungsträger George Russell auch eine Verbindung abseits der technischen Zusammenarbeit. Ab 2022 wird das Team außerdem Getriebe und Hydraulik von Mercedes beziehen.

Das dritte Team im Bunde ist McLaren. Brown hat mit Mercedes selbst einen klassischen Liefervertrag abgeschlossen. Red Bull und AlphaTauri werden aufgrund ihrer Besitzverhältnisse gerne als ein gemeinsamer Player angesehen. Alpine bleibt als unabhängiges Werksteam ohne Kunden ein Einzelkämpfer.

Diese Allianzen und Abhängigkeiten spiegeln sich in den Entscheidungsfindungen der Formel-1-Kommission wider. Brown drängt daher auf geheime Abstimmungen, um den Kundenteams die Möglichkeit zu geben, unabhängig und im besten Eigeninteresse entscheiden zu können.

"Ich habe keine Wahl, ich muss so abstimmen"

"Ein Beispiel, das ich geben kann: Als wir für die Reduktion der Budgetobergrenze gestimmt haben. Manche Teams operieren nahe an der Kostengrenze, und haben dennoch für ein höheres Budget gestimmt. Das ergibt absolut keinen Sinn", schildert Brown am Rande des Portugal-Grand-Prix.

"Es passiert ständig, dass Teams gegen ihre eigenen Interessen stimmen. Ich habe mehr als ein Team bei mehr als einer Gelegenheit gefragt, wie sie abstimmen werden. Die Antwort war [immer die gleiche]: 'Aber ich habe keine Wahl, ich muss so abstimmen'."

Diese Zwänge prangert der US-Manager an. Ob geheime Abstimmungen das Problem lösen werden, das glaubt er zwar nicht. Aber: "Ich denke, wir müssen an diesen Allianzen arbeiten. Und in diesem Bereich wäre das recht einfach zu installieren."

Zak Brown

Brown glaubt: Nicht jedes Team stimmt im besten Eigeninteresse ab Zoom Download

Der Mechanismus einer geheimen Abstimmung kann bereits jetzt von Teams gefordert werden, doch das passiere so gut wie nie, merkt Brown an.

"Viele Abstimmungen weltweit werden geheim abgehalten. Und wenn das dazu führt, dass ein oder zwei Regeln zum Besseren für den Sport und die Fans geändert werden, dann sollten wir diesen Bereich verbessern."

Schon seit seinem ersten Tag in der Formel 1 habe er diese Machenschaften beobachten können, erzählt der McLaren-Boss. "Natürlich wird jeder behaupten, dass er im besten Eigeninteresse abstimmt. Aber ich kann sagen: Niemals. Oder die Leute verstehen nicht, was gut für ihren Rennstall ist."

Entscheidungen sorgen für "Stirnrunzeln"

Wie wird er nun bei der nächsten Abstimmung verfahren? "Entweder wir beantragen bei jeder einzelnen Abstimmung ein geheimes Verfahren. Oder wir implementieren die geheime Abstimmung." Er fordert bei Interessenkonflikten eine starke Führung durch die Regelhüter.

Und Brown fordert noch eine Änderung: Bei Mehrheitsbeschlüssen sollen in Zukunft sieben statt acht Stimmen genügen. "Denn manche haben Allianzen mit drei Teams", merkt er an. Das trifft aktuell nur auf Mercedes zu. "Ich würde gerne sehen, dass die Schwelle gesenkt wird, damit nicht eine Stimme die Wahl beeinflusst."

Brown ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu betonen, dass er bislang nicht von Motorenpartner Mercedes gebeten wurde, die eigenen Interessen hinter die Absichten des Partners zu stellen. "Mercedes hat uns nie gebeten, in eine Richtung abzustimmen, die wir nicht wollten."


Fotos: F1: Grand Prix von Spanien (Barcelona) 2021


Aber: "Wenn man sich im Raum umschaut und sieht, wer wofür abgestimmt hat, dann sorgt das manchmal schon für Stirnrunzeln."

Das Abstimmungsverhalten ist nur ein Problem im Spannungsverhältnis zwischen Motorenhersteller und Kundenteams. Denn oftmals ist fraglich, wo die Grenze der Zusammenarbeit gezogen wird. Im Vorjahr hat etwa die Causa "Copygate" rund um Racing Point und Mercedes neuen Zündstoff geliefert.

Das sei aber nicht der Grund für seinen Vorstoß, erklärt Brown. "Aston Martin hat die Allianz auf ein ganz anderes Niveau gehoben, das war aber keine Abstimmungssituation." Nachsatz: Ein wahrer Konstrukteur kopiere nicht das Auto von jemand anderem.

Brown fordert Beschränkungen bei Windkanal-Nutzung

Daher müsse das Thema rund um Kooperationen zwischen Herstellern und Partnerteams genauer unter die Lupe genommen werden. Auch McLaren hat in der Vergangenheit Getriebe an anderen Teams verkauft. "Damit habe ich kein Problem." Dagegen sei auch nichts einzuwenden.

Denn: Auf der einen Seite können sich Teams zusätzliche Einnahmequellen erschaffen, indem sie Technologie und Wissen verkaufen. Auf der anderen Seite wird kleineren Teams, die es sich nicht leisten können oder die Ressourcen dafür nicht haben, um ein eigenes Getriebe zu bauen, geholfen.

Was Brown hingegen sauer aufstößt: "Ich finde es nicht gut, wenn zwei Teams, die kooperieren, denselben Windkanal benutzen. Ich würde daher gerne Beschränkungen für die Benutzung von Windkanälen sehen, wenn die Teams in direkter Beziehung stehen."


Fotostrecke: Zehn kuriose und interessante Formel-1-Regeln, die fast niemand kennt

Dem McLaren-Geschäftsführer ist klar, dass sich nicht jedes Team einen eigenen Windkanal leisten könne. Daher sind Kooperationen in diesem Bereich gängige Praxis. "Aber ich würde gerne sehen, dass Haas zum Beispiel jenen von Renault benutzt, solche Sachen."

Er fordert daher von der FIA und dem Formel-1-Management dieses Problem zu adressieren und zu untersuchen, wie eng einige Kooperationen tatsächlich sind. Aber auch McLaren verfolgt eine eigene Agenda, wobei Brown darauf besteht, dass seine Ansichten mit jenem des Sports übereinstimmen.

"Das Beste für den Sport ist auch das Beste für McLaren", glaubt er. Sein Ziel lautet: "Den Sport dahin zu bringen, damit das beste Team gewinnt. Aber alle sollen die gleichgroßen Schläge oder gleich viele Spieler am Feld haben - ganz egal welche Analogie man verwenden möchte."

Manche Teams wollen Themen "aussitzen"

Das sei im besten Interesse der Formel 1 und auch von McLaren. "Und ganz ehrlich, von allen Rennställen." Brown erläutert in diesem Zusammenhang auch, warum er seinen offenen Brief verfasst hat. Der Kommentar sei nicht als Kritik am Sport gedacht gewesen, merkt er an.

Vielmehr wollte er dadurch aufzeigen, welche Verbesserungsspielräume die Formel 1 wahrnehmen sollte. "Ich wollte jene Bereiche herausstreichen, wo ich Chancen für die Formel 1 sehe. Denn der Sport ist in großartiger Verfassung."

In vier Jahren habe er nun in genügend Meetings gesessen und lange genug zugeschaut, gibt er zu. "Diese Meetings sind oftmals sehr frustrierend, weil sie sehr politisch sind. Manche Teams verfolgen die Strategie, ein Thema aussitzen zu wollen."

Teamchefs

Politische Debatten stehen im Paddock an der Tagesordnung (Foto aus 2018) Zoom Download

Was in einem Treffen gelöst werden könnte, werde gerne drei oder sechs Monate verschleppt, schildert Brown.

Die Zusammensetzung des Gremiums ist ihm außerdem ein Dorn im Auge. Die meisten Teamchefs haben aktuell einen technischen Hintergrund. Brown zählt zu den wenigen Personen, die aus dem Marketing kommen.

"Meiner Erfahrung nach gibt es in diesen Meetings oft Themen, die wir ansprechen, für die wir nicht das nötige Fachwissen haben." Die meiste Zeit werde über technische Aspekte gesprochen, verrät er, doch die Entscheidungsträger müssen auch verstehen, dass die kommerzielle Seite des Sports genauso wichtig sei.

Sollen Teamchefs in Zukunft überhaupt noch entscheiden?

"Bei vielem, was letztendlich durchgeht, haben die Teams das Sagen", merkt er an. "Wenn ich mir die zehn Leute am Tisch ansehe, dann ist nicht annähernd die kaufmännische Expertise vorhanden, die bei Leuten, die viele der großen Entscheidungen vorantreiben, [wünschenswert wäre]."

Daher empfiehlt Brown einen Beraterstab. Als Beispiel nennt er etwa Diskussionen über soziale Netzwerke. "Wir sitzen im Meeting und reden über Social Media. Das ist jetzt nur ein Beispiel, aber wahrscheinlich sind sieben der zehn Personen am Tisch nicht mal auf Social Media."

Daher schlägt Brown eine Art "Marketing-Council" oder "Advisory Goup" vor. "Mit Personen, die Expertise in einem gewissen Fach vorweisen können. Das sollten nicht jene zehn Menschen sein, von denen drei Viertel nicht mal auf Social Media ist."

Eine neue Strategie solle daher, so Brown, von einer Gruppe von Menschen ausgearbeitet werden, die versiert und engagiert ist, anstatt von Teamchefs, die selbst keine sozialen Medien konsumieren.

Eine logische Konsequenz dieser Forderung des McLaren-Boss' wäre, die Teamchefs und Verantwortlichen generell vom Entscheidungsprozess auszuschließen. "Das würde ich unterstützen", entgegnet Brown. Bislang haben die Teams gemeinsam mit der FIA und Liberty Media in der Kommission das Sagen (je zehn Stimmen).

"Ich könnte mir vorstellen, dass wir einen Bevollmächtigten haben, in diesem Fall wäre das Stefano [Domenicali]." Der Formel-1-Boss, eingesetzt von Liberty Media, hätte dann die Macht. Die Rennställe könnten dann nicht mehr über einzelne Regeln entscheiden, sondern nur noch über diese Personalie.

Budgetobergrenze: Wäre ohne Teams "aggressiver" ausgefallen

"Ich glaube, die Formel 1 und die FIA arbeiten im besten Interesse des Sports und der Fans. Und ich würde sogar so weit gehen, ihnen die gesamte Kontrolle zu übergeben, als das, was wir jetzt haben." Aus seiner Sicht haben die Teams zu viel Mitspracherecht.

Brown würde die Autorität der Regelhüter und Rechteinhaber stärken. Nur in speziellen Ausnahmefällen sollen laut seiner Vorstellung die Teams noch mitentscheiden dürfen. "Dann werden uns manche Entscheidungen gefallen, manche weniger."

Im Fall von McLaren war etwa die Reduktion der Testtage oder auch die Token-Regelung - das Team musste im Winter auf beide aufgrund des Motorenwechsels von Renault zu McLaren verzichten - benachteiligend. "Aber das ist Racing. Nicht jede Regel wird dir immer passen."


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Mit all diesen Vorschlägen verfolgt Brown ein Ziel: ein ausgeglichenes Feld. "Das ist im besten Interesse von McLaren, damit wir fair wettkämpfen können. Denn aktuell stimmt die Balance nicht." Zumindest erkennt er einen positiven Trend dank der neuen Regeln, etwa die Budgetobergrenze.

"Jean [Todt] und Chase [Carey] wollten eine Obergrenze bei 135 Millionen Dollar. Vielleicht wären sie sogar auf 125 Millionen runtergegangen. Am Ende haben wir uns geeinigt, aber nur nach zähen Verhandlungen, die lange gedauert haben."

Brown ist davon überzeugt: Hätten die FIA und Liberty Media völlig freie Hand gehabt, wäre der Kostendeckel noch "ein wenig aggressiver" ausgefallen. "Natürlich müssen die Teams involviert sein. Aber die Entscheidungsprozesse wären schneller, wenn die Teams weniger Chancen hätten, diesen zu verlangsamen."

Brown weiß: "Es gibt keine perfekte Lösung"

Ein Beispiel für die langsame Entscheidungsfindung sei auch die Einführung des Cockpitschutz Halo gewesen, erinnert sich Brown. "Das ist brillant. Es hat aber ein paar Jahre gedauert, um es durchzubringen. Glücklicherweise hat dafür niemand [mit dem Leben] bezahlt."

"Jean hätte es vielleicht auf Grundlage der Sicherheit einfach durchdrücken können. Aber es hat ein paar Jahre gedauert, bis es eingeführt wurde." Just aufgrund solcher Tatsachen fordert Brown, dass die Entscheidungsfindung beschleunigt wird.

"Der Sport würde schneller wachsen, wenn wir schnellere Entscheidungen treffen würden. Es werden auf dem Weg dorthin einige Fehler gemacht werden. Aber dann gibt man der Formel 1 und der FIA auch die Möglichkeit, einige dieser Fehler zu korrigieren."

Brown fügt hinzu: "Ich glaube nicht, dass irgendjemand perfekt ist, es gibt keine perfekte Lösung."

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