• 26. Juni 2017 · 08:54 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Das Blackout von Sebastian Vettel in Baku: Warum seine Emotionen verständlich sind, er sich aber im eigenen Interesse schnell und aufrichtig entschuldigen sollte

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,

vorweg: Ich mag Sebastian Vettel. Ich halte ihn für einen intelligenten Burschen, mit dem man auch über Themen jenseits des Tellerrands quatschen kann. Ich finde, dass er mit seiner geschichtsbewussten Persönlichkeit viel besser zu Ferrari passt, als es Michael Schumacher je getan hat. Mir gefällt, dass er sein Privatleben aus den sozialen Netzwerken raushält und seine Familie nicht zum Boulevardthema macht. Und ich schätze auch die Menschen, mit denen er sich umgibt, etwa seine Pressesprecherin Britta Roeske. Ganz nebenbei denke ich, dass er einer der besten Rennfahrer seiner Generation, wenn nicht sogar aller Zeiten, ist.

Aber seine Aktion gestern in Baku ist nicht schönzureden.

Dass ihm in seiner Situation die Nerven durchgegangen sind, als er (zu Unrecht) meinte, Hamilton habe einen "Brake-Test" mit ihm veranstaltet, ist nachvollziehbar. Wenn du dermaßen unter Strom stehst wie ein Formel-1-Fahrer, der gerade auf höchstem sportlichen Niveau und unter allergrößter Anspannung um die WM kämpft, dann reagierst du möglicherweise empfindlicher auf Kleinigkeiten, als du das außerhalb des Cockpits in relaxter Atmosphäre tun würdest.

Sogar ich selbst kenne das: Wenn ich gerade einen Grand Prix live tickere, kommt es vor, dass ich reflexartig jeden anschnauze, der mich (noch so freundlich) anspricht und aus der Konzentration bringt. Ohne dass es böse gemeint ist. Und unser Live-Ticker ist natürlich ein totaler Furz gegen das, was Seb im Ferrari zu bewerkstelligen hat. Das Prinzip aber ist das gleiche.

Ich finde sogar irgendwie gut, dass einer wie er Emotionen zeigt. Nicht immer nur glatt gebügelt diplomatisch bleibt, sondern auch mal das Maul aufreißt. Die FIA attackiert, wenn ihm danach ist. Seine Meinung nicht zurückhält. Diejenigen, die dagegen aufschreien, sind meistens auch die, die gleichzeitig jammern, dass früher alles besser war und es heute keine Typen mehr gibt unter den Fahrern. Beides geht halt nicht.

Und so bin ich der Meinung, dass Sebs offensichtlich absichtlicher Rammstoß gegen Hamilton gestern irgendwie okay ist. Auch wenn ihn Hamilton - das belegen die FIA-Daten - nicht auflaufen hat lassen, sondern der erste Schubser ganz allein sein Fehler war. Ist doch klasse, wenn es auch mal hitzig wird und der Sport Schlagzeilen und Themen liefert, die keinen Fan kalt lassen! Und wenn die Stars des Sports die Dinge wie Männer regeln.

Auf der anderen Seite, als Gegenpol zu meiner subjektiven Meinung, steht die objektive Wahrheit. Und die lautet nun mal: Seb ist einem Gegner absichtlich reingefahren, um seinen Standpunkt klar zu machen. Das streitet er noch nicht einmal ab. Er tat das unter Gelb, während einer Safety-Car-Phase. Und ich bin bei Damon Hill, was das Strafmaß angeht: zehn Sekunden Stop & Go, das ist seitens der FIA-Rennkommissare eine ziemlich gnädige Einschätzung.

Finde ich gut, schließlich wäre es schade, die dramatische WM 2017 mit Interventionen seitens der Schiedsrichter kaputt zu machen. Andererseits wäre es aus Sicht der FIA nur konsequent, deutlich härter einzuschreiten. Notfalls auch im Nachklapp. Denn viele unserer User fragen sich (nicht ganz zu Unrecht), wo denn der Unterschied zu Jerez 1997 liegt. Und dafür wurde Michael Schumacher bekanntlich aus der WM ausgeschlossen.

Für mich gibt es zwei Unterschiede. Erstens: Jerez passierte im Affekt. Schumacher mag letztendlich absichtlich gehandelt haben, aber ich glaube nicht, dass die Aktion von langer Hand geplant war. Als er Jacques Villeneuve neben sich sah, trat ein Kurzschluss ein. Da war Sebs Aktion gestern schon etwas kalkulierter. Auch wenn er letztendlich sicher nicht klaren Kopfes, sondern kurzzeitig von seinen Emotionen geleitet war.

Zweitens: Baku passierte bei viel niedrigerer Geschwindigkeit und in einer neutralisierten Rennsituation. Gefährlich war das, was er gemacht hat, nicht. Zumindest nicht unmittelbar. Denn man kann schon argumentieren, dass es nicht lustig wäre, wenn dir bei Tempo 340 die Radaufhängung bricht, als Folgeschaden einer solchen Dummheit.

Das kann FIA-Präsident Jean Todt eigentlich so nicht hinnehmen. Nicht von einem der wichtigsten Botschafter seines Sports. "Action for Road Safety" heißt eine der zentralen FIA-Kampagnen. Aber wie soll man den jungen Autofahrern auf der ganzen Welt erklären, dass einer ihr Vorbild ist, der anderen absichtlich in die Karre fährt, weil er gerade vor Wut durch die Decke geht?

Bei allem Verständnis für die emotionalen Rahmenbedingungen der Situation: Das ist eigentlich nicht vertretbar.

Todt hat Seb schon einmal in Schutz genommen. Als er Rennleiter Charlie Whiting in Mexiko 2016 am Funk in der Hitze des Gefechts das böse F-Wort an den Kopf warf, drückte die FIA ein Auge zu, verzichtete auf den Gang vor das Internationale Sportgericht und ließ die Sache auf sich beruhen. Weil Vettel einlenkte und eine öffentliche Entschuldigung abgab.

Seb wäre gut beraten, sich jetzt wieder zu entschuldigen. Aufzustehen und zu sagen: "Hey, ich habe einen Fehler gemacht. Die Emotionen sind mit mir durchgegangen. Das ist nicht entschuldbar. Aber einmal drüber geschlafen wurde mir bewusst, dass ich eine Grenze überschritten habe." Und er sollte diese Entschuldigung sowohl an Hamilton, als auch an die FIA und die Formel-1-Fans auf der ganzen Welt richten.

Denn vergessen wir nicht: Hamilton wäre in Baku der sichere Sieger gewesen. Die Punkte könnten am Saisonende fehlen. Dass er sich nach dem Rennen nicht mehr aufgeregt hat, hat mich überrascht. Und ringt mir Respekt ab.

Ich habe im Leben eine Erfahrung gemacht: Menschen sind grundsätzlich dazu bereit, Fehler zu vergeben. Aber das tun sie sicher nicht, wenn derjenige, der den Fehler gemacht hat, mit Händen und Füßen seinen Standpunkt zu retten versucht, gegen jede Fakten-Wahrheit. Sondern nur dann, wenn Einsicht erkennbar ist.

Ich hoffe, dass Seb seinen Fehler eingestehen kann. Gestern in den TV-Interviews konnte er das noch nicht.

Denn es wäre zu schade, sollte ihm der mögliche WM-Titel 2017 am Grünen Tisch weggenommen werden.

Ihr
Christian Nimmervoll

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