• 14. Januar 2016 · 20:41 Uhr

Radaufhängung: Wie Lewis Hamilton seinen Vorteil verlor

Weltmeister Lewis Hamilton geht als Jäger in die neue Saison: Wie eine Änderung bei der Radaufhängung das Mercedes-Duell kippen ließ und was dies für 2016 heißt

(Motorsport-Total.com) - Singapur war für Nico Rosberg ein Rennen zum Vergessen. Trotz Lewis Hamiltons Ausfall konnte der spätere Vizeweltmeister keine Trendwende im Titelkampf herbeiführen, verpasste als Vierter sogar das Podest. Drei Grands Prix später musste er in den USA seine erneute Niederlage im Titelkampf hinnehmen. "Jetzt ist er erledigt", hörte man im Fahrerlager. Dass aber jenes Nachtrennen in Singapur, in dem Mercedes die größte Schlappe seit Beginn der Dominanz im Vorjahr ausfasste, Rosberg ins Licht führen sollte, hätte der Wiesbadener wohl selbst nicht gedacht.

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Entnervter Weltmeister: Lewis Hamilton hat seinen Vorteil gegen Rosberg verloren Zoom Download

Seit dem Rennen danach, dem Grand Prix von Japan, hat Rosberg gegen Hamilton kein Qualifying mehr verloren. Die Siegbilanz ist ausgeglichen - der Speed spricht für den Underdog. Tatsächlich hat sich die Charakteristik des Mercedes F1 W06 nach der Schlappe im Stadtstaat verändert: Die Silberpfeile haben nicht nur an den Abläufen im Team getüftelt, sondern auch an der Hinterradaufhängung.

Hamilton nach Singapur außer Tritt

Eine Änderung, die Rosberg mehr liegt als Hamilton. "Vor Singapur war ich in den Qualifyings in der Region von drei bis sechs Zehntel schneller als Nico", rechnet Hamilton vor. Nur in Barcelona war er langsamer, hat aber eine Erklärung: "Da hatte ich ein Problem mit den Reifen. Sonst wäre ich auch dort in einer guten Position gewesen, um die Pole zu kämpfen."

Danach habe sich das Bild gewandelt: "Während es so aussieht, als sei die eine Seite deutlich besser geworden, sind es in Wahrheit Schwierigkeiten auf der anderen Seite." Damit will er sagen: Rosberg und seine Mannschaft sind nicht besser geworden, sondern sein Paket im Verhältnis schlechter.

Der Grund für Rosbergs Aufwind

Doch was hat die Technikertruppe rund um Paddy Lowe genau getan? Und warum schadet man dem Superstar? Weil man die Reifen in Singapur nicht nach Wunsch zum Arbeiten brachte, bietet man den Piloten mehr Wahlmöglichkeiten bei der Geometrie der Hinterradaufhängung an. Seitdem dreht sich Hamilton im Kreis.


Mercedes Stars & Cars

Zunächst meinte er, dass die Änderung ein Rückschritt war: "Das Auto ist definitiv nicht schneller geworden." Mercedes sieht dies anders. Von einem Fortschritt von eineinhalb Zehntelsekunden pro Runde ist die Rede.

Hamilton ging beim Saisonfinale in Abu Dhabi sogar so weit, dass er die Neuentwicklung aus dem F1 W06 ausbauen ließ, weil er damit "keine vernünftige Balance" fand. "Ich habe versucht, einen Weg drumherum zu suchen und damit dahin zurückzufinden, wo wir waren, denn ohne gelang es uns nicht", erklärt der ins Trudeln geratene Weltmeister. "Ich habe etwas anderes probiert, aber das hat nicht so gut funktioniert."

Hamilton muss sich mit ungeliebter Technik anfreunden

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Auch in Abu Dhabi sah Hamilton nur das Heck von Rosbergs Mercedes Zoom Download

Der Brite weiß nun immerhin, dass kein Weg daran vorbeiführt, sich mit der neuen Technik anzufreunden. "Ich kann nicht mehr zu dem zurückgehen, was wir davor hatten", bestätigt er. Der 30-Jährige muss sich also anpassen. Genau das verlangt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff von seinem Starpiloten.

"Aufhängungsteile kommen immer wieder neu", erklärt der Österreicher. "So passiert es, dass sich das Auto von Rennen zu Rennen verändert und verbessert. Es kann auch sein, dass es mal eine Abzweigung nimmt, dass es laut den Daten vielleicht schneller ist, aber dem einen Fahrer nicht mehr so liegt. Manchmal ergibt das auf dem Papier Sinn, die Daten zeigen, dass es der richtige Weg ist, aber es kann auch mal sein, dass das zu einem Fahrstil nicht mehr passt. Daran muss sich der Fahrer dann anpassen."

Rosberg genießt Hamiltons Tief

Rosberg gelang genau das deutlich schneller. Der äußerst versierte Mercedes-Pilot fühlt sich mit der neuen Technik pudelwohl. Und genießt die aktuelle Dynamik, wie er gegenüber 'Bild' erklärt: "Ich gebe zu, es erfreut mich zu sehen, wie mein Teamkollege zuletzt einige kleine Verzweiflungsaktionen gebracht hat."

Hamilton fand in den letzten drei Saisonrennen keinen Weg an Rosberg vorbei und zog dabei alle Register: In Abu Dhabi wollte er sogar auf eine riskante Strategie setzen und einen Stopp weniger machen - der Champion wirkte ratlos.

"Es ist so, dass ich jetzt der Schnellere bin, dieses Zehntel im Qualifying immer abrufen kann, wenn ich es brauche", sagt Rosberg mit breiter Brust. Zur Saisonmitte schien dies noch unvorstellbar. "Ich bin froh, dass es so ist, wie es ist, weil es so mehr Spaß macht und ich Rennen gewinnen kann." Der Plan des WM-Zweiten, bei den letzten drei Saisonrennen das richtige Momentum für das Jahr 2016 herzustellen, ist voll aufgegangen.

Mit der Wut im Bauch: Rosberg gelang Trendwende

Und er weiß, dass er auch 2016 mit dem Aufhängungssystem arbeiten wird, das ihm beim Saisonfinale einen Vorteil gegenüber Hamilton verlieh. "Vieles von dem, was du dieses Jahr lernst, ist auf nächstes Jahr übertragbar. Es ist nie genau gleich, weil das Auto neu sein wird, aber es gibt Kleinigkeiten, die ich mitnehmen kann", sagt er.

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Austin: Weckte Hamilton mit seinem Manöver Rosbergs Kampfgeist? Zoom Download

Der Kampf gegen Hamilton, er findet nicht nur auf der Rennstrecke statt, sondern auch auf dem politischen Parkett. Und Experte und Ex-Pilot Martin Brundle sieht seit dem Grand Prix von Mexiko einen neuen Rosberg. Auslöser waren laut dem Briten die Demütigungen in den USA: Zuerst der Rammstoß beim Start, dann der unnötige Ausrutscher, die Capgate-Affäre und die sarkastischen Aussagen Hamiltons bei der Pressekonferenz.

"Das verlieh Rosberg eine neue Entschlossenheit", glaubt Brundle gegenüber 'Sky'. "Er hat auch gesagt, dass ihn das ärgerte und es ihm Energie gegeben hat." Kann Rosberg nun die neugewonnene Stärke im Team zu seinen Gunsten ausnutzen und technisch die Richtung vorgeben, um dem Widersacher einen Strich durch die Rechnung zu machen?

Hamilton muss nachsitzen

Rosberg relativiert: "Das Auto wird in der Fabrik gebaut, und sie tun alles, um die ultimative Performance zu erreichen - dann müssen wir auf der Strecke damit klar kommen. Natürlich kann ich probieren, das zu beeinflussen, aber die Möglichkeiten sind begrenzt."

Der Unmut auf der anderen Seite der Garage ist ihm nicht entgangen: "Wie sich Lewis fühlt, müsst ihr ihn selbst fragen, aber so superglücklich habe ich ihn zuletzt nicht erlebt." Damit die Laune wieder besser wird, hat sich Hamilton für den Winter selbst Nachhilfestunden verordnet.

"Ich werde das hinbekommen", kündigt er an. "Ich werde im Simulator testen. In diesen modernen Autos hast du alle möglichen Werkzeuge. Du kannst aus bestimmten Werkzeugen wählen, aber du hast nicht immer genug Zeit, die richtigen Werkzeuge auszusuchen. Manchmal gelingt dir das, manchmal nicht. Jetzt muss ich mir überlegen, wie ich das Auto wieder in den Bereich bekomme, in dem ich es besser ausschöpfen kann."

Und so wird Hamilton nicht als Gejagter, sondern als Jäger in Melbourne in die Saison starten. Er nimmt dies allerdings gelassen. "Ich denke, dass es besser klingt, Weltmeister zu sein als Rennsieger", richtet er Rosberg aus. Man darf also auf den Saisonstart gespannt sein.

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