• 22. Juni 2015 · 06:43 Uhr

Mercedes gegen Ferrari: Wie eng ist es wirklich?

Ferrari setzt Mercedes psychologisch unter Druck, aber auf der Strecke sind die Silberpfeile überlegen - Die Verantwortlichen schätzen den Abstand geringer ein

(Motorsport-Total.com) - Seit Wochen hoffen die Ferrari-Fans darauf, dass der Traditionsrennstall Mercedes im direkten Duell herausfordern und auch besiegen kann. Sebastian Vettels Erfolg in Malaysia hat Hoffnungen geweckt, die sich in den Rennen seither nicht wieder eingestellt haben. Kimi Räikkönen konnte sich in Bahrain als Zweiter zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg, der Bremsprobleme hatte, schieben. Sebastian Vettel gelang das in Monaco, wobei dieser zweite Platz auch dank des Mercedes-Fehlers bei der Boxenstrategie zustande kam.

Nico Rosberg, Kimi Räikkönen

Nur in Malaysia konnte Ferrari Mercedes aus eigener Kraft schlagen Zoom Download

Auch beim Grand Prix von Österreich wäre aus eigener Kraft maximal der dritte Platz möglich gewesen. Ferrari hatte durch eigene Fehler bessere Ergebnisse als einen vierten Rang von Vettel verspielt. Nach acht Rennen beträgt der Rückstand auf Mercedes schon 136 Punkte. "Für die Konstrukteurs-WM war es wichtig, dass heute nur ein Ferrari gepunktet hat", meint Toto Wolff und versucht, die Dominanz von Mercedes nicht überzubewerten: "Man darf keinen Höhenflug bekommen und sich das schönreden."

"Die haben Performance und haben Pace", verweist Wolff auf Ferrari. "Jetzt haben sie zwei Rennen nicht ganz glücklich agiert, aber die kommen." Vettel selbst sieht bei den Grands Prix von Kanada und Österreich die Fortschritte bei Mercedes: "Ich glaube, Mercedes konnte für Samstag und Sonntag mehr aufdrehen. Seit sie den neuen Motor haben, können sie mehr Leistung freisetzen. Ich denke, das hat man auch bei Williams gesehen."

Mercedes zu Beginn deutlich schneller als Ferrari

Mercedes ist vor allem in der Anfangsphase eines Stints stark. "Ihr Speed war überraschend, wie sie beim Start wegziehen konnten. Auch nach dem Safety-Car war das Aufwärmverhalten bei ihnen sehr stark. Das ist eine ihrer Stärken", glaubt Vettel. "Ich wäre natürlich gerne drangeblieben. Am Ende eines Stints war es ausgeglichener. Wir sind bis auf eine Zehntelsekunde an die Zeiten herangekommen. Zu Beginn eines Stints betrug der Unterschied fünf Zehntel."

"Sobald die Reifen auf Temperatur waren, war Sebastian mehr oder weniger zwei Zehntel von Hamilton entfernt."Ferrari-Teamchef Arrivabene
Je länger ein Stint dauert, desto eher kann Ferrari das Mercedes-Tempo fahren, nur zu Beginn verliert man die entscheidende Zeit. Das ist auch Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene aufgefallen: "Sobald die Reifen auf Temperatur waren, war Sebastian mehr oder weniger zwei Zehntel von Hamilton entfernt. Die Lücke zu Rosberg war größer, aber es hängt an mehreren Faktoren. Wir waren nicht so weit weg."

Auffällig war auch, dass Ferrari mit der härteren Mischung besser unterwegs war, wohingegen Mercedes in Spielberg Vorteile bei der Traktion hatte. "Es liegt am Abtrieb und der Traktion, daran arbeiten wir", setzt Arrivabene fort. "Ich habe gelesen, dass Silverstone uns entgegenkommen soll, aber das muss nicht der Fall sein. Ich möchte das nicht als Ausrede nehmen. Es ist eine Herausforderung für uns, besser zu arbeiten und sicherzustellen, dass wir mit allen Reifensorten zurechtkommen."

Niederlage in Malaysia für Mercedes ein Weckruf

Die Niederlage in Malaysia war ein Weckruf für Mercedes. Seither hatte Ferrari aus eigener Kraft keine realistische Siegchance. "Wenn du selbstzufrieden und damit nachlässig wirst, ist die Chance groß, dass du das Auto und das Team nicht mehr so weiterentwickelst, um weiterhin siegfähig zu sein", so Wolff. Mercedes hat in Sepang die Lektion gelernt. "Deswegen möchte ich den Druck im System hoch halten. Es kann so schnell gehen."

Toto Wolff

Toto wolff treibt trotz der Erfolge die Mercedes-Mannschaft weiter an Zoom Download

"Wenn sich ein Team wie Ferrari mit all ihren Ressourcen weiterentwickelt, dann kann der Tag kommen, an dem wir nicht mehr gewinnen. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist ein schleichender Prozess", verweist Wolff auf Tatsachen aus der Formel-1-Vergangenheit. "Ferrari lässt immer wieder Performance aufblitzen, die Grund zur Annahme gibt, dass sie sich einfach gut weiterentwickelt."

Vor allem in den Trainings kann Ferrari immer wieder mit Leistungen aufzeigen, die die Hoffnungen der Fans schüren. "Wir haben am Freitag und am Samstagmorgen einen Longrun gesehen, der besser war als unserer", gibt Wolff offen zu, wie ernst man Ferrari nimmt. "Ich sehe da eine Parallele zu uns im Jahr 2013, als wir auch einzelne Rennen hatten, wo wir gute Performance gezeigt haben, aber einfach noch nicht ein Zahnrad ins andere gegriffen hat."

Freitagszeiten können täuschen

Die Freitagszeiten können dennoch täuschen, denn beide Spitzenteams verfolgen für gewöhnlich am ersten Trainingstag eine etwas andere Vorgehensweise. Arrivabene legt die Karten auf den Tisch: "Ich habe zu den Ingenieuren gesagt, dass es besser ist, am Freitag mit vollem Benzintank zu fahren, damit wir einen korrekten Vergleich anstatt einen Fake-Vergleich zu haben." Deswegen ist Ferrari am Freitag oft stärker als dann im Rennen.

Maurizio Arrivabene

Maurizio Arrivabene will in diesem Jahr noch mindestens zwei Rennen gewinnen Zoom Download

Mercedes lässt sich im Freien Training mehr Raum und zeigt nicht das Potenzial auf: "Wir lassen uns am Freitag und Samstag noch ein paar Reserven und haben vielleicht eine andere Strategie als Ferrari. Da sieht man auch den Sprung vom Freien Training nicht bei der Motoreinstellung", hält Wolff fest. "Das ist eine andere Philosophie."

Aber auch wenn Ferrari wie in Österreich kein Gegner für die Silberpfeile ist, haben Vettel, Arrivabene und Co. einen Teilsieg geschafft: Sie haben sich in den Köpfen des Mercedes-Teams festgebissen. Die Mercedes-Strategen stellen sich auf einen Gegner ein, den es im Rennen am Ende gar nicht gibt. Psychologie!

Mercedes kalkuliert immer mit Ferrari als Gegner

So sagt Mercedes-Technikdirektor Paddy Lowe, der bei der Strategie das letzte Wort hat: "Am Freitag haben wir uns große Sorgen über die Pace der Ferrari gemacht. Da waren sie wirklich stark. Heute hat man davon allerdings nichts gesehen. Wir hatten uns auf einen großen Kampf eingestellt und hatten erwartet, dass Sebastian viel Druck machen würde."

Realistisch gesehen kann Ferrari in diesem Jahr nicht Weltmeister werden, für Vettel ist Platz drei in der Fahrer-WM das maximale Ergebnis. Da man diese Platzierungen bereits erreicht hat, stellt sich die Frage, ob Ferrari nicht frühzeitig die volle Konzentration auf das nächstjährige Auto legen sollte? Arrivabene winkt aber ab: "Ich möchte nicht wie mein Vorgänger darüber reden, dass wir auf das nächstjährige Auto konzentriert sind."

"Wir haben ein Team, das am Auto für die kommende Saison arbeitet, aber das Team arbeitet noch am aktuellen Boliden. Ich habe gestern zum italienischen Fernsehen gesagt, dass wir nicht zum Urlaub machen um die Welt reisen. Wir müssen immer unser Bestes geben, damit wir früher oder später in der Lage sind, Mercedes einzuholen - aber nicht erst 2020", findet der Ferrari-Teamchef deutliche Worte. "Wir möchten drei Rennen gewinnen, und das sage ich jetzt immer noch: Wir möchten drei Rennen gewinnen! Das ist möglich."

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