• 14. November 2022 · 04:58 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Max Verstappen

Was dafür spricht, dass die Monaco-Verschwörung wahr ist, und warum Max Verstappen in Sao Paulo trotzdem einen schweren Fehler gemacht hat

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

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Max Verstappen hat sich in Sao Paulo womöglich keinen Gefallen getan Zoom Download

"Er zeigt, wer er wirklich ist."

Sergio Perez war sauer. Richtig sauer. Und ich kann ihn gut verstehen.

Rückblende, 12. Dezember 2021, jener denkwürdige Rennsonntag in Abu Dhabi. Max Verstappen kämpft gegen Lewis Hamilton um die WM, kann das Tempo des Mercedes aber nicht mitgehen. Als die beiden Führenden an die Box kommen, führt plötzlich Perez im Grand Prix - und hält Hamilton so lang auf, bis Verstappen wieder dran ist.

"Checo ist eine Legende."

Knapp ein Jahr später sind die beiden so verfeindet, dass sie einander nicht einmal mehr auf Instagram folgen.

Verstappen ist für mich der große Verlierer eines atemberaubenden Rennsonntags in Brasilien.

Große Champions und ihre Wasserträger

Die ganz großen Champions hatten alle eins gemeinsam: Wenn es für sie selbst um nichts mehr ging, dann gönnten sie ihren braven Helferlein auch mal einen Tag an der Sonne und nahmen ihre Egos kurz zurück.

Das hat Ayrton Senna in Suzuka 1991 mit Gerhard Berger so gemacht, oder auch Michael Schumacher in Indianapolis 2002 mit Rubens Barrichello.

Verstappen hätte Perez am Sonntagabend noch nicht einmal einen Sieg schenken müssen, sondern es ging nur um Platz 6 beim Grand Prix von Sao Paulo. Und dennoch verweigerte er die Teamorder.

"Ich habe euch schon letztes Mal gesagt, dass ihr mich das nicht mehr fragen sollt, okay? Ist das klar? Ich habe euch meine Gründe dafür genannt. Und dazu stehe ich."

Das ist für mich nicht der Sound eines Teamplayers, für den die Interessen von Red Bull im Vordergrund stehen; sondern das klingt nach einem Egoisten, der in erster Linie ein Interesse hat: sich selbst.

Klar scheint zu sein: Irgendwas muss zwischen Verstappen und Perez vorgefallen sein, worüber bisher noch niemand Bescheid wusste. Und die Theorie über den angeblich absichtlich herbeigeführten Crash von Perez im Monaco-Qualifying, nun, sie klingt für mich zumindest ziemlich plausibel.

Tom Coronel, selbst Rennfahrer, hat diese im niederländischen Fernsehen kundgetan.

Worum geht es bei der Verschwörungstheorie?

Kurz und bündig nacherzählt: Perez soll am Ende des Qualifyings in Monaco 2022, ganz nach Vorbild von Michael Schumachers "Rascassegate", absichtlich gecrasht sein, weil er zu dem Zeitpunkt vor Verstappen an dritter Stelle lag und die Startaufstellung in Monaco bekanntlich die halbe Miete ist.

Verstappen habe, sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner am Sonntagabend, ein "Gedächtnis wie ein Elefant".

Übrigens etwas, was ihn mit dem verstorbenen Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz verbindet. Man sagt viel Gutes über Mateschitz. Aber im Verzeihen, hat mir Helmut Marko einmal erzählt, war er ganz schlecht.

War Monaco 2022 wirklich "Crashgate 2.0"? Hat Perez das hinter verschlossenen Türen bei Red Bull sogar schon zugegeben? War Verstappen deswegen so sauer, dass er die Teamorder verweigert hat?

Zumindest klingt die Theorie so plausibel, dass man sich nochmal kurz ins Monaco-Wochenende zurückbeamen sollte.

Perez: Waren das alles nur Ausreden?

Perez' Erklärungen für seinen Crash in der Portierkurve hören sich, zumindest im Nachhinein betrachtet, ziemlich hanebüchen an. Zu wenig Temperatur im Reifensatz, erzählte er, und dass er "zu spitz" gewesen sei. Nicht genug Grip am Hinterreifen. "Ich habe ein bisschen mit dem Gas gespielt, und dann habe ich die Kontrolle verloren", so der Mexikaner.

Schaut man sich die Onboardaufnahmen des Unfalls jetzt, mit ein paar Monaten Abstand, noch einmal genau an, dann liegt der Verdacht, dass Perez seinen RB18 absichtlich in die Mauer gesetzt hat, sehr nahe. Der verräterische Gasstoß, den man akustisch gut hören kann, klingt ganz und gar nicht nach Unfall, sondern nach einem präzise kontrollierten Crashmanöver.

Perez' Kalkül ging voll auf: Er gewann tags darauf den Grand Prix von Monaco, und von Red Bull wurde er mit einem neuen Vertrag bis Ende 2024 belohnt.

Wenn Verstappen herausgefunden hat, dass Perez' Unfall ein Foulspiel war, dann wohl erst Wochen später. Denn in der Sieger-PK nach dem Rennen klang er noch nicht so, als sei er sauer auf seinen Teamkollegen.

"Wir haben eine gute Beziehung", sagte er da. Perez fiel ihm grinsend ins Wort: "Wir sind immer noch verliebt, nicht wahr?" Und Verstappen nickte: "Ja, absolut. Warum sollte sich daran was ändern? Wir arbeiten als Team wirklich gut zusammen."

Warum man so einen Zwischenfall vertuschen würde

Was nach Monaco passiert ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass über den Vorfall, sollte er sich wirklich so zugetragen haben, niemand bei Red Bull geredet hat, ist auch klar. Ein absichtlich herbeigeführter Crash würde mit Sicherheit die FIA auf den Plan rufen.

Wir erinnern uns: "Crashgate 1.0", aufgeführt übrigens von Verstappens Schwager Nelson Piquet, endete mit mehrjährigen Sperren für Flavio Briatore und Pat Symonds, und das, obwohl damals kein zweites Auto beteiligt war.

Perez' Manöver war insofern sogar noch gefährlicher als jenes von Piquet, als er die Strecke blockierte und Carlos Sainz in ihn reinfuhr. Sollte man ihm Absicht nachweisen können, bliebe der FIA vermutlich gar keine andere Wahl, als ihm die Superlizenz zu entziehen.

Das würde, nebenbei bemerkt, Daniel Ricciardo ganz gelegen kommen. Dann hätte er nämlich hervorragende Chancen, 2023 nicht als Ersatz-, sondern sogar als Rennfahrer in die Red-Bull-Familie zurückzukehren. Aber das ist schon ein paar Schritte zu weit vorausgedacht.

Warum sich Verstappen besser im Griff haben sollte

Nur: Auch wenn ich Verstappens Groll vor diesem (möglichen) Hintergrund auf rein emotionaler Ebene verstehen kann - praktisch hat er sich beim Grand Prix von Sao Paulo trotzdem keinen Gefallen getan.

Denn mit der Chuzpe, ausgerechnet Publikumsliebling Perez eine reinzuwürgen, hat er nicht nur beim Publikum Sympathien verloren. Auch seinen Arbeitgeber Red Bull bringt er massiv in die Bredouille.

Auch wenn Verstappen "Crashgate 2.0" nicht selbst angesprochen hat, so kam das Thema doch nur durch seine Aktion aufs Tapet. Und plötzlich hat Red Bull, nur ein paar Wochen nach der Beilegung des Budgetstreits, den nächsten dicken Skandal an der Backe.

Erster Riss in einer makellosen Beziehung

Verstappen wird bei Red Bull immer unumstritten sein. Zu gut ist er als Rennfahrer, zu lang läuft sein Vertrag (bis 2028).

Aber am Sonntag in Sao Paulo hat er sich über sein Team gestellt. Das werden ihm Christian Horner und Helmut Marko vielleicht einmal verzeihen, wegen seiner unbestrittenen Leistungen für Red Bull. Aber es ist ein erster kleiner Riss in einer Beziehung, die bisher zumindest nach außen immer makellos gewirkt hat.

Verstappen wäre gut beraten gewesen, seinen Groll über Monaco ruhen zu lassen und den edlen Gönner zu spielen, der genau einzuordnen weiß, wie viel er Perez zu verdanken hat. Red Bull hätte ihm das hoch angerechnet, die Fans sowieso, und Perez wäre ihm wahrscheinlich auf Ewigkeiten loyal geblieben. So wie damals, 2021 in Abu Dhabi.


Die wahre Story hinter dem Zoff bei Red Bull

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Was das Quali in Monaco mit dem Streit zwischen Verstappen und Perez zu tun hat und wie eine Verschwörung den ersten Sieg von Russell überschattet. Weitere Formel-1-Videos

Das ist jetzt anders: Red Bull kann eigentlich nicht tolerieren, dass ein Fahrer glaubt, er kann sich über die Regeln des Teams hinwegsetzen. Viele Fans sehen Verstappen jetzt mit anderen Augen, als einen kaltblütigen Egoisten. Und Perez wird wohl keinen Finger mehr rühren, sollte ihn Verstappen in Zukunft wieder mal als "Wingman" brauchen.

Ziemlich viel unnötiger Ärger für den wahrscheinlich besten Rennfahrer der Gegenwart, der das eigentlich gar nicht nötig hätte ...

Drei Hinweise in eigener Sache

Der teaminterne Streit bei Red Bull und die möglichen Hintergründe rund um die Monaco-Verschwörung war natürlich auch das große Thema bei unserer Rennanalyse am Sonntagabend. Die gibt's jetzt auch im Re-Live auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de zu sehen, mit einigen spannenden Details, die ich in dieser Kolumne nicht aufgeschrieben habe.

Außerdem wünsche ich mir, dass möglichst viele von euch den Inhalt dieser Kolumne im Forum auf Motorsport-Total.com diskutieren. Ihr könnt mir dort zustimmen, ihr könnt meine Ansicht kritisieren, ihr könnt euch mit Gleichgesinnten austauschen. Denn Foren wie dieses sind es, die das Herz der Motorsport-Fangemeinde darstellen.

Und drittens wäre es schön, wenn ihr euch abschließend auch noch Zeit nehmt, die Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" von Stefan Ehlen auf Motorsport.com Deutschland zu lesen. Die er, wenig überraschend, Premierensieger George Russell gewidmet hat.

Euer Christian Nimmervoll


Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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