• 11. Juli 2022 · 07:42 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Menschenverachter

Tweets über schockierendes Fehlverhalten einiger Fans haben einen Schatten über das sonst rundum gelungene Formel-1-Fest in Spielberg gelegt

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

Formel-1-Fans am Red-Bull-Ring in Spielberg

Die überwiegende Mehrheit der Fans in Spielberg hat sich friedlich verhalten Zoom Download

wenn ich am Montagmorgen jemanden "schlecht schlafen" lasse und manchmal genüsslich auseinandernehme, dann tue ich das niemals mit Schadenfreude, sondern bestenfalls noch mit Freude am geschriebenen Wort und Freude daran, Dinge ohne Umschweife so zu benennen, wie sie meiner Wahrnehmung nach halt sind. Das ist manchmal etwas ruppig und sicher nicht immer nur nett, aber es ist sozusagen in der DNA dieser Kolumne verankert, dass ich mich damit nicht überall beliebt mache.

Dass ich jemandem ernsthaft gewünscht habe, dass er oder sie letzte Nacht schlecht geschlafen hat, das ist aber bisher noch nie vorgekommen. Ich halte mich im Großen und Ganzen für einen netten Kerl. Klar, nobody is perfect. Aber man wünscht anderen Menschen halt nichts Böses. So wurde ich mal erzogen, von meiner Mama und von meinem Papa.

Sainz & Vettel: Zwei Verlierer des Wochenendes

Ich hätte diesmal auch einfach Carlos Sainz schlecht schlafen lassen können. Aber dass es ihm nach dem spektakulären Motorschaden, der für ihn ein Nackenschlag im ungünstigsten Moment sein muss, gerade dann, als er einen Lauf zu bekommen schien, beschissen gehen muss, das ist keine Geschichte, die man in einer verbal hochtrabenden Kolumne erzählen kann; sondern das hat das Fernsehen am Sonntagnachmittag viel besser eingefangen, als ich das je schildern könnte.

Oder Sebastian Vettel, für den man sich wünscht, dass er Gründe findet, um seine Karriere vielleicht doch fortzusetzen. Aber Aston Martin liefert ihm keine, und wenn man hört, dass er am Freitag aus Wut über das Kleinklein und die Sturheit von Niels Wittich und der FIA aus dem Fahrerbriefing gestürmt ist, und wenn man hört, dass er dafür dann auch noch mit einer Strafe belegt wurde (25.000 Euro, ausgesetzt auf Bewährung), dann fragt man sich, was genau es ist, das ihn noch in der Formel 1 halten soll.

Aber es gibt dann doch, finde ich, noch ein wichtigeres Thema, über das wir nach dem Grand Prix von Österreich reden müssen, und das sind die Tweets von Frauen, Lesben, Hamilton-Fans und anderen Minderheiten am Spielberg, die am Sonntag erstmals einer breiteren Öffentlichkeit aufgezeigt haben, dass nicht alles, was die "Orange Army" (und natürlich auch alle anderen Fans) an Hexenkessel veranstalten, immer so toll ist.

Hinweis: Dies ist keine Kolumne über das Rennfahren!

Alle, die der Meinung sind, man sollte über solche Themen auf einer Sportplattform nicht schreiben, und dass das alles doch nur hysterische Weiber sind, die maßlos übertreiben und das mal nicht so eng sehen sollten: Rechts oben in Ihrem Browser befindet sich ein Kreuzchen. Bitte einmal draufklicken.

Alle anderen, die jetzt noch weiterlesen: Es gibt da ein paar Dinge, die ich festhalten möchte. Ganz subjektiv, aus der Sicht eines 40-jährigen weißen Mannes, sehr privilegiert, der in der Schulzeit natürlich auch gehänselt wurde (heute würde man "gemobbt" dazu sagen), der das aber nicht als Trauma empfindet, sondern im Nachhinein als gesunde Abhärtung und gute Schule fürs Leben. Und der heute ein weitgehend sorgenfreies Leben lebt. Nur um die Perspektive mal zu definieren.

Als die ersten Tweets über (auch, aber nicht nur sexuelle) Belästigung insbesondere von Frauen rund um den Red-Bull-Ring aufgetaucht sind, bin ich innerhalb der Redaktion zunächst instinktiv auf die Bremse getreten. Ich fand es schwierig, das Thema auf Basis von ein paar Tweets von Menschen, von denen wir noch nie etwas gehört hatten, einer breiteren Öffentlichkeit zuzuführen.

Tweets bringen eine Lawine ins Rollen

Ich selbst hatte derartige Vorfälle sowieso noch nie aus der Opferposition erlebt und auch noch nie wahrgenommen; auch nicht bei den ein, zwei Malen, in denen ich mich vor Jahren unters trinkende Volk auf den Campingplätzen gemischt habe (und dort unter den Trinkenden nicht weiter aufgefallen bin).

Ganz im Gegenteil: Ich habe das Formel-1-Volk und insbesondere die "Orange Army" als zwar trinkfest, aber auch als friedlich erlebt, und auch die meisten Steirer aus der Gegend, mit denen man so spricht, teilen diesen Eindruck.

Mich hat im ersten Moment gestört, dass in einem der Ausgangstweets, die die Lawine ins Rollen gebracht haben, unter anderem die Formel 1, die FIA und Red Bull als Veranstalter markiert wurden. Und ich dachte mir: Was zur Hölle können die dafür, dass sich ein paar Besoffene auf den Tribünen nicht zu benehmen wissen?

Nachdem ich eine Nacht drüber (sehr wenig) geschlafen habe, ist mir klar: Das war keine Anklage, sondern eine Hilferuf. Und es ist wichtig, dass wir ihn hören.

Kein Vorwurf an die Formel 1, die FIA und Red Bull

Die Formel 1, die FIA und Red Bull zeigen klare Kante, wo sie stehen, fahren Kampagnen für ein liberales Menschenbild in der Gesellschaft, tun viel mehr, als in anderen Sportarten getan wird. Insofern finde ich es immer noch schwierig, dieses Thema breitzutreten, weil schnell fälschlich der Eindruck entstehen könnte, dass die Formel 1, die FIA oder Red Bull diejenigen sein könnten, die ich schlecht schlafen lasse.

Dabei sind es in Wahrheit die primitiven Honks, die im Suff glauben, dass sie besonders cool sind, wenn sie andere Menschen anpöbeln und verletzen.

Es gibt da ein breites Spektrum. Auch wenn das jetzt unpopulär sein mag: Ich finde, dass wir es als Gesellschaft aushalten müssen, wenn ein betrunkener Idiot mal einer Frau hinterherpfeift und es dabei dann auch belässt.

Das ist auch nicht besonders nett, es gehört sich nicht, es weckt in der betroffenen Frau wahrscheinlich keine schönen Gefühle, denn in den seltensten Fällen handelt es sich bei den Pfeifenden um intellektuelle George Clooneys, die man gern vom Stand weg heiraten würde. Das ist nicht das Problem, das wir hier haben.

Null Toleranz für beleidigendes Verhalten!

Das Problem beginnt da, wenn junge Mädels an einer Tribüne vorbeilaufen müssen und von dutzenden Männern unsagbare Dinge gerufen werden, wenn Röcke nach oben gezogen werden, an den Hintern gegriffen wird, verletzt wird auf verbale und nonverbale Art und Weise. Das geht nicht, und dafür kann es keine Toleranz geben. Null.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass am Sonntagabend zwei Dinge völlig falsch analysiert wurden.

Erstens: Spielberg 2022 ist nicht das erste Rennen, bei dem so etwas passiert ist. Ich glaube, das war schon immer so bei solchen Großevents. Es ist in vielen Fußballstadien so, es ist bei vielen Volksfesten so, und auch wenn das Formel-1-Volk mehrheitlich ein friedliches und nettes ist, ist das halt auch in der Formel 1 so.

Eins ist aber gaaanz wichtig festzuhalten: Nur, weil etwas immer schon so war und überall so ist, heißt das noch lange nicht, dass wir es akzeptieren müssen!

Nicht die Jungen sind das Problem!

Zweitens: Der eine oder andere meinte am Sonntagabend, die Generation Netflix habe so viel neues Publikum in die Formel 1 gebracht, und der eine oder andere von "den Neuen" wisse halt nicht, wie man sich hier zu benehmen habe. Die werden das aber, sinngemäß, auch noch lernen.

Ich persönlich halte das, wenn ich ganz ehrlich sein darf, für kompletten Unsinn.

Mir geht diese "Generation Snowflake", die gefühlt wegen jedem Fürzchen zu heulen beginnt, auch manchmal richtig auf den Senkel. Da bin ich ganz ehrlich. Und ich mache mir Sorgen, ob wir nicht zum Leidwesen aller als Gesellschaft völlig verweichlichen und verlernen, unsere Probleme selbst zu lösen.

Aber die Neuen sind es meiner Wahrnehmung nach nicht, die auf den Tribünen, Campingplätzen und in den Partyzelten rund um den Red-Bull-Ring (und auf allen anderen Rennstrecken der Welt) das Problem waren. Die Neuen sind es nur, die jetzt schockiert sehen, wie es da zugeht (immer schon zugegangen ist), und die, anders als wir, die alteingesessene Generation, das nicht stillschweigend zur Kenntnis nehmen, sondern den Finger in die Wunde legen.

Formel 1 muss dazulernen und darf nicht verharmlosen

Wir, die Alteingesessenen, sollten das nicht verharmlosen und relativieren und die Neuen als übersensibel in die Ecke schieben, sondern wir sollten uns überlegen, wie wir von denen lernen und die Welt in Zukunft ein bisschen besser machen können.

Dazu, übrigens, habe ich keine konkreten Antworten. Aber ich glaube, dass wir über das Thema reden und uns damit auseinandersetzen, das ist ein Anfang. Und jede Betroffene, oder auch jeder Betroffene, der seine negativen Erlebnisse schildert und Ideen hat, wie man solche Probleme in den Griff bekommen könnte, der trägt seinen Teil dazu bei, die Formel 1 zu einem schöneren Ort zu machen.

Was ich aber auch wichtig finde: Wir dürfen uns nicht immer auf die anderen verlassen, unsere Probleme zu lösen. Die Formel 1, die FIA und die Eventveranstalter können die besten Konzepte entwickeln, aber wenn die Idioten sich nicht zu benehmen wissen, wird keine einschneidende Veränderung gelingen.

Lösungsvorschlag: Wie wäre es mit Zivilcourage?

Also müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Zivilcourage ist eine feine Sache. Ein User hat dazu auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de einen wirklich, wie ich finde, tollen Kommentar geschrieben. Sinngemäß: Bei den meisten dieser Vorfälle seien hunderte Menschen, überwiegend Männer, rundherum gewesen. "Leute, wir müssen bei sowas einfach eingreifen!"

Denn eins muss uns klar sein: Von denen, die belästigt werden, dürfen wir nicht erwarten, dass sie sich in ihrer Schockstarre, in die viele verfallen, selbst zu helfen wissen. Von denen, die zum Pöbel gehören, dürfen wir uns sowieso gar nichts erwarten. Und nicht immer ist Security und Polizei in der Nähe, und selbst wenn: Wenn Aussage gegen Aussage steht, ist es für die auch schwierig, einen Konflikt an Ort und Stelle fair zu lösen.

Aber die menschenverachtenden Idioten, die keiner braucht, die sind ja in der Unterzahl. Also liegt's an denen, die solche Dinge beobachten, das in Zukunft nicht mehr einfach hinzunehmen, einer Konfrontation nicht aus dem Weg zu gehen, weil man Angst hat, das könnte eventuell unangenehm werden.

"Während die Weisen noch hier stehn und grübeln ..."

Eine meiner Lieblingsbands, Kettcar, hat mal einen schönen Satz geschrieben: "Während die Weisen noch hier stehen und grübeln, erobern die Dummen längst den Berg."


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Aber warum sollten wir eigentlich in den Partyzelten der Formel 1 den Dummen, den Pöblern und den Menschenverachtern das Feld überlassen?

Wenn die Besonnenen die Augen aufmachen und es nicht mehr stillschweigend hinnehmen, wenn am Nebentisch einem Mädel unter den Rock gegriffen wird, dann werden sich die Dinge ändern. Weil die Idioten sich dann nicht mehr cool dabei fühlen, wenn sie sich wie Idioten aufführen, sondern weil sie dann spüren, was jetzt schon Realität ist, nämlich dass sie eigentlich in der Minderheit und völlig aus der Zeit gefallen sind.

Einige werden das nicht gut finden und nicht mehr kommen. Das ist dann kein Verlust. Einige werden vielleicht auch nachdenken, lernen und sich bessern. Das ist dann ein Gewinn.

Es ist wie bei so vielen Dingen im Leben: Ein paar Idioten machen der friedlichen Mehrheit alles kaputt. Das sollten wir nicht zulassen. Also lasst uns nachdenken, was wir in Zukunft besser machen können!

Auch innerhalb des Paddocks gibt es da einiges aufzuarbeiten, was offenbar jahrelang nicht ausgesprochen wurde. Jemand hat mir gestern schockierende Geschichten erzählt, über "Dickpics" von Rennfahrern auf den Handys von Frauen, über Teamchefs, die gern mal an den Hintern fassen, über Medienmacher, die sich in der Führungsetage lieber mit Männern als mit Frauen umgeben, Qualifikation sekundär.

Es sind nicht nur die betrunkenen Fans, über die wir nachdenken müssen. Wir alle sollten uns ein bisschen selbst hinterfragen, was da falsch gelaufen ist in der Vergangenheit. Dann werden wir alle mit der Formel 1 in Zukunft noch viel mehr Freude haben können.

Einer hat übrigens letzte Nacht mit Sicherheit sehr gut geschlafen, und darüber freue ich mich persönlich ganz besonders: Mick Schumacher. Ihm hat mein Kollege Stefan Ehlen heute die Schwesterkolumne auf Motorsport.com Deutschland gewidmet.

Euer
Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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