• 20. Juni 2022 · 09:33 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Lawrence Stroll

Aston Martin macht auf der Rennstrecke keine Meter, aber weitaus schwerer wiegt das, was Lawrence Stroll gerade neben der Strecke erlebt

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

Lawrence Stroll und Toto Wolff

Läuft gerade alles nicht so, wie sich Lawrence Stroll (links) das vorgestellt hat Zoom Download

Verlierer des Kanada-Wochenendes gibt es ein paar. Sergio Perez zum Beispiel, der nach der vorübergehenden Fiesta, in der einige so kühn waren zu glauben, er könne 2022 wirklich Weltmeister werden, wieder am Boden der Tatsachen gelandet ist.

Oder Mick Schumacher (hat übrigens laut Schwesterkolumne von Stefan Ehlen auf Motorsport.com am besten geschlafen), der in Montreal sein bisher bestes Wochenende in der Formel 1 abgeliefert hat. An seinem Ausfall war diesmal nicht er selbst schuld, auch nicht Haas, sondern Ferrari.

Und ich habe inzwischen auch rausgefunden, welcher Boxenfunk von der internationalen TV-Regie überpiepst wurde. "Fuck! Das nervt", ließ er seinen Emotionen freien Lauf. Und ergänzte später, mit gebrochener Stimme, in Richtung seines Renningenieurs: "Trotzdem, Mann, danke für dieses Wochenende!"

McLaren-Teamchef Andreas Seidl hatte sich Kanada 2022 sicher auch anders vorgestellt. Fernando Alonso wirkte bei den TV-Interviews ganz und gar nicht ausgeglichen, und Charles Leclerc und Ferrari sind seit einigen Wochen Dauerkandidaten für diese Kolumne.

Aber ich kann ja nicht immer über die Gleichen schreiben.

Also Lawrence Stroll.

Was auf der Strecke schiefgeht

Warum? Weil Kanada der Heim-Grand-Prix des kanadischen Eigentümers von Aston Martin ist, und weil derzeit viel daneben läuft aus seiner Sicht. Auf und neben der Strecke.

Die Sache auf der Strecke ist schnell erzählt. Der AMR22 ist eine "grüne Gurke". Zwar geht es seit dem Barcelona-Update von Rennen zu Rennen etwas mehr voran, und in Montreal blitzten zwischendurch richtig gute Ansätze durch.

Aber dass Red Bull die "Copygate"-Nummer gar nicht erst weiterverfolgt, weil man Aston Martin nicht als ernsthaften Gegner betrachtet, sagt viel aus über den sportlichen Zustand dieses Teams.


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Sebastian Vettel hatte am Samstagmorgen noch P3 rausgefahren und galt als einer der Geheimfavoriten. Dann vermurksten die Ingenieure mit dem falschen Reifendruck das Qualifying.

Ich selbst wage nicht zu beurteilen, wie schnell man da danebengreifen kann. Alexander Wurz meinte im 'ORF' sinngemäß, das sei ein Anfängerfehler, der einem Ingenieur in der Formel 3 passieren darf, aber nicht in der Formel 1.

Die Realität ist aber: Selbst ohne diesen Fehler war nicht sehr viel mehr drin als der zehnte Platz, den Eigentümersohn Lance Stroll mit einer ordentlichen Leistung rausgeholt hat. Das räumt sogar Teamchef Mike Krack selbst ein. Man sei drei Zehntelsekunden hinter Fahrplan, um das Mittelfeld anzuführen, sagte er nach dem Rennen.

Immerhin: Für Silverstone ist das nächste Update geplant. Es wird ein Schlüsselwochenende für den weiteren Verlauf der Saison 2022 werden.

Dann sind da aber noch die Sachen neben der Strecke.

Was neben der Strecke schiefgeht

Erstens: Vettels Helm. Der Deutsche hat sich neuerdings der Mission verschrieben, seine Fans darüber aufzuklären, wie die Menschheit gerade den Planeten zugrunde richtet. In Kanada lief er mit einem T-Shirt rum, mit dem er die Rohölgewinnung aus Ölsand verurteilte, und sein Helmdesigner Jens Munser hatte einen Helm mit einem passenden Spezialdesign vorbereitet. Den trug er aber am Sonntag nicht.

Der TV-Sender Sky berichtete in seiner Übertragung, dass Aston Martin Vettel nahegelegt habe, den Helm im Rennen nicht zu tragen. Was plausibel klingt, denn Vettel windete sich wie ein Aal um die Fragen zu dem Thema und war sichtlich geplagt, offen darauf zu antworten. Was der geschulte Beobachter als Zeichen dafür interpretiert, dass es wohl genau so ist, wie Sky berichtet hat.

Krack freilich will davon nichts wissen. Vettel sei ein freier Mann sagt er, und man bespreche immer gemeinsam, welchen Helm er wann trage. Er suggeriert, dass es Vettels Idee war, am Sonntag auf den Helm zu verzichten. Was für mich, da will ich ehrlich sein, nicht so plausibel klingt. Gerade am Sonntag hätte die Message ihre volle Wirkmacht entfaltet.

Die Verschwörungstheorie, die im Raum steht, lautet, dass Stroll sen. "not amused" darüber war, dass sein Nummer-1-Fahrer (der am liebsten nur die Nummer 2 hinter dem Sohnemann sein sollte) eine kanadische Politikerin auf Twitter zu einem Rant getriggert hat.

Politikerin hat sich mit Vettel angelegt

Sonya Savage, die Energieministerin der Provinz Alberta, meinte sinngemäß, es könne wohl nicht sein, dass ein dahergelaufener Formel-1-Fahrer, der noch dazu von Aramco gesponsert wird, aufmuckt und meint, er könne sich als Weltverbesserer inszenieren.

Dass das ein bisschen heuchlerisch ist von Vettel, räumt er ja sogar selbst ein. Aber auf die Anliegen hinzuweisen und für eine bessere Welt einzutreten, das versucht er in Einklang zu bringen mit seiner großen Leidenschaft, dem Rennfahren.

Immer noch besser, sich im Rahmen der Möglichkeiten, die man hat, für eine bessere Welt zu engagieren als gar nicht, finde ich.

Sollte die Geschichte mit dem Helmverbot wirklich stimmen, dann sieht sie nicht gut aus für Lawrence Stroll. Und sie wird Vettels Lust, seinen Vertrag zu verlängern, nicht gerade heben. Ich weiß nicht, ob ich weiterhin für meinen Arbeitgeber schreiben könnte, wenn mich der dazu zwingen würde, nach außen etwas zu vertreten, was ich in meinem Inneren zutiefst verachte.

Doch Stroll hat noch ganz andere Sorgen. Dass das mit dem Formel-1-Team nicht so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hatte, ist eine Sache. Die andere ist, dass ihm gerade ein Teil seines Vermögens durch die Finger rutscht.

Aston Martin Lagonda: Ein riesiges Millionengrab

Damit wären wir beim "Zweitens". Aston Martin Lagonda, der Sportwagenhersteller, stand bei einem bereinigten Kurs von mehr als 3.000 Pence Sterling (GBX), als Stroll das Unternehmen im Januar 2020 übernommen hat. Inzwischen ist die Aktie auf nur noch rund 500 GBX abgerutscht.

Interessanter Nebenaspekt: Wir wissen nicht genau, wann Strolls damaliger Kumpel Toto Wolff seine gut 40 Millionen Euro in Aston Martin Lagonda investiert hat und zu welchem Kurs. Aber im schlimmsten Fall könnten von den 40 Millionen vielleicht noch sechs oder sieben übrig sein. Kein gutes Investment.

Der Luxus-SUV DBX, der die Marke Aston Martin hätte sanieren sollen, verkauft sich viel schlechter als erhofft, und die schwierige Weltwirtschaft tut ihr Übriges dazu, dass Strolls Masterplan für den altehrwürdigen Sportwagenhersteller zu einem riesigen Millionengrab zu werden droht.

Im Paddock wird gemunkelt, dass der einstige Modemanager, der mit Tommy Hilfiger & Co. reich geworden ist, sogar schon Privatassets verkauft, um Kapital für seine Investments zu generieren. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen.

Audi: Kein Interesse mehr an Aston Martin

Was ich weiß, ist etwas anderes. Zwischen Stroll und dem deutschen Automobilhersteller Audi gab es Gespräche über einen möglichen Audi-Einstieg ab 2026. Audi möchte zwar den Antriebsstrang in Neuburg bauen, hätte sich aber offenbar auch eine Übernahme von Teamanteilen vorstellen können.

Ein ideales Exitszenario für Stroll, der hauptsächlich deswegen mit Motorsport angefangen hat, um seinen Sohn Lance irgendwann zum Formel-1-Weltmeister zu machen. Aber Lance wirkt auf mich immer ein bisschen wie eins dieser Eislaufmädchen, die von der Mutter dazu gezwungen werden, auf den Olympiasieg zu trainieren, wenn er wieder mal genervt in einer Pressekonferenz sitzt.


Fotostrecke: Spatenstich: So wird die neue F1-Fabrik von Aston Martin

Und der große Erfolg des Formel-1-Teams ist bisher auch ausgeblieben. Da wäre ein Verkauf eine interessante Alternative gewesen. Wenn man so hört, was heutzutage für Formel-1-Teams bezahlt wird, dann ist Aston Martin mit der neuen Fabrik in Silverstone (wenn sie einmal fertig ist) sicher substanziell mehr wert als 500 Millionen Euro. Das wäre ein guter Return on Investment gewesen für Stroll, der seinerzeit extrem günstig bei Racing Point eingestiegen ist.

Aber Audi hat jetzt einen Rückzieher gemacht und setzt nur noch auf das Pferd Sauber. Wenn die deutsche Marke also in die Formel 1 kommt, dann mit dem Hinwiler Team. So steht das in einer WhatsApp-Nachricht auf meinem Handy (Name des Absenders ist mir gerade entfallen). Die Sache mit Stroll, hört man, sei "too complicated" geworden.

Jetzt sitzt er also da, Lawrence Stroll, mit einer Autofirma, die zu wenig Autos verkauft, mit einem Formel-1-Team, das keine Rennen gewinnt, einem Sohn, der nicht glücklich wirkt, und einem Weltverbesserer, der die Welt nicht mehr verbessern darf. Und selbst so mancher Freund von früher, munkelt man, hat sich inzwischen von ihm abgewendet.

Waren schon mal bessere Zeiten, um gut zu schlafen, finde ich.

Übrigens: Im Diskussionsforum auf Motorsport-Total.com werde ich heute Abend bis dahin aufgeschriebene Userbeiträge zu dieser Kolumne kommentieren und vor allem etwaige Fragen von Forumsmitgliedern beantworten.

Euer
Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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