• 22. November 2021 · 06:41 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Michael Masi

Jetzt mal ehrlich: Die FIA sollte sich mit anderen Dingen beschäftigen als mit kritischen TV-Interviews von Teamchefs, findet Chefredakteur Christian Nimmervoll

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

Christian Horner und Michael Masi

Waren am Rennsonntag in Katar keine Freunde: Christian Horner und Michael Masi Zoom Download

es muss schon ziemlich viel passieren, dass ich mich aufrege. Und vielleicht ist diese Kolumne am Montagmorgen in solchen Fällen auch ein bisschen als Ventil für mich selbst da, um aufgestauten Ärger abzulassen, statt nur als Unterhaltung für unsere gut vier Millionen Leser.

Ich habe schon am Sonntagabend in der Rennanalyse auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de angekündigt, dass heute Morgen die FIA drankommen wird. In irgendeiner Form. Nun finde ich, dass Michael Masi im Großen und Ganzen ein kompetenter Kerl ist. Ich mag den. Ehrlich. Aber die Form, in die diese Kolumne seit vielen Jahren gegossen wird, bringt es nun mal mit sich, dass am Montagmorgen nicht ein Verband schlecht schläft, sondern eine Person.

Also Masi.

Ich bin - wer regelmäßig unsere Livestreams sieht (Formel1.de abonnieren!) und Podcasts hört (Starting Grid abonnieren!), der weiß das - durchaus dazu bereit, in hitzigen Diskussionen auch mal den Rechtsanwalt der FIA zu spielen und diese gegen Kritik von außen zu verteidigen. Vieles, was auf den ersten Blick schwer nachzuvollziehen ist, wird nämlich einigermaßen diffizil, wenn man sich mit den Details auseinandersetzt.

Aber heute stimme ich auch mal ein in den Chor derjenigen, die die FIA kritisieren.


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Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat für mich die Entscheidung, Red-Bull-Teamchef Christian Horner zu einer Anhörung bei den Kommissaren vorzuladen. Nicht etwa, weil Red Bull einen illegalen "Flexiwing" gebaut, nein, sondern weil er einen Sportwart in einem TV-Interview vor dem Rennen als "rogue marshal" bezeichnet hat.

Nun ist "rogue" in diesem Zusammenhang gar nicht so leicht ins Deutsche zu übertragen. Es kann "Schurke" und "Gauner" genauso bedeuten wie, adjektivisch gebraucht, "bösartig" und "skrupellos". Das Wörterbuch meiner Wahl listet als mögliche Bedeutung auch "abtrünnig" auf. Weit weniger dramatisch als "Schurke".

Was Horner damit meinte? Jener Sportwart, der am Ende des Qualifyings in Katar Doppelgelb geschwenkt hat, als Max Verstappen gerade dort vorbeifuhr (bei den Fahrern davor aber nicht), der sei ein "rogue marshal". Abtrünnig in dem Sinne, dass er ganz allein entschieden hat, gelbe Flaggen zu schwenken, weil auf dem FOM-Monitor "Clear in Sector 20" stand. Ein Schurke in dem Sinne, dass er Verstappens Qualifying kaputtgemacht hat.

Michael Masi hatte das Interview nicht einmal selbst gesehen, sondern er wurde, das hat er meinen Kollegen Adam Cooper und Luke Smith vor Ort in Katar so erzählt, von jemandem darauf aufmerksam gemacht. Trotzdem war es ihm nicht zu blöd, Horner wegen eines emotionalen Interviews wenige Minuten nach Bekanntwerden der Strafe gegen Verstappen bei den Kommissaren anzuzeigen.

Das war um 18:49, und Masi schrieb ins Dokument 50 rein, dass Horner möglicherweise gegen die Artikel 12.2.1.f und 12.2.1.k des Internationalen Sportgesetzbuchs der FIA verstoßen habe.

Demnach wird es als Regelverstoß gewertet, wenn jemand die FIA oder ihre Funktionäre sowie die Werte, für die die FIA eintritt, beleidigt. Verkürzt gesagt. Und es wird auch als Regelverstoß gewertet, sich gegenüber Funktionären oder freiwilligen Streckenposten danebenzubenehmen.

Jetzt kann man über die Feinheiten der Übersetzung von "rogue" ins Deutsche sicher diskutieren. Doch so schlimm kann das Wort wohl nicht sein, wenn Paramount Pictures einen Film der Mission-Impossible-Reihe damit betitelt und tausende Filmplakate in Kinos, in die damals, vor der Pandemie, auch noch Familien und Kinder gegangen sind und nicht nur Putzpersonal, aufgehängt hat.

Dokument 52, das Urteil gegen Horner, ist dann ein echter Schenkelklopfer. Horner habe eine "offizielle Verwarnung" bekommen, teilen die vier Kommissare (übrigens diesmal Verstappens Spezialfreund Garry Connelly, Amro Al Hamad, Tim Mayer und Emanuele Pirro) darin mit.

Ich muss grinsen, weil es rund um dieses Dokument wohl einige Interpretationsunterschiede gibt.

So muss Horner zum Beispiel als Wiedergutmachung Anfang Februar an der internationalen Kommissarausbildung der FIA teilnehmen. Als er später dann via Zoom mit uns Journalisten gesprochen hat, wollten wir natürlich wissen, was er dort zu tun hat. Könne er nicht sagen, antwortete er, weil man die Sache ausgemacht habe, als er schon gar nicht mehr im Raum war.

Das wiederum ist interessant, denn im FIA-Urteil steht explizit, dass Horner von sich aus angeboten habe, an der Aktion teilzunehmen. Masi hat das später vor Ort in Katar gegenüber Kollegen von mir nochmals bestätigt.

Dann habe, so die Urteilsbegründung, Horner erzählt, dass die fragliche Aussage unter dem Druck eines sportlich gerade extrem anspruchsvollen Wettbewerbs erfolgt sei. Klang in seiner Medienrunde auch ganz anders. Der Druck des WM-Kampfs sei halb so wild, sagte er uns da.

Und, das steht auch in Dokument 52, man habe Horner erklärt, dass der beleidigte Sportwart seinen Job genau richtig gemacht hat - so, wie es im Internationalen Sportgesetzbuch beschrieben steht.

Ich wollte von Horner nach dem Rennen wissen: Wie kann es sein, dass zuerst alle Fahrer gar kein Gelb oder einfaches Gelb sehen, vor Verstappen dann aber plötzlich Doppelgelb geschwenkt wird? Und wie kann es sein, dass der FOM-Monitor gleichzeitig "Track clear in Sector 20" anzeigt und somit Entwarnung gibt? Hat die FIA das erklärt?

Horner musste ob meiner Frage grinsen und meinte nur sinngemäß: Es sind genau diese Fragen, die mich in diese Sache reingeritten haben - frag doch bitte lieber direkt bei der FIA nach.

Jetzt wollen wir uns mal nicht in irgendwelchen Details irgendwelcher Dokumente verlieren. Verstappen musste bestraft werden, damit bin ich d'accord, auch wenn die Umstände aus seiner Sicht sehr, sehr unglücklich waren. Bei Doppelgelb versteht die FIA spätestens seit dem Bianchi-Unfall keinen Spaß, und das ist auch gut so.

Aber muss man wirklich einen Teamchef gleich zu den Kommissaren abführen, weil er in einem TV-Interview wenige Minuten nach einer schwerwiegenden Entscheidung ein Wort gesagt hat, das streng genommen nicht der englischen Definition von politisch korrekt entspricht?

Meine Güte, Mister Masi, sind wir in der Formel 1 wirklich schon so übersensibel geworden?

Ich hab' mir kürzlich mal erklären lassen, was "Generation Snowflake" bedeutet. Ein bisschen erinnert mich das da dran. Wollen wir das wirklich? Ich dachte immer, die Formel 1 sei kein Kaffeekränzchen, sondern ein Sport für harte Männer (und Frauen!). Aber wenn einer dann mal "Schurke" sagt, muss er das gleich vor einer Kommission erklären? Echt jetzt?

Jetzt kann ich Masis Argument, sich schützend vor seine Sportwarte zu stellen und keine Angriffe gegen diese freiwilligen Helfer zu tolerieren, die ihren Job in der Regel auch noch ehrenamtlich machen, sogar verstehen. Das muss so sein. Aber in dem Fall glaube ich nicht, dass der von Horner kritisierte Sportwart sich beleidigt gefühlt hat.

Und wenn doch, dann ist er wirklich sehr zart besaitet. Sowas muss ein Schiedsrichter schon aushalten. Da habe ich in der U16, als ich noch selbst Fußball gespielt habe, ganz andere Dinge gegenüber den Referees gehört. Und ich halte mich heute trotzdem für einigermaßen wohlerzogen.

Zumal es für mich nicht nachvollziehbar ist, dass Horner seinen "Rogue"-Sager langmächtig erklären musste, Toto Wolff aber vor einer Woche von "Sauerei" reden und die Entscheidungen der Rennleitung als "peinlich" bezeichnen durfte, ohne dass es jemanden gejuckt hat.

Vielleicht sollte man sich bei der FIA eher damit beschäftigen, dass die Fahrer keinen blassen Dunst mehr haben, was denn nun erlaubt ist und was nicht im Zweikampf, seit Verstappen vom Verdacht des Abdrängens gegen Lewis Hamilton in Brasilien freigesprochen wurde. Da war Masi in seinen Ansagen nicht sehr klar, höre ich aus dem Fahrerbriefing am Freitag in Katar.

Vielleicht sollte man sich auch überlegen, von Anfang an gescheite Heckflügeltests zu machen, die nicht ein ganzes Jahr lang für Diskussionen über "Flexiwings" sorgen.

Vielleicht sollte man auch manchmal ein bisschen Augenmaß walten lassen, etwa wenn ein Flügel ganz offensichtlich defekt ist und deswegen hauchdünn durch einen Test durchfällt, der so noch nicht einmal im Technischen Reglement steht, statt gleich in den WM-Kampf einzugreifen und den Fahrer, der am allerwenigsten dafür kann, zu disqualifizieren.

Da ist ziemlich viel Luft nach oben im System, finde ich. Und vielleicht würde es der FIA ja mal ganz guttun, zuerst vor der eigenen Tür zu kehren statt gleich die Kavallerie anrücken zu lassen, beim kleinsten kritischen Pups, den jemand von sich gibt.

Ich hoffe nur, dass ich jetzt nicht auch zu den Kommissaren muss.

Mit denen war in der Vergangenheit auch Fernando Alonso schon öfter im Clinch. Diesmal nicht. Nach seinem ersten Podium seit 2014 hat ihn mein Kollege Stefan Ehlen in der Schwesterkolumne auf Motorsport.com Deutschland diesmal gut schlafen lassen. Hier klicken und die Kolumne lesen!

Ihr
Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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