• 15. September 2023 · 19:01 Uhr

Andretti-Pläne: Warum die Formel-1-Teams weiter skeptisch sind

Warum es noch immer Widerstand gibt gegen ein elftes Team in der Formel 1, wie die Argumente der Andretti-Gegner lauten und was sich Andretti gerade aufbaut

(Motorsport-Total.com) - Gibt es bald ein elftes Team in der Formel 1, ja oder nein? Schon bald soll diese Frage eine Antwort erhalten, zumindest von Seiten des Automobil-Weltverbands (FIA), der alle Bewerbungen gesichtet hat. Und sollte Andretti dann den Zuschlag erhalten, der US-Rennstall käme seinem großen Ziel ein Stück näher. Aber: Am Ziel wäre Andretti dann noch nicht. Es wäre nur die erste Hürde auf einem trotz möglicher FIA-Zustimmung noch langen Weg.

Zak Brown (McLaren), Günther Steiner (Haas), Toto Wolff (Mercedes)

Zak Brown (McLaren), Günther Steiner (Haas), Toto Wolff (Mercedes) Zoom Download

Denn nach der Bewerbung ist vor der Bewerbung: Im nächsten Schritt würde die Formel 1 mit Geschäftsführer Stefano Domenicali ihrerseits das Andretti-Vorhaben auf den Prüfstand stellen, was weitere Monate dauern könnte, so heißt es im Formel-1-Fahrerlager. Erst bei einer weiteren Zusage wäre Andretti dann wirklich "durch".

Davon aber lässt man sich in Amerika nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Erst dieser Tage erfolgte der Spatenstich für Andrettis neue Motorsport-Superfabrik in Indianapolis. Und damit hat Andretti weitaus mehr vor als "nur" seine bestehenden Projekte wie IndyCar zu betreiben.

Was Andretti wirklich vor hat

Teamchef Michael Andretti sagte dem IndyStar: "Hierbei geht es nicht um IndyCar. Mit diesem Werk wollen etwas machen, was bisher noch nie gemacht wurde. Wir wollen in jeder Form von Autorennen vertreten sein, von Le Mans über Monaco bis zum Indy 500 und zum Daytona 500. Und perspektivisch wollen wir all das unter ein Dach bringen. Das ist unser großes Ziel, und wir haben viele Pläne, wie wir es erreichen."

Heißt also: Andretti will expandieren, aber im ganz großen Stil, und die Formel 1 und auch NASCAR spielen Schlüsselrollen dabei. Denn in beiden großen Rennserien ist Andretti bisher nicht mit einem eigenen Team vertreten.

Doch zumindest in der Formel 1 ist Andretti nicht erwünscht. Die Teams wehren sich weiter gegen den potenziellen Neueinsteiger, wollen gemeinsam mit FIA und Formel-1-Management (FOM) "den Sport schützen", so formuliert es Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Und laut Alfa-Romeo-Repräsentant Alessandro Alunni Bravi kann nur ein "solides und langfristiges Projekt" überhaupt in Frage kommen.

Wer hinter dem Motorsport-Projekt von Andretti steckt

Wie solide und langfristig angelegt also ist das Andretti-Projekt? Auch dazu informierte das Team am Rande seines Spatenstichs. Teambesitzer Michael Andretti bedankte sich etwa bei Dan Towriss und erstmals auch bei Mark Walter für deren Unterstützung.

Towriss ist der Geschäftsführer der Group 1001 aus dem Finanzdienstleistungs-Sektor, zu der unter anderem Andretti-Sponsor Gainbridge gehört. Und seit 2022 ist Towriss persönlich bei Andretti involviert, weil er als Mitbesitzer eingestiegen ist. Wie viele Anteile er hält, ist nicht bekannt.

Colton Herta

Group 1001 und Gainbridge als Sponsoren auf dem IndyCar-Auto von Andretti Zoom Download

Klar ist aber, was Towriss von Andretti und dessen Visionen hält. Er sagt: "Wahrscheinlich habe ich mich noch mit keinem Geschäftspartner so gut verstanden wie jetzt mit Michael [Andretti]. Es macht wirklich unheimlich viel Freude."

Auch ein Milliardär mischt mit ...

Ähnlich scheint es Walter zu sehen. Er ist Geschäftsführer bei Guggenheim Partners, einem Investment- und Beratungskonzern. Und Walter selbst zählt laut Forbes zu den 500 reichsten Personen der Welt, mit einem geschätzten Nettovermögen von umgerechnet rund fünf Milliarden Euro. Gemeinsam mit weiteren Investoren hat er in diesem Jahr schon den englischen Fußballklub Chelsea FC übernommen.

An finanzkräftigen Partnern scheint es Andretti also nicht zu mangeln. Aber genau die Finanzen werden von den Andretti-Kritikern immer als großes Argument gegen Andretti vorgeschoben. Tenor: Die Formel 1 dürfe einen zusätzlichen Startplatz nicht zu billig verkaufen.

Unter dem aktuellen Concorde-Agreement werden pro Neueinsteiger einmalig umgerechnet rund 190 Millionen Euro fällig. Dieser Betrag soll die zehn existierenden Teams für etwaige Preisgeld-Einbußen durch das elfte Team entschädigen: Jeder bestehende Rennstall würde jeweils ein Zehntel des Betrags erhalten.

Teamchefs: Summen in der Formel 1 sind überholt

Nun aber heißt es, diese Summe sei längst überholt. McLaren-Boss Zak Brown meint etwa: "Der Wert eines Teams ist heute ein anderer als vor fünf Jahren [bei der Verabschiedung des Concorde-Agreements]. Der Sport ist heute deutlich mehr wert." Das sei ein "Faktor", über den noch zu reden sein werde.

Zak Brown (McLaren) und Günther Steiner (Haas) in der Pressekonferenz in Singapur

Zak Brown (McLaren) und Günther Steiner (Haas) in der Pressekonferenz in Singapur Zoom Download

Auch Günther Steiner als Haas-Teamchef betont die Wertentwicklung der Formel 1: "[Vor einigen Jahren] kämpften einige Teams um ihre Existenzen und waren praktisch gar nichts wert. Aber der Markt hat sich seither verändert."

Warum das Andretti gar nicht betrifft

Auswirkungen auf die Andretti-Bewerbung hat das allerdings nicht: Das Concorde-Agreement gilt noch bis einschließlich 2025 und wird erst für 2026 neu verhandelt. Sollte Andretti also vor 2026 seinen Formel-1-Einstieg realisieren können, es wäre "nur" an die Zahlung in Höhe von 190 Millionen Euro gebunden und nicht an eine mutmaßlich höhere Summe, die für die Zeit ab 2026 im Raum steht.

So sieht es auch FIA-Präsident Mohammed bin Sulayem, der sich im Gespräch mit Motorsport-Total.com für die Einhaltung der bestehenden Regeln stark gemacht hat. Er verwies auf "rechtsgültige Verträge" und darauf, dass "Teams, FOM und FIA die Regeln so akzeptiert haben, wie sie jetzt sind".

Und so sagt zum Beispiel Mercedes-Teamchef Wolff, er hoffe, die Verantwortlichen würden "die richtigen Entscheidungen treffen". Steiner wünscht sich von Domenicali, dass dieser "in unserem besten Interesse" vorgehe. Und Alunni Bravi will "verstehen, was langfristig das Beste ist für die gesamte Formel-1-Gemeinschaft". Denn es gelte, dass alle Beteiligten "unser Business schützen", so meint er.

Andretti macht weiter sein Ding

Andretti macht derweil einfach weiter. Auf die Umbenennung in Andretti Global folgte der besagte Spatenstich für das neue Werk. Und weitere Maßnahmen sind bereits angestoßen.

"Wir haben Vertrauen in diese Pläne und in deren Bedeutung für die Zukunft", sagt Andretti-Partner Towriss. "Denn in diesen Plänen steckt weitaus mehr als nur eine Fabrik, und diese Pläne wollen wir realisieren."

Fehlt nur noch die Zusage durch den Weltverband FIA, und eine Bekanntgabe zum Bewerberprozess wird in den kommenden Wochen erwartet.

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