Warum Abu Dhabi 2021 mehr als ein Rennen war, sondern ein Psychospiel
Max Verstappen und Lewis Hamilton kämpften 2021 bis zur letzten Sekunde - Sie nutzten dabei Psychotricks, die selbst im Fahrerlager sichtbar wurden
(Motorsport-Total.com) - Rückblende in die Formel-1-Saison 2021: In Abu Dhabi kämpften Max Verstappen und Lewis Hamilton bis zur letzten Sekunde um den Titel. Bradley Scanes, Verstappens Leistungstrainer, war damals dabei und spürte die besondere Atmosphäre im Fahrerlager. Verstappen schnappte sich seinen ersten von bisher vier Titeln, doch zuvor habe es viele Psychospielchen gegeben, wie der Trainer berichtet.

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Max Verstappen gewinnt 2021 den Titel: Der Kampf war facettenreich Zoom Download
"2021 war wahrscheinlich die beste Erfahrung überhaupt", so Scanes im Podcast High Performance. "Ich hatte einen Logenplatz, als zwei Größen des Sports gegeneinander antraten. Die beiden setzten sich 20 Sekunden von allen anderen ab, aber zwischen ihnen war es immer nur eine Sekunde."
Aufgrund der Ausgeglichenheit drehte sich der Wind im Titelkampf immer wieder, beim Finale wurde es kontrovers. "Bei manchen Rennen war es: 'Warte, wir werden die Meisterschaft gewinnen.' Bei anderen Rennen hieß es: 'Jetzt stehen wir wieder mit dem Rücken zur Wand.' Egal, was in Abu Dhabi passieren würde, beide hätten den Titel in diesem Jahr verdient gehabt."
Brasilien als gutes Beispiel
"Natürlich bin ich befangen, aber wir hatten es mehr verdient", sagt Scanes mit einem Lächeln auf den Lippen. "Es gab aber eine Menge Druck, es war intensiv. Man konnte die Spannungen im Fahrerlager förmlich spüren." In solch einer Situation ist es natürlich völlig normal, dass jeder Trick angewendet wird, um sich einen kleinen, aber vielleicht entscheidenden Vorteil zu verschaffen.
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"Ich erinnere mich an Brasilien, drei Rennen vor dem Ende. Wir standen in den Boxen, und die Hospitalities waren direkt nebeneinander. Aufgrund der Struktur des Fahrerlagers musste man immer an den anderen vorbeilaufen. Niemand hat sich angeschaut, weder Red Bull noch Mercedes. Es wurde kein Wort gewechselt."
"Heute bleibt man stehen und spricht mit der Hälfte der Mercedes-Leute oder mit denen, die man kennt. Aber in den letzten Rennen war das ein Kampf, ein Krieg", so Smedley weiter. Der Titelkampf entschied sich erst im Finale von Abu Dhabi, zuvor waren die Psychospielchen so richtig losgegangen.
Mercedes unter Druck?
"Brasilien ist da ein gutes Beispiel. Max berührte den Heckflügel des Mercedes. Er hat das kalkuliert. Er wusste, dass er eine Strafe von 50.000 US-Dollar bekommen würde, ohne auf der Strecke einen Nachteil fürchten zu müssen."
Doch als er am Donnerstag in Zandvoort auf diese Geschichte angesprochen wird, wiegelt Verstappen selbst ab: "Um ehrlich zu sein, ich kann mich daran nicht wirklich erinnern", sagt der Niederländer. "Für mich hat es sich nicht so angefühlt. Deshalb kann ich dazu eigentlich auch nicht viel mehr sagen, weil es sich für mich einfach nicht so dargestellt hat oder nicht so passiert ist."
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Trotzdem ist Scanes überzeugt davon, dass diese Situation etwas ausgelöst hat: "Im Team wurde das sicher diskutiert und die Spannungen in der Mercedes-Garage wurden dadurch sicherlich größer", glaubt er. "Auch wenn nichts passiert ist. Ich glaube, dass sich etwas verändert hat. In den letzten zwei Rennen konnten sie den Flügel nicht fahren. Das war hilfreich für uns, denn sie sind in Brasilien damit davongeflogen."
"Selbst wenn nichts passiert wäre, hätte es den Fokus verändert und in den Medien für etwas mehr Druck gesorgt", glaubt Scanes. "Die Spielchen zwischen Toto Wolff und Christian Horner waren in den Medien immer klar zu sehen, aber hinter den Kulissen haben Max und Lewis immer wieder versucht, etwas zu probieren."
Die Psychotricks
"Einer der lustigsten Momente war, als die Fahrer sich bereit machten", erinnert er sich. "Das war, als ich begann, mit Max zu arbeiten, und die Top 3 nach dem Rennen oder Qualifying diesen kleinen Bereich im Cool-Down-Raum durchlaufen mussten. Lewis hat sich immer viel Zeit gelassen, um sich fertigzumachen. Er musste seine Kleidung wechseln und die Haare machen."
"Max wollte nicht einmal den Anzug wechseln, sondern direkt zur Pressekonferenz gehen. Dann hat sich das entwickelt, wir haben angefangen, alles zu verändern. Und je weiter wir gingen, desto mehr Zeit nahm sich Max. Es ging so weit, dass Lewis sogar auf ihn warten musste." Das sind die ganz kleinen Tricks, mit denen Fahrer versuchen, in den Kopf ihrer Kontrahenten zu kommen und sie auch nur im kleinsten Maße zu hemmen oder ihren Fokus zu verändern.