• 23. November 2022 · 16:24 Uhr

F1-Podcast zum Spionageskandal 2007 mit DJ-Legende als Stargast

Für gewöhnlich gehören DJs nur zum Rahmenprogramm der Formel 1, doch für einen neuen Podcast ist Pete Tong in den größten Spionageskandal des Sports eingetaucht

(Motorsport-Total.com) - Selbst für einen langjährigen Formel-1-Fan wie den weltberühmten DJ Pete Tong beschränkt sich das berufliche Engagement im Grand-Prix-Rennsport normalerweise darauf, nach den Rennen Partygigs zu spielen. Allerdings hat die persönliche Erfahrung gezeigt, dass dies keine allzu spannende Aussicht ist.

Felipe Massa, Lewis Hamilton, Fernando Alonso, Kimi Räikkönen

Der Spionageskandal um McLaren und Ferrari ging 2007 um die Welt Zoom Download

Denn wie Tong selbst zugeben muss, fand das schlimmste Set seines Lebens vor einigen Jahren nach dem Grand Prix von Monaco statt - dazu später mehr.

Als sich ihm also die Gelegenheit bot, sich auf eine ernsthaftere Art und Weise einzubringen und als Sprecher eines neuen Podcats von BBC Radio 5 Live über den Formel-1-Spionageskandal um das McLaren-Team im Jahr 2007 aufzutreten, griff Tong zu.

"Das ist etwas, das ich schon immer gerne machen wollte", sagt im Exklusiv-Interview mit 'Motorsport.com' über die Serie "Spygate", die vor wenigen Tagen startete.

"Ich bin ein Sportfan. Ich bin ein großer Fußball- und Radsport-Fan, und obwohl ich kein besessener Formel-1-Fan bin, bin ich ein Fan. Die Gelegenheit bot sich, und ich glaube, sie hielten es für einen Joker, mich überhaupt zu fragen. Ich weiß nicht, ob sie erwartet haben, dass ich ja sage. Aber als ich die Geschichte gelesen hatte, war ich einfach fasziniert davon und ließ mich darauf ein."

Die achtteilige Serie "Spygate" befasst sich eingehend mit dem Drama rund um die Rivalität zwischen Lewis Hamilton und Fernando Alonso während der Saison 2007 sowie mit dem Aufsehen erregenden Spionagefall, der damals Mitte des Jahres ausbrach.

Darum geht es in der Podcast-Serie

Tong spricht mit Schlüsselfiguren, die daran beteiligt waren - darunter die angesehenen Formel-1-Journalisten Maurice Hamilton und Andrew Benson, der ehemalige technische Direktor der Formel 1 Mike Gascoyne und der ehemalige Ferrari-Pressechef Luca Colajanni.

Viele der ersten Episoden werden von den Ereignissen der Saison 2007 dominiert und öffnen denjenigen, die mit dem Sport nicht so vertraut sind, ein wenig die Tür. Es gibt aber auch für diejenigen, die sich mit den Ereignissen während der turbulenten Kampagne gut auskennen, eine Menge interessanter Ausschnitte.

Da ist zum Beispiel die Geschichte des Mitarbeiters eines Fotokopierladens, der den Skandal bei einem Treffen mit dem Rechtsvertreter von Ferrari ans Licht brachte - im Gepäck eine Kopie der 700-seitigen Akte mit Fahrzeugentwürfen, um deren Übertragung auf CD die Frau von Mike Coughlan gebeten hatte.

Coughlan war damals Chefdesigner bei McLaren. Er hatte die internen Dokumente von Nigel Stepney, Ferrari-Chefmechaniker, erhalten. Gascoyne erinnert sich, dass er beide zu der Zeit bei einem geheimen Abendessen in Barcelona am Jachthafen gesehen hatte.

Und Tong erwähnt, dass McLaren, gerade als die Nachricht von dem Skandal bekannt wurde, bei einer Veranstaltung zur Vorstellung seines neuen Motorhomes im Rahmen des Grands Prix von Großbritannien ausgerechnet "Spy Valley"-Wein ausschenkte.

Pete Tong

Normalerweise steht Pete Tong als DJ hinter seinen Plattentellern Zoom Download

Für Tong - nahe Brands Hatch aufgewachsen - war der Podcast eine Gelegenheit, sich mit einem Sport zu beschäftigen, den er seit Jahren verfolgt, wenn auch nicht sehr tiefgründig.

Er gibt zum Beispiel zu, dass er den Kampf zwischen Alonso und Hamilton im Jahr 2007 zwar mitbekommen hat, die Details der Spionagekontroverse aber nie wirklich zur Kenntnis nahm: "Es ist seltsam. Es ist einfach an mir vorbeigegangen. Ich weiß nicht, was ich zu der Zeit gemacht habe. Wahrscheinlich war ich auf Ibiza."

Was Tong dabei besonders überraschte

So wird der Podcast für Tong ebenso zu einer Reise durch die Affäre wie für die Hörer. Auf die Frage, was ihm von all den verschiedenen "Spygate"-Elementen am meisten auffiel, sagt er: "Das ist alles einfach brillant dumm. Aber ich denke, dass Alonso vor dem Rennen (in Ungarn) eine Art Erpressungstaktik abzog und dann merkte, dass er zu weit gegangen war, und versuchte, sie zurückzunehmen."

"Dann hat Ron (Dennis) den Anruf (bei der FIA) aber so schnell getätigt. Und Alonso versuchte, das rückgängig zu machen, was er getan hatte. Ich meine, diese ganze Sequenz ist wie eine Tragödie, die sich abgespielt hat. Das hat mich sehr berührt."

"Ich konnte auch nicht verstehen, warum Nigel Stepney und Mike Coughlan bei den Anhörungen (der FIA) nicht erschienen sind. Es ist die ganze Art und Weise, wie diese Anhörungen funktionieren, dass sie trotz der Anwesenheit von Kronanwälten nicht wirklich ein Gerichtsverfahren sind."

"Es sind die eigenen Regeln der Formel 1. Dazu kommen die übergeordneten Dinge über Max Mosley und Bernie (Ecclestone) - und Max, der sich möglicherweise an Ron Dennis rächt. Ich fand das alles faszinierend", beschreibt Tong die Verstrickungen.

Max Mosley, Ron Dennis

Max Mosley, damaliger FIA-Präsident, und McLaren-Teamchef Ron Dennis Zoom Download

"Ich schätze, der Anfang der Geschichte ist einfach die schiere Dreistigkeit, es auf diese Oldschool-Weise zu machen und mit einem großen, schweren Papierstapel in einen Fotokopierladen zu gehen. Umso verrückter, dass der Mitarbeiter dort ein Ferrari-Fan ist."

"Und dann natürlich das tragische Ende: Ich wusste nicht, dass Nigel Stepney gestorben ist. Noch immer gibt es die Frage, ob er gesprungen ist oder gestoßen wurde."

Tong sieht die Formel 1 im Aufschwung

Es sagt viel über den Aufschwung aus, den die Formel 1 in der Ära von Liberty Media erlebt, dass Podcasts zu einem so spezifischen Thema wie "Spygate" in Auftrag gegeben werden - und dass Mainstream-Akteure wie Tong daran beteiligt sind.

Tong selbst ist der Meinung, dass eine Kombination aus zwei Schlüsselfaktoren - gute Rennen und der Netflix-Effekt - ausschlaggebend für diesen Popularitätsschub waren.

"Es sind enge Rennen und die Tatsache, dass nicht immer dieselbe Person gewinnt, oder zumindest ein Kampf stattfindet, wie wir ihn kürzlich mit Verstappen und Hamilton hatten", sagt er. "Aber ob Zufall oder Absicht, die Netflix-Serie hat die Formel 1 auf eine Art und Weise geöffnet, die, glaube ich, niemand erwartet hat. Ich denke, das hat tatsächlich eine jüngere Zielgruppe angesprochen."

"Außerdem handelt es sich jetzt wahrscheinlich nicht mehr nur um ein traditionell männliches Publikum. Ich glaube, es gibt viel mehr weibliche Interessenten. Das ist etwas, von dem ich spüre, dass es da draußen ist, im Sinne des Zeitgeists", meint der DJ.

"Aber damit erweist man dem Sport auch einen Bärendienst. Die Formel 1 ist schon seit langer Zeit wichtig. Ich denke nur, dass sie gerade mehr in den Mainstream übergeht."

"Die Netflix-Serie ist ein großer Teil davon, und ich denke, Hamiltons Ruhm auch. So wie (Michael) Schumacher eine Ära geprägt hat, tut es Hamilton auf eine ganz andere Art und Weise in seiner Ära. Es hat noch nie jemanden wie ihn gegeben. Ich denke also, dass diese Ära auch die Wahrnehmung verändert hat."


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"Offensichtlich hilft das Fernsehen. Es schafft es einfach, die Sache wieder zu beleben. Ich glaube, das Wichtigste war, ein neues Publikum zu gewinnen. Es ist dasselbe wie in der Musik: Man kann nicht ewig gleich bleiben, und das Publikum wird immer älter. Man muss das Rad ständig neu erfinden. Das haben sie offensichtlich schon immer versucht, aber im Moment sind sie sehr erfolgreich."

Natürlich wird Liberty einige Anstrengungen unternehmen müssen, um die jüngere Generation längerfristig für den Sport zu begeistern. Aber Tong glaubt, dass dies ohne weiteres möglich ist, solange die Formel 1 weiterhin Einblicke hinter die Kulissen gewährt.

Wie man Fans bei der Stange halten kann

Er nennt das Beispiel der Fußballdokumentation "All or Nothing: Arsenal" von Amazon Prime als perfektes Beispiel dafür, wie Menschen gefeselt werden können. "Ich denke, es geht darum, hinter die Kulissen zu schauen, ähnlich wie bei 'All or Nothing'", sagt Tong.

"Ich bin ein großer Arsenal-Fan. Es war unglaublich, auch wenn die Serie schon lange läuft. Jeder hat sich gefragt, warum Arsenal das vergangenes Jahr gemacht hat. Es war wie 'Oh mein Gott, das wird peinlich'. Aber es hat sich wahrscheinlich als eines der besten Dinge herausgestellt, die sie je gemacht haben."

"Es hat alle Neutralen auf die Seite von Arsenal und (Manager Mikel) Arteta gebracht. Und es hat uns eine unglaublichen Dynamik für diese Saison gegeben, die sie noch weiter ausgebaut und umgesetzt haben", erklärt er und schlägt den Bogen zur Formel 1.

"Es geht darum, die Formel 1 zu öffnen. Da hilft es, wenn man mehr über sie erfährt als nur über die Rennen. Und dann will man natürlich, dass talentierte junge Fahrer nachrücken."

Pete Tong

Tong sieht die Formel 1 immer mehr in den Mainstream übergehen Zoom Download

Tongs Beteiligung am "Spygate"-Podcast bedeutet auch, dass er alle negativen Gedanken über die Arbeit in der Formel 1, die er seit dem berüchtigten Auftritt beim Monaco-Grand-Prix hegte, endgültig ad acta legen kann. Darauf nimmt er in einer frühen Folge Bezug.

Auf die Frage, was in jener Nacht geschah, entfährt ihm ein Lächeln. "Manchmal wird man für diese Firmengigs gebucht, und man wird nicht wirklich für das engagiert, was man normalerweise tut. Man wird nur wegen seines Namens engagiert", sagt er.

In Monaco nach nur einem Song aussortiert

"Es war eine Party, aber sie waren sehr genau: 'Nichts zu Cooles. Das ist ein sehr kommerzielles Publikum. Wir sind hier in Monaco: Spiel die Hits.' Ich glaube, ich fing mit David Guetta an, was ich nicht unbedingt in einem Club gespielt hätte, und das soll keine Respektlosigkeit gegenüber David sein. Er ist ein Freund."

"Aber buchstäblich nach dem ersten Song, oder zumindest nach dem zweiten, wollten sie mich loswerden. Sie sagten: 'Das ist einfach zu cool. Dieses Publikum wird es nicht verstehen.' Also wurde ich rausgeschmissen", erinnert sich Tong an den Auftritt.

"Ich glaube, der nächste Typ kam mit 'Born to be Alive' von Patrick Hernandez. Es war total San Tropez - und nicht viel kommerzieller als David Guetta. Wie auch immer, ich wurde rausgeschmissen. Also ging ich zurück zu den Tischen."

Dort kam Jenson Button auf mich zu und fragte: 'Was machst du da?' Ich hatte ihn schon ein paar Mal auf Ibiza getroffen. Er wusste genau, wer ich war und was ich tun sollte."

"Also sagte ich ihm, dass ich rausgeschmissen wurde. Er stellte sich ans Mikrofon und schimpfte auf die Menge: 'Ihr wisst nicht, was ihr getan habt! Das ist der beste DJ der Welt, und ihr habt ihn nicht respektiert!' Danke Jenson, aber ich bin nicht wieder aufgetreten!"

Der "Spygate"-Podcast von BBC Radio 5 Live mit Pete Tong ist auf der BBC-Seite und bei den üblichen Podcast-Anbietern verfügbar.

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