• 19. Dezember 2018 · 08:45 Uhr

Konspirative Formel-1-Thesen: Was die Experten sagen (2/2)

"Ich sehe Arrivabene nicht als Teamchef", sagt einer unserer Experten im zweiten Teil des großen Thesen-Jahresrückblicks auf die Formel-1-Saison 2018

(Motorsport-Total.com) - Was war das nicht für eine tolle Formel-1-Saison? Das packende WM-Duell zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel, der vielleicht letzte Sieg von Kimi Räikkönen, dazu Kracher-Grands-Prix wie jener in Baku: Selten war die Königsklasse des Motorsports so spannend wie im Jahr 2018.

Maurizio Arrivabene, Toto Wolff

Im Zentrum unserer WM-Duell-Thesen: Maurizio Arrivabene und Toto Wolff Zoom Download

Grund genug für uns, am Jahresende wieder das beliebte Format der "konspirativen Thesen" auszupacken. Und das sieht so aus: Wir stellen als Redaktion Behauptungen auf, sogenannte Thesen, deren Intention es ist, zur Diskussion anzuregen. Die Thesen bilden (ganz wichtig!) nicht zwangsläufig die Redaktionsmeinung ab.

Teil 2 unserer Thesen befasst sich mit dem großen WM-Duell zwischen Hamilton und Vettel. Unser Experte Marc Surer, unser Vor-Ort-Reporter Dieter Rencken sowie unser Chefredakteur Christian Nimmervoll haben alle Thesen im Formel-1-Podcast "Starting Grid" gemeinsam aufgearbeitet und leidenschaftlich diskutiert.

Die Thesen-Show gibt's jetzt in unserem Radioplayer auch zum Nachhören in voller Länge. Die besten Auszüge haben wir natürlich aufgeschrieben. Viel Spaß beim Lesen von Teil 2!

These: Lewis Hamilton hätte, wäre er in Hockenheim an Sebastian Vettels Stelle gewesen, den gleichen Fehler nicht gemacht.

"Ja. Ist leider so", bestätigt Surer die These. "Das war ein völlig unnötiger Fehler. Auch wenn wir alle wissen: Wenn du mit Slicks unterwegs bist, bei Regen, ist das Fahren wie auf Eis. Trotzdem: Dass man dann ausgerechnet in Hockenheim in der Sachs-Kurve ausrutscht, darf einfach nicht passieren. Das ist die einzige Kurve, wo man nicht rausrutschen darf - und das weiß einer, der direkt neben der Strecke aufgewachsen ist. Weil es der einzige Ort ist, wo es keine Auslaufzone gibt, sondern nur ein Kiesbett."

Natürlich ist es im Nachhinein einerseits müßig, diese "Was-wäre-wenn"-Fragen zu diskutieren. Weil letztendlich niemand objektiv beurteilen kann, wie Hamilton mit dem Ferrari zurechtgekommen wäre. Andererseits sind es genau diese Spekulationen, die die Fans beschäftigen und die dieses Thesen-Format ausmachen. Zumindest den Versuch anzustellen und sich auf solche Gedankenspiele einzulassen, hat einen gewissen Reiz.


Fotostrecke: Top 10 2018: Die emotionalsten Momente

Daher findet unser Chefredakteur: "Wenn man sich die Gesamtperformance der beiden über dieses Jahr anschaut, glaube ich schon, dass Hamilton der etwas Souveränere war. Und dass er vielleicht in dieser Situation den etwas kühleren Kopf gehabt hätte."

Nimmervoll nimmt Vettel jedoch in Schutz, wenn er sagt: "Es war wirklich nur ein sehr, sehr kleiner Fehler. Aber einer mit dramatischen Konsequenzen." Wie dramatisch, unterstreicht Surer: "Es waren 32 Punkte. Er selbst hätte 25 bekommen, und Hamilton wäre sonst bestenfalls Zweiter geworden."

Fest steht bei retrospektiver Betrachtung eins: "Das war der Wendepunkt in der WM", wie Rencken festhält.

These: Wäre Sergio Marchionne noch am Leben gewesen, hätte sich Ferrari voll und ganz auf Sebastian Vettel konzentriert und eine größere Chance auf den WM-Titel gehabt.

Eine weitere These, die natürlich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit verifiziert oder widerlegt werden kann. Aber Rencken argumentiert: "Ich glaube, das hat eine Rolle gespielt. Marchionne wollte unbedingt einen Weltmeister haben. Ich glaube, sie hätten sich auf Sebastian konzentriert."

Dass Ferrari nicht hundertprozentig hinter Vettel stand, könnte sich durchaus auf das Gemüt des Deutschen, der in seinen Teams immer eine Wohlfühl-Atmosphäre braucht, ausgewirkt haben. Spontan fällt einem das Qualifying in Monza ein, bei dem Vettel für Räikkönen Windschatten spenden musste und nicht umgekehrt. Oder auch Hockenheim, wo Räikkönen ratlos am Boxenfunk hing und wissen wollte, ob er Vettel denn nun vorbeilassen solle oder nicht, ohne klare Anweisungen zu erhalten.

Sergio Marchionne

Sergio Marchionne (1952-2018) ist am 25. Juli dieses Jahres verstorben Zoom Download

Hinzu kommt: Ferrari hat Räikkönen ausgerechnet am Monza-Wochenende mitgeteilt, dass er keinen Vertrag mehr erhalten wird. Ob das mitten in Vettels WM-Kampf, in dem man Räikkönens bedingungslose Unterstützung dringend benötigt hätte, so klug war, sei dahingestellt. Viele meinen, dass das unter Marchionne anders gemanagt worden wäre.

"Nehmen wir Monza: Ich glaube nicht, dass sie das (mit Marchionne) gemacht hätten. Vielleicht wäre auch die Entscheidung über Kimis Zukunft früher gefallen, und dann hätte das Team genau gewusst, wie es weitergeht", analysiert Rencken. Er meint: "Marchionnes tragischer Tod hat das alles zerstört."

"Natürlich gab es dann eine Führungsschwäche", stimmt Surer zu. "Plötzlich war die starke Hand weg. Marchionne hat immer draufgehauen, alle hatten Angst vor ihm, haben um ihren Job gezittert und das Maximum gemacht. Erstaunlicherweise kamen genau nach seinem Tod diese kleinen Fehler auf."

"Ob das Strategie war oder auch in der technischen Weiterentwicklung: Ich bin sicher, wäre Marchionne noch da gewesen, hätte er den Finger draufgehalten und gefragt, was da los war und wieso der Mercedes plötzlich wieder schneller ist. Das kann doch nicht sein! Diese Fragen hat wohl keiner gestellt."

These: Zusatzstrom oder Benzindurchfluss: Ferrari hat mit dem Motor getrickst, mit der FIA aber einen geheimen Deal geschlossen, um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden.

Vielleicht die Verschwörungstheorie des Jahres: Ferrari soll am Saisonmanagement, so hat es 'auto motor und sport' berichtet, beim Energiemanagement getrickst haben. Angeblich wurde ein Sensor übergangen und ein elektrischer Widerstand in den Stromleitungen manipuliert, um mit einem zweiten Ausgang aus der Batterie kurzzeitig mehr als die erlaubten vier Megajoule pro Runde aus dem Hybridsystem abzurufen. Nutzen laut Schätzungen: Bis zu 20 PS mehr Leistung für einen sehr kurzen Zeitraum.

Surer relativiert das Thema: "Die haben das ja nicht jede Runde machen können. Es war wie wenn sie aufgesparte Energie bei Bedarf zusätzlich abrufen konnten. Aber das ging nicht jede Runde. Das ging in der Qualifikation, und da war's vielleicht diese Zehntel, die dann manchmal genügt hat, um auf die Pole zu fahren. Oder bei einem Überholmanöver, um noch ein bisschen Extra-Power zu haben."

Auffällig: Das Thema wurde von der FIA wochenlang untersucht, aber es gab nie einen offiziellen Betrugsvorwurf. Ruhig wurde es dann, als die FIA mittels technischer Richtlinie einen zweiten Sensor einbauen ließ, um den Strom zu messen. "Nachdem der zweite Sensor drin war, ging das nicht mehr", erklärt Surer.


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Verschwörungstheoretiker vermuten, dass es zwischen der FIA und Ferrari eine Absprache gegeben hat. Inhalt: 'Wir können euch zwar keinen Regelverstoß nachweisen - aber was da passiert, ist mindestens eine Grauzone. Erspart uns allen viel Ärger, baut die Sache wieder aus und wir lassen es auf sich beruhen.' Prompt war Ferrari etwas weniger konkurrenzfähig.

"Wenn irgendjemand Geheimtechnik hat, gibt's immer Verschwörungstheorien", weiß Rencken. "Ich glaube nicht, dass Ferrari etwas machen würde, für das man sie aus der WM rausschmeißen könnte. Das hätten die nicht gemacht, und das hätte Marchionne glaube ich auch nicht erlaubt. Ob das System hundertprozentig legal war? Vielleicht nicht. Aber da hat die FIA vielleicht gesagt: 'Bringt das Auto in Ordnung, dann könnt ihr weiterfahren!' Möglich, dass das eine Grauzone war."

Surer meint jedenfalls: "Ich glaube, dass wir das nicht überbewerten dürfen."

These: Die "gelochten Felgen" von Mercedes waren im letzten WM-Drittel ein entscheidender Faktor.

"Die werden völlig überbewertet", findet Surer. "Mercedes hatte immer schon ein bisschen Reifenprobleme. Wenn man Hamilton zuhört, war das Überhitzen der Hinterreifen immer ein Thema. Diese Felgen haben geholfen, das Überhitzen unter Kontrolle zu bekommen, ja. Aber es war natürlich ein spezielles Mercedes-Problem. Sie haben damit nur ein eigenes Problem gelöst."

Eine Aussage, der Nimmervoll nicht widerspricht. Trotzdem ist unser Chefredakteur überzeugt, dass die Entdeckung der gelochten Felgen als Antwort auf überhitzende Reifen einer der Schlüsselfaktoren im WM-Kampf war. Es war auffällig, wie das Problem völlig im Griff schien - und dann plötzlich wieder auftauchte, als die Löcher wegen eines befürchteten Protests durch Ferrari zugemacht wurden.


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"Es war definitiv keine technische Innovation, die die Formel-1-Technik 2018 maßgeblich geprägt hat", meint Nimmervoll zwar. "Was ich aber schon glaube: Dass es aus Mercedes-Sicht einen großen Unterschied gemacht hat, eben wegen der Haltbarkeit der Reifen."

"Die zeitlichen Zusammenhänge waren sehr auffällig. Toto Wolff hat gesagt, in Spa-Francorchamps habe man etwas gefunden. Dann hat man diese gelochten Felgen eingeführt, und plötzlich gewinnt Lewis Hamilton ein Rennen nach dem anderen. Kaum nehmen sie die Dinger wieder runter, ab USA/Mexiko, waren sie wieder wenig konkurrenzfähig. Mercedes hat uns immer versichert, dass diese Felgen nur ein ganz kleiner Faktor waren. Ich glaube, dass das schon ein bisschen mehr war, als man uns glauben machen wollte."

"Das heißt aber nicht, dass das ein anderes Team einfach kopieren kann und es damit den gleichen Erfolg haben würde. Wie Marc richtig sagt: Es wurde damit nur ein Problem gelöst und nicht neue Performance gefunden. Ein Team, das dieses Reifenproblem nicht hat, das hat von diesen gelochten Felgen, die die Reifen besser kühlen, erstmal überhaupt nichts", erklärt Nimmervoll.

These: Thema Stallorder in Sotschi: Mercedes ist für den Erfolg zur Not auch bereit, die eigenen Prinzipien über Bord zu werfen.

Hamilton hatte am Ende 88 Punkte Vorsprung auf Vettel. Nicht zuletzt deswegen findet Surer, dass die umstrittene Maßnahme, Bottas in Sotschi den Sieg wegzunehmen, "völlig unnötig" war: "Den ersten Schritt, dass sie die Positionen getauscht haben, damit Hamilton seine Reifen schonen kann, noch nicht."

"Aber dass man Hamilton dann gewinnen lässt, war eigentlich unnötig, denn er lag zu dem Zeitpunkt in der WM schon deutlich vorne. Er hätte seine Führung auch mit dem zweiten Platz ausgebaut. Und gerade Bottas, der eh schon am Boden zerstört war, noch den einzigen Sieg wegzunehmen, das war schon hart."

Rencken widerspricht Surer in dieser Frage und zeigt Verständnis für die Mercedes-Taktik: "Wenn eine Stallorder nötig ist, um zu gewinnen, muss man das machen. Schade, aber so ist der Sport eben. Prinzipien sind gut. Aber wenn man dauernd verliert, muss man an den Prinzipien etwas ändern."

Toto Wolff und Christian Nimmervoll

Mercedes-Teamchef Toto Wolff mit Chefredakteur Christian Nimmervoll Zoom Download

Nimmervoll nimmt eine Zwischenposition zwischen den beiden Experten ein, wenn er sagt: "Aus Mercedes-Sicht kann ich das verstehen. Zu dem Zeitpunkt war klar, dass Bottas in diesem WM-Kampf keine Rolle mehr spielt." Und 88 Punkte Vorsprung auf Vettel am Saisonende mögen zwar eindeutig aussehen. Aber in Sotschi konnte Toto Wolff noch nicht mit der Glaskugel in die Zukunft blicken und erahnen, wie die letzten Saisonrennen ausgehen würden. Zumal ein möglicher Protest gegen die weiter oben thematisierten Felgen im Raum stand.

"Man kann nicht auf der einen Seite Ferrari für das kritisieren, was sie in Monza gemacht haben, und auf der anderen Seite Mercedes für die Stallorder in Sotschi. Ich finde die Stallorder konsequent", verteidigt Nimmervoll Mercedes. Er vermutet, dass eher das verbale "Aufhübschen" dessen, was passiert ist, dem Mercedes-Image geschadet hat: "Das Geschmäckle, das dabei bleibt, stört die Fans glaube ich teilweise mehr als die Stallorder an sich."

Sicher sind sich alle Experten in einem Punkt: Hätte Hamilton Bottas den Sieg zurückgeschenkt, so wie es Ayrton Senna in Suzuka 1991 mit seinem damaligen McLaren-Teamkollegen Gerhard Berger gemacht hat, wäre das nirgends gut angekommen.

"Ein geschenkter Sieg", sagt Surer, "ist nichts wert. Das ist eine Beleidigung für einen Fahrer."

These: Mercedes kann Rückschläge offenbar besser wegstecken als Ferrari. Das liegt auch am besseren Teamchef.

Über das "System Toto Wolff" haben wir auf dieser Plattform schon mehrfach geschrieben. Es scheint besser zu funktionieren als das System von Maurizio Arrivabene - zumal unsere Experten bei Ferrari 2018 nicht wirklich ein geordnetes System erkennen konnten.

"Toto Wolff kriegt es gut hin, a) konsequente Entscheidungen zu treffen und b) diese dann auch im Team allen so zu erklären, dass kein böses Blut zurückbleibt. Das managt Mercedes momentan wesentlich besser als Ferrari", beobachtet Nimmervoll. Surer stimmt zu und kritisiert: "Wenn ganz oben Leute sind, die vom Rennsport wenig Ahnung haben - und da zähle ich Arrivabene dazu -, gibt es keine klare Struktur."

"Arrivabene ist ein Philip-Morris-Mann, und sein Chef Camilleri auch. Wir dürfen nicht vergessen: Die vielen Fehler, die Vettel gemacht hat, sind vielleicht auch passiert, weil das Team ihm nicht klar gesagt hat: 'Wir tun alles für dich, du bist die Nummer 1. Sag, was du willst, und wir machen es.' Das war nicht der Fall. Bei Hamilton aber schon."


Fotostrecke: Ferrari-Rennleiter seit 1950

Rencken geht sogar noch einen Schritt weiter: "Ich sehe Arrivabene nicht als Teamchef. Der Tod von Marchionne, der Wechsel von Camilleri, das hat alles eine Rolle gespielt. Intern gab es auch politischen Streit. Jeder meinte, Arrivabene fliegt raus und Binotto übernimmt. Ich glaube, es war eine schwierige Führungssituation, die Ferrari dieses Jahr hatte."

Die Gerüchte um einen Rausschmiss von Arrivabene halten sich inzwischen seit mehr als einem Jahr recht hartnäckig. Rencken ist überzeugt: Wäre Marchionne noch am Leben, würde der Italiener 2019 nicht als Teamchef in die neue Saison gehen. Aber: "Es gibt jetzt so viele Entwicklungen bei Ferrari, dass sie stabil bleiben müssen."

Umgekehrt ist Mercedes auch in Surers Augen "eine Vorzeigetruppe. Die haben für alles eine Antwort parat. Wohingegen bei Ferrari gleich das Chaos ausbricht. Die sind emotionaler in Italien. Inzwischen sind hauptsächlich Italiener am Werk. Das kann man positiv sehen, weil sie euphorisch sind beim Arbeiten. Auf der anderen Seite sind sie aber auch zu Tode betrübt. Ich glaube schon, dass da ein großer Unterschied da ist."

These: Mit Nico Rosberg statt Valtteri Bottas als Teamkollege wäre Lewis Hamilton nicht Weltmeister geworden.

Große Worte von Toto Wolff bei der FIA-Gala in Sankt Petersburg: "Wir hätten ohne Valtteri weder die Fahrer- noch die Konstrukteurs-WM gewonnen", hat der Mercedes-Teamchef dort gesagt. Seine Begründung: "Wenn Valtteri in Baku, wo er eine Runde vor Schluss noch in Führung lag, nicht ausgeschieden wäre, hätte er zu dem Zeitpunkt die WM angeführt. Stattdessen hatte sein Ausfall zur Folge, dass Lewis und nicht er die 25 Punkte gemacht hat. Und Valtteri hätte auch in Sotschi gewonnen. Auch da gingen die 25 Punkte an Lewis und nicht an ihn."

"Toto hat in Sankt Petersburg versucht, dass sich Valtteri besser fühlt."Dieter Rencken
Ob Wolff das wirklich ernst meint, dass ohne Bottas kein Titel an Mercedes gegangen wäre? Rencken hat da eine andere Vermutung: "Toto hat dieses Jahr einmal gesagt, Valtteri war ein ausgezeichneter 'Wing-Man'. Sozusagen der Dienstbote von Lewis. Ich glaube, Toto hat in Sankt Petersburg versucht, dass sich Valtteri besser fühlt. Die 'Wing-Man'-Sache war nur ein Spruch, aber der wurde im Laufe des Jahres zig Mal gegen Valtteri verwendet, nachdem Toto das gesagt hat." Quasi eine verspätete Entschuldigung in Richtung Bottas.

Surer interpretiert die Wolff-Aussage auf seine Weise, wenn er sagt: "Es ist natürlich schon so, dass Bottas keine Gefahr war für Lewis. Deswegen war es selten der Fall, dass man eine Stallregie gebraucht hat. Hockenheim kann ich mich erinnern, Sotschi. Aber sonst war es überhaupt nicht nötig. Natürlich nimmt der Teamkollege oft Punkte weg."

"So gesehen: Weil Bottas so schlecht war, ist Hamilton locker Weltmeister geworden!"

These: Lewis Hamilton wäre in dieser Form auch im Ferrari Weltmeister geworden.

Eine These, die natürlich niemals eindeutig verifiziert oder widerlegt werden kann. Wir versuchen es trotzdem: "Hamilton", findet Nimmervoll, "hat dieses Jahr relativ deutlich die bessere Performance geliefert als Vettel. Erstens war er vom Speed an manchen Wochenenden wirklich unglaublich. Ich erinnere mich an eine sensationelle Qualifying-Runde in Singapur."

"Zweitens hat er fast keine Fehler gemacht. Wenn er mal irgendwo rausgeflogen ist, wie in Silverstone am Start, dann war es meistens eine sehr unglückliche Situation, in dem Fall mit Räikkönen. Aber mir fällt spontan kein Fehler ein, bei dem man die Hände vor dem Kopf zusammenschlagen musste. Das war bei Vettel aber schon ein paar Mal so. Deswegen würde ich diese These gutheißen."


PK mit Toto Wolff und Lewis Hamilton

Die Weltmeister aus dem Mercedes-Team sprechen über das Reglement 2019, ihren Weg zum Titel 2018 und Lewis Hamiltons Pläne für den Formel-1-Ruhestand Weitere Formel-1-Videos

Surer schränkt ein: Hamilton hätte Vettel vielleicht auf gleichem Material im Ferrari geschlagen. "Aber wenn Vettel dafür im Mercedes gesessen wäre, dann bin ich nicht sicher!"

Rencken bezeichnet Hamiltons Leistung, besonders in der zweiten Jahreshälfte, als "absolut top". Er geht in seiner Bewertung von allen Experten am weitesten, wenn er sagt, dass die Performance des Mercedes-Fahrers als "eine der besten in die Geschichte der Formel 1" eingehen wird.

These: Mit dem schlechten Saisonende haben sich Sebastian Vettel und Ferrari psychologisch im Hinblick auf 2019 schon ins Hintertreffen gebracht.

"Das glaube ich auch", argumentiert Rencken für unsere These. "Ich habe Sebastian in Sankt Petersburg getroffen. Irgendwie merkte man: Der weiß, dass er in diesem Jahr nicht wirklich geliefert hat. Entweder muss es die totale Wende geben, oder nächstes Jahr läuft wieder so." Ein Problem dabei: "Ich glaube nicht, dass das Verhältnis zwischen Sebastian und Arrivabene so stark und so positiv ist wie jenes zwischen Michael Schumacher und Todt."

Wie wichtig das Momentum nach der Titelentscheidung am Saisonende sein kann, haben wir 2015 gelernt, als Nico Rosberg zu einem Erfolgsrun ansetzte, als es für Hamilton um nichts mehr ging, auch die ersten vier Rennen 2016 gewann und in weiterer Folge Weltmeister wurde. Eine Hamilton-Schwäche, die dieses Jahr nicht mehr auftrat. Nach der WM-Entscheidung in Mexiko gewann er beide noch ausstehenden Rennen.

"Anfang des Jahres haben wir gesehen, dass auch Mercedes Fehler macht."Marc Surer
So souverän war das Paket Hamilton-Mercedes nicht immer: "Anfang des Jahres haben wir gesehen, dass auch Mercedes Fehler macht, wenn die anderen auf dem gleichen Niveau fahren", erinnert Surer. "Wir haben ja fast schon vergessen, dass das am Jahresanfang passiert ist. Aber die Fehler gab's dann auch."

"Sobald es andere Teams auf gleichem Niveau gibt und sie konstant Konkurrenz haben, kann das schon einbrechen. Es gab bereits in diesem Jahr einige Strategiefehler und auch technische Schwierigkeiten. Zum Beispiel mussten sie mal die Motoren etwas zurückdrehen. Deswegen haben sie wohl in Kanada nicht gewonnen. All das ist aber untergegangen, weil sie die zweite Saisonhälfte so gut gefahren sind."

"Vettel", ergänzt der ehemalige Formel-1-Fahrer, "war jedes Mal Anfang des Jahres stark. Ferrari hat es immer geschafft, ein gutes Auto hinzustellen." Aber: "Wenn sie das wieder schaffen, wird es ein neues Problem geben für Vettel, und das heißt Leclerc!" Nimmervoll nickt zustimmend: "Ich glaube auch, dass Leclerc ein Problem wird für Vettel."

Melbourne wird's zeigen ...

Das sind unsere Experten:

Marc Surer: Der 67-jährige Schweizer ist vielen Fans als fachkundiger Co-Kommentator und Experte der Sky-Formel-1-Übertragungen bekannt. In seiner aktiven Karriere hat er 82 Grands Prix für Teams wie Ensign, ATS, Theodore, Arrows und Brabham bestritten, unter anderem als Teamkollege des dreimaligen Weltmeisters Nelson Piquet. Später war er außerdem Rennleiter für BMW im Tourenwagensport.

Carlos Sainz und Dieter Rencken

Im Einsatz an der Rennstrecke: Dieter Rencken im Gespräch mit Carlos Sainz Zoom Download

Dieter Rencken: Der 65-jährige gebürtige Südafrikaner, inzwischen mit belgischem Reisepass wohnhaft in Belgien (und trotzdem fließend in der deutschen Sprache), arbeitet seit 2007 als Vor-Ort-Reporter für Motorsport-Total.com. Seine internationale Reputation als Top-Journalist insbesondere für sportpolitische und kommerzielle Themen der Formel 1 erarbeitete er sich in den vergangenen drei Jahrzehnten außerdem bei weiteren renommierten Fachpublikationen wie Autosport und F1 Racing. Derzeit ist er außerdem für die Website RaceFans tätig.

Christian Nimmervoll: Der 36-jährige Österreicher ist seit 2003 als Chefredakteur für Motorsport-Total.com (plus Schwesterportale) verantwortlich. Davor war er (ab 1999) als Chefredakteur und später auch Gesellschafter bei der Internetplattform Daily F1 engagiert. In diesen Funktionen hat er die Portal-Berichterstattung von bisher 364 Grands Prix leitend koordiniert, zum Teil vor Ort an der Rennstrecke.

Der erste Teil der konspirativen Thesen zur Formel-1-Saison 2018 ist bereits am 17. Dezember erschienen und kann in unserem Archiv nachgelesen werden.

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