• 22. April 2024 · 05:40 Uhr

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Lando Norris

Phänomen Lando Norris: Frederik Hackbarth über die vielen Gesichter eines Posterboys, dem es bald gelingen könnte, seinen Ruf als ewiges Talent abzuschütteln

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leserinnen und Leser,

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Strahlemann: Lando Norris auf dem Podest beim Großen Preis von China Zoom Download

vielleicht ist er euch am Sonntag beim Großen Preis von China auch aufgefallen: Der Mann im dunkelblauen T-Shirt, der unter dem Podium stand, zu den Top-3 emporblickte und ein bisschen so aussah wie Red-Bull-Oberboss Oliver Mintzlaff, nur mit Dreitagebart.

Doch wer genauer hinsah, der merkte bald: Er jubelte weder Sieger Max Verstappen, noch dem Drittplatzierten Sergio Perez zu, überhaupt niemandem aus dem Hause Red Bull. Sondern dem Mann in Orange - seinem Sohn, Lando Norris.

Es war einer der eher seltenen Besuche von Adam Norris an den Grand-Prix-Strecken dieser Welt, und doch hätte sich der Mann aus Bristol, den das Forbes-Magazin im Jahr 2022 mit einem geschätzten Vermögen von gut 150 Millionen Euro auf Platz 501 der reichsten Briten führte, kein besseres Rennen für seine Stippvisite aussuchen können.

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Sohn Lando trägt seinen Pokal um den Hals, Vater Adam Norris (links) schaut zu Zoom Download

Schließlich lieferten Norris Senior und Junior dem Fahrerlager am Sonntag doch noch den handfesten und dieser Tage auch dringend nötigen Beweis, dass reiche Eltern nicht zwingend vor Talent schützen. Und ja, this one's for you, Lance Stroll ...

Warum es im Fall des Kanadiers, der in Schanghai mal wieder einen haarsträubenden Auftritt hinlegte, irgendwie nicht so kappen mag mit der Formel 1 wie bei Norris, das erfahrt ihr übrigens in der Schwesterkolumne unseres Chefredakteurs Christian Nimmervoll.

Neue Freundin: Norris will schnell nach Hause

Zurück zu Lando aber, einem der Posterboys der neuen Formel-1-Generation. Erstmals so richtig aufgefallen ist mir das Phänomen Norris - nicht aufs Sportliche bezogen, sondern abseits der Strecke - vergangenes Jahr in Monza.

Dort hatte Ex-Formel-1-Pilot Nick Heidfeld seine Familie im Schlepptau, inklusive Teenie-Tochter: Beim Helmtausch ihres Vaters mit der lebenden Formel-1-Legende Fernando Alonso zeigte die sich eher wenig begeistert - das änderte sich aber schlagartig, als Lando Norris vorbeikam und den Nachwuchs in eine nervöse Selfie-Jägerin verwandelte.

Okay, andere Generation, und jede hat ihre Idole, dachte ich mir. Norris kommt vor allem bei den Kids gut an, der Brite hat sich längst auch als Marke entwickelt und platziert, hat sein eigenes Gaming- und Modelabel namens Quadrant. Und doch frage ich mich nach seiner reifen Leistung in China, ob ich ihn sportlich vielleicht genau deswegen nicht manchmal unterbewertet habe?


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Wegen des ganzen Zirkus drumherum, wenn er ach so unnahbar durchs Fahrerlager stolziert: Lando, der Teenieschwarm. Lando, der Herzensbrecher. Aber eben auch Lando, das ewige Talent? Oder ist der letztgenannte Gedanke eh nur blanker Neid?

Vermutlich, zumindest wenn wir das Stichwort Herzensbrecher nochmal aufgreifen: Die Mädels müssen an dieser Stelle jetzt ohnehin ganz stark sein, denn kurz vor dem China-Grand-Prix machte die Nachricht die Runde, dass Norris wieder frisch vergeben ist: Magui Corceiro soll die neue Herzdame an seiner Seite sein. Die 21-Jährige ist, wie seine Ex-Freundin Luisinha Oliveira, ebenfalls Supermodel und ebenfalls Portugiesin.

Landos Beuteschema scheint damit geklärt, und doch sorgte nach Rennende seine Aussage, er habe nicht mit dem guten Ergebnis gerechnet und hatte eigentlich schon alles vorbereitet, um möglichst schnell nach Hause zu kommen statt aufs Podium, für den ein oder anderen Schmunzler. Uns würde es angesichts dieser Bilder wahrscheinlich ähnlich gehen, Lando ...

Zumindest im Rennen am Sonntag ließ sich Norris aber von nichts und niemandem ablenken und pilotierte seinen McLaren sicher ins Ziel - ganz anders noch als tags zuvor beim Sprintrennen, als der Brite es am Start übertrieb und gleich mal außen in Kurve eins seine Poleposition wegwarf.

Da war er eben wieder, dieser Moment, dieser Gedanke, den wohl einige in der Szene haben dürften, die Norris' Karriere schon etwas länger verfolgen als die Fangirls, die seinen Starschnitt erst kürzlich an die verblichene Tapete im Kinderzimmer gepinnt haben. Die Frage, ob der McLaren-Star ein Unvollendeter bleibt?

Norris: Immer nah dran, aber meist knapp vorbei

Witzigerweise führt das Schicksal Norris hier gleich nochmal mit Nick Heidfeld zusammen, diesmal ohne Teenie-Tochter. Denn dem Deutschen hat Norris beim Australien-Grand-Prix endgültig einen Rekord abgenommen, den irgendwie keiner so richtig haben will: Die Marke für die meisten Formel-1-Podien ohne Sieg. In Schanghai kam nun sogar noch ein 15. Besuch bei der Siegerehrung dazu, ohne je ganz oben zu stehen.

In Norris' britischer Heimat gibt es für sowas einen schönen Begriff: Vom "Nearly-Man" ist dort oft die Rede, wenn jemand immer nahe dran ist am Erfolg, es aber jedes Mal aus den unterschiedlichsten Gründen knapp nicht klappt. Und schaut man sich die Karriere des 24-Jährigen mal genauer an, so kann dieser Eindruck durchaus entstehen.

Okay, die Formel-3-EM 2017 gewann Norris - gegen Größen wie Mick Schumacher, Nikita Masepin und Guanyu Zhou, um nur mal die zu nennen, die es aus dem Jahrgang überhaupt in die Formel 1 schafften. Ein Jahr später wurde Norris hinter seinem guten Kumpel George Russell in der Formel 2 Zweiter, wie übrigens auch im Macau-Grand-Prix zwischen den beiden Jahren.

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In der F1 kämpft Norris mittlerweile mit den Großen, wie hier Max Verstappen Zoom Download

In der Formel 1 ist Norris nun schon in seiner sechsten Saison, gefühlt eine kleine Ewigkeit - und er wartet weiter auf den großen Wurf: Den sicheren McLaren-Sieg in Monza 2021 staubte sein in jener Saison eigentlich heillos unterlegener Teamkollege Daniel Ricciardo ab. Den Sieg im Regen von Sotschi verlor Norris im gleichen Jahr an Lewis Hamilton. Und den Sieg im Sprint von Katar vergangene Saison holte sein Rookie-Teamkollege Oscar Piastri.

Stellen sich zwangsläufig tiefergehende und (nicht ganz ernst gemeinte) psychologische Fragen, zu deren Klärung man mindestens so weit ausholen muss wie die Fahrer in der Schneckenkurve von Schanghai.

Warum Hamilton der Anti-Norris ist

Fehlt Norris am Ende vielleicht einfach der nötige Biss? Ist er, passend zu Aussehen und Auftreten, doch zu sehr Marke braver Schwiegersohn aus bestem Hause? Sozusagen das Gegenstück zu Landsmann Lewis Hamilton, bei dem irgendwie schwer vorstellbar scheint, dass er sich auf dem Parkplatz des Wembley-Stadions nach Englands verlorenem EM-Finale 2021 auch die sündhaft teure Uhr hätte abziehen lassen, so wie der liebe Lando.

Dann doch lieber Straßenköter-Mentalität, auf der Strecke sowieso und manchmal auch daneben mit Hund Roscoe. Anti-Norris Hamilton ist seit jeher sehr darauf bedacht, auf seine einfache Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen hinzuweisen, er hat sogar ein ganzes Image darauf aufgebaut.

"Still I rise", quasi aus den Slums von London, Vater Anthony mit vielen Jobs - und im Sommerurlaub irgendwie doch immer mit seinem damaligen Kart-Kumpel Nico in einem der Rosberg-Häuser an der Cote d'Azur oder auf Ibiza. Sei's drum, denke ich mir, und komme dennoch nicht umhin, mich zu fragen, ob Lewis dort eigentlich jemals einen goldenen Löffel hat mitgehen lassen, um die eigene Weltkarriere in den Kinderschuhen etwas anzuschieben?

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Norris vs. Hamilton: Hat der McLaren-Star auch das Sieger-Gen in sich? Zoom Download

Wir werden es wohl nie erfahren, und Nico auch nicht, denn der deutsche Weltmeister war am Wochenende in China als TV-Experte viel zu sehr damit beschäftigt, seinen einstigen Dauerrivalen erst zu loben, um ihn dann doch zu kritisieren - und schließlich auch noch den Zweitplatzierten Lando zu interviewen.

Rosberg, spätestens seit seiner WM-Saison 2016 ein ausgewiesener Spezialist, wie man trotz gutem Elternhaus den Biss und das nötige Durchhalte-Gen in der Formel 1 aufbringt, hatte dabei immerhin ein paar aufbauende Worte für Norris übrig.

Er selbst habe auch 111 Rennen lang auf seinen Premierensieg warten müssen, 2012 war das, auch in China, beschwichtigt Rosberg den Briten, der folglich nur noch ganze drei Grand-Prix-Starts Zeit hat, um schneller zu sein als der ehemalige Mercedes-Star.

(Wann) schafft Norris seinen ersten Sieg?

Doch dann stellt auch der Deutsche Norris die Frage aller Fragen: Wann er denn glaubt, endlich mal an der Reihe zu sein und ob er ihn nicht längst verdient hätte, seinen ersten Sieg?

"Ich habe schon das Gefühl", sagt Norris, "aber gleichzeitig ist das eben die Formel 1, und Max macht einen guten Job, Red Bull einen grandiosen. Da kann ich ihnen nichts vorwerfen oder deshalb sauer sein." Dass Norris' Antwort suggeriert, die Leistung des Teams sei höher zu bewerten als die von Verstappen, ist dabei eine interessante Randnotiz, zumal die Wertschätzung des Briten für Red Bull auf Gegenliebe stößt.

In Bezug auf seinen Premierensieg glaubt Norris: "Eines Tages wird es passieren. Ich denke, es kommt näher. Ich glaube nicht, dass ich zu selbstbewusst bin, wenn ich sage, dass wir dieses Jahr einen Sieg holen können. Aber natürlich wird es schwierig", lacht er und fügt an: "Wenn ich hinter Max ankomme, fühlt es sich eigentlich eh schon wie ein Sieg an."

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Im Fokus: Lando Norris steht auch bei Red Bulls Helmut Marko auf dem Zettel Zoom Download

Aussagen vom (zu?) netten Norris, die vor allem bei einem im Fahrerlager dennoch gut ankommen dürften: Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko. Nicht aber, weil der Grazer noch irgendwelche Schmeicheleien oder Huldigungen bräuchte, nachdem sein Team in der aktuellen Formel 1 quasi alles totgesiegt hat - nein, weil er selbst längst seine Fühler zaghaft in Richtung Norris ausgestreckt hat.

Zumindest, wo der Sohnemann die Bescheidenheit her hat, das hat Marko schon mal rausgefunden: "Sein Vater scherzt immer, dass Lando seinen ersten Grand-Prix-Sieg erst feiert, wenn Max in Pension geht. Ich habe ihm gesagt, dass er zu uns kommen muss, dann geht es schneller", bestätigt der Red-Bull-Berater nicht nur den guten Draht zur Norris-Familie, sondern flirtet gleich auch noch ein wenig mit dem Briten.

"Er ist jung und sicher im Fokus von uns", bekräftigt Marko nach dem Rennen in China bei ServusTV nochmals sein grundlegendes Interesse, das er unter der Woche auch schon im Interview mit der Kleinen Zeitung kundgetan hatte. Norris kann das getrost als kleinen Ritterschlag werten - und unsere große Frage nach dem ewigen Talent beantwortet es eigentlich auch gleich.

Wen Marko will, der ist der Erfahrung nach allemal gut genug für einen Grand-Prix-Sieg ...

Euer Frederik Hackbarth

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