• 02. Mai 2021 · 09:17 Uhr

Formel 1 im TV: Wie Sky und ServusTV das RTL-Aus zu etwas Positivem machen

Kolumne von Chefredakteur Christian Nimmervoll: Wie Sky und ServusTV auf erfrischende Art und Weise besser machen, was RTL jahrelang verschlafen hat

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser/-innen,

Ralf Schumacher und Nico Hülkenberg

Glänzen in ihrer Rolle als Experten: Ralf Schumacher und Nico Hülkenberg Zoom Download

30 Jahre lang hat RTL in Deutschland die Formel 1 übertragen. Sieben WM-Titel von Michael Schumacher waren dabei, vier von Sebastian Vettel, einer von Nico Rosberg. Jetzt ist die Königsklasse des Motorsports aus dem Free-TV verschwunden. Das ist grundsätzlich keine gute Nachricht für die Fans. Aber ich bin ein Fan davon, das Glas lieber halbvoll als halbleer zu sehen.

Ja, RTL und die Formel 1, das hat für viele irgendwie zusammengehört. Genau wie der ORF und die Formel 1 in Österreich. Aber dass es jetzt mit Sky beziehungsweise ServusTV neue Player gibt, ist eine richtige Wohltat für die TV-Zuschauer.

RTL wurde von Fans wie auch von manchen Medien jahrelang zerrissen. Die Vorwürfe sind bekannt: Man müsse den letztendlich doch immer gleichen Zuschauern nicht jedes Mal aufs Neue erklären, was "Graining" ist, die Werbepausen könnten schlechter nicht getimt sein, und Typen wie Kai Ebel und Heiko Waßer haben einerseits eine eingeschweißte Fancommunity, polarisieren aber eben auch ziemlich und gehen vielen schlicht und einfach auf den Sack.

Ich habe RTL, zum Beispiel in unserem Formel-1-Podcast "Starting Grid", immer konsequent und entschlossen gegen solche Kritik verteidigt. Weil die "historische Leistung" des Senders für die Formel 1 in Deutschland die negativen Aspekte bei weitem überwiegt.

Doch jetzt, wo RTL weg ist und man gezwungen ist, zu neuen Alternativen zu greifen, muss ich schon festhalten: Es ist erfrischend, wie anders Sky an die Berichterstattung herangeht!

Man kann den deutschen Zuschauern durchaus etwas zutrauen

Erstens: RTL hat sein Sendekonzept jahrelang auf den dümmsten anzunehmenden Zuschauer ausgelegt. Auf die gerade mit dem Kochen fertig gewordene Hausfrau, die zum ersten Mal einen Grand Prix sieht, weil sie zufällig gerade ins Wohnzimmer zu den Männern kommt und sich denkt: "Ach, Rennautos, schau ich mal ein bisschen mit."

Das Weltbild, das ich mit diesem Beispiel strapaziere, ist ungefähr so zeitgemäß wie das, was RTL die letzten Jahre gemacht hat.

Damit hat RTL aber die überwiegende Mehrheit seiner Zuschauer tierisch genervt. Ich bin fest davon überzeugt: Die deutschen Formel-1-Fans (und solche, die es werden wollen) vertragen durchaus eine detailreiche, kompetente Berichterstattung, die der Komplexität des Themas gerecht wird.


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Da ist bei Sky zwar auch noch ein bisschen Luft nach oben; Sascha Roos und sein Co-Kommentator Ralf Schumacher scheinen aber nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass neun von zehn Zuschauern noch nie ein Formel-1-Rennen gesehen haben und nicht wissen, was ein Slick ist.

Schumacher ist am Mikro eines der größten Assets, das der Pay-TV-Sender hat. Das sehen auch jene Zuschauer so, die wir in einem Videotalk auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de zum Thema deutschsprachige TV-Übertragungen befragt haben.

In einer Zeit, in der immer mehr Journalisten immer öfter die Hosen voll davor haben, wirklich kritische Fragen zu stellen, pfeift sich der ehemalige Formel-1-Pilot herzlich wenig und bohrt genau da nach, wo es wirklich wehtut. Bitte, lieber Ralf, mach das genau so weiter - auch wenn du dir damit den Ärger der PR-Wachhunde der Teams einhandelst!

Datenexperte Leo Lackner und sein Computer sind vor allem dann ein Highlight, wenn es etwa darum geht, nach dem zweiten Freien Training am Freitag einzuordnen, wer die besten Longruns gefahren ist. Auch da hat sich RTL nie besonders angestrengt, das Gesehene systematisch und verständlich einzuordnen.

Ted's Notebook: Grund genug, sich Sky zu holen!

Und Sky hat jetzt auch das beste Formel-1-TV-Format im Angebot, das es - zumindest meiner Meinung nach - je gegeben hat: Ted's Notebook. Ted Kravitz von Sky UK läuft in der Sendung eine halbe Stunde von einer Kamera begleitet durch den Paddock, interviewt manchmal Fahrer und Teamchefs, die ihm gerade über den Weg laufen, und liest ansonsten die wichtigsten Facts aus seinem Notizbuch ("Notebook") vor.

Das klingt per se noch nicht nach großem Fernsehen. Aber Kravitz schafft genau das, worin RTL kläglich versagt hat, nämlich charmantes, lustiges Entertainment zu kombinieren mit anspruchsvoller Hintergrundinformation, genau die richtigen Fragen zu stellen und jene Storys zu erzählen, die man nur erzählen kann, wenn man wirklich gut vernetzt ist, und zwar auch außerhalb der Mercedes-Hospitality.

Ted Kravitz

Das "Notebook" von Ted Kravitz hat in der Formel 1 längst Kultstatus Zoom Download

Darüber hinaus ist Ted's Notebook so etwas wie der Blick durchs Schlüsselloch in den "Heiligen Gral" der Formel 1, den Paddock. Fast jeder eingeschweißte Fan will dort irgendwann mal hin in seinem Leben, kaum einem wird diese Erfahrung aber wirklich zuteil.

Und so sind dann auch ganz banale Bilder ein echtes Highlight, wenn etwa Mattia Binotto gerade seine Pasta verspeist oder Helmut Marko mit seinem alten Freund Sebastian Vettel abklatscht (von wegen Bubble). Bilder, die man sonst nirgendwo zu sehen bekommt.

Ted's Notebook hat auch einen Haken, nämlich dass es in englischer Sprache daherkommt. Aber Gott sei Dank hat Sky noch nicht versucht, einen Synchronsprecher drauf loszulassen, denn das würde mit Sicherheit in die Hose gehen.

Die Krux mit den Synchronübersetzungen

Apropos: Dass ServusTV zumindest punktuell die englischsprachigen Interviews nicht synchronübersetzt, sondern erstmal im Original zeigt und dann von Kommentator Andreas Gröbl zusammenfassen lässt, ist eine echte Wohltat.

Als einem, der in seinem Leben schon tausende Interviews gehört und selbst übersetzt hat, tut es mir jedes Mal in den Ohren weh, wenn ein deutscher Synchronsprecher Formel-1-Interviews aus dem Englischen live übersetzt.

Im besten Fall sind die Übersetzungen ungenau; es kommt aber auch gar nicht selten vor, dass Inhalte von den Übersetzern komplett verdreht werden, und die Zuschauer merken das nicht einmal. Die Quote dafür liegt wohl annähernd bei 50 Prozent aller Interviews.

Da zumindest jenen, die der englischen Sprache mächtig sind, die Gelegenheit zu geben, die Interviews richtig zu verstehen, und den Inhalt nur für die zu verdrehen, die eben kein Englisch sprechen (was übrigens immer weniger werden), ist sicher der richtige Weg.

Das geht a) so, wie es ServusTV manchmal macht, oder b) könnte man auch eine zweite Audiospur ohne Synchronübersetzungen mitliefern.

Apropos Audiospur: Als beim Saisonauftakt in Bahrain erstmals nicht mehr der ORF, sondern ServusTV in Österreich übertragen hat, erreichten mich über meine Facebook-Seite ein paar Zuschriften, die schwer enttäuscht darüber waren, dass ServusTV keine Audiodeskription für Sehbehinderte ausliefert, wie das beim ORF Standard ist.

Nun kann ich natürlich nicht beurteilen, wie teuer so etwas in der Produktion ist, und mir ist schon klar, dass die wirtschaftlichen Argumente bei einem Privatsender andere sind als bei einer öffentlich-rechtlichen Anstalt mit Bildungsauftrag. Aber gerade einem Red-Bull-Sender (Stichwort "Wings for Life") würde es gut zu Gesicht stehen, die Sehbehinderten nicht außen vor zu lassen, und an ein paar Tausendern kann das ja wohl nicht scheitern.

ServusTV: Das beste Expertenteam

Ansonsten ist ServusTV in Österreich genau wie Sky in Deutschland eine echte Bereicherung für die Formel-1-Fans. Mit Nico Hülkenberg hat man einen Experten am Mikrofon, der so nah dran ist, dass es ihm jederzeit passieren kann, dass er aus der Kabine abhauen muss, um das Rennen zu fahren.

Und TV-Profi Andreas Gröbl mag zwar in der Rolle des Kommentators neu sein, füllt diese aber a) recht kompetent und b) vor allem mit einem scharfsinnigen und intelligenten Humor aus, den RTL irgendwie nie so richtig hinbekommen hat und der mir persönlich sehr nahe ist.

Philipp Brändle

Philipp Brändle hat bis 2019 am Mercedes von Lewis Hamilton gearbeitet Zoom Download

Das absolute Killerfeature von ServusTV ist aber Philipp Brändle, ein Ingenieur, der noch bis Ende 2019 selbst am Mercedes von Lewis Hamilton gearbeitet hat und selbst die komplexesten technischen Themen der Formel 1 kompetent erklären kann, einfach weil er sie selbst versteht.

Versteht man ein Thema selbst, kann man es auch jedem erklären. Selbst wenn RTL das (leider) anders gelebt hat. Brändle schafft genau das, und er allein ist es wert, die Formel 1 bei ServusTV zu schauen. Das ist eine ganz neue Dimension der Motorsportberichterstattung im Fernsehen!

Dass die Idee, sich jemanden wie Brändle in die Live-Übertragung zu holen, nicht schon vor ServusTV jemand hatte, ist mir bis heute rätselhaft. Gegen das Infotainment des Ex-Mercedes-Mannes verblassen dann auch die weiteren Experten, die bei ServusTV ihre Expertise kundtun dürfen, wie etwa der ehemalige Formel-1-Pilot Christian Klien oder DTM-Pilot Philipp Eng.

Der gute alte ORF macht seine Sache indes genau wie bisher weiter. Das ist gut so. Ernst Hausleitner und Alexander Wurz, die zwei "Schatzis", sind mit ihrem spontanen Witz nicht nur unterhaltsam, sondern insbesondere dank Wurz auch voll am Puls der Formel 1.

Dass jetzt neuerdings Rennfahrerinnen wie Corinna Kamper als Experten auftreten, kann man so oder so finden. Ich finde es positiv, wenn mehr Frauen in den Motorsport geholt werden, egal auf welcher Ebene. Damit das für die Sache auch wirklich einen positiven Beitrag leistet, wünsche ich den jungen Kolleginnen, dass sie in ihre Aufgabe noch etwas besser hineinwachsen, um die Übertragungen wirklich aufzuwerten.

Ja, Sky kostet was - aber es lohnt sich auch ...

Es ist also nicht alles schlecht im Post-RTL-Zeitalter. Für deutsche Zuschauer lohnt sich das Geld für werbefreie Qualifyings und Rennen (in den Freien Trainings zeigt auch Sky manchmal kurze Clips) auf jeden Fall, und all jene, die immer nur RTL geschaut haben, weil es nichts Gescheiteres gab, werden froh sein, dass sie die paar Euro für ein Abo investiert haben.

Alexander Wurz und Ernst Hausleitner

Alexander Wurz und Ernst Hausleitner genießen hohe Sympathiewerte Zoom Download

Und in Österreich war der Handlungsbedarf in Bezug auf den ORF zwar bei weitem nicht so akut wie in Deutschland, aber ServusTV setzt als neuer Player auch dort, in meiner Heimat, neue Impulse und sorgt für einen frischen Wind.

Und, übrigens: Wenn schon RTL nicht mehr überträgt, fassen wir für diejenigen, die sich auch kein Sky-Abo leisten wollen, das Geschehene des Tages von Donnerstag bis Sonntag auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de zusammen. Mit heißen Infos direkt aus den Medienrunden mit Fahrern und Teamchefs, an denen ich selbst teilnehme und die bei keinem TV-Sender zu sehen sind. Daher am besten gleich Kanal abonnieren und Glocke aktivieren, um benachrichtigt zu werden, wann genau der Livestream losgeht.

Wie gefallen Dir die Live-Übertragungen der deutschsprachigen TV-Sender? Wer ist der beste Experte? Hast Du auch ein Lieblingsformat? Und wie gefallen Dir unsere Livestreams? Geh jetzt auf YouTube und schreib uns einen Kommentar unter den Talk zur Formel 1 im deutschen Fernsehen. Wir freuen uns über jedes neue Posting - und sei Dir sicher: Die werden von den Machern der Sender auch gelesen ...

Ihr
Christian Nimmervoll

P.S.: Folge mir auf Facebook unter "Formel 1 inside" mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's alle von mir verfassten Formel-1-Texte sowie Insiderinfos, Meinungen und Einschätzungen zu aktuellen Themen. Und natürlich die Möglichkeit, diese Kolumne zu kritisieren und zu diskutieren!

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