• 29. Juli 2019 · 09:36 Uhr

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Drei Red-Bull-Junioren auf dem Formel-1-Podium: Hockenheim war ein ganz besonderer Moment in der ganz besonderen Karriere von Helmut Marko

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leserinnen und Leser,

Max Verstappen, Helmut Marko

Helmut Marko feiert den Sieg in Hockenheim mit Max Verstappen Zoom Download

vorweg: Die Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" gibt's wie üblich auf unserem Schwesterportal de.motorsport.com. Kollege Ruben Zimmermann setzt sich dort mit dem "Verlierer des Wochenendes" auseinander - und das war aus unserer Sicht diesmal Valtteri Bottas.

Aber kommen wir zum Positiven. Wissen Sie, was der Grand Prix von Ungarn 2015 und der Grand Prix von Deutschland 2019 gemeinsam haben?

Nein? Dann lassen Sie mich Ihnen auf die Sprünge helfen: Bei beiden Events standen am Ende drei (aktuelle oder ehemalige) Junioren aus dem Kader von Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko auf dem Podium. In Hockenheim sogar fünf unter den ersten Sechs!

Auf dem Hungaroring waren das vor vier Jahren Sebastian Vettel, der dort seinen zweiten Sieg nach dem Wechsel zu Ferrari feierte. Vor den beiden Red-Bull-Piloten Daniil Kwjat (der zum ersten Mal in seiner Karriere aufs Podium fuhr) und Daniel Ricciardo.

In Hockenheim war die Freude noch ein bisschen größer, denn diesmal stand nicht ein ehemaliger, sondern ein aktueller Red-Bull-Junior ganz oben in der Mitte: Max Verstappen. Verstappen ist nach Vettel schon die zweite Jahrhundert-Entdeckung von Dr. Marko.

"Doktor" ist im Fall des 76-Jährigen übrigens kein frei erfundener Titel wie etwa bei "Professor" Prost, sondern Marko ist tatsächlich Doktor der Rechtswissenschaften. Die Juristerei hat ihm zwar nie so viel Freude bereitet wie (früher) das Rennfahren oder (heute) das Ziehen wichtiger Fäden im Hintergrund; war aber eine Auflage seines strengen Vaters.

Späte Anerkennung für einen wichtigen Macher

Marko war am Sonntagnachmittag einer der Stars der Live-Übertragung aus Hockenheim, als die TV-Regie während der Siegerehrung den besonderen Kontext des Podiums erkannte und ihn großflächig ins Bild holte. Zu behaupten, er wäre den Tränen nahe gewesen, wäre eine maßlose Übertreibung. Aber man konnte ihm sehr wohl eine gewisse Rührung anmerken.

Es ist eine späte öffentliche Anerkennung, die Marko in den vergangenen Jahren dann doch vermehrt zuteil wird. In den frühen 1970ern war er in Österreich eigentlich der logische Nachfolger von Jochen Rindt, und wenn die Paddock-Legenden aus der damaligen Zeit stimmen, hatte er für 1973 bereits einen Ferrari-Vorvertrag unterschrieben.

Aber das Schicksal wollte es anders: Beim Rennen in Clermont-Ferrand wirbelte der March von Ronnie Peterson einen Stein auf, der Markos Visier durchschlug und ihm schwere Verletzungen am linken Auge zufügte.

Marko trägt seither eine Augenprothese, das mit dem Rennfahren hatte sich damit erledigt. Den Ferrari-Vertrag und die Weltkarriere erbte Niki Lauda, der trotzdem über die Jahre zu seinem vielleicht engsten Freund wurde.

Laudas Ferrari-Vertrag, so erzählt man heute, hat ausgerechnet Marko maßgeblich mitverhandelt. Es war vielleicht der erste wirklich bedeutsame Deal als Strippenzieher hinter den Kulissen, an dem Marko mitwirkte. Der erste von vielen.

Teamchef ist bei Red Bull zwar formell gesehen Christian Horner. Aber Partner, die mit Red-Bull-Verantwortlichen in wichtigen Meetings saßen, schildern, dass die großen Entscheidungen, was Red Bulls Formel-1-Programm betrifft, nicht in England getroffen werden, sondern in Österreich.

Das ist heute noch so. Zwischen Marko und "Oberbulle" Dietrich Mateschitz passt kein Blatt Papier, was die Strategie in der Formel 1 angeht. Aber da Marko am Grazer Schlossberg verwurzelt ist und dort auch noch sein persönliches Geschäftsimperium zu betreuen hat, war ein Umzug nach Milton Keynes nie ein Thema.

Was dort an Tagesgeschäft zu erledigen ist, erledigt Horner. Wenn's um die großen Entscheidungen geht, kommt Marko ins Spiel.

Graz: Dreh- und Angelpunkt aller Red-Bull-Entscheidungen

In seinem schmucken Grazer Büro mit atemberaubender Aussicht über die Stadt liegen unter anderem die Red-Bull-Fahrerverträge gebunkert, die mehrheitlich auch dort verhandelt wurden und werden. Man kann verstehen, dass er von dort nicht weg möchte.

In der Pressekonferenz nach dem Rennen in Hockenheim habe ich Verstappen, Vettel und Kwjat gefragt, was Sie so über Dr. Marko erzählen können. Die Antworten waren geprägt von Respekt und Dankbarkeit - aber auch sehr unterhaltsam.

Ich musste innerlich ein bisschen schmunzeln, als Verstappen todernst erzählte, dass Marko "ein gutes Auge" für Talente habe - im Singular. Auch Vettel huschte da ein Grinsen übers Gesicht. Marko, der vermeintlich knallharte Grantler aus Graz, ist meistens gar nicht so grantig, wie man ihm oft unterstellt. Er würde darüber sicher auch selbst lachen.


Fotostrecke: Red-Bull-Junioren in der Formel 1

Marko, das muss man wissen, gehört zur alten Generation Motorsport-Manager, noch nicht so weichgespült wie etwa sein "Spezialfreund" Toto Wolff, sondern direkt, unverblümt und dann und wann auch politisch inkorrekt. Was ich im Übrigen als Kompliment verstanden wissen möchte und nicht als Kritik.

Da kommt es vor, so erzählt es Kwjat, dass der Doktor nach einem schlechten Regen-Test am Telefon schimpft, wie nutzlos der Fahrer denn sei, und auflegt, bevor sich der überhaupt wehren kann. Meistens, so hört man durch, um 7:00 Uhr morgens - eine unchristliche Zeit, zu der Formel-1-Fahrer meistens lügen, wenn sie brav behaupten, dass sie schon längst am Trainieren sind ...

Vettel und Verstappen können Geschichten darüber erzählen, wie bedingungslos man von Marko unterstützt wird, wenn man dessen Gnaden hinter sich weiß. Wobei Marko persönliche Sympathien dabei ziemlich egal sind. Es geht nur um Leistung, wird er nicht müde zu betonen.

Sebastien Buemi, Jean-Eric Vergne, zuletzt Dan Ticktum: Die Liste fallen gelassener Talente aus dem Red-Bull-Kader ist lang. Viele der Ex-Junioren erzählen wenig schmeichelhafte Geschichten über den knallharten Doktor aus Graz. Aber der Erfolg gibt ihm recht.

Vettel war seinerzeit Markos Rettungsanker

Das war, viele haben das längst verdrängt, nicht immer so. In den ersten Jahren des Red-Bull-Juniorteams kam wenig durchschlagendes Fahrermaterial aus Markos Händen: Christian Klien, Vitantonio Liuzzi, Scott Speed blieben allesamt unter den Erwartungen. Es war Vettel, der ihm dann spektakulär den Lebenszeit-Vertrag in Mateschitz' Motorsport-Universum gesichert hat.

Marko war nicht der, der das Talent des kleinen Steppke aus Heppenheim vor allen anderen erkannt hat, als Vettel seine ersten Meter auf der Kartbahn fuhr. Aber er hatte zur richtigen Zeit das Auge dafür, bei Mateschitz die nötigen Mittel lockerzumachen, um Vettel an Red Bull zu binden und ihn nicht an BMW zu verlieren.

Ganz ähnlich bei Verstappen: Dessen Vater Jos verhandelte nicht nur mit Red Bull, sondern bot seinen Sohn aus der Formel 3 auch bei Mercedes und Ferrari an. Dass Verstappen eine Granate ist, wussten da schon viele. Aber Marko war der, der das Ausnahmetalent erkannte und alle Hebel in Bewegung setzte, um das attraktivste Paket anzubieten. Was ihm (wieder) gelang.

Es geht im Motorsport oft nicht nur darum, Talente und Chancen zu erkennen - sondern vor allem auch darum, Nägel mit Köpfen zu machen, ohne Herumdrucksen, und das Geld oder die Mittel auf den Tisch zu legen, die nötig sind. Es gibt viele, die groß reden können. Aber nur wenige, die auch machen.

Helmut Marko ist einer von ihnen. Ein Macher.

Übrigens: Über die großartige Karriere und das bewegte Leben von Dr. Marko gibt es bis dato kein von ihm selbst autorisiertes Buch. Ich hoffe, dass das noch kommen wird. Denn es wäre eine Schande, seine Geschichte(n) nicht zu erzählen.

Sie ist zu gut, um einem großen Teil der Öffentlichkeit verborgen zu bleiben ...

Ihr
Christian Nimmervoll

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