• 08. Juni 2019 · 13:12 Uhr

Warum das neue Wochenend-Format eine Schnapsidee ist

Chefredakteur Christian Nimmervoll findet: Der Vorschlag für den gestrafften Freitag ist nicht zu Ende gedacht und geht vor allem auf Kosten der kleinen Teams

(Motorsport-Total.com) - Liebe LeserInnen,

Toto Wolff, Chase Carey, Ross Brawn

Die Entscheider der Formel 1 sollten über das neue Format nochmal nachdenken Zoom Download

jetzt liegt er also auf dem Tisch, der Vorschlag, wie die Rennwochenenden der Formel 1 in Zukunft ablaufen sollen. Die ganz große Revolution ist es nicht geworden. Der Medien-Donnerstag wird ersatzlos gestrichen, das Programm beginnt ab 2021 erst am Freitag. Und die beiden Freitagstrainings rücken nach hinten, um am Freitagmorgen Platz für FIA-Pressekonferenz und Medientermine zu schaffen.

Das klingt - oberflächlich betrachtet - plausibel. Die Intention, die dahintersteckt, erscheint logisch. Liberty Media und die Teams wollen mit ihrem Zirkus mehr Geld verdienen. Das geht am leichtesten, indem man mehr Rennen fährt.

Jeder Grand-Prix-Veranstalter zahlt irgendwo zwischen 20 und 50 Millionen US-Dollar pro Event. Das wird in Zukunft nicht weniger, sondern eher mehr werden. Ergo: mehr Rennen, mehr Kohle.

Nicht nur Liberty profitiert von mehr Einnahmen

Die Geldgier in dieser Frage nur beim Rechteinhaber Liberty zu sehen, wäre übrigens ein schwerer Fehler. Wenn 25 statt 21 Rennen gefahren werden, würde das geschätzt 140 Millionen Dollar zusätzlich in die Kassen spülen.

Daran würde Liberty pro Jahr knapp 45 Millionen Euro verdienen. Ein Topteam wie Ferrari fast 20 Millionen. Und eins wie Toro Rosso vielleicht fünf. Nach Abzug der Mehrkosten bliebe davon gar nicht so viel übrig.

Dieses Rechenbeispiel gilt freilich, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, für den aktuellen Verteilungsschlüssel der Formel 1. Der soll bekanntlich in Zukunft auch reformiert werden.

Die Idee, die Rennwochenenden von derzeit vier auf künftig drei Tage zu verkürzen, ist prinzipiell gut. Losgehen würde es am Freitag mit der technischen Abnahme. So, wie die Autos da abgenommen werden, müssen sie das ganze Wochenende fahren. Wer einen neuen Flügel testen will, darf das tun. Aber nur am Freitag. Für Qualifying und Rennen müsste derjenige zurückrüsten.


"Motorsport Heroes" - Vorschau

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Kurz vor Mittag wäre dann FIA-Pressekonferenz inklusive diverser Medienrunden und Interviews, um 13:00 Uhr Ortszeit würde es mit dem ersten Freien Training losgehen. Wie gehabt über eineinhalb Stunden. Das gilt auch für FT2. Das soll in Zukunft am Abend beginnen, etwa um 17:00 Uhr.

Was auf den ersten Blick nach einer netten Idee klingt. So kann der Formel-1-Fan, der gerade von der Arbeit nach Hause kommt, noch ein bisschen Formel 1 schauen.

Neuer Zeitplan, weniger Berichterstattung

Ich finde: Die Verkürzung der Rennwochenenden ist richtig und wichtig. Aber der Teufel steckt im Detail.

Denn was die Verantwortlichen übersehen: Die unzähligen Storys und Beiträge, die bisher am Donnerstag von Medienschaffenden wie uns produziert wurden, wird es unter dem neuen Zeitplan in Zukunft nicht mehr geben.

Keine TV-Station zeigt am Freitag zu Mittag Berichte vom Medien-Vormittag. Keine Online-Plattform hat mehr die Zeit, das Material des Medien-Vormittags zu verarbeiten, weil es kurz nach Mittag schon mit den Trainings losgeht, und am Samstag direkt weiter. Und keine Zeitung bringt am Samstagmorgen noch Vorschauen auf das Rennwochenende, wenn die ersten beiden Trainings längst gelaufen und die Aussagen überholt sind.

Christian Nimmervoll

Chefredakteur Christian Nimmervoll kritisiert das geplante neue Format Zoom Download

Bisher war der Medien-Donnerstag auf Portalen wie den unseren eines der reichweitenstärksten Ereignisse des Wochenendes, oft stärker als der sportlich belanglose Freitag. Und die Vorschau-Beiträge in den Abendnachrichten am Donnerstag, bevor es am Freitag dann mit Action losgeht, würden auch entfallen.

Ich mache keinen Hehl daraus: Für uns als Medienunternehmen wäre das neue Format schlecht. Aber ein optimiertes Ausschöpfen des Reichweiten-Potenzials hilft nicht nur uns Medien. Sondern muss vor allem im Interesse der Formel 1 selbst sein.

Ich verstehe die Logik des aktuellen Vorschlags. Verkürzte Wochenenden bedeuten geringere Hotelkosten für alle Beteiligten und reduzierte Reisezeiten für die Ingenieure und Mechaniker. Das ist auch für uns Journalisten gut. Aber den Donnerstag entfallen zu lassen, das geht auch anders. Besser.

Mal ehrlich: Wen interessiert das Freitagstraining?

Drei Stunden Freies Training am Freitag braucht kein Mensch! Im DACH-Raum ist der ORF der einzige Free-TV-Sender, der (meistens) immerhin eine der beiden Sessions zeigt. Die Übertragung bei n-tv findet unter dem Radar einer breiteren Öffentlichkeit statt.

Und das, was gezeigt wird (meistens FT2), ist für den TV-Zuschauer nicht zu durchblicken. Weil die Formel 1 es nach so vielen Jahren immer noch nicht geschafft hat, eine ordentliche Darstellung für die Longrun-Tests zu erfinden.

Es ist wahrscheinlich der langweiligste Sport-Content weltweit, wenn Lewis Hamilton und Co. in der zweiten Hälfte von FT2 für das Rennen trainieren, eine Runde nach der anderen, und die Zwischenzeiten einmal plus drei, einmal plus fünf Sekunden auf die Bestmarke anzeigen.


Fotostrecke: Top 10 2018: Die emotionalsten Momente

Das auch nur halbwegs zu durchschauen und richtig zu interpretieren, ist selbst für einen alten Hasen wie mich, mit insgesamt sechs Monitoren und zwei Timing-Screens am Arbeitsplatz, eine echte Herausforderung.

Für den klassischen Formel-1-Fan zu Hause, der vor dem Fernseher sitzt und im besten Fall noch die kostenpflichtige (und leider seit dem Update 2019 fast unbrauchbar gewordene) Timing-App als Second Screen nutzt, ist der Freitag komplett uninteressant.

Das einzige Argument, Fahr-Action auch am Freitag stattfinden zu lassen, sind die Proteste der Veranstalter. Aber auch die denken viel zu kurz. Denn die Wahrheit ist: Die Vergangenheit hat schon oft bewiesen, dass verkürzte Trainingszeit das beste Mittel für spannende und unberechenbare Rennen ist. Und nur die sind ein echtes Verkaufsargument für Formel-1-Tickets.

Angst der Veranstalter ist völlig unbegründet

Eine Stunde Freies Training am Samstagmorgen, das reicht. Die drei Stunden gähnende Langeweile am Freitag könnte man stattdessen viel kreativer mit Leben füllen. Auch für die Promoter, die Angst haben, dass am Freitag keiner mehr kommt, wenn keine Formel-1-Autos ihre Runden drehen.

Erstens ist das totaler Quatsch. Für die meisten Fans bedeutet es ohnehin, dass sie einen Tag ihres kostbaren Urlaubs opfern müssen, um schon am Freitag an der Strecke zu sein. Aber sie kommen halt, weil sie schließlich dafür bezahlt haben. Würde es am Freitag keine Fahr-Action geben, würde kein Hahn danach krähen.

"Immer dann, wenn die Herren Superstars gerade nicht in einer Pressekonferenz sitzen, könnten sie in Talkrunden auf einer Bühne sitzen."
Zumal ja nicht gesagt ist, dass man den Freitag nicht anders viel attraktiver gestalten könnte. Immer dann, wenn die Herren Superstars gerade nicht in einer Pressekonferenz sitzen oder ein Interview geben, könnten sie in Talkrunden auf einer Bühne sitzen. Zum Anfassen, ganz nah. Mit Selfie-Stunde hinterher. Zum Beispiel.

Oder, zweitens, man könnte Lewis Hamilton und Sebastian Vettel in identischen Autos zu einem Jux-Rennen antreten lassen. Die BMW-M1-Procar-Serie ist älteren Semestern noch in bester Erinnerung. Mit Sportchef Ross Brawn habe ich darüber schon mal gesprochen. Oder die Kartrennen in Paris-Bercy.

Warum sowas nicht an einem Grand-Prix-Freitag machen? Das wäre mal ein bisschen Abwechslung - und die holt, das wissen wir anhand unserer Analytics-Zahlen ganz genau, um ein Vielfaches mehr Fans ab als der immer gleiche Freitags-Trott.

Oder Legenden-Demos. Mir ist Spielberg 2014 in Erinnerung, als das echte Formel-1-Rennen wahrlich keine Jubelstürme auf den Tribünen auslöste. Aber als der unvergessene Niki Lauda, Gerhard Berger und Co. in ihren Legenden-Boliden auf die Strecke gingen, verwandelten sich die Tribünen in ein Meer aus Rot-Weiß-Rot. Absolute Gänsehaut! Dafür kommt man zu einem Grand Prix.

Es geht nicht um Fahr-Action, sondern um Erlebnisse

Es bliebe mehr Zeit für Taxifahrten, sowohl mit Paul Stoddarts alten Formel-1-Doppelsitzern als auch mit aktuellen Supersportwagen der engagierten Hersteller. Das gibt es schon, ist aber ausbaufähig. Und man sollte damit nicht nur die Herren VIPs und Millionäre fahren lassen, sondern jeden Fan, der ein Ticket gekauft hat, an einer Verlosung von so und so vielen Taxifahrten teilnehmen lassen.

"Das sind authentische Emotionen und Erlebnisse, die sich verbreiten würden wie ein Lauffeuer."
Was ist bessere Werbung für die Experience Formel 1, als wenn jedes Wochenende dutzende Fans ihre Videos und Selfies aus dem Cockpit eines AMG GT twittern, mit Lewis Hamilton am Fahrersitz, und das alles für den Preis der Stehplatzkarte um 80 Euro? Das sind authentische Emotionen und Erlebnisse, die sich verbreiten würden wie ein Lauffeuer.

Solche Vorschläge werden oft abgekanzelt. Was bringen 50 Fans pro Wochenende, die etwas Tolles erlebt haben? Ich finde das zu kurz gedacht. Und mir fällt dabei die Geschichte jenes Mannes ein, der seit den 1970er-Jahren jeden Tag einen einzigen Baum gepflanzt hat. Heute hat er einen riesigen Regenwald.

Jeder dieser 50 Fans erzählt sein Erlebnis drei bis fünf Fans weiter, die dann auch mal zu einem Grand Prix kommen, vielleicht das Gleiche erleben und die Botschaft wieder weiterverbreiten. Ganz zu schweigen von der Verbreitung auf Social Media.

Damit die wirklich greift, kann man den Fans ja sogar noch die passenden, hochwertigen Onboard-Videos dazu machen und schenken. Das kostet ein paar Tausender. Die Formel 1 gibt für viel sinnlosere Dinge viel mehr Geld aus.

Abends noch ein bisschen Party, und kein Mensch würde sich darüber beschweren, dass für die Fans vor Ort am Freitag zu wenig geboten wird. Die meisten sind ohnehin in erster Linie am Qualifying und Rennen interessiert.

Mick Schumacher könnte schon am Freitag fahren

Und wer sagt, dass nicht zumindest die Rahmenserien am Freitag fahren können? Die Angst der Promoter, die in der Freitags-Frage immer als Argument vorgeschoben wird, ist völlig unbegründet. Man muss nur kreativ sein.

Alain Prost und Niki Lauda, McLaren, Legendenparade

Legendenparaden begeistern die Fans oft mehr als das eigentliche Rennen Zoom Download

Viel größer sollte die Angst davor sein, dass die Formel 1 keine Geschichten mehr produziert - beziehungsweise keiner mehr über die Geschichten schreibt. Der Medien-Vormittag am Freitag wäre für Portale wie unseres ab sofort unnützes Material. Weil wir keine Zeit mehr hätten, es angemessen zu verarbeiten.

Es ist jetzt schon eine Herausforderung, bei den sogenannten Back-to-Backs alle Geschichten ordentlich zu erzählen, die erzählt werden müssen.

Montag und Dienstag sind noch voll mit Nachberichten zum Rennen. Zwei Wochen zwischen den Rennen sind ideal, um die Formel 1 als Thema mit spannenden Geschichten am Leben zu halten. Und gleichzeitig beim TV-Zuschauer wieder den Hunger auf das nächste Rennen entstehen zu lassen.

Mal ganz ehrlich: Haben Sie drauf Lust, ausgerechnet im Hochsommer vier von fünf Sonntagen im Monat vor dem TV-Gerät zu verbringen, während Ihre Familie am Badesee planscht und sich fragt, warum dem Herrn Papa ein bescheuertes Autorennen offenbar wichtiger ist als sein eigen Fleisch und Blut?

Das lässt sich rechtfertigen, wenn es 16 Mal im Jahr passiert, mit immer einem Familien-Wochenende dazwischen. Aber es ist ausgeschlossen 25 Mal im Jahr.

Die größten Verlierer sind die kleinen Teams

Das Interesse an der Formel 1 wird abnehmen. Eine Sättigung wird eintreten. Das ist jetzt schon so, mit 21 Rennen. Unsere Zahlen belegen es eindeutig. Am meisten, wenn das Wetter schön ist und andere Sportveranstaltungen parallel stattfinden (Fußball-WM, Wimbledon, etc.).

Office von Chefredakteur Christian Nimmervoll

Solche Möglichkeiten, ein Training zu lesen, haben nicht viele Fans Zoom Download

Dazu kommt (und ich stelle das ganz bewusst ans Ende der Kolumne, weil es am wenigsten relevant ist): Auch wir Journalisten müssen bald doppelt besetzen, um die vielen Back-to-Backs noch stemmen zu können.

Ich will mich nicht beklagen, weil ich meinen Job liebe. Aber in den ersten fünf Monaten (davon waren nur zwei mit Rennterminen) habe ich immerhin 336 Überstunden angesammelt, um unseren Laden irgendwie am Laufen zu halten. Und trotzdem sind einige wirklich tolle Geschichten auf der Strecke geblieben. Weil wir uns leider nicht zweiteilen können.

Das ist der letzte Gedanke, den ich vor allem den kleineren Teams als Gedankenanstoß mitgeben möchte, den Zak Browns und Otmar Szafnauers dieser Welt: Wenn immer weniger Zeit bleibt, um Content zu verarbeiten, werden sich die Medien, Online-Plattformen genau wie TV-Sender, nur auf die wichtigsten Geschichten konzentrieren.

Dann ist nur noch Platz für Lewis Hamilton vs. Sebastian Vettel - und kein Mensch interessiert sich mehr für das, was die anderen so treiben. McLaren und Racing Point, das kann ich jetzt schon garantieren, werden mit dem neuen Format in den Medien kaum noch stattfinden.

Vielleicht denkt man darüber ja nochmal nach.

Ihr
Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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