• 29. Dezember 2020 · 08:06 Uhr

Helmut Marko exklusiv (2/3): Mit Perez-Sieg ist "Hürde weggebrochen"

Helmut Marko spricht über das ominöse Foto im W-Hotel in Abu Dhabi und erklärt, was Red Bull an Neuzugang Sergio Perez 2020 am meisten beeindruckt hat

(Motorsport-Total.com) - Am 18. Dezember, also am Tag der offiziellen Bekanntgabe des zweiten Fahrers, hat Christian Horner auf Instagram ein Foto gepostet, das ihn gemeinsam mit Neuzugang Sergio Perez und Helmut Marko zeigt. Erst kurz zuvor am gleichen Tag hatte Horner Perez und Alexander Albon informiert und Marko Nico Hülkenberg angerufen.

Helmut Marko, Sergio Perez, Christian Horner

Helmut Marko, Sergio Perez und Christian Horner im W-Hotel in Abu Dhabi Zoom Download

Besagtes Foto sorgte dann insofern für Irritationen auf Instagram und Co., als es ganz offensichtlich schon Tage zuvor im W-Hotel in Abu Dhabi aufgenommen worden war. Das konnten geschulte Beobachter an den Vorhängen erkennen. Und dass Perez die gleiche Kleidung trug wie beim Helmtausch mit Sebastian Vettel (hat er selbst am 14. Dezember gepostet), machte auch stutzig.

"Das ist ja Detektivarbeit, die da gemacht wurde", lacht Red-Bull-Motorsportkonsulent Marko im zweiten Teil des großen Jahresrückblick-Interviews mit Chefredakteur Christian Nimmervoll (Jetzt auf Facebook folgen: "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll"). Er bleibt aber dabei: Zum Zeitpunkt des Fotos sei die Entscheidung noch nicht hundertprozentig fixiert gewesen.

Marko gibt im Interview erstmals zu, dass Albons schwache Leistung in Sotschi, unmittelbar nach dem Podium in Mugello, ein möglicher Wendepunkt war. Und verrät, warum sich Red Bull letztendlich für Perez und gegen Hülkenberg entschieden hat.

Marko: Waren in einer "sehr komfortablen Lage"

Frage: "Herr Marko, Sie haben Alexander Albon bis zum Schluss unterstützt. Trotzdem müssen Sie sich ja überlegt haben, was zu tun ist, wenn das mit ihm nicht klappt. Wann haben Sie Sergio Perez und Nico Hülkenberg angerufen und denen gesagt, dass es für Sie eine Chance geben könnte?"
Helmut Marko: "Wir waren in einer sehr komfortablen Lage. Weder Hülkenberg noch Perez hatten Alternativen in der Attraktivität von Red Bull Racing. Wir mussten also nicht warten, sondern wir mussten denen nur sagen, dass sie warten sollen bis nach Saisonende, dann entscheiden wir uns."

Frage: "Verstanden. Aber wann hat man den beiden erstmals signalisiert: 'Vielleicht gibt's eine Chance für euch.' Können Sie das zeitlich ungefähr einordnen?"
Marko: "Beide haben bei uns angefragt."

Frage: "Der Erstkontakt ist also von den Fahrern ausgegangen?"
Marko: "Ja. Im Herbst, bei den Italien-Rennen, wurde das intensiver."

Frage: "Was hat letztendlich gegen Nico Hülkenberg und für Sergio Perez gesprochen? Und welche Pluspunkte hatten Sie bei Hülkenberg auf Ihrer Liste stehen?"
Marko: "Für Perez - das ist die leichtere Antwort - hat erstens die unglaubliche Formkurve gesprochen, zu der er aufgelaufen ist. Ich glaube, das war sicher seine beste Saison überhaupt, seit er in der Formel 1 ist. Das ist das eine."

Sergio Perez, George Russell

Sergio Perez' Handling der Reifen in Bahrain hat Marko nachhaltig beeindruckt Zoom Download

"Das andere ist: Im Rennen, das er gewonnen hat, kam Russell im Mercedes trotz der besseren Reifen nicht signifikant näher. Dieses Tempo einschätzen zu können, gerade so schnell zu fahren, dass man den Gegner in Schach halten kann, ohne die Reifen zu überfordern, das hat er bei ein paar Rennen sehr gut bewiesen. Er hatte ja auch einige Male Pech, zum Beispiel als er in Bahrain an dritter Stelle liegend ausgeschieden ist."

"Und dann hat für ihn gesprochen, dass er viele Saisons mit dem Mercedes-Motor gefahren ist und über Fahrbarkeit, Ansprechverhalten und all diese Dinge Bescheid weiß. 'Hülki' war zuletzt Renault. Die drei Rennen, die er mit Mercedes-Motor gefahren ist, kann man wahrscheinlich nicht hernehmen, weil er da mehr damit beschäftigt war, sich aufs Auto einzustellen als Daten zu sammeln."

Menschliche Aspekte spielten bei Entscheidung keine Rolle

Frage: "Teilen Sie die Einschätzung, dass Hülkenberg mit Verstappen, mit Ihnen, mit der Red-Bull-Mentalität sehr gut funktioniert hätte?"
Marko: "Das Thema war nicht, wer mit uns am besten harmoniert, sondern was für das Team das Beste ist. Da muss man davon ausgehen, dass McLaren mit dem Mercedes-Motor einen Schritt nach vorne macht, dass Renault und Ferrari wahrscheinlich auch kommen werden."

"Wenn du einen Quali-Rückstand von fünf Zehnteln hast, bist du nicht Vierter, sondern Siebter oder Achter. Damit bist du für das Team in dem Sinn wertlos, weil du für strategische Spielchen nicht eingesetzt werden kannst."

"Das letzte Rennen konnte Mercedes nichts machen, oder nur mit viel Risiko. Bottas wäre derjenige gewesen, den man auf weiche Reifen hätte setzen können. Aber da wäre er hinter Albon zurückgefallen. Überholen ist auf dem Kurs in Abu Dhabi aber bekanntermaßen irrsinnig schwierig, und dadurch, dass Albon ein sehr gutes Rennen gefahren ist und ganz nah an den Mercedes dran war, konnten die nicht ihre übliche Strategie spielen."

"Wir wollen nächstes Jahr endlich wieder Weltmeister werden. Da brauchen wir eine starke Paarung, mit der wir auch von der Strategie her alle Register ziehen können."

Alexander Albon

Alexander Albons Podium in Mugello war nicht der erhoffte Wendepunkt Zoom Download

Frage: "Albon stand ja auch auf dem Podium, aber ich finde, Abu Dhabi war sein bestes Rennen ..."
Marko: "Sein bestes Rennen der Saison, ganz klar."

Frage: "Wenn er immer so gefahren wäre, hätte er das Problem nicht gehabt."
Marko: "Richtig. Hätte er kontinuierlich solche Ergebnisse geliefert, wäre die Diskussion nie entstanden. Nach dem dritten Platz in Mugello dachten wir, jetzt ist der Knoten geplatzt. Das Rennen drauf, in Sotschi, war wieder schlecht."

Frage: "Sie haben gesagt, Albon hat man kurz vor der Bekanntgabe informiert. Wusste Hülkenberg schon früher, dass er aus dem Rennen ist?"
Marko: "Nein. Den habe ich zehn Minuten vorher angerufen und ihm gesagt, dass es leider nichts wird."

Frage: "Welche Rolle hat Perez' Sieg in Bahrain gespielt? War das letztendlich der entscheidende Moment?"
Marko: "Nein. Die Perez-Leistung war das ganze Jahr absolut toll, speziell im zweiten Halbjahr. Der Sieg war insofern hilfreich, als da psychologisch wieder eine Hürde wegbricht. Wenn du einmal gewonnen hast, bist du wesentlich relaxter. Das hat das Gesamtbild weiter zugunsten von Perez abgerundet."

Was Red Bull jetzt von Perez erwartet

Frage: "Sie haben in der Vergangenheit mehrfach gesagt, dass Ihrer Meinung nach im Moment niemand den gleichen Speed hat wie Verstappen. Was ist die Erwartungshaltung an Perez? Was muss er leisten, damit Sie mit ihm zufrieden sind?"
Marko: "Perez muss im Renntrimm in Schlagdistanz zu Max sein. Im Qualifying werden wir sehen - da hat's bis jetzt noch keiner auf sein Niveau geschafft. Das dürfen maximal zwei Zehntel sein. So in der Region - vielleicht sogar weniger."

"Wir brauchen als Team eine Stärke, dass wir mit zwei Fahrern gegen Mercedes kämpfen können. Ich gehe davon aus, dass wir wieder Gegner von Mercedes sein werden. Wenn Bottas nicht gerade so einen rabenschwarzen Tag hat wie in Bahrain, erfüllt er seine Rolle ja sehr gut. Das erwarten wir auch von Perez."


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Frage: "Perez ist kein Red-Bull-Junior. Hätte sich von denen einer aufgedrängt, hätten Sie sicher lieber einen eigenen Junior reingesetzt. Ist das Ziel, dass 2022 wieder ein Red-Bull-Junior im Cockpit sitzt?"
Marko: "Wir haben einen Einjahresvertrag mit Perez. Jetzt werden wir uns anschauen, wie er performt, wie das passt."

"Wir hatten mit Perez mal eine Sichtung - lang, lang ist's her! In Estoril. Ricciardo war auch dort. Im Longrun war er gleich schnell wie Ricciardo. Wir haben dann aber auch über vier Runden eine Art Qualifying-Simulation gemacht, und da war er eine Spur langsamer. Das war kurz bevor er dann Ferrari-Junior wurde. Wir haben also eine gewisse Vergangenheit mit ihm."

"Zum anderen ist es keine Schande einzugestehen, dass wir seit 2010 erstmals nicht zwei Junioren in die Formel 1 bringen. Einen haben wir ja mit Tsunoda. Den haben die Medien irgendwie verschlafen. Er ist der erste Japaner seit Kobayashi in der Formel 1, und gleichzeitig der jüngste Japaner, der je in die Formel 1 gekommen ist. Also haben wir einen Junior, aber nicht zwei."

"Jüri Vips ist ja dieses Jahr in Japan gefahren. Er hatte einen Test, aber sonst hat er mit den eingeschränkten Reiseregelungen zwischen Japan und Europa sehr viel Zeit in Quarantäne verbracht. Lange rede, kurzer Sinn: Wir haben keinen für das Cockpit bei Red Bull Racing. Um das Ziel in der WM nicht zu gefährden, haben wir uns eben so entschieden. Wir springen da über unseren Schatten."

2022 soll wieder ein Junior im Cockpit sitzen

Frage: "An der langfristigen Strategie, dass grundsätzlich bevorzugt eigene Junioren in den Autos sitzen sollen, ändert das aber nichts?"
Marko: "Nein. Wir haben mit Jüri Vips und Liam Lawson zwei Topleute. Auch Daruvala, der das letzte Rennen gewonnen hat. Und wir haben einen ganz starken Amerikaner, der 2021 Formel 3 fahren wird. An unsere Erfolge in der Nachwuchsförderung kommt sonst niemand heran."

Frage: "Christian Horner hat gesagt, dass am Freitag alle informiert wurden. Jetzt gibt's aber dieses Foto von Ihnen, Horner und Perez, das ganz offensichtlich in Abu Dhabi aufgenommen wurde ..."
Marko: "Das ist ja Detektivarbeit, die da gemacht wurde (lacht; Anm. d. Red.)! Ein Foto hat ja noch nichts mit einer Vertragsunterschrift zu tun. Das war ein geselliges Zusammentreffen."

"Zu dem Zeitpunkt war noch nichts hundertprozentig fix und wir haben das Foto gemacht für den Fall, dass es fix wird. Unterschriften sind heutzutage auch elektronisch möglich. Ich trage außerdem eine dicke Jacke. Könnte also auch im hohen Norden gewesen sein ..."

Frage: "Das glaube ich Ihnen nicht."
Marko: "Perez hatte das gleiche Shirt an wie bei der Vettel-Helmübergabe. Das hat uns eher verraten als der Vorhang (lacht; Anm. d. Red.)."

Frage: "Ist das Foto am Sonntagabend entstanden oder am Montag?"
Marko: "Das weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr genau. Es war ein turbulentes Wochenende. Und die Gelegenheiten waren da, weil wir ja aus dem Hotel wegen der Coronabestimmungen nicht raus durften."

Zum Thema:
Teil 1: Red-Bull-Motor, Volkswagen, Albon
Teil 2: Warum Perez und nicht Hülkenberg
Teil 3: Vettel, Russell und der Red-Bull-Ring

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