• 26. Mai 2024 · 17:27 Uhr

Grand Prix im Bummeltempo: Leclerc beendet den "Monaco-Fluch"!

Charles Leclerc hat es endlich geschafft: Er gewinnt das sehr taktisch geprägte Heimrennen in Monte Carlo vor Oscar Piastri und Carlos Sainz

(Motorsport-Total.com) - Der "Monaco-Fluch" ist Geschichte: Charles Leclerc hat am Sonntag beim dritten Start von der Poleposition nach 2021 und 2022 erstmals seinen Heim-Grand-Prix gewonnen und ist damit seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Der Ferrari-Pilot feierte in einem sehr taktisch geprägten Autorennen bei traumhaften Bedingungen an der Cote d'Azur einen auch für die Weltmeisterschaft wichtigen Sieg (den sechsten seiner Karriere) und verwies Oscar Piastri (McLaren) und Carlos Sainz (Ferrari) auf die Plätze 2 und 3.

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Charles Leclerc hat in Monaco den sechsten Sieg seiner Karriere gefeiert Zoom Download

Leclerc gewann beide Starts in dem 78-Runden-Rennen, das bereits nach einer Runde erstmals unterbrochen werden musste, und diktierte seinen Verfolgern danach genau jenes Tempo, das für ihn strategisch am klügsten war.

Es war ein für die Zuschauer wahrscheinlich wenig attraktives Formel-1-Schach, in dem es über weite Strecken vor allem darum ging, für niemanden ein Boxenstoppfenster aufgehen zu lassen. Überholmanöver? Fehlanzeige. Mit wenigen Ausnahmen.

An der Spitze bildete sich von Anfang an ein Viererpaket mit Leclerc, Piastri, Sainz und Lando Norris, deren Tempo die anderen nicht mitgehen konnten oder wollten.

George Russell (Mercedes), nach dem frühen Reifenwechsel unter Rot dazu gezwungen, seine Mediumreifen über die Distanz zu bringen, führte das nächste Paket an, mit Max Verstappen (Red Bull) auf Platz 6 und Lewis Hamilton (Mercedes) auf Platz 7. Am Ende mit Reifennachteil für Russell, weil Verstappen und Hamilton zwischendurch einen "kostenlosen" Boxenstopp absolviert hatten.

Yuki Tsunoda (Racing Bulls), Alexander Albon (Williams) und Pierre Gasly (Alpine) rundeten die Top 10 und damit die Punkteränge ab. Den Bonuspunkt für die schnellste Rennrunde sicherte sich Hamilton (1:14.154 Minuten).

Funfact am Rande: Die ersten zehn Positionen im Rennen waren letztendlich exakt die gleichen wie im Qualifying am Samstag.


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Wie kam es zur roten Flagge in Runde 1?

Zunächst gewann Leclerc den Start souverän. Hinter ihm kam jedoch Piastri nicht ganz ideal weg, sodass er in der ersten Kurve plötzlich Sainz neben sich hatte. Die beiden bogen nebeneinander in Sainte Devote ein, Sainz musste zurückziehen, und es kam zu einer leichten Berührung. Zunächst hatte es den Anschein, diese würde ohne Folgen bleiben.

Doch bei der Anfahrt zu Massenet wurde Sainz plötzlich langsam und rollte am Casino ganz aus. Dadurch hatten Leclerc und Piastri schon ein wenig Vorsprung auf den Rest, als sie bei der Hafenschikane die roten Flaggen gezeigt bekamen.

Grund für den Abbruch war eine Dreierkollision zwischen Sergio Perez (Red Bull), Kevin Magnussen und Nico Hülkenberg (Haas) auf dem Weg hoch zum Casino. Perez hatte im Kampf um Platz 15 die Nase vorn, Magnussen jedoch einen Geschwindigkeitsüberschuss.

In einem der kleinen Bögen des Leitplankenkanals ging Magnussen aber rechts neben Perez der Platz aus, berührte rechts die Leitplanken und dann links Perez - und es kam zu einem heftigen Crash, der ein Meer an Kleinteilen auf der Strecke hinterließ.

Bei dem Unfall wurde auch Hülkenberg mit ins Verderben geritten, der genau beobachten konnte, was Magnussen angestellt hatte, und das am Boxenfunk so kommentierte: "Verdammt. Das war überflüssig."

Alexander Wurz urteilte im Live-Kommentar des ORF zunächst: "Magnussen hätte vom Gas gehen müssen." Später revidierte er seine Meinung: "Ich würde es als Rennunfall abtun. Perez hat zweimal in den Spiegel geschaut und wusste, dass er dort ist. Aber Magnussen hätte auch nachgeben können. Für mich ein unnötiger Rennunfall."

Ein Crash, der übrigens keine Folgen haben wird. Magnussen hatte schon vor Monaco zehn Strafpunkte auf seinem Konto. Hätte er für die heutige Kollision weitere zwei Strafpunkte erhalten, hätte ihm beim bevorstehenden Grand Prix von Kanada eine Sperre gedroht. Doch die FIA leitete nicht einmal eine Untersuchung ein.

Magnussen hätte eine Strafe ohnehin nicht verstanden: "Ich wüsste nicht, wie das nur mein Fehler sein soll. Ich hatte meine Nase neben seinem Heck", sagt der Haas-Fahrer. "Ich habe drauf vertraut, dass er mir Platz lässt. Aber den hat er mir nicht gelassen. Wenn er mich nicht gesehen hat, okay. Aber in Monaco musst du halt auch ein bisschen schauen."

Eine Meinung, der sich Hülkenberg anschließt: "Zu einem gewissen Teil ist es natürlich Runde 1 und ein Rennunfall. Aus meiner Sicht hätte Checo mehr Platz lassen können. Auf der anderen Seite war Kevin auch sehr optimistisch", sagt der Deutsche, der selbst "enttäuscht und frustriert" ist über den Ausfall, "weil ich selber nicht daran mitgewirkt habe, sondern durch einen anderen Vorfall schachmatt gestellt wurde".

Was war zwischen Gasly und Ocon los?

Kurz bevor das Rennen wegen der Perez-Haas-Situation unterbrochen wurde, kam es in der zweiten Portierkurve noch zu einer Kollision zwischen den beiden Alpine-Piloten.

Pierre Gasly konnte es nicht fassen: "Was macht der da? Mein Auto ist jetzt kaputt." Eine Einschätzung, die Wurz aus der neutralen Beobachterposition teilt: "Das war ein bisschen patschert. Gasly kann sich ja nicht in Luft auflösen."

Esteban Ocon hatte aus der ersten Portier den besseren Ausgang erwischt als Gasly, schob sich mit einem sehr ambitionierten Manöver neben den Teamkollegen, bog innen neben Gasly in die zweite Portier ein und ließ dann aber außen so wenig Platz, dass eine Kollision unvermeidlich war.

Ocon konnte beim Neustart nicht mehr mitfahren. Die Zehnsekundenstrafe, die die FIA gegen ihn verhängte, hat also für Monaco keine Konsequenzen, beschert ihm aber eine Gridstrafe für das nächste Rennen in Kanada.

Ocon nahm die Schuld für den Crash immerhin auf sich: "Das war mein Fehler. Die Lücke war zu klein, und ich entschuldige mich bei meinem Team dafür", schrieb er - nach scharfer Kritik von Teamchef Bruno Famin im französischen Live-TV - auf dem Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter).

Somit waren gleich nach der ersten Runde vier Autos ausgeschieden.

Warum war Sainz plötzlich wieder Dritter?

Die rote Flagge - die Unterbrechung dauerte rund 40 Minuten - war ein Geschenk für Sainz, dessen Rennen eigentlich schon beendet schien. Denn die FIA zog für den Neustart die Reihenfolge heran, als das Feld über die zweite Safety-Car-Linie gefahren war, weil zum Zeitpunkt der roten Flagge noch nicht alle Autos den ersten Sektor komplettiert hatten.

Sainz hatte es nach seinem vermeintlichen Aus, von den TV-Kameras unbemerkt, irgendwie geschafft, sich noch an die Box zu schleppen. Und: Während der Unterbrechung konnten an den Autos auch etwaige Reparaturen straffrei vorgenommen werden.

Die Unterbrechung nutzte das Feld fast geschlossen dazu, den Pflichtboxenstopp zu absolvieren und auf einen neuen Reifensatz zu wechseln. Das machten nicht nur die Ferrari- und McLaren-Piloten so, die von Hart auf Medium wechselten; sondern auch die beiden Mercedes und Verstappen, die von Hart auf Medium umsteckten.

Wie sehr wurde dann wirklich gebummelt?

Weil die Strategien nach dem frühen Reifenwechsel darauf ausgelegt waren, bis zum Ende durchzufahren, wurde kollektives Bummeltempo angeschlagen. Leclerc fuhr 1:21er-Zeiten und damit gut zehn Sekunden langsamer als im Qualifying.

Russell, der an fünfter Stelle liegend zu dem Zeitpunkt sieben Sekunden Rückstand auf Norris hatte, meinte zwischendurch am Boxenfunk, er könne locker drei Sekunden pro Runde schneller fahren, wurde aber von seinem Team aufgefordert, das nicht zu tun, um Reifen zu schonen: "Du kannst in dieser Phase des Rennens nichts gewinnen."

Mercedes-Teamchef Toto Wolff erklärt: "Die Ferraris wollten kein Fenster aufmachen für die McLarens. Umso langsamer wir gefahren sind, um den Medium bis zum Ende zu tragen, umso langsamer sind die gefahren. Ich habe das noch nie gemacht in den letzten zwölf Jahren, aber ich habe mir ein Joghurt geholt und einen Espresso zwischendurch!"

Verstappen stimmt in die Kritik ein: "Jeder hat die Reifen gemanagt. Ich bin vier Sekunden langsamer gefahren als normal. Das ist kein Rennfahren."

Bester Beleg dafür, wie viel Tempo die Spitze rausnahm, war Valtteri Bottas (Sauber), der nach einem frühen zweiten Boxenstopp an letzter Stelle liegend kein Auto vor sich hatte und 1:17er-Zeiten fahren konnte, während von Leclerc noch 1:20er-Niveau gefahren wurde.

Der führende Ferrari-Pilot hatte auch keinen Grund, Tempo zu machen. Überholen ist in Monaco de facto unmöglich, und das größte Risiko, das er managen musste, war, die Reifen so sehr zu strapazieren, dass er womöglich nochmal stoppen würde müssen. Also diktierte er das Bummeltempo für die Top 4 von der Spitze aus.

Nach 39 Runden, exakt zur Halbzeit, führte Leclerc 1,3 Sekunden vor Piastri, 3,0 vor Sainz, 3,8 vor Norris, 21,3 vor Russell, 23,7 vor Verstappen, 27,8 vor Hamilton und 49,8 vor Tsunoda.

Passierte danach noch irgendwas?

Das Rennen plätscherte bis Runde 51 vor sich hin, als Hamilton genug Vorsprung nach hinten hatte, um sich an siebter Stelle liegend einen Boxenstopp ohne Positionsverlust leisten zu können. Hamilton wechselte auf einen frischen Hard - und öffnete damit auch für Verstappen ein Boxenstoppfenster, der eine Runde später ebenfalls auf harte Reifen umsteckte.

Kurz zuvor hatte Lance Stroll (Aston Martin) nach einem Fahrfehler in der Hafenschikane einen Reifenschaden erlitten. Durch den notwendigen Boxenstopp fiel er auf den letzten Platz zurück. Wenig später zeigte Bottas im Kampf um Platz 13 gegen Logan Sargeant (Williams) eins der ganz wenigen Überholmanöver auf der Strecke.

Theoretisch hätte Hamiltons Boxenstopp eine Kettenreaktion auslösen können. Doch diese endete bei Russell: Verstappen machte auf seiner In- und Outlap so viel Tempo, dass Russell durch einen Reifenwechsel womöglich den fünften Platz verloren hätte. Also ließ Mercedes ihn draußen und verhinderte so auch, dass das Boxenstoppfenster für die Top 4 aufging.

Doch Verstappen hatte jetzt die um 51 Runden frischeren Reifen als Russell und fuhr den Rückstand entsprechend schnell zu. In Runde 62 von 78 tauchte er erstmals im DRS-Fenster des Mercedes auf. "Max wird jetzt richtig in die Trickkiste greifen müssen, um Russell zu überholen, und dazu kann er nur eins machen, nämlich aus den Kurven gut rauskommen", analysierte Wurz im ORF-Kommentar.

Doch Verstappens Feuer war schnell erloschen - wohl auch im Wissen, dass ein Überholmanöver nur mit viel Risiko möglich wäre und er sich einen Ausfall im Hinblick auf die immer spannender werdende Fahrer-WM in dieser Phase der Saison nicht leisten kann.

Und auch ganz vorn herrschten klare Fronten. Zwar zog Piastri nochmal das Tempo an, sodass er im Rückspiegel von Leclerc kurzzeitig etwas größer wurde. Doch in den letzten Runden wurde der McLaren-Pilot deutlich langsamer, sodass er sich im Finish sogar nach hinten gegen Sainz verteidigen musste. Letztendlich erfolgreich.

Die Erklärung für den Einbruch im Finish lieferte Piastri im Podiumraum im Plausch mit seinen Fahrerkollegen: "Fünf Runden vor Schluss touchierte ich in Kurve 3 innen die Mauer." Danach war bei ihm die Luft draußen.

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