• 14. Januar 2017 · 18:53 Uhr

Die Karriere des Toto Wolff: Vom Finanzhai zum Teamchef

Toto Wolff hat in seinen 45 Lebensjahren schon viel erlebt: Über seine polnisch-rumänischen Wurzlen, gescheiterte Formel-1-Träume und sein Erfolgsgeheimnis

(Motorsport-Total.com) - Wenn die Formel 1 in Japan gastiert, dann kann sich Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff sicher sein, dass er eine Nachricht von Bernie Ecclestone erhält. "Jedes Mal wenn ich auf der Toilette pisse, muss ich an dich denken", steht in dieser geschrieben. Hintergrund der skurrilen SMS: Eine Toiletten-Marke, die in Japan weit verbreitet scheint, heißt "Toto". Der österreichische Teamchef hat sich mittlerweile an die groteske Aktion des Formel-1-Zampanos gewöhnt.

Toto Wolff

Immer im Rampenlicht: Toto Wolff lenkt seit 2013 die Geschicke beim Mercedes-Team Zoom Download

Schließlich ist Wolff mittlerweile lang genug in dem Haifischbecken Formel 1 zugegen. Als Leiter des zuletzt dominantesten Rennstalls der Hybrid-Ära verewigte auch er sich in die Geschichtsbücher, und das im zarten Alter von 45 Jahren. Wolffs Geschichte beginnt jedoch an einem ganz anderen Punkt: Hätten sich seine polnische Mutter und sein rumänischer Vater nicht in Wien getroffen, dann würde es gar keine Geschichte zu erzählen geben. Doch so kam es, dass Wolffs Mutter mit dessen Familie in den 1960er-Jahren vor dem Kommunismus in die österreichische Hauptstadt flüchtete.

"Ich wurde in einem polnischen Haushalt aufgezogen, daher spreche ich auch polnisch", gab Wolff erst kürzlich gegenüber 'F1i.com' zu. Auch seine beiden Kinder aus erster Ehe würden die Sprache beherrschen. Ungeklärt ist allerdings nach wie vor, warum ihn seine Eltern auf den norwegischen Namen Torger getauft haben. "Aus welch bizarrem Grund auch immer haben sie mir diesen norwegischen Namen, der eigentlich 'Thors Speer' bedeutet, gegeben."

"Schmerzliche Erkenntnis" dank Alex Wurz

Seine Kindheit in Wien-Hernals erlebte er sehr positiv. "Die Stadt ist groß, aber nicht zu groß. Ruhig, aber nicht zu ruhig", erzählt er im Interview bei 'UBS'. "Unser Leben war nicht das einfachste, weil ich meinen Vater sehr früh verloren habe", schildert Wolff, der damals erst 15 Jahre alt war. Der Verlust des Elternteils und die finanziell angespannte Lage der Familie prägen den späteren Geschäftsmann. "Obwohl es eine harte Zeit war, hat meine Mutter es geschafft, immer ein Lächeln auf den Lippen zu tragen. Diese Lockerheit hat sie mir mitgegeben."


Toto Wolff über seinen Weg in die Formel 1

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff erzählt ganz privat über seine Anfänge in Wien, die Aufgabe seines Rennfahrer-Traums und den Beginn bei Williams Weitere Formel-1-Videos

Mit dem Ansporn und der Motivation aus der Not heraus hat der junge Toto Wolff ein großes Ziel: eine Profi-Rennfahrer-Karriere. Schon während der Schule, in der er nicht "der motivierteste Schuljunge" war, steckte er sich mit dem Motorsport-Fieber an. "Als ich 17 Jahre alt war, fuhr ein Freund von mir, Philipp Peter, in der deutschen Formel 4. Er startete bei einem Rennen auf dem Nürburgring und hat daher ein paar Freunde eingeladen. Ich war auch dabei. Von der Atmosphäre rund um die Rennwagen war ich positiv beeindruckt. Die Helden in diesen Autos, die so mutig waren - das liebte ich", schwärmt er noch heute.

Wenig später versuchte er selbst erste Gehversuche in der österreichischen Formel-Ford-Meisterschaft. "Für ein paar Jahre war das Rennfahren alles, was zählte", schildert der ehemalige Pilot. Allerdings kam auch bald die Einsicht, dass es zum ganz großen Coup womöglich nicht reichen würde: "Ich war 19 oder 20 Jahre alt, da wurde mir während eines Formel-Ford-Rennens etwas bewusst. Ich fuhr hinter meinem Freund Alex Wurz und obwohl ich ihm folgen konnte, wusste ich, dass er etwas anders macht. Seine Fähigkeiten waren ganz andere. Ich habe realisiert, dass ich nicht das Talent dazu hatte."

Geschäftsmann Wolff: "Investments liegen mir"

Auch seine Körpergröße und der fehlende Background ließen den jungen Wiener in dieser Situation erkennen, dass er wohl nicht der nächste Niki Lauda werden würde. Heute spricht er über diese Erkenntnis als "schmerzliche Erfahrung". Wolff, der an der Wirtschaftsuniversität in Wien Handelswissenschaften studierte, musste sich ein neues Standbein suchen und wurde im Investmentgeschäft fündig. "Ich habe versucht, realistisch zu sein. Wir leben in einer Welt voller Spezialisten. Daher musst du verstehen, wo deine Talente liegen und wo du erfolgreich sein kannst. Dann musst du das weiterentwickeln", verrät Wolff seine damalige Strategie.

Mit Börsengeschäften und Investitionen in Technologie- und Bauunternehmen vervielfachte er sein Kapitel. "Investments liegen mir", weiß der 45-Jährige. "Meine Leidenschaft war es also, meine Investmentfirma aufzubauen. Das geschah in den verrückten Jahren des Technologie-Booms am Ende der 1990er-Jahre." 1998 gründete Wolff seine Firma Marchfifteen, schon damals wusste er: "Man muss Leidenschaft in sein Leben bringen. Wenn man nur in sein Büro geht, ohne das zu lieben, was man macht, dann ist es schwierig, erfolgreich zu sein." 2004 folgte die Gründung von Marchsixteen.

Neben seinen Finanzgeschäften setzte er sich nach wie vor des Öfteren hinter das Steuer eines Rennwagens. Am Beginn der 2000er-Jahre fuhr er mehrere GT-Rennen, unter anderem stellte er dabei 2009 auf der Nürburgring-Nordschleife auch einen Rundenrekord für Fahrzeuge ohne Turboaggregat in einem Porsche auf. 2006 wurde er außerdem Vize-Staatsmeister in der Österreichischen Rallye-Meisterschaft und auch den Sieg bei den 24 Stunden von Dubai 2006 darf er für sich verbuchen.

Anruf von Frank Williams ebnet Einstieg in die Formel 1

Auch beruflich entwickelte sich der Ehemann von Ex-Rennfahrerin Susie Wolff wieder in die Nähe von Rennstrecken. Er stieg in das Management von mehreren Fahrern ein, darunter auch Valtteri Bottas. "Dann sagte ich mir, womöglich könnte ich jungen Fahrern helfen und sie managen. Nach dem ersten Fahrer, haben wir noch einen zweiten und einen dritten unter Vertrag genommen." Dadurch entstand eine Verbindung zur Formel 1. Eines Tages sollte er einen Anruf aus Grove erhalten. Frank Williams war am Apparat.

Frank Williams, Toto Wolff

Teamchef Frank Williams holte Toto Wolff 2009 als Investor in sein Team Zoom Download

"Ich bin dorthin, habe mir die Fabrik angesehen und mich mit Frank getroffen. Er war von Beginn an sehr offen. Er erklärte mir, dass er eine Hypothek, die auf seinem Haus lag, abbezahlen müsse und daher Anteile am Team verkaufe. Ob ich Interesse hätte und es mir leisten könnte." 2009 stieg Wolff als Teilhaber beim britischen Traditionsteam ein. Doch es sollte nicht bei dem Engagement als reiner Investor bleiben.

Zweieinhalb Jahre nach dessen Einstieg in der Formel 1 kam das Mercedes-Team auf den Österreicher zu. Im Sommer 2012 kontaktierten ihn die Silberpfeile, damals noch mit Ross Brawn als Teamchef. "Sie fragten mich, ob ich meine Meinung dazu abgeben könnte, was bei ihnen falsch lief. Ich fühlte mich geehrt und habe versucht, die Situation ordentlich zu analysieren. Ich gab ihnen Feedback und so begannen die Diskussionen."

Der "Glas-halb-leer-Typ"

Ende Januar 2013 wurde bekannt: Toto Wolff kauft Mercedes-Anteile. "Sie haben einen Partner im Management gesucht, einen Mitgesellschafter, der eigenes Geld investiert." Er wollte sich nicht von den Umständen ablenken lassen und wandte bei der Überlegung ein einfaches Prinzip an: "Ich versuche mir immer das Worst-Case-Szenario vorzustellen. Wenn ich damit leben kann, dann steige ich in das Projekt ein." Risiken würde er so laut eigener Aussage nicht auf sich nehmen.


Fotostrecke: Top 10: Dominanteste Teams der Formel 1

Zu jenem Zeitpunkt konnte Wolff nicht ahnen, dass er bereits 2014 seinen ersten Weltmeistertitel mit dem Team feiern würde. Er ist schließlich kein sorgenfreier Optimist: "Ich bin eher der Glas-halb-leer-Typ, was mein Leben nicht einfacher macht", gibt er zu. Trotzdem kam er mit seiner Anschauung bisher sehr weit. Drei Team- und drei Fahrer-Weltmeisterschaften verantwortete Wolff mit.

Und trotzdem mahnt er, womöglich noch durch seine Kindheit geprägt, vor Überschätzung: "Man sollte sich nie zu sicher sein, denn in dem Moment, in dem du denkst, dass es einfach ist, wirst du scheitern. Ich befinde mich in einer ständigen Schleife voller Selbstbeurteilung. Aber es ist einfach so wichtig, dass man sich selbst aus einer realistischen Sichtweise betrachtet."

Wolff kein "Weltveränderer"

Getragen wird Wolffs Erfolg nicht zuletzt von einem Team mit 1200 Mitarbeitern. "Man kann die Firma nicht alleine lenken. Inzwischen kann man ohne das richtige Team um einen herum nicht erfolgreich sein. Das muss auf persönlicher Ebene, den Charakteren, und der professionellen, den Fähigkeiten und Talenten, passen. Wenn du glaubst, du kannst die Welt alleine verändern, dann liegst du schrecklich falsch", lautet ein weiterer seiner Ratschläge.

Außerdem weiß der Mercedes-Motorsportchef: "Man ist immer nur so gut, wie das letzte Rennergebnis." Weiterentwicklung sei ein weiterer wichtiger Faktor für Erfolg. "Als Erwachsener, Unternehmer oder Angestellter vergessen wir manchmal, dass wir uns immer noch weiterentwickeln können. Wir sollten nicht stillstehen, auch wenn man schon so alt ist wie ich jetzt." Auch Rückschläge seien dabei ganz normal. Nur die Frage, wie man damit umgeht, definiere einen Menschen. Bilanz möchte er über sein Schaffen noch keine ziehen: "Erfolg sollte nicht zur Halbzeit beurteilt werden. Am Tag deines Rücktritts sollte entschieden werden, ob du erfolgreich warst oder nicht."

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