• 12. Februar 2019 · 08:04 Uhr

"Kochen nur mit Wasser": Bröckelt die Mercedes-Dominanz?

Warum Toto Wolff es "fast peinlich" findet, wenn das dominante Team durch neue Regeln eingebremst wird, und die Luft für Mercedes immer dünner wird

(Motorsport-Total.com) - Seit fünf Jahren dominiert Mercedes die Formel 1, doch jede Erfolgsära in der Geschichte des Grand-Prix-Sports ist irgendwann zu Ende gegangen. Ferrari schaffte von 2000 bis 2004 ebenfalls fünf WM-Titel en suite, ehe das Team 2005 durch eine Regeländerung (Reifenwechsel während des Rennens verboten) etwas zurückfiel. Und auch 2019 gibt es neue Regeln, die Mercedes vor eine neue Herausforderung stellen.

Toto Wolff, Lewis Hamilton

Toto Wolff und Lewis Hamilton nehmen Schumachers sieben Titel ins Visier Zoom Download

"Die Luft wird immer dünner", sagt Teamchef Toto Wolff im Interview mit 'Motorsport-Total.com'. "Wenn ein Team dominiert, werden die Regeln auch immer so geändert, dass man fast peinlich versucht, dem Team zu schaden. Das haben wir mit der Regeländerung 2017 schon einmal abgewehrt."

"Jetzt gibt es die nächste Regeländerung, eine aerodynamische Regeländerung für 2019. Das ist auch gewissermaßen eine Änderung, um die Rangordnung zu verändern. Das ist ein Fakt, mit dem sich ein Team, das gewinnt, auseinandersetzen muss. Das hat es in der Vergangenheit auch bei Ferrari und bei Red Bull gegeben. Oder beim angeströmten Diffusor. Das ist ganz normal."

Ein wichtiges Erfolgsgeheimnis für 2019 werde sein, "die Organisation motiviert zu halten und die richtigen Ziele zu setzen", glaubt Wolff. Denn dass dem einen oder anderen Mitarbeiter nach fünf Jahren des Erfolgs der Siegeshunger abhandenkommen könnte, wäre eine ganz natürliche Entwicklung.

Lowe: Wird schwierig, Mercedes zu schlagen

Oder dass Top-Personal zu anderen Teams wechselt, die hohe Gagen bieten, um zumindest einen Teil des Know-hows von Mercedes einzukaufen. Bislang ist es Wolff gut gelungen, seine erfolgreiche Mannschaft zusammenzuhalten. Auch wenn punktuell Top-Personal weggegangen ist. Zum Beispiel der ehemalige Technische Direktor Paddy Lowe (Nachfolger: James Allison).

"Es ist immer schwierig, die Motivation für das gleiche Projekt aufrechtzuerhalten, wenn du schon so viel gewonnen hast", räumt Lowe ein. "Das Problem hatten sie schon, als ich noch dort war. Aber sie gehen das richtig an. Die Risse sind im WM-Kampf eher bei der Konkurrenz aufgetreten. Mercedes ist ein großartiges Team - ich weiß, wie gut sie sind. Es wird sehr schwierig, sie zu schlagen."

Nico Rosberg, Toto Wolff, Paddy Lowe, Andy Cowell

Den Abgang von Paddy Lowe (links) hat Mercedes gut kompensiert Zoom Download

"Es ist Teil ihrer Herausforderung, die besten Leute im Team zu halten. Die besten Teammitglieder wollen sich immer weiterentwickeln, also ist es nicht möglich, das Management über Jahre hinweg statisch aufzubauen. Aber sie haben ein paar Dinge geändert und Leute befördert. Das ist notwendig, wenn du ein Team zusammenhalten musst. Sie machen das gut", findet Lowe.

Wolff macht es "Spaß, immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt zu werden", wie er sagt. Und die Herausforderungen werden nicht kleiner. In Silverstone 2018 erklärte er: "Wir sehen die GPS-Daten und wir sehen, dass uns Ferrari überall auf den Geraden davonfährt. Wir müssen mehr Power finden."

Thema Motor: Vorsprung ist weg

Seit 2014 hieß es, dass der Mercedes-Antriebsstrang in der Formel 1 das Maß aller Dinge war. Doch der technologische Vorsprung wurde nicht nur sukzessive kleiner, sondern 2018 glaubten Experten zum ersten Mal, dass der Ferrari-Motor phasenweise sogar stärker war. Nico Rosberg meinte, ebenfalls in Silverstone: "Ich lehne mich aus dem Fenster und sage: Ferrari hat gerade mehr PS als Mercedes."

Wolff glaubt, "dass wir bei der Motorenleistung ziemlich knapp gleichauf sind mit Ferrari. Ganz knapp Renault dahinter. Ich glaube aber, dass Ferrari in der mittleren Beschleunigungsphase über 80 km/h, also in der Traktionsphase, mehr Power hat. Honda könnte ähnlich Power fahren, aber dann hält das Ding nicht."


Das (simple) Erfolgsgeheimnis des Mercedes-Teams

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Die Verschiebungen im Motoren-Kräfteverhältnis kamen, so munkelt man, teilweise auch aufgrund von FIA-Richtlinien zustande. Zuerst wurde das Verbrennen von Öl stark reguliert. "Das hat Mercedes am meisten getroffen", vermutet Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko. Später wurde Ferrari (nach Verdächtigungen, man habe mit einem Technik-Trick betrogen) eingebremst, indem die FIA einen zweiten Sensor eingeführt hat.

Und dann ist da noch der Druck auf Mechaniker und Ingenieure, für die nach den vergangenen fünf Jahren alles andere als ein Sieg ein Misserfolg wäre. "Ich glaube, wir haben schon Ansätze gesehen, dass sie auch nur mit Wasser kochen, wenn sie einen gleich starken Gegner haben", sagt Formel-1-Experte Marc Surer im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

"Sie hatten die ganzen Jahre einfach immer ein überlegenes Auto. Oder besser: einen überlegenen Antriebsstrang. So muss man eigentlich sagen. Wenn sie geschlagen wurden, dann ja meistens über die Reifen - wenn andere besser damit haushalten konnten. Inzwischen haben sie das auch richtig gut im Griff. Vor allem treffen sie die bessere Reifenwahl als Ferrari."

Zweite Saisonhälfte: Vorteil Mercedes

"Sie sind schon angreifbar - nur muss halt jemand ein gleich schnelles Auto hinstellen. Vor allem: Man weiß, dass Mercedes während der Saison zulegen kann. Ferrari hat das schon 2017 nicht geschafft, und 2018 wieder nicht. Da sacken sie regelmäßig in der zweiten Saisonhälfte ab", lobt der ehemalige Formel-1-Pilot die Stärke der Silberpfeile.

"Anfang 2018 haben wir gesehen, dass auch Mercedes Fehler macht, wenn die anderen auf dem gleichen Niveau fahren", erinnert sich Surer. "Strategiefehler, und so weiter - wir haben ja fast schon vergessen, dass das am Jahresanfang passiert ist! Aber die gab's dann auch. Sobald es andere Teams auf gleichem Niveau gibt und sie konstant Konkurrenz haben, kann das schon einbrechen."

Lewis Hamilton

Schon fast vergessen: Auch bei Mercedes lief 2018 nicht alles rund ... Zoom Download

"Es gab bereits im vergangenen Jahr einige Strategiefehler und auch technische Schwierigkeiten. Zum Beispiel mussten sie mal die Motoren etwas zurückdrehen. Deswegen haben sie wohl in Kanada nicht gewonnen. All das ist aber untergegangen, weil sie die zweite Saisonhälfte so gut gefahren sind."

Mercedes, räumt Wolff ein, befindet sich vor der Saison 2019 in einer "komplexen psychologischen Situation. Das Risiko besteht, dass du selbstgefällig wirst und den Siegeshunger verlierst. Aber dieses Team hat diese Hürde gemeistert. Wir haben uns selbst Ziele gesteckt, die uns motivieren. Das hat uns getrieben, auch an den schwierigen Tagen."

Wolff unterschätzt die Konkurrenz nicht

"Unsere Aufgabe wird mit jedem Jahr schwieriger. Wir setzen im Moment den Maßstab. Aber das stachelt unsere Gegner nur an und motiviert sie. Insofern musst du anerkennen, wie stark die anderen sind, und anerkennen, dass du die WM nächstes Jahr verlieren könntest, und respektieren, was die Gegner vielleicht erreichen könnten."


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"Nächstes Jahr beginnen wieder alle bei null Punkten, und wir werden unsere fünf Titel vergessen haben. Wir werden um den sechsten Titel kämpfen. Ob wir ihn erreichen oder nicht, werden wir nächstes Jahr sehen", sagt der Österreicher und unterstreicht: "Es geht immer darum, sich die richtigen Ziele zu setzen. Man muss einen Plan entwerfen, was man erreichen möchte, und dann alles dafür geben."

Ein solches Ziel wurde über den Winter bereits entwickelt: Die legendären sieben Titel von Michael Schumacher sollen fallen. Lewis Hamilton ist offenbar Feuer und Flamme, und auch Wolff deutet an, dass ihn der Blick in die Geschichtsbücher nicht ganz kalt lässt, wenn er sagt: "Rekorde sind ein interessantes Ziel."

"Lewis hat jetzt fünf Fahrertitel gewonnen. In der ewigen Bestenliste ist er Zweiter, gleich mit Fangio. Lewis' Name im gleichen Atemzug mit Juan Manuel Fangio zu hören, ist unglaublich. Er wird sich den nächsten Titel als Ziel setzen. Aber vor dem siebten kommt noch der sechste! Ich kann versichern, dass das nächstes Jahr eine sehr komplizierte Angelegenheit wird", warnt Wolff.

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