Vier Millionen Schulden: Niki Lauda und die T-Kreuzung

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Vier Millionen Schulden: Niki Lauda und die T-Kreuzung

Beitragvon Redaktion » 18.09.2013, 13:29

Der erste berühmte Paydriver der Formel-1-Geschichte: Warum sich Niki Lauda 1972 wegen seiner Schulden beinahe das Leben genommen hätte

Es ist ein Irrglaube, dass nur mäßig begabte Rennfahrer finanzielle Unterstützung benötigen, um in die Formel 1 vorzustoßen, und es ist ein Irrglaube, dass Paydriver ein modernes Gewächs der Wirtschaftskrise sind. Schon vor 50 Jahren benötigten Privatteams Sponsoren und behalfen sich gelegentlich der Hilfe von neuen Fahrern, die diese quasi im Gepäck mitbrachten.

Auch Niki Lauda hätte die Formel 1 wohl nie gesehen, wenn nicht die Raiffeisen-Bank seinen Einstieg finanziert hätte. Lauda erinnert sich an die damalige Zeit in seiner Autobiografie "Das dritte Leben" (erschienen 1998 im Heyne-Verlag): "1971, Ende des vierten Jahres. Als Formel-2-Fahrer bei March war ich positiv aufgefallen, aber nicht sensationell. Persönlich traute ich mir alles zu, ich brauchte bloß eine weitere Chance."

"March verlangte 2,5 Millionen Schilling für die nächste Saison (nun auch Formel 1 einschließend), dabei hatte ich noch alte Schulden. Meine Bank, die Erste, war bereit mitzuziehen, da geriet ich in eine Packelei der Mächtigen. Der Aufsichtsrat der Bank wies mein Projekt zurück, weil der alte Tycoon Mautner-Markhof seinem guten Freund, dem alten Lauda (meinem Großvater), einen Gefallen tun wollte: um den Buben zur Vernunft zu bringen."

Selbstmordgedanken wegen hohen Schulden

"Es folgte das Zitat des alten Lauda: 'Ein Lauda hat auf den Wirtschaftsseiten der Zeitung zu stehen, nicht im Sportteil.' Natürlich war das eine völlig linke Verquickung von Privatem und Banksache, und ab diesem Moment kapierte ich, dass es Situationen gibt, wo du dich auch mit den Allermächtigsten anlegen musst. Ich beschimpfte den alten Tycoon auf die liederlichste Weise und brach vollends mit der Familie."


Fotostrecke: Das bewegte Leben des Niki Lauda

Ein Mann, der sich bis zum Schluss treu blieb. Niki Lauda verstarb am 20. Mai 2019. Er kämpfte seit einer Lungentransplantation im Sommer 2018 mit seiner Gesundheit. Ein Blick zurück auf eine einzigartige Karriere.

Ein Mann, der sich bis zum Schluss treu blieb. Niki Lauda verstarb am 20. Mai 2019. Er kämpfte seit einer Lungentransplantation im Sommer 2018 mit seiner Gesundheit. Ein Blick zurück auf eine einzigartige Karriere.

Doch Lauda, eigentlich aus wohlhabendem Wiener Hause stammend, ließ sich von diesen Widerständen nicht unterkriegen und klopfte bei einer anderen Bank an die Tür: "Die Bank nebenan hatte zufälligerweise den unglaublich offenen und weitsichtigen Karlheinz Oertel, und so schoss Raiffeisen 2,5 Millionen vor und sponserte die nötige Lebensversicherung und die Zinsen. Das Geld trug ich zu March."

Doch in der Formel 1 erfolgreich zu sein, war selbst in den 1970er-Jahren alles andere als ein Selbstläufer, und so wuchsen Laudas Schulden zunächst immer weiter. Das führte Ende 1972 zu einem Schlüsselmoment seines Lebens: "Auf der Strecke vom March-Hauptquartier in Bicester nach London kannte ich eine T-Kreuzung mit einer soliden Mauer dahinter. Ich brauchte nichts anderes zu tun, als voll am Gas zu bleiben, um meine Probleme zu lösen."

Keine Ausbildung, kein Job, aber ein guter Rennfahrer

"Es sollte der einzige Moment meines Lebens bleiben, wo ich derartige Gedanken hatte. Die March-Saison war beschissen gewesen (weil eben die Autos nichts taugten), und es gab kein Auto für 1973. Ich hatte vier Millionen Schilling Schulden, keine Ausbildung, keine Idee von einem Job, und selbst wenn ich einen kriegte, würde ich zig Jahre nur Schulden zurückzahlen. Dabei hatte mich diese Saison eher bestärkt, dass ich einen erstklassigen Formel-1-Fahrer abgeben könnte."

Niki Laudas Interview mit Lewis Hamilton

Erinnerungen an Niki Lauda: 2009 interviewte der Österreicher bei einer Fahrt durch Valencia Lewis Hamilton Weitere Formel-1-Videos

Lauda, damals 23 Jahre alt, glaubte an seine Zukunft im Motorsport und entschied sich dagegen, sich das Leben zu nehmen: "Ich beschloss, an der T-Kreuzung das Gas nicht stehen zu lassen, sondern als allerletzte Chance mit einem der seltsamen Vögel der Branche zu reden, der würde vielleicht eher auf meinen Schmäh einsteigen als die Hardcore-Profis." Die Rede ist von Louis Stanley, Chef des BRM-Teams, der als eine der schillernden Figuren des Fahrerlagers galt.Dann die Wende in Laudas Karriere: "1973, Grand Prix von Monaco. Ich bin bester BRM-Fahrer, was bei der alten Gurke noch nicht viel zu sagen hat, aber ich bin auch Schnellster des ganzen Feldes im Regentraining. Zum ersten Mal scheint die Formel 1 für mich zu funktionieren, ich kann einen Rennverlauf beeinflussen, halte sicher den dritten Platz, hinter mir Jacky Ickx im Ferrari, hey, Niki Lauda auf der BRM-Gurke vor den Ferraris!"

Wendepunkt in Monaco 1973

"Mein Wagen verreckt zwar mit Getriebeschaden in der Bahnhofskurve, aber die ganze Welt hat Niki Lauda gesehen und weiß ungefähr, was los ist. Am Abend wird mich BRM-Chef Louis Stanley von meinen quälendsten finanziellen Sorgen befreien, und am allerwichtigsten, in drei Monaten wird jemand sagen: Enzo Ferrari hat Sie im Fernsehen gesehen, wie Sie in Monaco den Jacky Ickx in Schach gehalten haben."
"Dann brüllt er los, wie ich das noch nie erlebt habe, er schreit wie am Spieß."Niki Lauda über Enzo Ferrari
Der Rest ist Geschichte: Lauda wurde 1974 für 500.000 Schilling Jahresgage von Ferrari engagiert und verdiente ab 1975 drei Millionen Schilling pro Jahr, womit er seine finanziellen Sorgen los war. Für 1977 forderte Lauda dann schon fünf Millionen, was heute inflationsbereinigt einem Gegenwert von rund einer Million Euro entspricht. Der Vertrag sollte ihn zum damals bestverdienenden Fahrer der Formel 1 machen - aber erst nach zähen Verhandlungen.Lauda erinnert sich in seinem Buch an den Moment, nachdem er Enzo Ferrari seine Forderung gestellt hatte: "Dann brüllt er los, wie ich das noch nie erlebt habe, er schreit wie am Spieß: Eine Frechheit, eine Schweinerei, was ich mir erlaube, ich bin verrückt geworden, wir brauchen gar nicht mehr zu reden." Doch Piero Ferrari und Teammanager Daniele Audetto sollten vermitteln - und Lauda auch 1977 für Ferrari fahren...

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Re: Vier Millionen Schulden: Niki Lauda und die T-Kreuzung

Beitragvon Plauze » 18.09.2013, 13:39

Und die Moral von der Geschicht'?
Laudas Autobiographie lesen? Eher nicht.

Für meinen Geschmack zu flapsig geschrieben, fast schon im "Liebes-Tagebuch"-Stil. Interessant sind die Geschichten von damals natürlich bei aller subjektiven Färbung dennoch.
Neben der Paydriver-Angelegenheit ist die Quintessenz von Laudas Karriere für die heutige Situation, dass er eigentlich das beste Beispiel eines Ferrari-Fahrers ist, der interne Konflikte selbst mit dem Commendatore daselbst sehend in Kauf nahm und letztendlich auch auf dem Gipfel dieser Konflikte der Scuderia den Rücken zukehrte.

Jaja, Lauda ist der Letzte, der Alonso belehren sollte. Ein paar gute Ratschläge aus eigener Erfahrung geben? Vielleicht.

Mancher mag nun einwenden: Okay, aber Lauda war immerhin zweimaliger Titelträger.
Stimmt schon, aber das hätte ihm ja eigentlich noch weniger Grund gegeben, den Streit zu suchen, immerhin stellte ihm Ferrari mit dem 312T und 312T2 Autos zur Verfügung, die bis zum Debüt des Lotus 78 das Maß aller Dinge waren. Da hat es Alonso heute schon deutlich schwerer, für den Haufen aus Maranello um den Titel zu fahren.
Alles kann passieren. Und das ist auch gut so.

Silberner Mercedes

Re: Vier Millionen Schulden: Niki Lauda und die T-Kreuzung

Beitragvon Silberner Mercedes » 18.09.2013, 15:31

Plauze hat geschrieben:
Jaja, Lauda ist der Letzte, der Alonso belehren sollte. Ein paar gute Ratschläge aus eigener Erfahrung geben? Vielleicht.

Mancher mag nun einwenden: Okay, aber Lauda war immerhin zweimaliger Titelträger.
Stimmt schon, aber das hätte ihm ja eigentlich noch weniger Grund gegeben, den Streit zu suchen, immerhin stellte ihm Ferrari mit dem 312T und 312T2 Autos zur Verfügung, die bis zum Debüt des Lotus 78 das Maß aller Dinge waren. Da hat es Alonso heute schon deutlich schwerer, für den Haufen aus Maranello um den Titel zu fahren.


Es ist immer das Vorrecht des älteren dem Jüngeren ein paar belehrende Worte zu sagen. :wink:

Aber davon mal abgesehen halte ich es eh für unsinnig zwei Fahrer aus völlig unterschiedlichen Generationen miteinander zu vergleichen. Mit seinem technischen Verständnis würde Alonso heute mit den Boliden von damals höchstwahrscheinlich eine Rekordzeit nach der anderen fahren.

Nimmt man allerdings den Sicherheitsaspekt mit dazu ist es fraglich ob Alonso ( oder ersatzweise jeder andere aktuelle Fahrer ) sich überhaupt trauen würde so richtig an die Grenzen des Boliden zu gehen.

Es ist außerdem schwer vorstellbar das von den heutigen Fahrern irgend jemand dabei wäre, der 6 Wochen nach einem schweren Unfall mit schlimmsten Brandverletzungen gleich wieder in ein Rennauto klettern würde. Mal völlig davon weg ob das damals besonders klug von Lauda war.

Die Formel 1 hat sich geändert und die Menschen auch.

Es war ja schon sehr beachtlich als Coulthard damals einen Flugzeugabsturz glimpflich überstanden hatte und am folgenden Sonntag gleich mal wieder aufs Podium kletterte.

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Michael-KR
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Re: Vier Millionen Schulden: Niki Lauda und die T-Kreuzung

Beitragvon Michael-KR » 18.09.2013, 16:17

Plauze hat geschrieben:Und die Moral von der Geschicht'?
Laudas Autobiographie lesen? Eher nicht.

Für meinen Geschmack zu flapsig geschrieben, fast schon im "Liebes-Tagebuch"-Stil. Interessant sind die Geschichten von damals natürlich bei aller subjektiven Färbung dennoch....

Für mich gibt es zwei ganz tolle Bücher über den Rennzirkus und vor allem über die finanzielle Situation aller Beteligten.
Kann ich wirklich sehr empfehlen:
Jägermeister Racing: 1972 bis 2000 von Eckhard Schimpf - Eckhard Schimpf war damals beim Likörhersteller derjenige, der die Verträge (meist per Handschlag) mit den Beteiligten machte. Vor allem sollte man sich die Summen vor Augen halten; (trotz Inflation) sind es lächerlich geringe Summen im Vergleich zu heute.

Ein riesen Talent fand übrigens den Weg in die F1 auch nur über Umwegen über die von ihm nicht geliebte Sportwagen-WM - dort wurde er allerdings Porsche-Werksfahrer und bekam endlich Geld fürs Rennen fahren und musste keins mitbringen.
Dass sein zu früher Tod leider in einem dieser Porsche-Sportwagen erfolgte (er auch nur deswegen dort fuhr, weil er Kohle brauchte) ist Ironie bzw. Zynismus des Schicksals.
Stefan Bellof - Eine viel zu kurze Karriere. Erinnerungen zum 20. Todestag von Rainer Braun und Ferdi Kräling (2005)

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Re: Vier Millionen Schulden: Niki Lauda und die T-Kreuzung

Beitragvon lesenfantsterribles » 18.09.2013, 18:14

Redaktion hat geschrieben:Keine Ausbildung, kein Job, aber ein guter Rennfahrer

...keine Ausbildung, keine Idee von einem Job...


Das erklärt warum Lauda manchmal von geistiger Umnachtung heimgesucht wird.

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Re: Vier Millionen Schulden: Niki Lauda und die T-Kreuzung

Beitragvon kayoone » 07.10.2013, 08:16

Umgerechnet 1Mio Euro finde ich für 1977- Verhältnisse schon ziemlich krass. Wäre mal interessant zu wissen was andere Top-Sportler aus der Zeit verdient haben.


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